Wenn’s die Sache verlangt -- jeder Sieg kostet Opfer --

+Christian von Wach+

Wo bleibt dann die Grenze zwischen Tat und Untat, Heldentum und

Verbrechertum? Was berechtigt uns, Andre zu opfern?

+Minister+

(diskret ihm huldigend)

Wohl was uns verpflichtet, uns selbst zu opfern. (_Aufstehend_) Wem es

die innere Stimme sagt, der fragt wohl nicht nach dem Urteil der Welt.

+Christian von Wach+

Ich danke Euer Excellenz.

+Minister+

(ihm die Hand hinstreckend)

Ich wünsche Ihnen ein frohes Fest!

+Christian von Wach+

Ihnen noch viele, Excellenz! -- -- (_Minister ab, an der Tür sich

nochmals verneigend; Christian erwidert den Gruß, schließt dann die

Augen und raunt vor sich hin_) Wem es die innere Stimme sagt --? --

(_Es klopft, und Justus Wach tritt ein_) -- -- Nun, Justus, mein

Spiegel, bist du schön blank heut?

+Justus+

(sich rechts des Tisches setzend)

Macht es dir wirklich noch immer Vergnügen, mir das unbedachte Wort

nachzutragen, das ich damals in der Erregtheit hinwarf?

+Christian+

Wie sollte es nicht? Du bist doch noch immer bestrebt, mir mein wahres

Gesicht zu zeigen. Das macht mir wirklich ein ungemeines Vergnügen;

das einzige, das mir die Welt noch bietet. Ich bin dir auch wirklich

dankbar dafür.

+Justus+

Also dazu hast du mich in dein Haus gelockt: dem Herrn Geheimrat als

Hofnarr zu dienen. Und ich war einfältig genug, mir von der guten Anne

aufschwatzen zu lassen, es sei dir ernstlich um eine Versöhnung zu tun.

+Christian+

Außerordentlich rührend bei deinem Beruf, dies Selbstbekenntnis deiner

Einfalt. Seit wann bist du denn so versöhnlich gestimmt?

+Justus+

Du weißt sehr gut, daß es mich reut, deinen Schlaganfall veranlaßt zu

haben; wenn es auch ohne Absicht geschah.

+Christian+

Ja, das hast du mir schon mehrmals gesagt. Aber nicht wahr: mein

Tagebuch, das hast du noch immer nicht aufgespürt --

+Justus+

Hältst du es denn in der Tat für möglich, ich hätte bei einiger

Überlegung nur eine Minute lang geglaubt, daß ein solches Geständnis

vorhanden sei? Wenn du es je geschrieben hättest, wär es doch längst

von dir vernichtet.

+Christian+

(wie zufällig die Hand auf seine Papiere legend)

Und wenn es nun doch noch irgendwo läge?

+Justus+

Ich lasse mich nicht mehr zum Narren halten!

+Christian+

Wenn es mir nun eine Wollust wäre, mit der Entdeckungsgefahr zu

spielen? Wenn mich immerfort die L-Lust stachelte, die unersättlich

marternde Lust, mein Geheimnis der Welt ins Gesicht zu schreien? und

dabei die W-Wonne der Selbstbeherrschung, der Welt nicht den Gefallen

zu tun! mich nicht knechten zu lassen von dieser B-Beichtsucht! diesem

schamlosen Mitteilungstrieb, der uns alle zu armen Sündern macht! --

Hast du dir das noch nie überlegt? --

+Justus+

Wenn du mich etwa nötigen willst, Weihnachten anderswo zu feiern, dann

bitte sage es mir doch offen! Die Anspielungen auf meinen Beruf werden

mir nachgerade lästig.

+Christian+

Du kannst dir also garnicht denken, daß ein M-Mörder ein ehrlicher

Mensch sein kann?

