Tischbein an Goethe

Neapel, den 10. Juli 1787.

Unsere Reise von Rom bis Capua war sehr glücklich und angenehm. In

Albano kam Hackert zu uns; in Velletri speisten wir bei Kardinal

Borgia und besahen dessen Museum, zu meinem besondern Vergnügen, weil

ich manches bemerkte, das ich im ersten Mal übergangen hatte. Um drei

Uhr nachmittags reisten wir wieder ab, durch die pontinischen Sümpfe,

die mir dieses Mal auch viel besser gefielen als im Winter, weil die

grünen Bäume und Hecken diesen großen Ebenen eine anmutige

Verschiedenheit geben. Wir fanden uns kurz vor der Abenddämmerung in

Mitte der Sümpfe, wo die Post wechselt. Während der Zeit aber, als

die Postillons alle Beredsamkeit anwendeten, uns Geld abzunötigen,

fand ein mutiger Schimmelhengst Gelegenheit, sich loszureißen und

fortzurennen; das gab ein Schauspiel, welches uns viel Vergnügen

machte. Es war ein schneeweißes schönes Pferd von prächtiger Gestalt;

er zerriß die Zügel, womit er angebunden war, hackte mit den

Vorderfüßen nach dem, der ihn aufhalten wollte, schlug hinten aus und

machte ein solches Geschrei mit Wiehern, daß alles aus Furcht

beiseitetrat. Nun sprang er übern Graben und galoppierte über das

Feld, beständig schnaubend und wiehernd. Schweif und Mähnen

flatterten hoch in die Luft auf, und seine Gestalt in freier Bewegung

war so schön, daß alles ausrief: "O che bellezze! che bellezze!" Dann

lief er nah an einem andern Graben hin und wider und suchte eine

schmale Stelle, um überzuspringen und zu den Fohlen und Stuten zu

kommen, deren viele hundert jenseits weideten. Endlich gelang es ihm,

hinüberzuspringen, und nun setzte er unter die Stuten, die ruhig

graseten. Die erschraken vor seiner Wildheit und seinem Geschrei,

liefen in langer Reihe und flohen über das flache Feld vor ihm hin; er

aber immer hintendrein, indem er aufzuspringen versuchte.

Endlich trieb er eine Stute abseits; die eilte nun auf ein ander Feld

zu einer andern zahlreichen Versammlung von Stuten. Auch diese, von

Schrecken ergriffen, schlugen hinüber zu dem ersten Haufen. Nun war

das Feld schwarz von Pferden, wo der weiße Hengst immer drunter

herumsprang, alles in Schrecken und Wildheit. Die Herde lief in

langen Reihen auf dem Felde hin und her, es sauste die Luft und

donnerte die Erde, wo die Kraft der schweren Pferde überhinflog. Wir

sahen lange mit Vergnügen zu, wie der Trupp von so vielen Hunderten

auf dem Feld herumgaloppierte, bald in einem Klump, bald geteilt,

jetzt zerstreut einzeln umherlaufend, bald in langen Reihen über den

Boden hinrennend.

Endlich beraubte uns die Dunkelheit der einbrechenden Nacht dieses

einzigen Schauspiels, und als der klarste Mond hinter den Bergen

aufstieg, verlosch das Licht unsrer angezündeten Laternen. Doch da

ich mich lange an seinem sanften Schein vergnügt hatte, konnte ich

mich des Schlafs nicht mehr erwehren, und mit aller Furcht vor der

ungesunden Luft schlief ich länger als eine Stunde und erwachte nicht

eher, bis wir zu Terracina ankamen, wo wir die Pferde wechselten.

Hier waren die Postillons sehr artig, wegen der Furcht, welche ihnen

der Marchese Lucchesini eingejagt hatte; sie gaben uns die besten

Pferde und Führer, weil der Weg zwischen den großen Klippen und dem

Meer gefährlich ist. Hier sind schon manche Unglücke geschehen,

besonders nachts, wo die Pferde leicht scheu werden. Während des

Anspannens und indessen man den Paß an die letzte römische Wache

vorzeigte, ging ich zwischen den hohen Felsen und dem Meer spazieren

und erblickte den größten Effekt: der dunkle Fels vom Mond glänzend

erleuchtet, der eine lebhaft flimmernde Säule in das blaue Meer warf

und bis auf die am Ufer schwankenden Wellen heranflimmerte.

Da oben auf der Zinne des Berges im dämmernden Blau lagen die Trümmer

von Genserichs zerfallener Burg; sie machte mich an vergangene Zeiten

denken, ich fühlte des unglücklichen Konradins Sehnsucht, sich zu

retten, wie des Cicero und des Marius, die sich alle in dieser Gegend

geängstigt hatten.

