Nun aber bei dem stillen Gedanken an ein allmähliches Loslösen ward
ein neues Anknüpfen durch die Ankunft eines wackeren früheren Freundes
vorbereitet, des Christoph Kayser, eines gebornen Frankfurters, der zu
gleicher Zeit mit Klingern und uns andern herangekommen war. Dieser,
von Natur mit eigentümlichem musikalischem Talente begabt, hatte schon
vor Jahren, indem er "Scherz, List und Rache" zu komponieren unternahm,
auch eine zu "Egmont" passende Musik zu liefern begonnen. Ich hatte
ihm von Rom aus gemeldet, das Stück sei abgegangen und eine Kopie in
meinen Händen geblieben. Statt weitläufiger Korrespondenz darüber
ward tätlich gefunden, er solle selbst unverzüglich herankommen; da er
denn auch nicht säumend mit dem Kurier durch Italien hindurchflog,
sehr bald bei uns eintraf und in den Künstlerkreis, der sein
Hauptquartier im Korso, Rondanini gegenüber, aufgeschlagen hatte, sich
freundlich aufgenommen sah.
Hier aber zeigte sich gar bald statt des so nötigen Sammelns und
Einens neue Zerstreuung und Zersplitterung.
Vorerst gingen mehrere Tage hin, bis ein Klavier beigeschafft,
probiert, gestimmt und nach des eigensinnigen Künstlers Willen und
Wollen zurechtgerückt war, wobei denn immer noch etwas zu wünschen und
zu fordern übrigblieb. Indessen belohnte sich baldigst der Aufwand
von Mühe und Versäumnis durch die Leistungen eines sehr gewandten,
seiner Zeit völlig gemäßen, die damaligen schwierigsten Werke leicht
vortragenden Talentes. Und damit der musikalische Geschichtskenner
sogleich wisse, wovon die Rede sei, bemerke ich, daß zu jener Zeit
Schubart für unerreichbar gehalten, sodann auch, daß als Probe eines
geübten Klavierspielers die Ausführungen von Variationen geachtet
wurde, wo ein einfaches Thema, auf die künstlichste Weise durchgeführt,
endlich durch sein natürliches Wiedererscheinen den Hörer zu Atem
kommen ließ.
Die Symphonie zu "Egmont" brachte er mit, und so belebte sich von
dieser Seite mein ferneres Bestreben, welches gegenwärtig mehr als
jemals aus Notwendigkeit und Liebhaberei gegen das musikalische
Theater gerichtet war.
"Erwin und Elmire" sowie "Claudine von Villa Bella" sollten nun auch
nach Deutschland abgesendet werden; ich hatte mich aber durch die
Bearbeitung "Egmonts" in meinen Forderungen gegen mich selbst
dergestalt gesteigert, daß ich nicht über mich gewinnen konnte, sie in
ihrer ersten Form dahinzugeben. Gar manches Lyrische, das sie
enthalten, war mir lieb und wert; es zeugte von vielen zwar töricht,
aber doch glücklich verlebten Stunden, wie von Schmerz und Kummer,
welchen die Jugend in ihrer unberatenen Lebhaftigkeit ausgesetzt
bleibt. Der prosaische Dialog dagegen erinnerte zu sehr an jene
französischen Operetten, denen wir zwar ein freundliches Andenken zu
gönnen haben, indem sie zuerst ein heiteres singbares Wesen auf unser
Theater herüberbrachten, die mir aber jetzt nicht mehr genügen wollten
als einem eingebürgerten Italiener, der den melodischen Gesang durch
einen rezitierenden und deklamatorischen wenigstens wollte verknüpft
sehen.
In diesem Sinne wird man nunmehr beide Opern bearbeitet finden; ihre
Kompositionen haben hie und da Freude gemacht, und so sind sie auf dem
dramatischen Strom auch zu ihrer Zeit mit vorübergeschwommen.
Gewöhnlich schilt man auf die italienischen Texte, und das zwar in
solchen Phrasen, wie einer dem andern nachsagen kann, ohne was dabei
zu denken; sie sind freilich leicht und heiter, aber sie machen nicht
mehr Forderungen an den Komponisten und an den Sänger, als inwieweit
beide sich hinzugeben Lust haben. Ohne hierüber weitläufig zu sein,
erinnere ich an den Text der "Heimlichen Heirat"; man kennt den
Verfasser nicht, aber es war einer der geschicktesten, die in diesem
Fache gearbeitet haben, wer er auch mag gewesen sein. In diesem Sinne
zu handeln, in gleicher Freiheit nach bestimmten Zwecken zu wirken,
war meine Absicht, und ich wußte selbst nicht zu sagen, inwiefern ich
mich meinem Ziel genähert habe.
