Auch die Gegenwart, Michel. Glaub mirs: du träumst! --

+Der schwarze Karl+:

Das kommt, wenn man sich dem ewigen Heil verschließt

und zuviel in den neuen Büchern liest.

(Er nippt behutsam an seinem Glas.)

+Michel+:

O, auch in den alten. Ich könnt euch manche Historie sagen,

wie sichs hier in Wahrheit einstmals hat zugetragen,

als unsre Väter im Herzgau von allen deutschen Landen

hier zwischen der Wartburg und dem Blocksberg ihr Seelenheil fanden,

zwischen dem Kyffhäuser und dem Hörselberg.

Damals ging’s Handeln noch nicht so überzwerch

mit Flausen und Klauseln und Staatsrücksichten wie heute;

damals +vermochten+ noch stracks die aufstrebsamen Leute,

mit der Faust oder Stirn ihren Hochsinn durchzudrücken,

sich selbst und allen Nachkommen zum Entzücken.

O, ich sag euch: hier so lesen von den glorreichen Zeiten,

und die Dämmrung beginnt aus den Schatten der Zweige zu gleiten,

daß die Buchstaben flimmern auf den vergilbten Seiten:

schier leibhaftig seh ich sie dann Gestalt annehmen

und einherschreiten, die gewaltigen Schemen,

die gewappneten Herren aus trutzigem Bauerngeschlechte,

die frommen Einsiedler, die klugen Schalksknechte,

mit ihren blinkenden Schwertern, Kruzifixen, Helmzierden, Drommeten,

gleich als wollten sie da aus dem Wald zu mir treten

und mit mir beten -- --

+Der schwarze Karl+:

Was! Hier? Gestalten? hier unter diesen Bäumen?

Nein, Gevatter Michael: es scheint wirklich, Sie träumen.

(Er nippt wieder ein Schlückchen.)

+Michel+:

Na! dann seid ihr Beiden ja endlich einmal einig.

Und könnt austrinken! Es wird dunkel, mein’ich.

+Der rote Karl+:

Ist freilich Mondschein. Erstes Viertel, wie du siehst.

Aber wenn du meinst -- und dich unsre Gesellschaft verdrießt --

(Er trinkt aus.)

+Der schwarze Karl+:

Ja, dann wollen wir wahrlich keine Zeit verlieren.

(Er trinkt ebenfalls aus.)

+Michel+:

Na, ich mein blos: ich muß mich doch zum Fest ausstaffieren.

+Lise Lied+

(singt im Innern des Hauses, durchs Dachfenster sichtbar):

Willkommen, weißer Mond im Blauen,

allein!

Laß mich in Deine Heimat schauen,

sei mein!

Ich sitz im Dunkeln voll Geduld,

du scheinst!

O leuchte Jedem heim voll Huld,

dereinst!

(Sie schließt das Fenster.)

+Der schwarze Karl+:

Meiner Seel! wenn sie singt, dann ist sie der reine Engel.

+Der rote Karl+

(aufstehend):

Ja, und winkt uns heim mit dem Tulpenstengel.

(Im Haus wird Licht angesteckt, hinterm Dachfenster.)

Also, Michel, Glückauf; vielleicht siehst du mich noch um

Mitternacht.

+Michel+

(gleichfalls aufstehend):

Wie?

+Der rote Karl+:

Nu, es ist doch Maskenfreiheit angesagt

und jeder wahlberechtigte Bürger nebst Familie eingeladen;

da wirds ’nem alten Kriegsveteranen, denk ich, wohl auch nicht

schaden.

+Michel+:

Siehst du, Roter: das ist wacker! Wahrhaftig, das freut mich.

+Der rote Karl+:

Trotz dem Bergrat? -- Na! ich will nicht hoffen, es reut dich.

(Er schüttelt ihm die Hand und geht langsam links ab.)

+Der schwarze Karl+:

Ich denk, ich komm auch.

+Michel+:

So.

+Der schwarze Karl+:

Ja. Ich denk, es bringt Segen,

unsre alte ehrwürdige Knappentracht wieder mal anzulegen.

+Michel+:

Schön; stolper nur niemand nicht übern Degen!

Glückauf, Gevatter! --

(Er winkt ihm Abschied und geht ins Haus; der schwarze Karl folgt

verdutzt dem roten.)

+Tyll Eulenspiegel+

(kommt von rechts aus dem Wald geschlichen, steigt über den Zaun

auf die Gartenbank und ruft gedämpft):

Immer vorwärts, gnädiger Herr! die Luft ist jetzt rein.

Nur das Jungfräulein wäscht sich im Kämmerlein.

(Auch unten im Haus wird ein Fenster hell.)

+Der Kaiser Rotbart+

(tritt aus dem Wald, in goldner Rüstung, mit geschlossnem Visier,

sodaß nur sein langer Bart sichtbar ist):

Hüt dich, Schalk: sie hat Augen, hurtig wie Eidechsen.

+Der getreue Eckart+

(in schwarzer Kutte mit hohem Kreuzstab, die Kapuze tief ins

Gesicht gezogen, sodaß nur sein weißer Bart hervorguckt):

Und könnt dich leicht wie den braven Michael behexen.

+Eulenspiegel+:

O, der Michel, der ist gänzlich in sich selber versunken.

Seht: er hat nicht mal sein Glas ausgetrunken.

+Der Rotbart+

(zu Eckart):

Wie stellen wirs an, Getreuer, ihm zu erscheinen?

+Eulenspiegel+

(von der Bank springend):

Hopp! wir erscheinen eben. Das genügt, sollt ich meinen.

+Eckart+:

Mir deucht, gnädiger Herr, der Schalk rät gut.

+Eulenspiegel+

(nach dem unteren Fenster deutend):

Seht: er ist ganz behext von -- dem alten Schäferhut.

Ach, er küßt ihn -- (_ahmt den Kuß ulkig nach_) --

+Eckart+:

Darüber soll man nicht lachen!

+Eulenspiegel+:

Nun, dann werd ich uns mal ernstlich bemerkbar machen.

(Er klappt mit der Pritsche an die Scheibe und klingelt dazu mit

einer Schelle, die am linken Zipfel seiner Gugelkappe hängt;

dieser Zipfel ist so lang, daß Eulenspiegel die Schelle in die

Gürteltasche stecken kann, damit sie nicht von selbst klingelt,

sondern nur wenn er sie herausnimmt.)

+Michel Michael+

(tritt in Schäfertracht auf die Schwelle, in blauem Rock und grauem

Mantel, eine brennende Kerze in der Hand, sodaß die Scheibe nun

dunkel ist):

Wer klopft so spät und dringlich an meinem Fenster?

Wer sind die Herren --

+Der Rotbart+

(wie ein Standbild aufs Schwert gestemmt):

Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3) · 第 151 / 272 题