Eingang zum Museo Pio-Clementino im Vatican. Kupferstich

Die Denkmale im Kapitolinischen Museum sind zwar überhaupt weniger

wichtig als die im Museo Pio-Clementino, doch gibt es einige von

großer Bedeutung, und man tut wohl, um sich von ihren Verdiensten

gehörig zu unterrichten, solche bei Fackelbeleuchtung zu sehen. Der

sogenannte Pyrrhus, vortrefflich gearbeitet, steht auf der Treppe und

erhält gar kein Tageslicht; auf der Galerie vor den Säulen steht eine

schöne halbe Figur, die für eine bekleidete Venus gehalten wird,

welche von drei Seiten schwaches Licht erhält. Die nackte Venus, die

schönste Statue dieser Art in Rom, erscheint bei Tageslicht nicht zu

ihrem Vorteil, da sie in einem Eckzimmer aufgestellt ist, und die

sogenannte schön bekleidete Juno steht an der Wand zwischen Fenstern,

wo sie bloß ein wenig Streiflicht erhält; auch der so berühmte

Ariadnekopf im Miszellaneenzimmer wird außer bei Fackellicht nicht in

seiner ganzen Herrlichkeit gesehen. Und so sind noch mehrere Stücke

dieses Museums ungünstig aufgestellt, so daß Fackelbeleuchtung

durchaus notwendig wird, wenn man solche recht sehen und nach

Verdiensten schätzen soll.

Wie übrigens so vieles, was geschieht, um die Mode mitzumachen, zum

Mißbrauch wird, so ist es auch mit der Fackelbeleuchtung. Sie kann

nur in dem Falle Gewinn bringen, wenn verstanden wird, wozu sie nütze

ist. Monumente zu sehen, die, wie vorhin von einigen berichtet worden,

bloß verkümmertes Tageslicht erhalten, ist sie notwendig, indem

alsdann Höhen und Tiefen und übergang der Teile ineinander richtiger

erkannt werden. Vornehmlich aber wird sie Werken aus der allerbesten

Zeit der Kunst günstig sein (wenn nämlich der, welcher die Fackel

führt, und der Beschauer wissen, worauf es ankömmt); sie wird die

Massen derselben besser zeigen und die zartesten Nuancen der Arbeit

hervorheben. Werke des alten Kunststils hingegen, die vom mächtigen,

und selbst die vom hohen, haben nicht viel zu gewinnen, wenn sie

anders sonst in hellem Lichte stehen. Denn da die Künstler damals

noch des Lichts und Schattens nicht kundig waren, wie sollten sie für

ihre Arbeiten auf Licht und Schatten gerechnet haben? So ist es auch

mit spät gearbeiteten Werken, als die Künstler anfingen, nachlässiger

zu werden, der Geschmack schon so weit gesunken war, daß auf Licht und

Schatten in plastischen Werken nicht weiter geachtet, die Lehre von

den Massen vergessen war. Wozu sollte Fackelbeleuchtung an Monumenten

dieser Art dienen?"

Bei einer so feierlichen Gelegenheit ist es der Erinnerung gemäß, auch

Herrn Hirts zu gedenken, der unserem Verein auf mehr als eine Weise

nützlich und förderlich gewesen. Im Fürstenbergischen 1759 geboren,

fand er nach zurückgelegten Studien der alten Schriftsteller einen

unwiderstehlichen Trieb, sich nach Rom zu verfügen. Er war einige

Jahre früher daselbst angekommen als ich und hatte sich auf die

ernstlichste Weise mit alten und neuern Bau--und Bildwerken jeder Art

bekannt gemacht und sich zu einem unterrichtenden Führer von

wißbegierigen Fremden geeignet. Auch mir erwies er diese Gefälligkeit

mit aufopfernder Teilnahme.

Sein Hauptstudium war die Baukunst, ohne daß er den klassischen

Lokalitäten und so viel andern Merkwürdigkeiten seine Beachtung

entzogen hätte. Seine theoretischen Ansichten über Kunst gaben in dem

streit--und parteisüchtigen Rom vielfältige Gelegenheit zu lebhaften

Diskussionen. Aus der Verschiedenheit der Ansichten kommen besonders

dort, wo immer und überall von Kunst die Rede ist, gar mannigfaltig

Hin--und Widerreden, wodurch der Geist in der Nähe so bedeutender

Gegenstände lebhaftest angeregt und gefördert wird. Unsres Hirts

Maxime ruhte auf Ableitungen griechischer und römischer Architektur

von der ältesten notwendigsten Holzkonstruktion, worauf er denn Lob

und Tadel der neuern Ausführung gründete und sich dabei der Geschichte

und Beispiele geschickt zu bedienen wußte. Andere behaupteten dagegen,

daß in der Baukunst wie in jeder andern geschmackvolle Fiktionen

stattfänden, auf welche der Baukünstler niemals Verzicht tun dürfe,

indem er sich in den mannigfaltigsten Fällen, die ihm vorkommen, bald

auf diese, bald auf jene Weise zu helfen habe und von der strengen

Regel abzuweichen genötigt sei.