Leider aber war ich mit Freund Kayser seit geraumer Zeit schon in
einem Unternehmen befangen, das nach und nach immer bedenklicher und
weniger ausführbar schien. Man vergegenwärtige sich jene sehr
unschuldige Zeit des deutschen Opernwesens, wo noch ein einfaches
Intermezzo, wie die "Serva Padrona" von Pergolese, Eingang und Beifall
fand. Damals nun produzierte sich ein deutscher Buffo namens Berger,
mit einer hübschen, stattlichen, gewandten Frau, welche in deutschen
Städten und Ortschaften mit geringer Verkleidung und schwacher Musik
im Zimmer mancherlei heitere aufregende Vorstellungen gaben, die denn
freilich immer auf Betrug und Beschämung eines alten verliebten Gecken
auslaufen mochten.
Ich hatte mir zu ihnen eine dritte mittlere, leicht zu besetzende
Stimme gedacht, und so war denn schon vor Jahren das Singspiel "Scherz,
List und Rache" entstanden, das ich an Kaysern nach Zürich schickte,
welcher aber als ein ernster, gewissenhafter Mann das Werk zu redlich
angriff und zu ausführlich behandelte. Ich selbst war ja schon über
das Maß des Intermezzo hinausgegangen, und das kleinlich scheinende
Sujet hatte sich in so viel Singstücke entfaltet, daß selbst bei einer
vorübergehenden sparsamen Musik drei Personen kaum mit der Darstellung
wären zu Ende gekommen. Nun hatte Kayser die Arien ausführlich nach
altem Schnitt behandelt, und man darf sagen, stellenweise glücklich
genug, wie nicht ohne Anmut des Ganzen.
Allein wie und wo sollte das zur Erscheinung kommen?
Unglücklicherweise litt es nach frühern Mäßigkeitsprinzipien an einer
Stimmenmagerkeit; es stieg nicht weiter als bis zum Terzett, und man
hätte zuletzt die Theriaksbüchsen des Doktors gern beleben mögen, um
ein Chor zu gewinnen. Alles unser Bemühen daher, uns im Einfachen und
Beschränkten abzuschließen, ging verloren, als Mozart auftrat. Die
"Entführung aus dem Serail" schlug alles nieder, und es ist auf dem
Theater von unserm so sorgsam gearbeiteten Stück niemals die Rede
gewesen.
Die Gegenwart unseres Kaysers erhöhete und erweiterte nun die Liebe
zur Musik, die sich bisher nur auf theatralische Exhibitionen
eingeschränkt hatte. Er war sorgfältig, die Kirchenfeste zu bemerken,
und wir fanden uns dadurch veranlaßt, auch die an solchen Tagen
aufgeführten solennen Musiken mit anzuhören. Wir fanden sie freilich
schon sehr weltlich mit vollständigstem Orchester, obgleich der Gesang
noch immer vorwaltete. Ich erinnere mich, an einem Cäcilientage zum
ersten Male eine Bravourarie mit eingreifendem Chor gehört zu haben;
sie tat auf mich eine außerordentliche Wirkung, wie sie solche auch
noch immer, wenn dergleichen in den Opern vorkommt, auf das Publikum
ausübt.
Nächst diesem hatte Kayser noch eine Tugend, daß er nämlich, weil ihm
sehr um alte Musik zu tun war, ihm auch die Geschichte der Tonkunst
ernstlich zu erforschen oblag, sich in Bibliotheken umsah; wie denn
sein treuer Fleiß besonders in der Minerva gute Aufnahme und Fördernis
gefunden hatte. Dabei aber hatte sein Bücherforschen den Erfolg, daß
er uns auf die ältern Kupferwerke des sechzehnten Jahrhunderts
aufmerksam machte und z. B. das "Speculum romanae magnificentiae",
die "Architekturen" von Lomazzo, nicht weniger die späteren "Admiranda
Romae" und was sonst noch dergleichen sein mochte, in Erinnerung zu
bringen nicht unterließ. Diese Bücher--und Blättersammlungen, zu
denen wir andere denn auch wallfahrteten, haben besonders einen großen
Wert, wenn man sie in guten Abdrücken vor sich sieht: sie
vergegenwärtigen jene frühere Zeit, wo das Altertum mit Ernst und
Scheu betrachtet und die überbleibsel in tüchtigem Charakter
ausgedrückt wurden. So näherte man sich z. B. den Kolossen, wie sie
noch auf dem alten Fleck im Garten Colonna standen; die Halbruine des
Septizoniums Severi gab noch den ungefähren Begriff von diesem
verschwundenen Gebäude; die Peterskirche ohne Fassade, das große
Mittel ohne Kuppel, der alte Vatikan, in dessen Hof noch Turniere
gehalten werden konnten, alles zog in die alte Zeit zurück und ließ
zugleich aufs deutlichste bemerken, was die zwei folgenden
Jahrhunderte für Veränderungen hervorgerufen und ungeachtet
bedeutender Hindernisse das Zerstörte herzustellen, das Versäumte
nachzuholen getrachtet.
