Wer an sich erfahren hat, was ein reichhaltiger Gedanke heißen will,
er sei nun aus uns selbst entsprungen oder von andern mitgeteilt und
eingeimpft, wird gestehen, was dadurch für eine leidenschaftliche
Bewegung in unserm Geiste hervorgebracht werde, wie wir uns begeistert
fühlen, indem wir alles dasjenige in Gesamtheit vorausahnen, was in
der Folge sich mehr und mehr entwickeln, wozu das Entwickelte weiter
führen soll. Dieses bedenkend, wird man mir zugestehen, daß ich von
einem solchen Gewahrwerden wie von einer Leidenschaft eingenommen und
getrieben worden, und, wo nicht ausschließlich, doch durch alles
übrige Leben hindurch mich damit beschäftigen müssen.
So sehr nun auch diese Neigung mich innerlichst ergriffen hatte, so
war doch an kein geregeltes Studium nach meiner Rückkehr in Rom zu
denken; Poesie, Kunst und Altertum, jedes forderte mich gewissermaßen
ganz, und ich habe in meinem Leben nicht leicht operosere, mühsamer
beschäftigte Tage zugebracht. Männern vom Fach wird es vielleicht gar
zu naiv vorkommen, wenn ich erzähle, wie ich tagtäglich in einem jeden
Garten, auf Spaziergängen, kleinen Lustfahrten mich der neben mir
bemerkten Pflanzen bemächtigte. Besonders bei der eintretenden
Samenreife war es mir wichtig, zu beobachten, wie manche davon an das
Tageslicht hervortraten. So wendete ich meine Aufmerksamkeit auf das
Keimen des während seines Wachstums unförmlichen Cactus opuntia und
sah mit Vergnügen, daß er ganz unschuldig dikotyledonisch sich in zwei
zarten Blättchen enthüllte, sodann aber bei fernerem Wuchse sich die
künftige Unform entwickelte.
Auch mit Samenkapseln begegnete mir etwas Auffallendes; ich hatte
derselben mehrere von Acanthus mollis nach Hause getragen und in einem
offenen Kästchen niedergelegt; nun geschah es in einer Nacht, daß ich
ein Knistern hörte und bald darauf das Umherspringen an Decke und
Wände, wie von kleinen Körpern. Ich erklärte mir's nicht gleich, fand
aber nachher meine Schoten aufgesprungen und die Samen umher zerstreut.
Die Trockne des Zimmers hatte die Reife bis zu solcher Elastizität
in wenigen Tagen vollendet.
Unter den vielen Samen, die ich auf diese Weise beobachtete, muß ich
einiger noch erwähnen, weil sie zu meinem Andenken kürzer oder länger
in dem alten Rom fortwuchsen. Pinienkerne gingen gar merkwürdig auf,
sie huben sich wie in einem Ei eingeschlossen empor, warfen aber diese
Haube bald ab und zeigten in einem Kranze von grünen Nadeln schon die
Anfänge ihrer künftigen Bestimmung.
Galt das Bisherige der Fortpflanzung durch Samen, so ward ich auf die
Fortpflanzung durch Augen nicht weniger aufmerksam gemacht, und zwar
durch Rat Reiffenstein, der auf allen Spaziergängen, hier und dort
einen Zweig abreißend, bis zur Pedanterie behauptete, in die Erde
gesteckt, müsse jeder sogleich fortwachsen. Zum entscheidenden Beweis
zeigte er dergleichen Stecklinge gar wohl angeschlagen in seinem
Garten. Und wie bedeutend ist nicht in der Folgezeit eine solche
allgemein versuchte Vermehrung für die botanische Gärtnerei geworden,
die ich ihm wohl zu erleben gewünscht hätte.
Am auffallendsten war mir jedoch ein strauchartig in die Höhe
gewachsener Nelkenstock. Man kennt die gewaltige Lebens--und
Vermehrungskraft dieser Pflanze; Auge ist über Auge an ihren Zweigen
gedrängt, Knoten in Knoten hineingetrichtert; dieses wird nun hier
durch Dauer gesteigert und die Augen aus unerforschlicher Enge zur
höchstmöglichen Entwickelung getrieben, so daß selbst die vollendete
Blume wieder vier vollendete Blumen aus ihrem Busen hervorbrachte.
Zur Aufbewahrung dieser Wundergestalt kein Mittel vor mir sehend,
unternahm ich es, sie genau zu zeichnen, wobei ich immer zu mehrerer
Einsicht in den Grundbegriff der Metamorphose gelangte. Allein die
Zerstreuung durch so vielerlei Obliegenheiten ward nur desto
zudringlicher, und mein Aufenthalt in Rom, dessen Ende ich voraussah,
immer peinlicher und belasteter.