Schön war es nun fernerhin an dem Berg, zwischen den großen

herabgerollten Felsenklumpen am Saume des Meers im Mondenlicht

herzufahren. Deutlich beleuchtet waren die Gruppen der Olivenbäume,

Palmen und Pinien bei Fondi; aber die Vorzüge der Zitronenwälder

vermißte man, sie stehen nur in ihrer ganzen Pracht, wenn die Sonne

auf die goldglänzenden Früchte scheint. Nun ging es über den Berg, wo

die vielen Oliven--und Johannisbrotbäume stehen, und es war schon Tag

geworden, als wir bei den Ruinen der antiken Stadt, wo die vielen

überbleibsel von Grabmälern sind, ankamen. Das größte darunter soll

dem Cicero errichtet worden sein, eben an dem Ort, wo er ermordet

worden. Es war schon einige Stunden Tag, als wir an den erfreulichen

Meerbusen zu Mola di Gaeta ankamen. Die Fischer mit ihrer Beute

kehrten schon wieder zurück, das machte den Strand sehr lebhaft.

Einige trugen die Fische und Meerfrüchte in Körben weg, die andern

bereiteten die Garne schon wieder auf einen künftigen Fang. Von da

fuhren wir nach Garigliano, wo Cavaliere Venuti graben läßt. Hier

verließ uns Hackert, denn er eilte nach Caserta, und wir gingen

abwärts von der Straße herunter an das Meer, wo ein Frühstück für uns

bereitet war, welches wohl für ein Mittagessen gelten konnte. Hier

waren die ausgegrabenen Antiken aufgehoben, die aber jämmerlich

zerschlagen sind. Unter andern schönen Sachen findet sich ein Bein

von einer Statue, die dem Apoll von Belvedere nicht viel nachgeben mag.

Es wär' ein Glück, wenn man das übrige dazu fände.

Wir hatten uns aus Müdigkeit etwas schlafen gelegt, und da wir wieder

erwachten, fanden wir uns in Gesellschaft einer angenehmen Familie,

die in dieser Gegend wohnt und hierher gekommen war, um uns ein

Mittagsmahl zu geben; welche Aufmerksamkeit wir freilich Herrn Hackert

schuldig sein mochten, der sich aber schon entfernt hatte. Es stand

also wieder aufs neue ein Tisch bereitet; ich aber konnte nicht essen

noch sitzenbleiben, so gut auch die Gesellschaft war, sondern ging am

Meer spazieren zwischen den Steinen, worunter sich sehr wunderliche

befanden, besonders vieles durch Meerinsekten durchlöchert, deren

einige aussahen wie ein Schwamm.

Hier begegnete mir auch etwas recht Vergnügliches: ein Ziegenhirt

trieb an den Strand des Meeres; die Ziegen kamen in das Wasser und

kühlten sich ab. Nun kam auch der Schweinehirt dazu, und unter der

Zeit, daß die beiden Herden sich in den Wellen erfrischten, setzten

sich beide Hirten in den Schatten und machten Musik; der Schweinehirt

auf einer Flöte, der Ziegenhirt auf dem Dudelsack. Endlich ritt ein

erwachsener Knabe nackend heran und ging so tief in das Wasser, so

tief, daß das Pferd mit ihm schwamm. Das sah nun gar schön aus, wenn

der wohlgewachsene Junge so nah ans Ufer kam, daß man seine ganze

Gestalt sah, und er sodann wieder in das tiefe Meer zurückkehrte, wo

man nichts weiter sah als den Kopf des schwimmenden Pferdes, ihn aber

bis an die Schultern.

Um drei Uhr nachmittags fuhren wir weiter, und als wir Capua drei

Meilen hinter uns gelassen hatten, es war schon eine Stunde in der

Nacht, zerbrachen wir das Hinterrad unsres Wagens. Das hielt uns

einige Stunden auf, um ein andres an die Stelle zu nehmen. Da aber

dieses geschehen war und wir abermals einige Meilen zurückgelegt

hatten, brach die Achse. Hierüber wurden wir sehr verdrießlich; wir

waren so nah bei Neapel und konnten doch unsre Freunde nicht sprechen.

Endlich langten wir einige Stunden nach Mitternacht daselbst an, wo

wir noch so viele Menschen auf der Straße fanden, als man in einer

andern Stadt kaum um Mittag findet.

Hier hab' ich nun alle unsre Freunde gesund und wohl angetroffen, die

sich alle freuten, dasselbe von Ihnen zu hören. Ich wohne bei Herrn

Hackert im Hause; vorgestern war ich mit Ritter Hamilton zu Pausilipo

auf seinem Lusthause. Da kann man denn freilich nichts Herrlicheres

auf Gottes Erdboden schauen. Nach Tische schwammen ein Dutzend Jungen

in dem Meere, das war schön anzusehen. Die vielen Gruppen und

Stellungen, welche sie in ihren Spielen machten! Er bezahlt sie dafür,

damit er jeden Nachmittag diese Lust habe. Hamilton gefällt mir

außerordentlich wohl; ich sprach vieles mit ihm, sowohl hier im Haus,

als auch da wir auf dem Meer spazierenfuhren. Es freute mich

außerordentlich, so viel von ihm zu erfahren, und hoffe noch viel

Gutes von diesem Manne. Schreiben Sie mir doch die Namen Ihrer

übrigen hiesigen Freunde, damit ich auch sie kennen lernen und grüßen

kann. Bald sollen Sie mehreres von hier vernehmen. Grüßen Sie alle

Freunde, besonders Angelika und Reiffenstein.

