Juli

Um Nachstehendes, welches ich nunmehr einzuführen gedenke,

schicklicherweise vorzubereiten, halte für nötig, einige Stellen aus

dem vorigen Bande, welche dort, im Lauf der Ereignisse, der

Aufmerksamkeit möchten entgangen sein, hier einzuschalten und die mir

so wichtige Angelegenheit den Freunden der Naturwissenschaft dadurch

abermals zu empfehlen.

Palermo, Dienstag, den 17. April 1787.

Es ist ein wahres Unglück, wenn man von vielerlei Geistern verfolgt

und versucht wird! Heute früh ging ich mit dem festen, ruhigen

Vorsatz, meine dichterischen Träume fortzusetzen, nach dem

öffentlichen Garten, allein eh' ich mich's versah, erhaschte mich ein

anderes Gespenst, das mir schon diese Tage nachgeschlichen. Die

vielen Pflanzen, die ich sonst nur in Kübeln und Töpfen, ja die größte

Zeit des Jahres nur hinter Glasfenstern zu sehen gewohnt war, stehen

hier froh und frisch unter freiem Himmel, und indem sie ihre

Bestimmung vollkommen erfüllen, werden sie uns deutlicher. Im

Angesicht so vielerlei neuen und erneuten Gebildes fiel mir die alte

Grille wieder ein, ob ich nicht unter dieser Schar die Urpflanze

entdecken könnte. Eine solche muß es denn doch geben! Woran würde

ich sonst erkennen, daß dieses oder jenes Gebilde eine Pflanze sei,

wenn sie nicht alle nach einem Muster gebildet wären?

Ich bemühte mich, zu untersuchen, worin denn die vielen abweichenden

Gestalten voneinander unterschieden seien. Und ich fand sie immer

mehr ähnlich als verschieden, und wollte ich meine botanische

Terminologie anbringen, so ging das wohl, aber es fruchtete nicht, es

machte mich unruhig, ohne daß es mir weiterhalf. Gestört war mein

guter poetischer Vorsatz, der Garten des Alcinous war verschwunden,

ein Weltgarten hatte sich aufgetan. Warum sind wir Neueren doch so

zerstreut, warum gereizt zu Forderungen, die wir nicht erreichen noch

erfüllen können!

Neapel, den 17. Mai 1787.

Ferner muß ich dir vertrauen, daß ich dem Geheimnis der

Pflanzenzeugung und -organisation ganz nahe bin, und daß es das

Einfachste ist, was nur gedacht werden kann. Unter diesem Himmel kann

man die schönsten Beobachtungen machen. Den Hauptpunkt, wo der Keim

steckt, habe ich ganz klar und zweifellos gefunden, alles übrige seh'

ich auch schon im ganzen, und nur noch einige Punkte müssen bestimmter

werden. Die Urpflanze wird das wunderlichste Geschöpf von der Welt,

um welches mich die Natur selbst beneiden soll. Mit diesem Modell und

dem Schlüssel dazu kann man alsdann noch Pflanzen ins Unendliche

erfinden, die konsequent sein müssen, das heißt: die, wenn sie auch

nicht existieren, doch existieren könnten und nicht etwa malerische

oder dichterische Schatten und Scheine sind, sondern eine innerliche

Wahrheit und Notwendigkeit haben. Dasselbe Gesetz wird sich auf alles

übrige Lebendige anwenden lassen.

So viel aber sei hier, ferneres Verständnis vorzubereiten, kürzlich

ausgesprochen: Es war mir nämlich aufgegangen, daß in demjenigen Organ

der Pflanze, welches wir als Blatt gewöhnlich anzusprechen pflegen,

der wahre Proteus verborgen liege, der sich in allen Gestaltungen

verstecken und offenbaren könne. Vorwärts und rückwärts ist die

Pflanze immer nur Blatt, mit dem künftigen Keime so unzertrennlich

vereint, daß man eins ohne das andere nicht denken darf. Einen

solchen Begriff zu fassen, zu ertragen, ihn in der Natur aufzufinden,

ist eine Aufgabe, die uns in einen peinlich süßen Zustand versetzt.

Italienische Reise — Band 2 · 第 30 / 91 题