Bericht November

Nun aber bei dem stillen Gedanken an ein allmähliches Loslösen ward

ein neues Anknüpfen durch die Ankunft eines wackeren früheren Freundes

vorbereitet, des Christoph Kayser, eines gebornen Frankfurters, der zu

gleicher Zeit mit Klingern und uns andern herangekommen war. Dieser,

von Natur mit eigentümlichem musikalischem Talente begabt, hatte schon

vor Jahren, indem er "Scherz, List und Rache" zu komponieren unternahm,

auch eine zu "Egmont" passende Musik zu liefern begonnen. Ich hatte

ihm von Rom aus gemeldet, das Stück sei abgegangen und eine Kopie in

meinen Händen geblieben. Statt weitläufiger Korrespondenz darüber

ward tätlich gefunden, er solle selbst unverzüglich herankommen; da er

denn auch nicht säumend mit dem Kurier durch Italien hindurchflog,

sehr bald bei uns eintraf und in den Künstlerkreis, der sein

Hauptquartier im Korso, Rondanini gegenüber, aufgeschlagen hatte, sich

freundlich aufgenommen sah.

Hier aber zeigte sich gar bald statt des so nötigen Sammelns und

Einens neue Zerstreuung und Zersplitterung.

Vorerst gingen mehrere Tage hin, bis ein Klavier beigeschafft,

probiert, gestimmt und nach des eigensinnigen Künstlers Willen und

Wollen zurechtgerückt war, wobei denn immer noch etwas zu wünschen und

zu fordern übrigblieb. Indessen belohnte sich baldigst der Aufwand

von Mühe und Versäumnis durch die Leistungen eines sehr gewandten,

seiner Zeit völlig gemäßen, die damaligen schwierigsten Werke leicht

vortragenden Talentes. Und damit der musikalische Geschichtskenner

sogleich wisse, wovon die Rede sei, bemerke ich, daß zu jener Zeit

Schubart für unerreichbar gehalten, sodann auch, daß als Probe eines

geübten Klavierspielers die Ausführungen von Variationen geachtet

wurde, wo ein einfaches Thema, auf die künstlichste Weise durchgeführt,

endlich durch sein natürliches Wiedererscheinen den Hörer zu Atem

kommen ließ.

Die Symphonie zu "Egmont" brachte er mit, und so belebte sich von

dieser Seite mein ferneres Bestreben, welches gegenwärtig mehr als

jemals aus Notwendigkeit und Liebhaberei gegen das musikalische

Theater gerichtet war.

"Erwin und Elmire" sowie "Claudine von Villa Bella" sollten nun auch

nach Deutschland abgesendet werden; ich hatte mich aber durch die

Bearbeitung "Egmonts" in meinen Forderungen gegen mich selbst

dergestalt gesteigert, daß ich nicht über mich gewinnen konnte, sie in

ihrer ersten Form dahinzugeben. Gar manches Lyrische, das sie

enthalten, war mir lieb und wert; es zeugte von vielen zwar töricht,

aber doch glücklich verlebten Stunden, wie von Schmerz und Kummer,

welchen die Jugend in ihrer unberatenen Lebhaftigkeit ausgesetzt

bleibt. Der prosaische Dialog dagegen erinnerte zu sehr an jene

französischen Operetten, denen wir zwar ein freundliches Andenken zu

gönnen haben, indem sie zuerst ein heiteres singbares Wesen auf unser

Theater herüberbrachten, die mir aber jetzt nicht mehr genügen wollten

als einem eingebürgerten Italiener, der den melodischen Gesang durch

einen rezitierenden und deklamatorischen wenigstens wollte verknüpft

sehen.

In diesem Sinne wird man nunmehr beide Opern bearbeitet finden; ihre

Kompositionen haben hie und da Freude gemacht, und so sind sie auf dem

dramatischen Strom auch zu ihrer Zeit mit vorübergeschwommen.

Gewöhnlich schilt man auf die italienischen Texte, und das zwar in

solchen Phrasen, wie einer dem andern nachsagen kann, ohne was dabei

zu denken; sie sind freilich leicht und heiter, aber sie machen nicht

mehr Forderungen an den Komponisten und an den Sänger, als inwieweit

beide sich hinzugeben Lust haben. Ohne hierüber weitläufig zu sein,

erinnere ich an den Text der "Heimlichen Heirat"; man kennt den

Verfasser nicht, aber es war einer der geschicktesten, die in diesem

Fache gearbeitet haben, wer er auch mag gewesen sein. In diesem Sinne

zu handeln, in gleicher Freiheit nach bestimmten Zwecken zu wirken,

war meine Absicht, und ich wußte selbst nicht zu sagen, inwiefern ich

mich meinem Ziel genähert habe.