N. S. Ich finde es in Neapel sehr viel heißer als in Rom, nur mit dem

Unterschied, daß die Luft gesünder ist und auch beständig etwas

frischer Wind weht, aber die Sonne hat viel mehr Kraft; die ersten

Tage war es mir fast unerträglich. Ich habe bloß von Eis--und

Schneewasser gelebt.

Später, ohne Datum.

Gestern hätt' ich Sie in Neapel gewünscht: einen solchen Lärmen, eine

solche Volksmenge, die nur da war, um Eßwaren einzukaufen, hab' ich in

meinem Leben nicht gesehen; aber auch so viele dieser Eßwaren sieht

man nie wieder beisammen. Von allen Sorten war die große Straße

Toledo fast bedeckt. Hier bekommt man erst eine Idee von einem Volk,

das in einer so glücklichen Gegend wohnt, wo die Jahreszeit täglich

Früchte wachsen läßt. Denken Sie sich, daß heute 500 000 Menschen im

Schmausen begriffen sind und das auf Neapolitaner Art. Gestern und

heute war ich an einer Tafel, wo gefressen ist worden, daß ich

erstaunt bin; ein sündiger überfluß war da. Kniep saß auch dabei und

übernahm sich so, von allen den leckern Speisen zu essen, daß ich

fürchtete, er platze; aber ihn rührte es nicht, und er erzählte dabei

immer von dem Appetit, den er auf dem Schiff und in Sizilien gehabt

habe, indessen Sie für Ihr gutes Geld, teils aus übelbefinden, teils

aus Vorsatz, gefastet und so gut als gehungert.

Heute ist schon alles aufgefressen worden, was gestern verkauft wurde,

und man sagt, morgen sei die Straße wieder so voll, als sie gestern

war. Toledo scheint ein Theater, wo man den überfluß zeigen will.

Die Butiken sind alle ausgeziert mit Eßwaren, die sogar über die

Straße in Girlanden hinüberhängen, die Würstchen zum Teil vergoldet

und mit roten Bändern gebunden; die welschen Hahnen haben alle eine

rote Fahne im Hintern stecken, deren sind gestern dreißigtausend

verkauft worden, dazu rechne man die, welche die Leute im Hause fett

machen. Die Zahl der Esel mit Kapaunen beladen sowie der andern mit

kleinen Pomeranzen belastet, die großen auf dem Pflaster

aufgeschütteten Haufen solcher Goldfrüchte erschreckten einen. Aber

am schönsten möchten doch die Butiken sein, wo grüne Sachen verkauft

werden, und die, wo Rosinentrauben, Feigen und Melonen ausgesetzt sind:

alles so zierlich zur Schau geordnet, daß es Auge und Herz erfreut.

Neapel ist ein Ort, wo Gott häufig seinen Segen gibt für alle Sinne.

Später, ohne Datum.

Hier haben Sie eine Zeichnung von den Türken, die hier gefangen liegen.

Der "Herkules", wie es erst hieß, hat sie nicht genommen, sondern

ein Schiff, welches die Korallenfischer begleitete. Die Türken sahen

dieses christliche Fahrzeug und machten sich dran, um es wegzunehmen,

aber sie fanden sich betrogen; denn die Christen waren stärker, und so

wurden sie überwältigt und gefangen hierher geführt. Es waren dreißig

Mann auf dem christlichen Schiffe, vierundzwanzig auf dem türkischen;

sechs Türken blieben im Gefechte, einer ist verwundet. Von den

Christen ist kein einziger geblieben, die Madonna hat sie beschützt.

Der Schiffer hat eine große Beute gemacht; er fand sehr viel Geld und

Waren, Seidenzeug und Kaffee, auch einen reichen Schmuck, welcher

einer jungen Mohrin gehörte.

Es war merkwürdig, die vielen tausend Menschen zu sehen, welche Kahn

an Kahn dahinfuhren, um die Gefangenen zu beschauen, besonders die

Mohrin. Es fanden sich verschiedene Liebhaber, die sie kaufen wollten

und viel Geld boten, aber der Kapitän will sie nicht weggeben.

Ich fuhr alle Tage hin und fand einmal den Ritter Hamilton und Miß

Hart, die sehr gerührt war und weinte. Da das die Mohrin sah, fing

sie auch an zu weinen; die Miß wollte sie kaufen, der Kapitän aber

hartnäckig sie nicht hergeben. Jetzo sind sie nicht mehr hier; die

Zeichnung besagt das Weitere.

Italienische Reise — Band 2 · 第 18 / 91 题