Heute, kann ich sagen, ist "Egmont" fertig geworden; ich habe diese
Zeit her immer noch hier und da daran gearbeitet. Ich schicke ihn
über Zürich, denn ich wünsche, daß Kayser Zwischenakte dazu und was
sonst von Musik nötig ist, komponieren möge. Dann wünsch' ich euch
Freude daran.
Meine Kunststudien gehen sehr vorwärts, mein Prinzip paßt überall und
schließt mir alles auf. Alles, was Künstler nur einzeln mühsam
zusammensuchen müssen, liegt nun zusammen offen und frei vor mir. Ich
sehe jetzt, wie viel ich nicht weiß, und der Weg ist offen, alles zu
wissen und zu begreifen.
Moritzen hat Herders Gotteslehre sehr wohl getan, er zählt gewiß
Epoche seines Lebens davon, er hat sein Gemüt dahin geneigt und war
durch meinen Umgang vorbereitet, er schlug gleich wie wohl getrocknet
Holz in lichte Flammen.
Rom, den 3. September.
Heute ist es jährig, daß ich mich aus Karlsbad entfernte. Welch ein
Jahr! und welch eine sonderbare Epoche für mich dieser Tag, des
Herzogs Geburtstag und ein Geburtstag für mich zu einem neuen Leben.
Wie ich dieses Jahr genutzt, kann ich jetzt weder mir noch andern
berechnen; ich hoffe, es wird die Zeit kommen, die schöne Stunde, da
ich mit euch alles werde summieren können.
Jetzt gehn hier erst meine Studien an, und ich hätte Rom gar nicht
gesehen, wenn ich früher weggegangen wäre. Man denkt sich gar nicht,
was hier zu sehen und zu lernen ist; auswärts kann man keinen Begriff
davon haben.
Ich bin wieder in die ägyptischen Sachen gekommen. Diese Tage war ich
einigemal bei dem großen Obelisk, der noch zerbrochen zwischen Schutt
und Kot in einem Hofe liegt. Es war der Obelisk des Sesostris, in Rom
zu Ehren des Augusts aufgerichtet, und stand als Zeiger der großen
Sonnenuhr, die auf dem Boden des Campus Martius gezeichnet war.
Dieses älteste und herrlichste vieler Monumente liegt nun da
zerbrochen, einige Seiten (wahrscheinlich durchs Feuer) verunstaltet.
Und doch liegt es noch da, und die unzerstörten Seiten sind noch
frisch, wie gestern gemacht und von der schönsten Arbeit (in ihrer
Art). Ich lasse jetzt eine Sphinx der Spitze und die Gesichter von
Sphinxen, Menschen, Vögeln abformen und in Gips gießen. Diese
unschätzbaren Sachen muß man besitzen, besonders da man sagt, der
Papst wolle ihn aufrichten lassen, da man denn die Meroglyphen nicht
mehr erreichen kann. So will ich es auch mit den besten hetrurischen
Sachen tun u. s. w. Nun modelliere ich nach diesen Bildungen in Ton,
um mir alles recht eigen zu machen.
Den 5. September.
Ich muß an einem Morgen schreiben, der ein festlicher Morgen für mich
wird. Denn heute ist "Egmont" eigentlich recht völlig fertig geworden.
Der Titel und die Personen sind geschrieben und einige Lücken, die
ich gelassen hatte, ausgefüllt worden; nun freu' ich mich schon zum
voraus auf die Stunde, in welcher ihr ihn erhalten und lesen werdet.
Es sollen auch einige Zeichnungen beigelegt werden.
Den 6. September.
Ich hatte mir vorgenommen, euch recht viel zu schreiben und auf den
letzten Brief allerlei zu sagen, nun bin ich unterbrochen worden, und
morgen geh' ich nach Frascati. Dieser Brief muß Sonnabends fort, und
nun sag' ich nur noch zum Abschied wenige Worte. Wahrscheinlich habt
ihr jetzt auch schönes Wetter, wie wir es unter diesem freieren Himmel
genießen. Ich habe immer neue Gedanken, und da die Gegenstände um
mich tausendfach sind, so wecken sie mich bald zu dieser, bald zu
jener Idee. Von vielen Wegen rückt alles gleichsam auf einen Punkt
zusammen, ja, ich kann sagen, daß ich nun Licht sehe, wo es mit mir
und meinen Fähigkeiten hinaus will; so alt muß man werden, um nur
einen leidlichen Begriff von seinem Zustande zu haben. Es sind also
die Schwaben nicht allein, die vierzig Jahre brauchen, um klug zu
werden.
