Nun aber mußte des nächsten Tages uns zu scherzhaften Unterhaltungen
dienen, daß gerade das, was wir bei dem Künstler Großes und
Grenzenloses gesehen, uns in eine niedrige, unwürdige Enge zu begeben
veranlassen sollte. Die herrlichen ägyptischen Denkmale erinnerten
uns an den mächtigen Obelisk, der auf dem Marsfelde, durch August
errichtet, als Sonnenweiser diente, nunmehr aber in Stücken, umzäunt
von einem Bretterverschlag, in einem schmutzigen Winkel auf den kühnen
Architekten wartete, der ihn aufzuerstehen berufen möchte. (NB. Jetzt
ist er auf dem Platz Monte Citorio wieder aufgerichtet und dient wie
zur Römerzeit abermals als Sonnenweiser.) Er ist aus dem echtesten
ägyptischen Granit gehauen, überall mit zierlichen naiven Figuren,
obgleich in dem bekannten Stil, übersäet. Merkwürdig war es, als wir
neben der sonst in die Luft gerichteten Spitze standen, auf den
Zuschärfungen derselben Sphinx nach Sphinxen auf das zierlichste
abgebildet zu sehen, früher keinem menschlichen Auge, sondern nur den
Strahlen der Sonne erreichbar. Hier tritt der Fall ein, daß das
Gottesdienstliche der Kunst nicht auf einen Effekt berechnet ist, den
es auf den menschlichen Anblick machen soll. Wir machten Anstalt,
diese heiligen Bilder abgießen zu lassen, um das bequem nah vor Augen
zu sehen, was sonst gegen die Wolkenregion hinaufgerichtet war.
In dem widerwärtigen Raume, worin wir uns mit dem würdigsten Werke
befanden, konnten wir uns nicht entbrechen, Rom als ein Quodlibet
anzusehen, aber als ein einziges in seiner Art: denn auch in diesem
Sinne hat diese ungeheure Lokalität die größten Vorzüge. Hier brachte
der Zufall nichts hervor, er zerstörte nur; alles auf den Füßen
Stehende ist herrlich, alles Zertrümmerte ist ehrwürdig, die Unform
der Ruinen deutet auf uralte Regelmäßigkeit, welche sich in neuen
großen Formen der Kirchen und Paläste wieder hervortat.
Jene bald gefertigten Abgüsse brachten in Erinnerung, daß in der
großen Dehnischen Pastensammlung, wovon die Abdrücke im ganzen und
teilweise verkäuflich waren, auch einiges ägyptische zu sehen sei; und
wie sich denn eins aus dem andern ergibt, so wählte ich aus gedachter
Sammlung die vorzüglichsten und bestellte solche bei den Inhabern.
Solche Abdrücke sind der größte Schatz und ein Fundament, das der in
seinen Mitteln beschränkte Liebhaber zu künftigem großen
mannigfaltigen Vorteil bei sich niederlegen kann.
Die vier ersten Bände meiner Schriften bei Göschen waren angekommen
und das Prachtexemplar sogleich in die Hände Angelikas gegeben, die
daran ihre Muttersprache aufs neue zu beloben Ursach' zu finden
glaubte.
Ich aber durfte den Betrachtungen nicht nachhängen, die sich mir bei
dem Rückblick auf meine früheren Tätigkeiten lebhaft aufdrängen. Ich
wußte nicht, wie weit der eingeschlagene Weg mich führen würde, ich
konnte nicht einsehen, inwiefern jenes frühere Bestreben gelingen und
wiefern der Erfolg dieses Sehnens und Wandelns die aufgewendete Mühe
belohnen würde.
Aber es blieb mir auch weder Zeit noch Raum, rückwärts zu schauen und
zu denken. Die über organische Natur, deren Bilden und Umbilden mir
gleichsam eingeimpften Ideen erlaubten keinen Stillstand, und indem
mir Nachdenkendem eine Folge nach der andern sich entwickelte, so
bedurfte ich zu eigner Ausbildung täglich und stündlich irgendeiner
Art von Mitteilung. Ich versuchte es mit Moritz und trug ihm, soviel
ich vermochte, die Metamorphose der Pflanzen vor; und er, ein
seltsames Gefäß, das, immer leer und inhaltsbedürftig, nach
Gegenständen lechzte, die er sich aneignen könnte, griff redlich mit
ein, dergestalt wenigstens, daß ich meine Vorträge fortzusetzen Mut
behielt.
