Den 17. September 1787

Es bleibt wohl dabei, meine Lieben, daß ich ein Mensch bin, der von

der Mühe lebt. Diese Tage her habe ich wieder mehr gearbeitet als

genossen. Nun geht die Woche zu Ende und ihr sollt ein Blatt haben.

Es ist ein Leid, daß die Aloe in Belvedere eben das Jahr meiner

Abwesenheit wählt, um zu blühen. In Sizilien war ich zu früh, hier

blüht dies Jahr nur eine, nicht groß, und sie steht so hoch, daß man

nicht dazu kann. Es ist allerdings ein indianisch Gewächs auch in

diesen Gegenden nicht recht zu Hause.

Des Engländers Beschreibungen machen mir wenig Freude. Die

Geistlichen müssen sich in England sehr in acht nehmen, dagegen haben

sie auch das übrige Publikum in der Flucht. Der freie Engländer muß

in sittlichen Schriften sehr eingeschränkt einhergehn.

Die Schwanzmenschen wundern mich nicht, nach der Beschreibung ist es

etwas sehr Natürliches. Es stehen weit wunderbarere Sachen täglich

vor unsern Augen, die wir nicht achten, weil sie nicht so nah mit uns

verwandt sind.

Daß B. wie mehr Menschen, die kein Gefühl echter Gottesverehrung

während ihres Lebens gehabt haben, in ihrem Alter fromm werden, wie

man's heißt, ist auch recht gut, wenn man nur sich nicht mit ihnen

erbauen soll.

Einige Tage war ich in Frascati mit Rat Reiffenstein, Angelika kam

Sonntags, uns abzuholen. Es ist ein Paradies.

"Erwin und Elmire" ist zur Hälfte schon umgeschrieben. Ich habe

gesucht dem Stückchen mehr Interesse und Leben zu verschaffen und habe

den äußerst platten Dialog ganz weggeschmissen. Es ist Schülerarbeit

oder vielmehr Sudelei. Die artigen Gesänge, worauf sich alles dreht,

bleiben alle, wie natürlich.

Die Künste werden auch fortgetrieben, daß es saust und braust.

Meine Büste ist sehr gut geraten; jedermann ist damit zufrieden.

Gewiß ist sie in einem schönen und edlen Stil gearbeitet, und ich habe

nichts dagegen, daß die Idee, als hätte ich so ausgesehen, in der Welt

bleibt. Sie wird nun gleich in Marmor angefangen und zuletzt auch in

den Marmor nach der Natur gearbeitet. Der Transport ist so lästig,

sonst schickte ich gleich einen Abguß; vielleicht einmal mit einem

Schiffstransport, denn einige Kisten werd' ich doch zuletzt

zusammenpacken.

Ist denn Kranz noch nicht angekommen, dem ich eine Schachtel für die

Kinder mitgab?

Sie haben jetzt wieder eine gar graziose Operette auf dem Theater in

Valle, nachdem zwei jämmerlich verunglückt waren. Die Leute spielen

mit viel Lust, und es harmoniert alles zusammen. Nun wird es bald

aufs Land gehen. Es hat einigemal geregnet, das Wetter ist abgekühlt,

und die Gegend macht sich wieder grün.

Von der großen Eruption des ätna werden euch die Zeitungen gesagt

haben oder sagen.

Den 15. September.

Nun hab' ich auch Trencks Leben gelesen. Es ist interessant genug,

und lassen sich Reflexionen genug darüber machen.

Mein nächster Brief wird meine Bekanntschaft mit einem merkwürdigen

Reisenden erzählen, die ich morgen machen soll.

Freuet euch übrigens meines hiesigen Aufenthalts! Rom ist mir nun

ganz familiär, und ich habe fast nichts mehr drin, was mich

überspannte. Die Gegenstände haben mich nach und nach zu sich

hinaufgehoben. Ich genieße immer reiner, immer mit mehr Kenntnis, das

gute Glück wird immer weiter helfen.

Hier liegt ein Blatt bei, das ich, abgeschrieben, den Freunden

mitzuteilen bitte. Auch darum ist der Aufenthalt in Rom so

interessant, weil es ein Mittelpunkt ist, nach dem sich so vieles

hinzieht. Die Sachen des Cassas sind außerordentlich schön. Ich habe

ihm manches in Gedanken gestohlen, das ich euch mitbringen will.

Ich bin immer fleißig. Nun hab' ich ein Köpfchen nach Gips gezeichnet,

um zu sehen, ob mein Prinzipium Stich hält. Ich finde, es paßt

vollkommen und erleichtert erstaunend das Machen. Man wollte nicht

glauben, daß ich's gemacht habe, und doch ist es noch nichts. Ich

sehe nun wohl, wie weit sich's mit Applikation bringen ließe.

Montag geht es wieder nach Frascati. Ich will sorgen, daß doch heute

über acht Tage ein Brief abgehen kann. Dann werd' ich wohl nach

Albano gehen. Es wird recht fleißig nach der Natur gezeichnet werden.

Ich mag nun von gar nichts mehr wissen, als etwas hervorzubringen und

meinen Sinn recht zu üben. Ich liege an dieser Krankheit von Jugend

auf krank, und gebe Gott, daß sie sich einmal auflöse.

Den 22. September.

Gestern war eine Prozession, wo sie das Blut des heiligen Franziskus

herumtrugen; ich spekulierte auf Köpfe und Gesichter, indes die Reihen

von Ordensgeistlichen vorbeizogen.

