Den 1. September 1787

Heute, kann ich sagen, ist "Egmont" fertig geworden; ich habe diese

Zeit her immer noch hier und da daran gearbeitet. Ich schicke ihn

über Zürich, denn ich wünsche, daß Kayser Zwischenakte dazu und was

sonst von Musik nötig ist, komponieren möge. Dann wünsch' ich euch

Freude daran.

Meine Kunststudien gehen sehr vorwärts, mein Prinzip paßt überall und

schließt mir alles auf. Alles, was Künstler nur einzeln mühsam

zusammensuchen müssen, liegt nun zusammen offen und frei vor mir. Ich

sehe jetzt, wie viel ich nicht weiß, und der Weg ist offen, alles zu

wissen und zu begreifen.

Moritzen hat Herders Gotteslehre sehr wohl getan, er zählt gewiß

Epoche seines Lebens davon, er hat sein Gemüt dahin geneigt und war

durch meinen Umgang vorbereitet, er schlug gleich wie wohl getrocknet

Holz in lichte Flammen.

Rom, den 3. September.

Heute ist es jährig, daß ich mich aus Karlsbad entfernte. Welch ein

Jahr! und welch eine sonderbare Epoche für mich dieser Tag, des

Herzogs Geburtstag und ein Geburtstag für mich zu einem neuen Leben.

Wie ich dieses Jahr genutzt, kann ich jetzt weder mir noch andern

berechnen; ich hoffe, es wird die Zeit kommen, die schöne Stunde, da

ich mit euch alles werde summieren können.

Jetzt gehn hier erst meine Studien an, und ich hätte Rom gar nicht

gesehen, wenn ich früher weggegangen wäre. Man denkt sich gar nicht,

was hier zu sehen und zu lernen ist; auswärts kann man keinen Begriff

davon haben.

Ich bin wieder in die ägyptischen Sachen gekommen. Diese Tage war ich

einigemal bei dem großen Obelisk, der noch zerbrochen zwischen Schutt

und Kot in einem Hofe liegt. Es war der Obelisk des Sesostris, in Rom

zu Ehren des Augusts aufgerichtet, und stand als Zeiger der großen

Sonnenuhr, die auf dem Boden des Campus Martius gezeichnet war.

Dieses älteste und herrlichste vieler Monumente liegt nun da

zerbrochen, einige Seiten (wahrscheinlich durchs Feuer) verunstaltet.

Und doch liegt es noch da, und die unzerstörten Seiten sind noch

frisch, wie gestern gemacht und von der schönsten Arbeit (in ihrer

Art). Ich lasse jetzt eine Sphinx der Spitze und die Gesichter von

Sphinxen, Menschen, Vögeln abformen und in Gips gießen. Diese

unschätzbaren Sachen muß man besitzen, besonders da man sagt, der

Papst wolle ihn aufrichten lassen, da man denn die Meroglyphen nicht

mehr erreichen kann. So will ich es auch mit den besten hetrurischen

Sachen tun u. s. w. Nun modelliere ich nach diesen Bildungen in Ton,

um mir alles recht eigen zu machen.

Den 5. September.

Ich muß an einem Morgen schreiben, der ein festlicher Morgen für mich

wird. Denn heute ist "Egmont" eigentlich recht völlig fertig geworden.

Der Titel und die Personen sind geschrieben und einige Lücken, die

ich gelassen hatte, ausgefüllt worden; nun freu' ich mich schon zum

voraus auf die Stunde, in welcher ihr ihn erhalten und lesen werdet.

Es sollen auch einige Zeichnungen beigelegt werden.

Den 6. September.

Ich hatte mir vorgenommen, euch recht viel zu schreiben und auf den

letzten Brief allerlei zu sagen, nun bin ich unterbrochen worden, und

morgen geh' ich nach Frascati. Dieser Brief muß Sonnabends fort, und

nun sag' ich nur noch zum Abschied wenige Worte. Wahrscheinlich habt

ihr jetzt auch schönes Wetter, wie wir es unter diesem freieren Himmel

genießen. Ich habe immer neue Gedanken, und da die Gegenstände um

mich tausendfach sind, so wecken sie mich bald zu dieser, bald zu

jener Idee. Von vielen Wegen rückt alles gleichsam auf einen Punkt

zusammen, ja, ich kann sagen, daß ich nun Licht sehe, wo es mit mir

und meinen Fähigkeiten hinaus will; so alt muß man werden, um nur

einen leidlichen Begriff von seinem Zustande zu haben. Es sind also

die Schwaben nicht allein, die vierzig Jahre brauchen, um klug zu

werden.