In Absicht auf Schönheit geriet er auch oft mit andern Künstlern in

Diskrepanz, indem er den Grund derselben ins Charakteristische legte,

da ihm denn insofern diejenigen beipflichteten, welche sich überzeugt

hielten, daß freilich der Charakter jedem Kunstwerk zum Grunde liegen

müsse, die Behandlung aber dem Schönheitssinne und dem Geschmack

anempfohlen sei, welche einen jeden Charakter in seiner Angemessenheit

sowohl als in seiner Anmut darzustellen haben.

Weil aber die Kunst im Tun und nicht im Reden besteht, man aber

dennoch immerfort mehr reden als tun wird, so begreift man leicht, daß

dergleichen Unterhaltungen damals grenzenlos waren, wie sie es bis in

die neusten Zeiten geblieben sind.

Wenn die differierenden Meinungen der Künstler zu gar mancherlei

Unannehmlichkeiten, ja Entfernungen untereinander Gelegenheit gaben,

so traf es sich auch wohl, obgleich selten, daß heitere Vorfälle sich

bei solcher Gelegenheit ereigneten. Nachstehendes mag davon ein

Beispiel sein.

Eine Anzahl Künstler hatten den Nachmittag im Vatikan zugebracht und

gingen spät, um nicht den langen Weg durch die Stadt zu ihrem Quartier

zu nehmen, zu dem Tor an der Kolonnade hinaus, an den Weinbergen her

bis an die Tiber. Sie hatten sich unterwegs gestritten, kamen

streitend ans Ufer und setzten auf der überfahrt die Unterhaltung

lebhaft fort. Nun wären sie, bei Ripetta aussteigend, in den Fall

gekommen, sich zu trennen und die von beiden Seiten noch überflüssig

vorhandenen Argumente in der Geburt erstickt zu sehen. Sie wurden

also einig, beisammen zu bleiben und wieder hinüber und herüber zu

fahren und auf der schwankenden Fähre ihrer Dialektik den ferneren

Lauf zu lassen. Einmal aber fand sich diese Bewegung nicht

hinreichend; sie waren einmal im Zuge und verlangten von dem Fährmann

mehrmalige Wiederholung. Dieser auch ließ es sich wohl gefallen,

indem ein jedesmaliges Herüber und Hinüber ihm von der Person einen

Bajocco eintrug, einen ansehnlichen Gewinn, den er so spät nicht mehr

zu erwarten hatte. Deshalb erfüllte er ganz stillschweigend ihr

Verlangen; und da ihn sein Söhnchen mit Verwunderung fragte: "Was

wollen sie denn damit?", antwortet' er ganz ruhig: "Ich weiß nicht,

aber sie sind toll."

Ungefähr in dieser Zeit erhielt ich in einem Paket von Hause

nachstehenden Brief:

"Monsieur, je ne suis pas étonné que vous ayez de mauvais lecteurs;

tant de gens aiment mieux parler que sentir, mais il faut les plaindre

et se fé1iciter de ne pas leur ressembler.--Oui, Monsieur, je vous

dois la meilleure action de ma vie, par conséquent la racine de

plusieurs autres, et pour moi votre livre est bon. Si j'avois le

bonheur d'habiter le même pays que vous, j'irois vous embrasser et

vous dire mon secret, mais malheureusement j'en habite un où personne

ne croiroit au motif qui vient de me déterminer à cette démarche.

Soyez satisfait, Monsieur, d'avoir pu, à 300 lieues de votre demeure,

ramener le coeur d'un jeune homme à l'honnêteté et à la vertu, toute

une famille va être tranquille, et mon coeur jouit d'une bonne action.

Si j'avais des talens, des lumières ou un rang qui me fit influer sur

le sort des hommes, je vous dirois mon nom, mais je ne suis rien et je

sais ce que je ne voudrois être. Je souhaite, Monsieur, que vous

soyez jeune, que vous ayez le goût d'écrire, que vous soyez l'époux

d'une Charlotte qui n'avait point vu de Werther, et vous serez le plus

heureux des hommes, car je crois que vous aimez la vertu."

Italienische Reise — Band 2 · 第 56 / 91 题