Nachdem ich mich nun so geraume Zeit ganz im stillen gehalten und von
aller höheren zerstreuenden Gesellschaft fern geblieben, begingen wir
einen Fehler, der die Aufmerksamkeit des ganzen Quartiers, nicht
weniger der nach neuen und seltsamen Vorfällen sich umschauenden
Sozietät auf uns richtete. Die Sache verhielt sich aber also:
Angelika kam nie ins Theater, wir untersuchten nicht, aus welcher
Ursache; aber da wir als leidenschaftliche Bühnenfreunde in ihrer
Gegenwart die Anmut und Gewandtheit der Sänger sowie die Wirksamkeit
der Musik unseres Cimarosa nicht genugsam zu rühmen wußten und nichts
sehnlicher wünschten, als sie solcher Genüsse teilhaftig zu machen, so
ergab sich eins aus dem andern, daß nämlich unsere jungen Leute,
besonders Bury, der mit den Sängern und Musikverwandten in dem besten
Vernehmen stand, es dahin brachte, daß diese sich in heiterer
Gesinnung erboten, auch vor uns, ihren leidenschaftlichen Freunden und
entschieden Beifall Gebenden, gelegentlich einmal in unserm Saale
Musik machen und singen zu wollen. Dergleichen Vorhaben, öfters
besprochen, vorgeschlagen und verzögert, gelangte doch endlich nach
dem Wunsche der jüngern Teilnehmer zur fröhlichen Wirklichkeit.
Konzertmeister Kranz, ein geübter Violinist, in herzogl. weimarischen
Diensten, der sich in Italien auszubilden Urlaub hatte, gab zuletzt
durch seine unvermutete Ankunft eine baldige Entscheidung. Sein
Talent legte sich auf die Waage der Musiklustigen, und wir sahen uns
in den Fall versetzt, Madam Angelika, ihren Gemahl, Hofrat
Reiffenstein, die Herren Jenkins, Volpato und wem wir sonst eine
Artigkeit schuldig waren, zu einem anständigen Feste einladen zu
können. Juden und Tapezier hatten den Saal geschmückt, der nächste
Kaffeewirt die Erfrischungen übernommen, und so ward ein glänzendes
Konzert aufgeführt in der schönsten Sommernacht, wo sich große Massen
von Menschen unter den Fenstern versammelten und, als wären sie im
Theater gegenwärtig, die Gesänge gehörig beklatschten.
Ja, was das Auffallendste war, ein großer mit einem Orchester von
Musikfreunden besetzter Gesellschaftswagen, der soeben durch die
nächtliche Stadt seine Lustrunde zu machen beliebte, hielt unter
unsern Fenstern stille, und nachdem er den obern Bemühungen lebhaften
Beifall geschenkt hatte, ließ sich eine wackre Baßstimme vernehmen,
die eine der beliebtesten Arien eben der Oper, welche wir stückweise
vortrugen, von allen Instrumenten begleitet, hinzugesellte. Wir
erwiderten den vollsten Beifall, das Volk klatschte mit drein, und
jedermann versicherte, an so mancher Nachtlust, niemals aber an einer
so vollkommenen, zufällig gelungenen teilgenommen zu haben.
Auf einmal nun zog unsere zwar anständige, aber doch stille Wohnung
dem Palast Rondanini gegenüber die Aufmerksamkeit des Korso auf sich.
Ein reicher Mylordo, hieß es, müsse da eingezogen sein, niemand aber
wußte ihn unter den bekannten Persönlichkeiten zu finden und zu
entziffern. Freilich, hätte ein dergleichen Fest sollen mit barem
Gelde geleistet werden, so würde dasjenige, was hier von Künstlern
Künstlern zuliebe geschah und mit mäßigem Aufwand zur Ausführung zu
bringen war, bedeutende Kosten verursacht haben. Wir setzten nun zwar
unser voriges stilles Leben fort, konnten aber das Vorurteil von
Reichtum und vornehmer Geburt nicht mehr von uns ablehnen.
Zu einer lebhaftern Geselligkeit gab die Ankunft des Grafen Fries
jedoch neuen Anlaß. Er hatte den Abbate Casti bei sich, welcher durch
Vorlesung seiner damals noch ungedruckten galanten Erzählungen große
Lust erregte; sein heiterer freier Vortrag schien jene geistreichen,
übermäßig genialen Darstellungen vollkommen ins Leben zu bringen. Wir
bedauerten nur, daß ein so gutgesinnter reicher Kunstliebhaber nicht
immer von den zuverlässigsten Menschen bedient werde. Der Ankauf
eines untergeschobenen geschnittenen Steines machte viel Reden und
Verdruß. Er konnte sich indessen über den Ankauf einer schönen Statue
gar wohl erfreuen, die einen Paris, nach der Auslegung anderer einen
Mithras, vorstellte. Das Gegenbild steht jetzt im Museo
Pio-Clementino, beide waren zusammen in einer Sandgrube gefunden
worden. Doch waren es nicht die Unterhändler in Kunstgeschäften
allein, die ihm auflauerten, er hatte manches Abenteuer zu bestehen;
und da er sich überhaupt in der heißen Jahrszeit nicht zu schonen
wußte, so konnt' es nicht fehlen, daß er von mancherlei übeln
angefallen wurde, welche die letzten Tage seines Aufenthalts
verbitterten. Mir aber war es um so schmerzlicher, als ich seiner
Gefälligkeit gar manches schuldig geworden; wie ich denn auch die
treffliche Gemmensammlung des Prinzen von Piombino mit ihm zu
betrachten günstige Gelegenheit fand.
