Aufnahme in die Gesellschaft der Arkadier

Schon zu Ende des vorigen Jahrs ward ich mit einem Antrage bestürmt,

den ich auch als Folge jenes unseligen Konzertes ansah, durch welches

wir unser Inkognito leichtsinnigerweise enthüllt hatten. Es konnte

jedoch andere Anlässe haben, daß man von mehreren Seiten her mich zu

bestimmen suchte, mich in die "Arcadia" als einen namhaften Schäfer

aufnehmen zu lassen. Lange widerstand ich, mußte jedoch zuletzt den

Freunden, die hierein etwas Besonderes zu setzen schienen, endlich

nachgeben.

Im allgemeinen ist bekannt, was unter dieser Arkadischen Gesellschaft

verstanden wird; doch ist es wohl nicht unangenehm, etwas darüber zu

vernehmen.

Während dem Laufe des siebzehnten Jahrhunderts mag die italienische

Poesie sich auf mancherlei Weise verschlimmert haben; denn gegen Ende

dieses Zeitraums werfen ihr gebildete, wohlgesinnte Männer vor, sie

habe den Gehalt, was man damals innere Schönheit nannte, völlig

versäumt; auch sei sie in Absicht auf die Form, die äußere Schönheit,

durchaus zu tadeln, denn sie habe mit barbarischen Ausdrücken,

unleidlich harten Versen, fehlerhaften Figuren und Tropen, besonders

mit fortlaufenden und ungemessenen Hyperbeln, Metonymien und Metaphern,

auch ganz und gar das Anmutige und Süße verscherzt, welches man am

äußern zu schätzen sich erfreue.

Jene auf solchen Irrwegen Befangenen jedoch schalten, wie es zu gehen

pflegt, das Echte und Fürtreffliche, damit ihre Mißbräuche fernerhin

unangetastet gelten möchten. Welches denn doch zuletzt von gebildeten

und verständigen Menschen nicht mehr erduldet werden konnte,

dergestalt, daß im Jahr 1690 eine Anzahl umsichtiger und kräftiger

Männer zusammentraf und einen andern Weg einzuschlagen sich beredete.

Damit aber ihre Zusammenkünfte nicht Aufsehen machen und Gegenwirkung

veranlassen möchten, so wendeten sie sich ins Freie, in ländliche

Gartenumgebungen, deren ja Rom selbst in seinen Mauern genugsame

bezirkt und einschließt. Hiedurch ward ihnen zugleich der Gewinn,

sich der Natur zu nähern und in frischer Luft den uranfänglichen Geist

der Dichtkunst zu ahnen. Dort, an zufälligen Plätzen, lagerten sie

sich auf dem Rasen, setzten sich auf architektonische Trümmer und

Steinblöcke, wo sogar anwesende Kardinäle nur durch ein weicheres

Kissen geehrt werden konnten. Hier besprachen sie sich untereinander

von ihren überzeugungen, Grundsätzen, Vorhaben; hier lasen sie

Gedichte, in welchen man den Sinn des höheren Altertums, der edlen

toskanischen Schule wieder ins Leben zu führen trachtete. Da rief

denn einer in Entzücken aus: "Hier ist unser Arkadien!" Dies

veranlaßte den Namen der Gesellschaft sowie das Idyllische ihrer

Einrichtung. Keine Protektion eines großen und einflußreichen Mannes

sollte sie schützen; sie wollten kein Oberhaupt, keinen Präsidenten

zugeben. Ein Kustos sollte die arkadischen Räume öffnen und schließen

und in den notwendigsten Fällen ihm ein Rat von zu wählenden ältesten

zur Seite stehn.

"Et in Arcadia ego". Aquarell von Reinhart

Hier ist der Name Crescimbeni ehrwürdig, welcher gar wohl als

Mitstifter angesehen werden kann und als erster Kustos sein Amt

mehrere Jahre treulich verrichtet, indem er über einen bessern,

reinern Geschmack Wache hält und das Barbarische immer mehr zu

verdrängen weiß.

