Es bleibt wohl dabei, meine Lieben, daß ich ein Mensch bin, der von
der Mühe lebt. Diese Tage her habe ich wieder mehr gearbeitet als
genossen. Nun geht die Woche zu Ende und ihr sollt ein Blatt haben.
Es ist ein Leid, daß die Aloe in Belvedere eben das Jahr meiner
Abwesenheit wählt, um zu blühen. In Sizilien war ich zu früh, hier
blüht dies Jahr nur eine, nicht groß, und sie steht so hoch, daß man
nicht dazu kann. Es ist allerdings ein indianisch Gewächs auch in
diesen Gegenden nicht recht zu Hause.
Des Engländers Beschreibungen machen mir wenig Freude. Die
Geistlichen müssen sich in England sehr in acht nehmen, dagegen haben
sie auch das übrige Publikum in der Flucht. Der freie Engländer muß
in sittlichen Schriften sehr eingeschränkt einhergehn.
Die Schwanzmenschen wundern mich nicht, nach der Beschreibung ist es
etwas sehr Natürliches. Es stehen weit wunderbarere Sachen täglich
vor unsern Augen, die wir nicht achten, weil sie nicht so nah mit uns
verwandt sind.
Daß B. wie mehr Menschen, die kein Gefühl echter Gottesverehrung
während ihres Lebens gehabt haben, in ihrem Alter fromm werden, wie
man's heißt, ist auch recht gut, wenn man nur sich nicht mit ihnen
erbauen soll.
Einige Tage war ich in Frascati mit Rat Reiffenstein, Angelika kam
Sonntags, uns abzuholen. Es ist ein Paradies.
"Erwin und Elmire" ist zur Hälfte schon umgeschrieben. Ich habe
gesucht dem Stückchen mehr Interesse und Leben zu verschaffen und habe
den äußerst platten Dialog ganz weggeschmissen. Es ist Schülerarbeit
oder vielmehr Sudelei. Die artigen Gesänge, worauf sich alles dreht,
bleiben alle, wie natürlich.
Die Künste werden auch fortgetrieben, daß es saust und braust.
Meine Büste ist sehr gut geraten; jedermann ist damit zufrieden.
Gewiß ist sie in einem schönen und edlen Stil gearbeitet, und ich habe
nichts dagegen, daß die Idee, als hätte ich so ausgesehen, in der Welt
bleibt. Sie wird nun gleich in Marmor angefangen und zuletzt auch in
den Marmor nach der Natur gearbeitet. Der Transport ist so lästig,
sonst schickte ich gleich einen Abguß; vielleicht einmal mit einem
Schiffstransport, denn einige Kisten werd' ich doch zuletzt
zusammenpacken.
Ist denn Kranz noch nicht angekommen, dem ich eine Schachtel für die
Kinder mitgab?
Sie haben jetzt wieder eine gar graziose Operette auf dem Theater in
Valle, nachdem zwei jämmerlich verunglückt waren. Die Leute spielen
mit viel Lust, und es harmoniert alles zusammen. Nun wird es bald
aufs Land gehen. Es hat einigemal geregnet, das Wetter ist abgekühlt,
und die Gegend macht sich wieder grün.
Von der großen Eruption des ätna werden euch die Zeitungen gesagt
haben oder sagen.
Den 15. September.
Nun hab' ich auch Trencks Leben gelesen. Es ist interessant genug,
und lassen sich Reflexionen genug darüber machen.
Mein nächster Brief wird meine Bekanntschaft mit einem merkwürdigen
Reisenden erzählen, die ich morgen machen soll.
Freuet euch übrigens meines hiesigen Aufenthalts! Rom ist mir nun
ganz familiär, und ich habe fast nichts mehr drin, was mich
überspannte. Die Gegenstände haben mich nach und nach zu sich
hinaufgehoben. Ich genieße immer reiner, immer mit mehr Kenntnis, das
gute Glück wird immer weiter helfen.
Hier liegt ein Blatt bei, das ich, abgeschrieben, den Freunden
mitzuteilen bitte. Auch darum ist der Aufenthalt in Rom so
interessant, weil es ein Mittelpunkt ist, nach dem sich so vieles
hinzieht. Die Sachen des Cassas sind außerordentlich schön. Ich habe
ihm manches in Gedanken gestohlen, das ich euch mitbringen will.
Ich bin immer fleißig. Nun hab' ich ein Köpfchen nach Gips gezeichnet,
um zu sehen, ob mein Prinzipium Stich hält. Ich finde, es paßt
vollkommen und erleichtert erstaunend das Machen. Man wollte nicht
glauben, daß ich's gemacht habe, und doch ist es noch nichts. Ich
sehe nun wohl, wie weit sich's mit Applikation bringen ließe.
Montag geht es wieder nach Frascati. Ich will sorgen, daß doch heute
über acht Tage ein Brief abgehen kann. Dann werd' ich wohl nach
Albano gehen. Es wird recht fleißig nach der Natur gezeichnet werden.
Ich mag nun von gar nichts mehr wissen, als etwas hervorzubringen und
meinen Sinn recht zu üben. Ich liege an dieser Krankheit von Jugend
auf krank, und gebe Gott, daß sie sich einmal auflöse.
Den 22. September.
Gestern war eine Prozession, wo sie das Blut des heiligen Franziskus
herumtrugen; ich spekulierte auf Köpfe und Gesichter, indes die Reihen
von Ordensgeistlichen vorbeizogen.
