Erster Aufzug

(+Bild+: Altes kleines Landhaus mit Obstgärtchen. Rechts Wald

und Gartenzaun. Links hinten das Haus. Vorn entlang Landstraße.

An der Hauswand links ein Wegweiser, dessen drei Arme folgende

Aufschriften tragen: Zur Stadt, Zur Grube, Feldweg. Am Gartentisch

sitzen +Michel Michael+, der +rote Karl+ und der

+schwarze Karl+; daneben steht +Lise Lied+ mit der Laute,

in hellgrünem Sommerkleid und weißer Schürze.)

+Lise Lied+

(singt bei offener Bühne weiter, während die Andern nur den

Kehrreim mitsummen):

Einst fiel alles Leben vom Himmel herab,

über Tag.

Wir Bergleute schürfen’s aus dem Grab,

unter Tag.

Wir fördern’s herauf, das tote Gestein;

Glückauf!

Wir machen’s wieder zu Sonnenschein;

Glückauf!

(Die Männer stoßen mit ihren großen Schnapsgläsern an und trinken

sie leer).

+Michel Michael+

(in schwarzer Gamaschenhose und weißem Hemd mit offenem Halskragen):

So, Lise, nun hol uns noch jedem so ein Glas;

denn die Bergmannskehle

+Lise+:

Weiß schon: ist mehr trocken als naß.

O Michel! --

+Michel+:

Blos heut mal so’n kleinen Seelenwärmer;

morgen fließt wieder Milch und Sauerbrunn durch die Därmer.

Man muß sich doch für das nächtliche Fest vorbereiten.

+Lise+:

Ja, und dann stöhnt ihr über die schweren Zeiten.

(Sie geht mit den Gläsern und der Laute ins Haus.)

+Der rote Karl+

(trägt gewöhnlichen schwarzen Jackettanzug, schwarzen Schlapphut

und rote Krawatte):

Also willst du wirklich nachher aufs Johannisfest?

+Michel+:

Warum +nicht+?

+Der rote Karl+:

O blos: weil der Michel sonst sich zehnmal bitten läßt,

eh er einmal kommt. Aber ja: der Herr Bergrat hat’s gewunschen,

da ists freilich ratsam, sich untertänigst mitzubepunschen.

Sicher wittert man’s da oben so gut wie ich:

manche Stimme in der Knappschaft schwört auf dich.

Hast ein eigen Haus, bist bald Vorhäuer, kannst Leute dingen,

möchtest dich gewiß gar zum Steiger aufschwingen;

wirst morgen für ’ne Stütze von Thron und Altar gelten,

und der Bergrat

+Michel+:

Hör mal, roter Karl: den lass ich nicht schelten.

Er meint’s leutselig mit uns Arbeitern allzumal.

Er bezahlt auch heute Nacht wieder Musik und Saal.

+Der rote Karl+:

Sehr wahr! und in vier Wochen ist Reichstagswahl.

Du Schäfersohn läßt dir leicht was vormusizieren.

+Der schwarze Karl+

(trägt gleichfalls schwarzen Jackettanzug, aber steifen Hut,

schwarze Krawatte und eine auffällig große Hornbrille mit

dunkelblauen Gläsern):

Ja, ich meine auch: man muß sich doch wohl etwas salvieren.

Ich sage nichts gegen den Regierungskandidaten,

aber der Herr Bergrat privatim ist doch sozusagen ein Teufelsbraten.

Nicht etwa weil er -- obzwar: auch das ist bedeutungsvoll --

’ne jüdische Urgroßmutter gehabt haben soll.

Aber was man so im stillen von seinem Lebenswandel hört --

+Der rote Karl+:

Du, hörst du’s, Michel? der Schwarze ist christlich empört!

Fraglos ist er einzig drum aus der Stadt gekommen,

um hier dem Heil deiner armen Seele zu frommen.

(Lise kommt mit den gefüllten Schnapsgläsern wieder.)

+Der schwarze Karl+:

Hoffte allerdings, Sie, Herr Namensvetter, nicht anzutreffen.

+Der rote Karl+

(sein Glas nehmend):

Ja, gottvoll, wie sich die Menschen äffen.

+Der schwarze Karl+

(ebenso):

Nun, Gevatter Michael weiß, welche Tiere am lautesten kläffen.

+Michel+

(mit ihnen anstoßend):

Holla! Frieden, ihr Karle! Gäste solln sich vertragen!

Muß ich junger Kerl das euch beiden alten sagen?

Hie Knappschaft! Glückauf! Jeder Knappe im Schacht

nehm sich vor falschen Wettern in Acht!

+Der schwarze Karl+:

Glückauf, Jungfer Lise! auf das schöne Lied vom Himmel.

+Lise+

(während die Männer trinken):

O, das ist am schönsten +ohne+ euer Kümmelgebimmel.

+Michel+:

Sieh mal, roter Karl: deine Zukunftsrepublik,

das ist doch auch ’ne Art Rattenfängermusik.

Und sehn Sie, schwarzer Karl: Ihr Ewigkeitsparadies

lockt wohl erst recht die liebe Maus zur Mies.

Und derweil ihr Pfiffikusse so die Gegenwart vexiert,

hat der dumme Michel sie längst sehre anderst kapiert.