Ich höre, daß Herder nicht wohl ist, und bin darüber in Sorge, ich

hoffe bald bessere Nachrichten zu vernehmen.

Mir geht es immer an Leib und Seele gut, und fast kann ich hoffen,

radikaliter kuriert zu werden; alles geht mir leicht von der Hand, und

manchmal kommt ein Hauch der Jugendzeit, mich anzuwehen. "Egmont"

geht mit diesem Brief ab, wird aber später kommen, weil ich ihn auf

die fahrende Post gebe. Recht neugierig und verlangend bin ich, was

ihr dazu sagen werdet.

Vielleicht wäre gut, mit dem Druck bald anzufangen. Es würde mich

freuen, wenn das Stück so frisch ins Publikum käme. Seht, wie ihr das

einrichtet, ich will mit dem Rest des Bandes nicht zurückbleiben.

Der "Gott" leistet mir die beste Gesellschaft. Moritz ist dadurch

wirklich aufgebaut worden, es fehlte gleichsam nur an diesem Werke,

das nun als Schlußstein seine Gedanken schließt, die immer auseinander

fallen wollten. Es wird recht brav. Mich hat er aufgemuntert, in

natürlichen Dingen weiter vorzudringen, wo ich denn, besonders in der

Botanik, auf ein en kai pan gekommen bin, das mich in Erstaunen setzt;

wie weit es um sich greift, kann ich selbst noch nicht sehn.

Mein Prinzip, die Kunstwerke zu erklären und das auf einmal

aufzuschließen, woran Künstler und Kenner sich schon seit der

Wiederherstellung der Kunst zersuchen und zerstudieren, find' ich bei

jeder Anwendung richtiger. Eigentlich ist's auch ein Kolumbisches Ei.

Ohne zu sagen, daß ich einen solchen Kapitalschlüssel besitze,

sprech' ich nun die Teile zweckmäßig mit den Künstlern durch und sehe,

wie weit sie gekommen sind, was sie haben und wo es widerstößt. Die

Türe hab' ich offen und stehe auf der Schwelle und werde leider mich

von da aus nur im Tempel umsehen können und wieder scheiden.

So viel ist gewiß, die alten Künstler haben ebenso große Kenntnis der

Natur und einen ebenso sichern Begriff von dem, was sich vorstellen

läßt und wie es vorgestellt werden muß, gehabt als Homer. Leider ist

die Anzahl der Kunstwerke der ersten Klasse gar zu klein. Wenn man

aber auch diese sieht, so hat man nichts zu wünschen, als sie recht zu

erkennen und dann in Friede hinzufahren. Diese hohen Kunstwerke sind

zugleich als die höchsten Naturwerke von Menschen nach wahren und

natürlichen Gesetzen hervorgebracht worden. Alles Willkürliche,

Eingebildete fällt zusammen, da ist die Notwendigkeit, da ist Gott.

In einigen Tagen werde ich die Arbeiten eines geschickten Architekten

sehen, der selbst in Palmyra war und die Gegenstände mit großem

Verstand und Geschmack gezeichnet hat. Ich gebe gleich Nachricht

davon und erwarte mit Verlangen eure Gedanken über diese wichtigen

Ruinen.

Freut euch mit mir, daß ich glücklich bin, ja, ich kann wohl sagen,

ich war es nie in dem Maße: mit der größten Ruhe und Reinheit eine

eingeborne Leidenschaft befriedigen zu können und von einem

anhaltenden Vergnügen einen dauernden Nutzen sich versprechen zu

dürfen, ist wohl nichts Geringes. Könnte ich meinen Geliebten nur

etwas von meinem Genuß und meiner Empfindung mitteilen.

Ich hoffe, die trüben Wolken am politischen Himmel sollen sich

zerstreuen. Unsre modernen Kriege machen viele unglücklich, indessen

sie dauern, und niemand glücklich, wenn sie vorbei sind.

Italienische Reise — Band 2 · 第 39 / 91 题