Ich habe mir eine Sammlung von zweihundert der besten
Antikengemmen-Abdrücke angeschafft. Es ist das Schönste, was man von
alter Arbeit hat, und zum Teil sind sie auch wegen der artigen
Gedanken gewählt. Man kann von Rom nichts Kostbareres mitnehmen,
besonders da die Abdrücke so außerordentlich schön und scharf sind.
Wie manches Gute werd' ich mitbringen, wenn ich mit meinem Schiffchen
zurückkehre, doch vor allem ein fröhliches Herz, fähiger, das Glück,
was mir Liebe und Freundschaft zudenkt, zu genießen. Nur muß ich
nichts wieder unternehmen, was außer dem Kreise meiner Fähigkeit liegt,
wo ich mich nur abarbeite und nichts fruchte.
Den 22. September.
Noch ein Blatt, meine Lieben, muß ich euch mit dieser Post eilig
schicken. Heute war mir ein sehr merkwürdiger Tag. Briefe von vielen
Freunden, von der Herzogin-Mutter, Nachricht von meinem gefeierten
Geburtsfeste und endlich meine Schriften.
Es ist mir wirklich sonderbar zumute, daß diese vier zarten Bändchen,
die Resultate eines halben Lebens, mich in Rom aufsuchen. Ich kann
wohl sagen: es ist kein Buchstabe drin, der nicht gelebt, empfunden,
genossen, gelitten, gedacht wäre, und sie sprechen mich nun alle desto
lebhafter an. Meine Sorge und Hoffnung ist, daß die vier folgenden
nicht hinter diesen bleiben. Ich danke euch für alles, was ihr an
diesen Blättern getan habt, und wünsche euch auch Freude bringen zu
können. Sorgt auch für die folgenden mit treuen Herzen!
Ihr vexiert mich über die Provinzen, und ich gestehe, der Ausdruck ist
sehr uneigentlich. Da kann man aber sehen, wie man sich in Rom
angewöhnt, alles grandios zu denken. Wirklich schein' ich mich zu
nationalisieren, denn man gibt den Römern schuld, daß sie nur von cose
grosse wissen und reden mögen.
Ich bin immer fleißig und halte mich nun an die menschliche Figur. O
wie weit und lang ist die Kunst, und wie unendlich wird die Welt, wenn
man sich nur einmal recht ans Endliche halten mag.
Dienstag, den 25., geh' ich nach Frascati und werde auch dort mühen
und arbeiten. Es fängt nun an zu gehen. Wenn es nur einmal recht
ginge.
Mir ist aufgefallen, daß in einer großen Stadt, in einem weiten Kreis
auch der ärmste, der Geringste sich empfindet, und an einem kleinen
Orte der Beste, der Reichste sich nicht fühlen, nicht Atem schöpfen
kann.
Frascati, den 28. September 1787.
Ich bin hier sehr glücklich, es wird den ganzen Tag bis in die Nacht
gezeichnet, gemalt, getuscht, geklebt, Handwerk und Kunst recht ex
professo getrieben. Rat Reiffenstein, mein Wirt, leistet Gesellschaft,
und wir sind munter und lustig. Abends werden die Villen im
Mondschein besucht, und sogar im Dunkeln die frappantesten Motive
nachgezeichnet. Einige haben wir aufgejagt, die ich nur einmal
auszuführen wünsche. Nun hoff' ich, daß auch die Zeit des Vollendens
kommen wird. Die Vollendung liegt nur zu weit, wenn man weit sieht.
Gestern fuhren wir nach Albano und wieder zurück; auch auf diesem Wege
sind viele Vögel im Fluge geschossen worden. Hier, wo man recht in
der Fülle sitzt, kann man sich was zugute tun, auch brenne ich recht
vor Leidenschaft, mir alles zuzueignen, und ich fühle, daß sich mein
Geschmack reinigt, nach dem Maße, wie meine Seele mehr Gegenstände
faßt. Wenn ich nur statt all des Redens einmal etwas Gutes schicken
könnte! Einige Kleinigkeiten gehen mit einem Landsmann an euch ab.
Wahrscheinlich hab' ich die Freude, Kaysern in Rom zu sehen. So wird
sich denn auch noch die Musik zu mir gesellen, um den Reihen zu
schließen, den die Künste um mich ziehen, gleichsam als wollten sie
mich verhindern, nach meinen Freunden zu sehen. Und doch darf ich
kaum das Kapitel berühren, wie sehr allein ich mich oft fühle, und
welche Sehnsucht mich ergreift, bei euch zu sein. Ich lebe doch nur
im Grunde im Taumel weg, will und kann nicht weiter denken.
Mit Moritz hab' ich recht gute Stunden, und habe angefangen, ihm mein
Pflanzensystem zu erklären, und jedesmal in seiner Gegenwart
aufzuschreiben, wie weit wir gekommen sind. Auf diese Art konnt' ich
allein etwas von meinen Gedanken zu Papier bringen. Wie faßlich aber
das Abstrakteste von dieser Vorstellungsart wird, wenn es mit der
rechten Methode vorgetragen wird und eine vorbereitete Seele findet,
seh' ich an meinem neuen Schüler. Er hat eine große Freude daran und
ruckt immer selbst mit Schlüssen vorwärts. Doch auf alle Fälle ist's
schwer zu schreiben und unmöglich aus dem bloßen Lesen zu begreifen,
wenn auch alles noch so eigentlich und scharf geschrieben wäre.
So lebe ich denn glücklich, weil ich in dem bin, was meines Vaters ist.
Grüßt alle, die mir's gönnen und mir direkt oder indirekt helfen,
mich fördern und erhalten!