Hier aber kam uns ein merkwürdiges Buch, ich will nicht fragen, ob
zustatten, aber doch zu bedeutender Anregung: Herders Werk, das, unter
einem lakonischen Titel, über Gott und göttliche Dinge die
verschiedenen Ansichten in Gesprächsform vorzutragen bemüht war. Mich
versetzte diese Mitteilung in jene Zeiten, wo ich an der Seite des
trefflichen Freundes über diese Angelegenheiten mich mündlich zu
unterhalten oft veranlaßt war. Wundersam jedoch kontrastierte dieser
in den höchsten frommen Betrachtungen versierende Band mit der
Verehrung, zu der uns das Fest eines besondern Heiligen aufrief.
Am 21. September ward das Andenken des heiligen Franziskus gefeiert
und sein Blut in langgedehnter Prozession von Mönchen und Gläubigen in
der Stadt umhergetragen. Aufmerksam ward ich bei dem Vorbeiziehen so
vieler Mönche, deren einfache Kleidung das Auge nur auf die
Betrachtung des Kopfes hinzog. Es war mir auffallend, daß eigentlich
Haar und Bart dazu gehören, um sich von dem männlichen Individuum
einen Begriff zu machen. Erst mit Aufmerksamkeit, dann mit Erstaunen
musterte ich die vor mir vorüberziehende Reihe und war wirklich
entzückt, zu sehen, daß ein Gesicht, von Haar und Bart in einen Rahmen
eingefaßt, sich ganz anders ausnahm, als das bartlose Volk umher. Und
ich konnte nun wohl finden, daß dergleichen Gesichter, in Gemälden
dargestellt, einen ganz unnennbaren Reiz auf den Beschauer ausüben
mußten.
Hofrat Reiffenstein, welcher sein Amt, Fremde zu führen und zu
unterhalten, gehörig ausstudiert hatte, konnte freilich im Laufe
seines Geschäfts nur allzubald gewahr werden, daß Personen, welche
wenig mehr nach Rom bringen als Lust zu sehen und sich zu zerstreuen,
mitunter an der grimmigsten Langweile zu leiden haben, indem ihnen die
gewohnte Ausfüllung müßiger Stunden in einem fremden Lande durchaus zu
fehlen pflegt. Auch war dem praktischen Menschenkenner gar wohl
bekannt, wie sehr ein bloßes Beschauen ermüde, und wie nötig es sei,
seine Freunde durch irgendeine Selbsttätigkeit zu unterhalten und zu
beruhigen. Zwei Gegenstände hatte er sich deshalb ausersehn, worauf
er ihre Geschäftigkeit zu richten pflegte: die Wachsmalerei und die
Pastenfabrikation. Jene Kunst, eine Wachsseife zum Bindemittel der
Farben anzuwenden, war erst vor kurzem wieder in den Gang gekommen,
und da es in der Kunstwelt hauptsächlich darum zu tun ist, die
Künstler auf irgendeine Weise zu beschäftigen, so gibt eine neue Art,
das Gewohnte zu tun, immer wieder frische Aufmerksamkeit und lebhaften
Anlaß, etwas, was man auf die alte Weise zu unternehmen nicht Lust
hätte, in einer neuen zu versuchen.
Das kühne Unternehmen, für die Kaiserin Katharine die Raffaelschen
Logen in einer Kopie zu verwirklichen und die Wiederholung sämtlicher
Architektur mit der Fülle ihrer Zieraten in Petersburg möglich zu
machen, ward durch diese neue Technik begünstigt, ja, wäre vielleicht
ohne dieselbe nicht auszuführen gewesen. Man ließ dieselben Felder,
Wandteile, Sockel, Pilaster, Kapitäler, Gesimse aus den stärksten
Bohlen und Klötzen eines dauerhaften Kastanienholzes verfertigen,
überzog sie mit Leinwand, welche grundiert sodann der Enkaustik zur
sichern Unterlage diente. Dieses Werk, womit sich besonders
Unterberger nach Anleitung Reiffensteins mehrere Jahre beschäftigt
hatte, mit großer Gewissenhaftigkeit ausgeführt, war schon abgegangen,
als ich ankam, und es konnte mir nur, was von jenem großen Unternehmen
übrigblieb, bekannt und anschaulich werden.