Ich habe mir eine Sammlung von zweihundert der besten

Antikengemmen-Abdrücke angeschafft. Es ist das Schönste, was man von

alter Arbeit hat, und zum Teil sind sie auch wegen der artigen

Gedanken gewählt. Man kann von Rom nichts Kostbareres mitnehmen,

besonders da die Abdrücke so außerordentlich schön und scharf sind.

Wie manches Gute werd' ich mitbringen, wenn ich mit meinem Schiffchen

zurückkehre, doch vor allem ein fröhliches Herz, fähiger, das Glück,

was mir Liebe und Freundschaft zudenkt, zu genießen. Nur muß ich

nichts wieder unternehmen, was außer dem Kreise meiner Fähigkeit liegt,

wo ich mich nur abarbeite und nichts fruchte.

Den 22. September.

Noch ein Blatt, meine Lieben, muß ich euch mit dieser Post eilig

schicken. Heute war mir ein sehr merkwürdiger Tag. Briefe von vielen

Freunden, von der Herzogin-Mutter, Nachricht von meinem gefeierten

Geburtsfeste und endlich meine Schriften.

Es ist mir wirklich sonderbar zumute, daß diese vier zarten Bändchen,

die Resultate eines halben Lebens, mich in Rom aufsuchen. Ich kann

wohl sagen: es ist kein Buchstabe drin, der nicht gelebt, empfunden,

genossen, gelitten, gedacht wäre, und sie sprechen mich nun alle desto

lebhafter an. Meine Sorge und Hoffnung ist, daß die vier folgenden

nicht hinter diesen bleiben. Ich danke euch für alles, was ihr an

diesen Blättern getan habt, und wünsche euch auch Freude bringen zu

können. Sorgt auch für die folgenden mit treuen Herzen!

Ihr vexiert mich über die Provinzen, und ich gestehe, der Ausdruck ist

sehr uneigentlich. Da kann man aber sehen, wie man sich in Rom

angewöhnt, alles grandios zu denken. Wirklich schein' ich mich zu

nationalisieren, denn man gibt den Römern schuld, daß sie nur von cose

grosse wissen und reden mögen.

Ich bin immer fleißig und halte mich nun an die menschliche Figur. O

wie weit und lang ist die Kunst, und wie unendlich wird die Welt, wenn

man sich nur einmal recht ans Endliche halten mag.

Dienstag, den 25., geh' ich nach Frascati und werde auch dort mühen

und arbeiten. Es fängt nun an zu gehen. Wenn es nur einmal recht

ginge.

Mir ist aufgefallen, daß in einer großen Stadt, in einem weiten Kreis

auch der ärmste, der Geringste sich empfindet, und an einem kleinen

Orte der Beste, der Reichste sich nicht fühlen, nicht Atem schöpfen

kann.

Frascati, den 28. September 1787.

Ich bin hier sehr glücklich, es wird den ganzen Tag bis in die Nacht

gezeichnet, gemalt, getuscht, geklebt, Handwerk und Kunst recht ex

professo getrieben. Rat Reiffenstein, mein Wirt, leistet Gesellschaft,

und wir sind munter und lustig. Abends werden die Villen im

Mondschein besucht, und sogar im Dunkeln die frappantesten Motive

nachgezeichnet. Einige haben wir aufgejagt, die ich nur einmal

auszuführen wünsche. Nun hoff' ich, daß auch die Zeit des Vollendens

kommen wird. Die Vollendung liegt nur zu weit, wenn man weit sieht.

Gestern fuhren wir nach Albano und wieder zurück; auch auf diesem Wege

sind viele Vögel im Fluge geschossen worden. Hier, wo man recht in

der Fülle sitzt, kann man sich was zugute tun, auch brenne ich recht

vor Leidenschaft, mir alles zuzueignen, und ich fühle, daß sich mein

Geschmack reinigt, nach dem Maße, wie meine Seele mehr Gegenstände

faßt. Wenn ich nur statt all des Redens einmal etwas Gutes schicken

könnte! Einige Kleinigkeiten gehen mit einem Landsmann an euch ab.

Wahrscheinlich hab' ich die Freude, Kaysern in Rom zu sehen. So wird

sich denn auch noch die Musik zu mir gesellen, um den Reihen zu

schließen, den die Künste um mich ziehen, gleichsam als wollten sie

mich verhindern, nach meinen Freunden zu sehen. Und doch darf ich

kaum das Kapitel berühren, wie sehr allein ich mich oft fühle, und

welche Sehnsucht mich ergreift, bei euch zu sein. Ich lebe doch nur

im Grunde im Taumel weg, will und kann nicht weiter denken.

Mit Moritz hab' ich recht gute Stunden, und habe angefangen, ihm mein

Pflanzensystem zu erklären, und jedesmal in seiner Gegenwart

aufzuschreiben, wie weit wir gekommen sind. Auf diese Art konnt' ich

allein etwas von meinen Gedanken zu Papier bringen. Wie faßlich aber

das Abstrakteste von dieser Vorstellungsart wird, wenn es mit der

rechten Methode vorgetragen wird und eine vorbereitete Seele findet,

seh' ich an meinem neuen Schüler. Er hat eine große Freude daran und

ruckt immer selbst mit Schlüssen vorwärts. Doch auf alle Fälle ist's

schwer zu schreiben und unmöglich aus dem bloßen Lesen zu begreifen,

wenn auch alles noch so eigentlich und scharf geschrieben wäre.

So lebe ich denn glücklich, weil ich in dem bin, was meines Vaters ist.

Grüßt alle, die mir's gönnen und mir direkt oder indirekt helfen,

mich fördern und erhalten!

Italienische Reise — Band 2 · 第 40 / 91 题