Leider aber war ich mit Freund Kayser seit geraumer Zeit schon in

einem Unternehmen befangen, das nach und nach immer bedenklicher und

weniger ausführbar schien. Man vergegenwärtige sich jene sehr

unschuldige Zeit des deutschen Opernwesens, wo noch ein einfaches

Intermezzo, wie die "Serva Padrona" von Pergolese, Eingang und Beifall

fand. Damals nun produzierte sich ein deutscher Buffo namens Berger,

mit einer hübschen, stattlichen, gewandten Frau, welche in deutschen

Städten und Ortschaften mit geringer Verkleidung und schwacher Musik

im Zimmer mancherlei heitere aufregende Vorstellungen gaben, die denn

freilich immer auf Betrug und Beschämung eines alten verliebten Gecken

auslaufen mochten.

Ich hatte mir zu ihnen eine dritte mittlere, leicht zu besetzende

Stimme gedacht, und so war denn schon vor Jahren das Singspiel "Scherz,

List und Rache" entstanden, das ich an Kaysern nach Zürich schickte,

welcher aber als ein ernster, gewissenhafter Mann das Werk zu redlich

angriff und zu ausführlich behandelte. Ich selbst war ja schon über

das Maß des Intermezzo hinausgegangen, und das kleinlich scheinende

Sujet hatte sich in so viel Singstücke entfaltet, daß selbst bei einer

vorübergehenden sparsamen Musik drei Personen kaum mit der Darstellung

wären zu Ende gekommen. Nun hatte Kayser die Arien ausführlich nach

altem Schnitt behandelt, und man darf sagen, stellenweise glücklich

genug, wie nicht ohne Anmut des Ganzen.

Allein wie und wo sollte das zur Erscheinung kommen?

Unglücklicherweise litt es nach frühern Mäßigkeitsprinzipien an einer

Stimmenmagerkeit; es stieg nicht weiter als bis zum Terzett, und man

hätte zuletzt die Theriaksbüchsen des Doktors gern beleben mögen, um

ein Chor zu gewinnen. Alles unser Bemühen daher, uns im Einfachen und

Beschränkten abzuschließen, ging verloren, als Mozart auftrat. Die

"Entführung aus dem Serail" schlug alles nieder, und es ist auf dem

Theater von unserm so sorgsam gearbeiteten Stück niemals die Rede

gewesen.

Die Gegenwart unseres Kaysers erhöhete und erweiterte nun die Liebe

zur Musik, die sich bisher nur auf theatralische Exhibitionen

eingeschränkt hatte. Er war sorgfältig, die Kirchenfeste zu bemerken,

und wir fanden uns dadurch veranlaßt, auch die an solchen Tagen

aufgeführten solennen Musiken mit anzuhören. Wir fanden sie freilich

schon sehr weltlich mit vollständigstem Orchester, obgleich der Gesang

noch immer vorwaltete. Ich erinnere mich, an einem Cäcilientage zum

ersten Male eine Bravourarie mit eingreifendem Chor gehört zu haben;

sie tat auf mich eine außerordentliche Wirkung, wie sie solche auch

noch immer, wenn dergleichen in den Opern vorkommt, auf das Publikum

ausübt.