Denkt ihr, ich will blos drum heut aufs Maskenfest,

weil der Bergrat da ein paar Sektproppen tanzen läßt?

dann tät ich mich lieber mit euch hier draußen besaufen.

Nein, ich will mein Haus an die Grubengesellschaft verkaufen

und in die Stadt ziehn, werte Zeitgenossen!

+Lise+:

Michel, nein!

+Michel+:

Ja, Lise; das ist nun mal beschlossen.

(Er langt ein paar Schriftstücke aus der Brusttasche.)

Hier, ich hab schon alles mit dem Rechtsanwalt aufgesetzt,

und der Bergrat ist kein Knicker; besonders jetzt,

wo sie doch die Vorstadtzeche weiter austeufen wollen

und Platz brauchen für den neuen Wetterstollen,

da wird er heut Nacht bei’ner Buddel Wein

gern zu sprechen sein

und mir die werte Unterschrift geben.

Potz Taler, Lise! sollst sehn, das wird ein Leben!

Na, was machst du denn fürn Sechsdreiergesicht?

+Lise+:

Mir ist bang um dich, Michel. O bitte, tu’s nicht!

+Michel+:

Achgottedoch! daß dir’s Herzchen nur nicht bricht!

Brennst doch sonst drauf, mit in die Stadt zu fluttschen.

+Lise+:

Aber für immer?

+Michel+:

Für immer tut kein Weibsbild muckschen.

(Er nimmt ihre Hand.)

Weißt du: wenn wir Abends hier manchmal so einsam sitzen

und ich seh da drüben im Tal den großen Lichterknäul blitzen,

die Bahnkörperlampen, die Schaufenster, die Straßenlaternen,

wie sie wetteifern mit den Sternen,

und was hinter den erleuchteten Scheiben

all die tausend Menschenköpfe wohl sinnen und treiben,

was für Strahlen hin-und-herzucken zwischen ihnen

aus den wunderlichen Instrumenten, Apparaten, Maschinen,

elektrischen Drähten -- (_er erhebt sich_)

ich kann’s garnicht ganz sagen,

wie das strahlt -- und mittendurch rollen funkelnd die Wagen,

wodrin Hoch und Niedrig zusammen übers Pflaster jagen,

zu Festsälen, Theatern, Bibliotheken, Klubs, Volkshallen,

kann sich jedermann immer höher bilden mit Allen --

ja, dann fühl ichs wild: da +bewegt+ sich die Welt!

so wild, du, daß mirs manchmal die Stirnadern schwellt!

(Er setzt sich und nimmt einen großen Schluck.)

+Der rote Karl+:

Ja, Fräulein Lise: Sie können’s noch nicht ermessen:

in der Stadt, da erwacht der Mensch zu edlern Interessen.

(Er nimmt gleichfalls einen großen Schluck.)

+Der schwarze Karl+:

Ja --! Nämlich auch die Kirchen nicht zu vergessen!

(Er trinkt sein Glas leer.)

+Michel+

(auf die Schriftstücke hauend):

Kurzum, ich will mehr, als mein väterlich Erbteil begaffen,

ich will mir auf eigne Faust meinen Fußboden schaffen;

+das+ ist mein Intresse! Jawohl! Wirst es auch noch kapieren;

wirst vielleicht dereinst noch in seidnen Kleidern stolzieren,

in Glaßeehandschuhen und Diamanten und ausländischen Spitzen,

und an Einer Tafel mit dem Bergrat sitzen.

Also Kopf hoch, Lise! maul nicht! du übertreibst es.

+Lise+:

O Michel, du bist ein Träumer -- und bleibst es.

+Michel+:

Hat noch niemand unter meinen Träumen gelitten.

(Er trinkt Rest mit dem roten Karl.)

Komm, bring uns lieber noch solchen lütten dritten

und sing eins!

+Der schwarze Karl+:

Darum allerdings möcht ich gleichfalls schön bitten.

Das heißt, ums Singen mein’ich.

+Lise+:

Meinen Sie! ums Singen!

O, euch sollt alle miteinander der Hörselberg verschlingen! --

(Sie stampft mit dem Fuß auf und rennt ins Haus.)

+Der rote Karl+:

Hast sie doch wohl ein bißchen gar zu herrisch überrascht.

Mich auch, muß ich sagen. Wer erst am Kapitalismus nascht --

+Michel+

(nochmals auf die Schriftstücke hauend):

Ach was, Redensarten! Ich tue, was sich verintressiert.

Ihr lauert blos immer und lamentiert.

(Er steckt die Papiere wieder in die Tasche.)

+Der rote Karl+:

Michel, Michel --: jeder Knappe im Schacht

nehm sich vor falschen Wettern in Acht!

+Der schwarze Karl+:

Deren gibts allerdings manche auch +über+ Tag.

+Michel+:

Ja, wenns eure Trinksprüche täten, dann ging’s Schlag auf Schlag.

Schwerenot! ihr macht einem wirklich den Feiertag schwül;

und dabei ists ein Abend, wie feucht Moos so schön kühl.

Hee, Lise! Racker! gleich kommst du! auf der Stelle!

+Der schwarze Karl+:

Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3) · 第 143 / 272 题