Ich höre, daß Herder nicht wohl ist, und bin darüber in Sorge, ich
hoffe bald bessere Nachrichten zu vernehmen.
Mir geht es immer an Leib und Seele gut, und fast kann ich hoffen,
radikaliter kuriert zu werden; alles geht mir leicht von der Hand, und
manchmal kommt ein Hauch der Jugendzeit, mich anzuwehen. "Egmont"
geht mit diesem Brief ab, wird aber später kommen, weil ich ihn auf
die fahrende Post gebe. Recht neugierig und verlangend bin ich, was
ihr dazu sagen werdet.
Vielleicht wäre gut, mit dem Druck bald anzufangen. Es würde mich
freuen, wenn das Stück so frisch ins Publikum käme. Seht, wie ihr das
einrichtet, ich will mit dem Rest des Bandes nicht zurückbleiben.
Der "Gott" leistet mir die beste Gesellschaft. Moritz ist dadurch
wirklich aufgebaut worden, es fehlte gleichsam nur an diesem Werke,
das nun als Schlußstein seine Gedanken schließt, die immer auseinander
fallen wollten. Es wird recht brav. Mich hat er aufgemuntert, in
natürlichen Dingen weiter vorzudringen, wo ich denn, besonders in der
Botanik, auf ein en kai pan gekommen bin, das mich in Erstaunen setzt;
wie weit es um sich greift, kann ich selbst noch nicht sehn.
Mein Prinzip, die Kunstwerke zu erklären und das auf einmal
aufzuschließen, woran Künstler und Kenner sich schon seit der
Wiederherstellung der Kunst zersuchen und zerstudieren, find' ich bei
jeder Anwendung richtiger. Eigentlich ist's auch ein Kolumbisches Ei.
Ohne zu sagen, daß ich einen solchen Kapitalschlüssel besitze,
sprech' ich nun die Teile zweckmäßig mit den Künstlern durch und sehe,
wie weit sie gekommen sind, was sie haben und wo es widerstößt. Die
Türe hab' ich offen und stehe auf der Schwelle und werde leider mich
von da aus nur im Tempel umsehen können und wieder scheiden.
So viel ist gewiß, die alten Künstler haben ebenso große Kenntnis der
Natur und einen ebenso sichern Begriff von dem, was sich vorstellen
läßt und wie es vorgestellt werden muß, gehabt als Homer. Leider ist
die Anzahl der Kunstwerke der ersten Klasse gar zu klein. Wenn man
aber auch diese sieht, so hat man nichts zu wünschen, als sie recht zu
erkennen und dann in Friede hinzufahren. Diese hohen Kunstwerke sind
zugleich als die höchsten Naturwerke von Menschen nach wahren und
natürlichen Gesetzen hervorgebracht worden. Alles Willkürliche,
Eingebildete fällt zusammen, da ist die Notwendigkeit, da ist Gott.
In einigen Tagen werde ich die Arbeiten eines geschickten Architekten
sehen, der selbst in Palmyra war und die Gegenstände mit großem
Verstand und Geschmack gezeichnet hat. Ich gebe gleich Nachricht
davon und erwarte mit Verlangen eure Gedanken über diese wichtigen
Ruinen.
Freut euch mit mir, daß ich glücklich bin, ja, ich kann wohl sagen,
ich war es nie in dem Maße: mit der größten Ruhe und Reinheit eine
eingeborne Leidenschaft befriedigen zu können und von einem
anhaltenden Vergnügen einen dauernden Nutzen sich versprechen zu
dürfen, ist wohl nichts Geringes. Könnte ich meinen Geliebten nur
etwas von meinem Genuß und meiner Empfindung mitteilen.
Ich hoffe, die trüben Wolken am politischen Himmel sollen sich
zerstreuen. Unsre modernen Kriege machen viele unglücklich, indessen
sie dauern, und niemand glücklich, wenn sie vorbei sind.