Nächst diesem hatte Kayser noch eine Tugend, daß er nämlich, weil ihm

sehr um alte Musik zu tun war, ihm auch die Geschichte der Tonkunst

ernstlich zu erforschen oblag, sich in Bibliotheken umsah; wie denn

sein treuer Fleiß besonders in der Minerva gute Aufnahme und Fördernis

gefunden hatte. Dabei aber hatte sein Bücherforschen den Erfolg, daß

er uns auf die ältern Kupferwerke des sechzehnten Jahrhunderts

aufmerksam machte und z. B. das "Speculum romanae magnificentiae",

die "Architekturen" von Lomazzo, nicht weniger die späteren "Admiranda

Romae" und was sonst noch dergleichen sein mochte, in Erinnerung zu

bringen nicht unterließ. Diese Bücher--und Blättersammlungen, zu

denen wir andere denn auch wallfahrteten, haben besonders einen großen

Wert, wenn man sie in guten Abdrücken vor sich sieht: sie

vergegenwärtigen jene frühere Zeit, wo das Altertum mit Ernst und

Scheu betrachtet und die überbleibsel in tüchtigem Charakter

ausgedrückt wurden. So näherte man sich z. B. den Kolossen, wie sie

noch auf dem alten Fleck im Garten Colonna standen; die Halbruine des

Septizoniums Severi gab noch den ungefähren Begriff von diesem

verschwundenen Gebäude; die Peterskirche ohne Fassade, das große

Mittel ohne Kuppel, der alte Vatikan, in dessen Hof noch Turniere

gehalten werden konnten, alles zog in die alte Zeit zurück und ließ

zugleich aufs deutlichste bemerken, was die zwei folgenden

Jahrhunderte für Veränderungen hervorgerufen und ungeachtet

bedeutender Hindernisse das Zerstörte herzustellen, das Versäumte

nachzuholen getrachtet.

Heinrich Meyer von Zürich, dessen ich schon oft zu gedenken Ursach

hatte, so zurückgezogen er lebte, so fleißig er war, fehlte doch nicht

leicht, wo etwas Bedeutendes zu schauen, zu erfahren, zu lernen war;

denn auch die übrigen suchten und wünschten ihn, indem er sich in

Gesellschaft so bescheiden als lehrreich erwies. Er ging den sichern,

von Winckelmann und Mengs eröffneten Pfad ruhig fort, und weil er in

der Seidelmannischen Manier antike Büsten mit Sepia gar löblich

darzustellen wußte, so fand niemand mehr Gelegenheit als er, die

zarten Abstufungen der frühern und spätern Kunst zu prüfen und kennen

zu lernen.

Als wir nun einen von allen Fremden, Künstlern, Kennern und Laien

gleich gewünschten Besuch bei Fackelschein dem Museum sowohl des

Vatikans als auch des Kapitols abzustatten Anstalt machten, so

gesellte er sich uns zu; und ich finde unter meinen Papieren einen

seiner Aufsätze, wodurch ein solcher genußreicher Umgang durch die

herrlichsten Reste der Kunst, welcher meistenteils wie ein

entzückender, nach und nach verlöschender Traum vor der Seele schwebt,

auch in seinen vorteilhaften Einwirkungen auf Kenntnis und Einsicht

eine bleibende Bedeutung erhält.

"Der Gebrauch, die großen römischen Museen, z. B. das Museo

Pio-Clementino im Vatikan, das Kapitolinische etc., beim Licht von

Wachsfackeln zu besehen, scheinet in den Achtziger Jahren des vorigen

Jahrhunderts noch ziemlich neu gewesen zu sein, indessen ist mir nicht

bekannt, wann er eigentlich seinen Anfang genommen.

Vorteile der Fackelbeleuchtung: jedes Stück wird nur einzeln,

abgeschlossen von allen übrigen betrachtet, und die Aufmerksamkeit des

Beschauers bleibt lediglich auf dasselbe gerichtet; dann erscheinen in

dem gewaltigen wirksamen Fackellicht alle zarten Nuancen der Arbeit

weit deutlicher, alle störenden Widerscheine (zumal bei glänzend

polierten Statuen beschwerlich) hören auf, die Schatten werden

entschiedener, die beleuchteten Teile treten heller hervor. Ein

Hauptvorteil aber ist unstreitig der, daß ungünstig aufgestellte

Stücke hierdurch das ihnen gebührende Recht erhalten. So konnte man z.

B. den Laokoon in der Nische, wo er stand, nur bei Fackellicht recht

sehen, weil kein unmittelbares Licht auf ihn fiel, sondern bloß ein

Widerschein aus dem kleinen runden, mit einer Säulenhalle umgebenen

Hof des Belvedere; dasselbe war der Fall mit dem Apollo und dem

sogenannten Antinous (Merkur). Noch nötiger war Fackelbeleuchtung, um

den Nil wie auch den Meleager zu sehen und ihre Verdienste schätzen zu

können. Keiner andern Antike ist Fackelbeleuchtung so vorteilhaft als

bei dem sogenannten Phocion, weil man nur dann, nicht aber bei

gewöhnlichem Licht, indem er ungünstig aufgestellt ist, die wundersam

zart durch das einfache Gewand durchscheinenden Teile des Körpers

wahrnehmen kann. Schön nimmt sich auch der vortreffliche Sturz eines

sitzenden Bacchus aus, ebenso das obere Teil einer Bacchusstatue mit

schönem Kopf und die Halbfigur eines Triton, vor allen aber das Wunder

der Kunst, der nie genug zu preisende berühmte Torso.

Italienische Reise — Band 2 · 第 55 / 91 题