Nun aber war durch eine solche Ausführung die Enkaustik zu hohen Ehren
gelangt; Fremde von einigem Talent sollten praktisch damit bekannt
werden; zugerichtete Farbengarnituren waren um leichten Preis zu haben;
man kochte die Seife selbst, genug, man hatte immer etwas zu tun und
zu kramen, wo sich nur ein müßiger loser Augenblick zeigte. Auch
mittlere Künstler wurden als Lehrende und Nachhelfende beschäftigt,
und ich habe wohl einigemal Fremde gesehen, welche ihre römischen
enkaustischen Arbeiten höchst behaglich als selbstverfertigt
einpackten und mit zurück ins Vaterland nahmen.
Die andere Beschäftigung, Pasten zu fabrizieren, war mehr für Männer
geeignet. Ein großes altes Küchengewölbe im Reiffensteinischen
Quartier gab dazu die beste Gelegenheit. Hier hatte man mehr als
nötigen Raum zu einem solchen Geschäft. Die refraktäre, in Feuer
unschmelzbare Masse wurde aufs zarteste pulverisiert und durchgesiebt,
der daraus geknetete Teig in Pasten eingedruckt, sorgfältig getrocknet
und sodann, mit einem eisernen Ring umgeben, in die Glut gebracht,
ferner die geschmolzene Glasmasse darauf gedruckt, wodurch doch immer
ein kleines Kunstwerk zum Vorschein kam, das einen jeden freuen mußte,
der es seinen eignen Fingern zu verdanken hatte.
Hofrat Reiffenstein, welcher mich zwar willig und geschäftig in diese
Tätigkeiten eingeführt hatte, merkte gar bald, daß mir eine
fortgesetzte Beschäftigung der Art nicht zusagte, daß mein
eigentlicher Trieb war, durch Nachbildung von Natur--und
Kunstgegenständen Hand und Augen möglichst zu steigern. Auch war die
große Hitze kaum vorübergegangen, als er mich schon in Gesellschaft
von einigen Künstlern nach Frascati führte, wo man in einem
wohleingerichteten Privathause Unterkommen und das nächste Bedürfnis
fand und nun, den ganzen Tag im Freien, sich abends gern um einen
großen Ahorntisch versammelte. Georg Schütz, ein Frankfurter,
geschickt, ohne eminentes Talent, eher einem gewissen anständigen
Behagen als anhaltender künstlerischer Tätigkeit ergeben, weswegen ihn
die Römer auch il Barone nannten, begleitete mich auf meinen
Wanderungen und ward mir vielfach nützlich. Wenn man bedenkt, daß
Jahrhunderte hier im höchsten Sinne architektonisch gewartet, daß auf
übriggebliebenen mächtigen Substruktionen die künstlerischen Gedanken
vorzüglicher Geister sich hervorgehoben und den Augen dargestellt, so
wird man begreifen, wie sich Geist und Aug' entzücken müssen, wenn man
unter jeder Beleuchtung diese vielfachen horizontalen und tausend
vertikalen Linien unterbrochen und geschmückt wie eine stumme Musik
mit den Augen auffaßt, und wie alles, was klein und beschränkt in uns
ist, nicht ohne Schmerz erregt und ausgetrieben wird. Besonders ist
die Fülle der Mondscheinbilder über alle Begriffe, wo das einzeln
Unterhaltende, vielleicht störend zu Nennende durchaus zurücktritt und
nur die großen Massen von Licht und Schatten ungeheuer anmutige,
symmetrisch harmonische Riesenkörper dem Auge entgegentragen. Dagegen
fehlte es denn auch abends nicht an unterrichtender, oft aber auch
neckischer Unterhaltung.