Seine Dialogen über die Poesia volgare, welches nicht etwa Volkspoesie

zu übersetzen ist, sondern Poesie, wie sie einer Nation wohl ansteht,

wenn sie durch entschiedene wahre Talente ausgeübt, nicht aber durch

Grillen und Eigenheiten einzelner Wirrköpfe entstellt wird, seine

Dialogen, worin er die bessere Lehre vorträgt, sind offenbar eine

Frucht arkadischer Unterhaltungen und höchst wichtig in Vergleich mit

unserm neuen ästhetischen Bestreben. Auch die von ihm herausgegebenen

Gedichte der "Arkadia" verdienen in diesem Sinne alle Aufmerksamkeit;

wir erlauben uns dabei nur folgende Bemerkung.

Zwar hatten die werten Schäfer, im Freien auf grünem Rasen sich

lagernd, der Natur hiedurch näherzukommen gedacht, in welchem Falle

wohl Liebe und Leidenschaft ein menschlich Herz zu überschleichen

pflegt; nun aber bestand die Gesellschaft aus geistlichen Herren und

sonstigen würdigen Personen, die sich mit dem Amor jener römischen

Triumvirn nicht einlassen durften, den sie deshalb ausdrücklich

beseitigten. Hier also blieb nichts übrig, da dem Dichter die Liebe

ganz unentbehrlich ist, als sich zu jener überirdischen und

gewissermaßen platonischen Sehnsucht hinzuwenden, nicht weniger ins

Allegorische sich einzulassen, wodurch denn ihre Gedichte einen ganz

ehrsamen, eigentümlichen Charakter erhalten, da sie ohnehin ihren

großen Vorgängern Dante und Petrarch hierin auf dem Fuße folgen

konnten.

Diese Gesellschaft bestand, wie ich nach Rom gelangte, soeben hundert

Jahr, und hatte sich ihrer äußern Form nach durch mancherlei Orts--und

Gesinnungswechsel immer mit Anstand, wenn auch nicht in großem Ansehn

erhalten; und man ließ nicht leicht einigermaßen bedeutende Fremde in

Rom verweilen, ohne dieselben zur Aufnahme anzulocken, um so mehr, als

der Hüter dieser poetischen Ländereien bloß dadurch sich bei einem

mäßigen Einkommen erhalten konnte.

Die Funktion selbst aber ging folgendermaßen vor sich: In den

Vorzimmern eines anständigen Gebäudes ward ich einem bedeutenden

geistlichen Herrn vorgestellt, und er mir bekannt gemacht als

derjenige, der mich einführen, meinen Bürgen gleichsam oder Paten

vorstellen sollte. Wir traten in einen großen, bereits ziemlich

belebten Saal und setzten uns in die erste Reihe von Stühlen, gerade

in die Mitte einem aufgerichteten Katheder gegenüber. Es traten immer

mehr Zuhörer heran; an meine leergebliebene Rechte fand sich ein

stattlicher ältlicher Mann, den ich nach seiner Bekleidung und der

Ehrfurcht, die man ihm erwies, für einen Kardinal zu halten hatte.

Der Kustode, vom Katheder herab, hielt eine allgemein einleitende Rede,

rief mehrere Personen auf, welche sich teils in Versen, teils in

Prosa hören ließen. Nachdem dieses eine gute Zeit gewährt, begann

jener eine Rede, deren Inhalt und Ausführung ich übergehe, indem sie

im ganzen mit dem Diplom zusammentraf, welches ich erhielt und hier

nachzubringen gedenke. Hierauf wurde ich denn förmlich für einen der

Ihrigen erklärt und unter großem Händeklatschen aufgenommen und

anerkannt.

Mein sogenannter Pate und ich waren indessen aufgestanden und hatten

uns mit vielen Verbeugungen bedankt. Er aber hielt eine wohlgedachte,

nicht allzulange, sehr schickliche Rede, worauf abermals ein

allgemeiner Beifall sich hören ließ, nach dessen Verschallen ich

Gelegenheit hatte, den einzelnen zu danken und mich ihnen zu empfehlen.

Das Diplom, welches ich den andern Tag erhielt, folgt hier im

Original und ist, da es in jeder andern Sprache seine Eigentümlichkeit

verlöre, nicht übersetzt worden. Indessen suchte ich den Kustode mit

seinem neuen Hutgenossen auf das beste zufriedenzustellen.

Italienische Reise — Band 2 · 第 69 / 91 题