Heinrich Meyer von Zürich, dessen ich schon oft zu gedenken Ursach
hatte, so zurückgezogen er lebte, so fleißig er war, fehlte doch nicht
leicht, wo etwas Bedeutendes zu schauen, zu erfahren, zu lernen war;
denn auch die übrigen suchten und wünschten ihn, indem er sich in
Gesellschaft so bescheiden als lehrreich erwies. Er ging den sichern,
von Winckelmann und Mengs eröffneten Pfad ruhig fort, und weil er in
der Seidelmannischen Manier antike Büsten mit Sepia gar löblich
darzustellen wußte, so fand niemand mehr Gelegenheit als er, die
zarten Abstufungen der frühern und spätern Kunst zu prüfen und kennen
zu lernen.
Als wir nun einen von allen Fremden, Künstlern, Kennern und Laien
gleich gewünschten Besuch bei Fackelschein dem Museum sowohl des
Vatikans als auch des Kapitols abzustatten Anstalt machten, so
gesellte er sich uns zu; und ich finde unter meinen Papieren einen
seiner Aufsätze, wodurch ein solcher genußreicher Umgang durch die
herrlichsten Reste der Kunst, welcher meistenteils wie ein
entzückender, nach und nach verlöschender Traum vor der Seele schwebt,
auch in seinen vorteilhaften Einwirkungen auf Kenntnis und Einsicht
eine bleibende Bedeutung erhält.
"Der Gebrauch, die großen römischen Museen, z. B. das Museo
Pio-Clementino im Vatikan, das Kapitolinische etc., beim Licht von
Wachsfackeln zu besehen, scheinet in den Achtziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts noch ziemlich neu gewesen zu sein, indessen ist mir nicht
bekannt, wann er eigentlich seinen Anfang genommen.
Vorteile der Fackelbeleuchtung: jedes Stück wird nur einzeln,
abgeschlossen von allen übrigen betrachtet, und die Aufmerksamkeit des
Beschauers bleibt lediglich auf dasselbe gerichtet; dann erscheinen in
dem gewaltigen wirksamen Fackellicht alle zarten Nuancen der Arbeit
weit deutlicher, alle störenden Widerscheine (zumal bei glänzend
polierten Statuen beschwerlich) hören auf, die Schatten werden
entschiedener, die beleuchteten Teile treten heller hervor. Ein
Hauptvorteil aber ist unstreitig der, daß ungünstig aufgestellte
Stücke hierdurch das ihnen gebührende Recht erhalten. So konnte man z.
B. den Laokoon in der Nische, wo er stand, nur bei Fackellicht recht
sehen, weil kein unmittelbares Licht auf ihn fiel, sondern bloß ein
Widerschein aus dem kleinen runden, mit einer Säulenhalle umgebenen
Hof des Belvedere; dasselbe war der Fall mit dem Apollo und dem
sogenannten Antinous (Merkur). Noch nötiger war Fackelbeleuchtung, um
den Nil wie auch den Meleager zu sehen und ihre Verdienste schätzen zu
können. Keiner andern Antike ist Fackelbeleuchtung so vorteilhaft als
bei dem sogenannten Phocion, weil man nur dann, nicht aber bei
gewöhnlichem Licht, indem er ungünstig aufgestellt ist, die wundersam
zart durch das einfache Gewand durchscheinenden Teile des Körpers
wahrnehmen kann. Schön nimmt sich auch der vortreffliche Sturz eines
sitzenden Bacchus aus, ebenso das obere Teil einer Bacchusstatue mit
schönem Kopf und die Halbfigur eines Triton, vor allen aber das Wunder
der Kunst, der nie genug zu preisende berühmte Torso.