So darf man nicht verschweigen, daß junge Künstler, die Eigenheiten
des wackern Reiffensteins, die man Schwachheiten zu nennen pflegt,
kennend und bemerkend, darüber sich oft im stillen scherzhaft und
spottend unterhielten. Nun war eines Abends der Apoll von Belvedere
als eine unversiegbare Quelle künstlerischer Unterhaltung wieder zum
Gespräch gelangt, und bei der Bemerkung, daß die Ohren an diesem
trefflichen Kopfe doch nicht sonderlich gearbeitet seien, kam die Rede
ganz natürlich auf die Würde und Schönheit dieses Organs, die
Schwierigkeit, ein schönes in der Natur zu finden und es künstlerisch
ebenmäßig nachzubilden. Da nun Schütz wegen seiner hübschen Ohren
bekannt war, ersuchte ich ihn, mir bei der Lampe zu sitzen, bis ich
das vorzüglich gut gebildete, es war ohne Frage das rechte, sorgfältig
abgezeichnet hätte. Nun kam er mit seiner starren Modellstellung
gerade dem Rat Reiffenstein gegenüber zu sitzen, von welchem er die
Augen nicht abwenden konnte noch durfte. Jener fing nun an, seine
wiederholt angepriesenen Lehren vorzutragen: man müßte sich nämlich
nicht gleich unmittelbar an das Beste wenden, sondern erst bei den
Carraccis anfangen, und zwar in der Farnesischen Galerie, dann zum
Raffael übergehen und zuletzt den Apoll von Belvedere so oft zeichnen,
bis man ihn auswendig kenne, da denn nicht viel Weiteres zu wünschen
und zu hoffen sein würde.
Der gute Schütz ward von einem solchen innerlichen Anfall von Lachen
ergriffen, den er äußerlich kaum zu bergen wußte, welche Pein sich
immer vermehrte, je länger ich ihn in ruhiger Stellung zu halten
trachtete. So kann sich der Lehrer, der Wohltäter immer wegen seines
individuellen, unbillig aufgenommenen Zustandes einer spöttischen
Undankbarkeit erwarten.
Eine herrliche, obgleich nicht unerwartete Aussicht ward uns aus den
Fenstern der Villa des Fürsten Aldobrandini, der, gerade auf dem Lande
gegenwärtig, uns freundlich einlud und uns in Gesellschaft seiner
geistlichen und weltlichen Hausgenossen an einer gut besetzten Tafel
festlich bewirtete. Es läßt sich denken, daß man das Schloß
dergestalt angelegt hat, die Herrlichkeit der Hügel und des flachen
Landes mit einem Blick übersehen zu können. Man spricht viel von
Lusthäusern; aber man müßte von hier aus umherblicken, um sich zu
überzeugen, daß nicht leicht ein Haus lustiger gelegen sein könne.
Hier aber finde ich mich gedrängt, eine Betrachtung einzufügen, deren
ernste Bedeutung ich wohl empfehlen darf. Sie gibt Licht über das
Vorgetragene und verbreitet's über das Folgende; auch wird mancher
gute, sich heranbildende Geist Anlaß daher zur Selbstprüfung gewinnen.
Lebhaft vordringende Geister begnügen sich nicht mit dem Genusse, sie
verlangen Kenntnis. Diese treibt sie zur Selbsttätigkeit, und wie es
ihr nun auch gelingen möge, so fühlt man zuletzt, daß man nichts
richtig beurteilt, als was man selbst hervorbringen kann. Doch
hierüber kommt der Mensch nicht leicht ins klare, und daraus entstehen
gewisse falsche Bestrebungen, welche um desto ängstlicher werden, je
redlicher und reiner die Absicht ist. Indes fingen mir in dieser Zeit
an Zweifel und Vermutungen aufzusteigen, die mich mitten in diesen
angenehmen Zuständen beunruhigten; denn ich mußte bald empfinden, daß
der eigentliche Wunsch und die Absicht meines Hierseins schwerlich
erfüllt werden dürfte.
Nunmehr aber, nach Verlauf einiger vergnügter Tage, kehrten wir nach
Rom zurück, wo wir durch eine neue, höchst anmutige Oper im hellen,
vollgedrängten Saal für die vermißte Himmelsfreiheit entschädigt
werden sollten. Die deutsche Künstlerbank, eine der vordersten im
Parterre, war wie sonst dicht besetzt, und auch diesmal fehlte es
nicht an Beifallklatschen und Rufen, um sowohl wegen der gegenwärtigen
als vergangenen Genüsse unsre Schuldigkeit abzutragen. Ja, wir hatten
es erreicht, daß wir durch ein künstliches, erst leiseres, dann
stärkeres, zuletzt gebietendes Zitti-Rufen jederzeit mit dem Ritornell
einer eintretenden beliebten Arie oder sonst gefälligen Partie das
ganze laut schwätzende Publikum zum Schweigen brachten, weshalb uns
denn unsere Freunde von oben die Artigkeit erwiesen, die
interessantesten Exhibitionen nach unsrer Seite zu richten.