Beim Grafen Fries fanden sich außer den Kunsthändlern auch wohl derart
Literatoren, wie sie hier in Abbétracht herumwandern. Mit diesen war
kein angenehmes Gespräch. Kaum hatte man von nationaler Dichtung zu
sprechen angefangen und sich über ein und andern Punkt zu belehren
gesucht, so mußte man unmittelbar und ohne weiteres die Frage
vernehmen, ob man Ariost oder Tasso, welchen von beiden man für den
größten Dichter halte. Antwortete man: Gott und der Natur sei zu
danken, daß sie zwei solche vorzügliche Männer einer Nation gegönnt,
deren jeder uns nach Zeit und Umständen, nach Lagen und Empfindungen
die herrlichsten Augenblicke verliehen, uns beruhigt und
entzückt--dies vernünftige Wort ließ niemand gelten. Nun wurde
derjenige, für den man sich entschieden hatte, hoch und höher gehoben,
der andere tief und tiefer dagegen herabgesetzt. Die ersten Male
sucht' ich die Verteidigung des Herabgesetzten zu übernehmen und seine
Vorzüge geltend zu machen; dies aber verfing nicht, man hatte Partei
ergriffen und blieb auf seinem Sinne. Da nun ebendasselbe immerfort
und fort sich wiederholte und es mir zu ernst war, um dialektisch über
dergleichen Gegenstände zu kontroversieren, so vermied ich ein solches
Gespräch, besonders da ich merkte, daß es nur Phrasen waren, die man,
ohne eigentliches Interesse an dem Gegenstande zu finden, aussprach
und behauptete.
Viel schlimmer aber war es, wenn Dante zur Sprache kam. Ein junger
Mann von Stande und Geist und wirklichem Anteil an jenem
außerordentlichen Manne nahm meinen Beifall und Billigung nicht zum
besten auf, indem er ganz unbewunden versicherte, jeder Ausländer
müsse Verzicht tun auf das Verständnis eines so außerordentlichen
Geistes, dem ja selbst die Italiener nicht in allem folgen könnten.
Nach einigen Hin--und Widerreden verdroß es mich denn doch zuletzt,
und ich sagte, ich müsse bekennen, daß ich geneigt sei, seinen
äußerungen Beifall zu geben; denn ich habe nie begreifen können, wie
man sich mit diesen Gedichten beschäftigen möge. Mir komme die
"Hölle" ganz abscheulich vor, das "Fegefeuer" zweideutig und das
"Paradies" langweilig; womit er sehr zufrieden war, indem er daraus
ein Argument für seine Behauptung zog: dies eben beweise, daß ich
nicht die Tiefe und Höhe dieser Gedichte zum Verständnis bringen könne.
Wir schieden als die besten Freunde; er versprach mit sogar einige
schwere Stellen, über die er lange nachgedacht und über deren Sinn er
endlich mit sich einig geworden sei, mitzuteilen und zu erklären.
Leider war die Unterhaltung mit Künstlern und Kunstfreunden nicht
erbaulicher. Man verzieh jedoch endlich andern den Fehler, den man an
sich bekennen mußte. Bald war es Raffael, bald Michelangelo, dem man
den Vorzug gab, woraus denn am Schluß nur hervorging, der Mensch sei
ein so beschränktes Wesen, daß, wenn sein Geist sich auch dem Großen
geöffnet habe, er doch niemals die Großheiten verschiedener Art
ebenmäßig zu würdigen und anzuerkennen Fähigkeit erlange.
Wenn wir Tischbeins Gegenwart und Einfluß vermißten, so hielt er uns
dagegen durch sehr lebendige Briefe möglichst schadlos. Außer manchen
geistreich aufgefaßten wunderlichen Vorfällen und genialen Ansichten
erfuhren wir das Nähere durch Zeichnung und Skizze von einem Gemälde
mit welchem er sich daselbst hervortat. In halben Figuren sah man
darauf Oresten, wie er am Opferaltar von Iphigenien erkannt wird und
die ihn bisher verfolgenden Furien soeben entweichen. Iphigenie war
das wohlgetroffene Bildnis der Lady Hamilton, welche damals auf dem
höchsten Gipfel der Schönheit und des Ansehens glänzte. Auch eine der
Furien war durch die ähnlichkeit mit ihr veredelt, wie sie denn
überhaupt als Typus für alle Heroinen, Musen und Halbgöttinnen gelten
mußte. Ein Künstler, der dergleichen vermochte, war in dem
bedeutenden geselligen Kreise eines Ritter Hamilton sehr wohl
aufgenommen.