+Justus+

Ich denke mir, daß du durch deinen Reichtum, weil du keine andre

Beschäftigung hattest, zum Grillenfänger geworden bist. Nun tüftelst

du dir aus allerlei Zufällen ein neunmalkluges Verbrechen zusammen,

blos um dir nicht einzugestehen, daß dir glücklicherweise der Mut dazu

fehlte.

+Christian+

Deine Menschenkenntnis ist fast so gründlich wie deine gute Meinung

von mir. In der Tat, Vetter: es ist tief beschämend, so als elender

Mitmensch dazusitzen, wo man Teufel und Engel zugleich sein wollte.

+Justus+

Nun, die Märtyrer-Rolle hat auch ihre Glorie. Sonst hättest du wohl die

Selbstquälerei nicht so lange ausgehalten.

+Christian+

Und wenn ich nun all die Jahre lang gegen die Versuchung angekämpft

hätte, diese Qual mit eigner Hand abzu-b-brechen? (_Krampfhaft die Hand

aufs Herz drückend_) Wenn’s mir nun zu erbärmlich gewesen wäre, so vor

mir selbst in die B-Binsen zu gehn? Wenn ich lieber die Buße ertragen

hätte, vor jedem unbe-bedachten Wörtchen zu beben, als diese B-Babbala

-- (_sich bezwingend, da Justus ihm Hilfe leisten will_) laß -- ich

danke -- -- ich wollte sagen: Blamage des Selbstmords.

+Justus+

Ich muß es wohl aufgeben, Christian, dein Gewissen zu beruhigen.

+Christian+

(lächelnd)

Ja, wir haben +beide+ unsern Beruf verfehlt; du als Mitmensch, und

ich als Unmensch.

+Justus+

Ich will dich wahrhaftig nicht aufregen, aber du zwingst mich ja dazu.

Warum bringst du das Unrecht, das ich dir antat, trotz meiner Abbitte

immer wieder zur Sprache?

+Christian+

Vielleicht weil es mein „Gewissen beruhigt“, deine Gerechtigkeit wanken

zu sehen. Wenn du sicher wüßtest, ich hatte gemordet, würdest du dann

wohl noch geneigt sein, mir die Hand zur Versöhnung zu bieten? --

+Justus+

Es gibt doch Morde, die sogar das Gericht verzeiht.

+Christian+

In der Tat; du bist sehr entgegenkommend. Und die M-Massenmorde

fürs Vaterland, daß heißt für Thron und Altar und Kapital, oder für

Freiheit, Gleichheit, L-Lüderlichkeit oder sonstige große Rosinen: die

verherrlicht sogar die W-Weltgeschichte. Blos, das sind alles Morde aus

Leidenschaft, aus Eifersucht, Rachsucht, Ehrgefühl, Pflichtgefühl; die

freilich entschuldigt man edelmütig.

+Justus+

Nun, wenn auch nicht grade vor Gericht, aber unter vier Augen

betrachtet, ist wohl auch deine Art Menschenliebe eine entschuldbare

Leidenschaft.

+Christian+

(lächelnd)

Aber Justus, ich werde irre an dir! Sollte ich endlich dein Herz

erweicht haben?

+Justus+

(schroff)

Wenn du mir keinen Glauben schenkst, beweisen läßt sich dergleichen

nicht.

+Christian+

(die Hand auf seine Papiere legend)

Wer weiß; ich könnte mich doch vielleicht „unter vier Augen“

überzeugen, wie weit du mein Vertrauen ehrst.

+Justus+

So? Könntest du das?

+Christian+

Wenn ich wüßte, Justus, wie weit du dir selber trauen darfst? (_Da

Justus Miene macht aufzufahren_) Bitte bleib sitzen, ich will dich

nicht kränken. An deinen guten Willen glaube ich gern. Ich wollte dich

sogar zum Christfest um einen kleinen L-Liebesdienst bitten.

+Justus+

Wenn es dir wirklich ernst darum ist --?

+Christian+

(nimmt aus seinen Papieren ein mit fünf roten Siegeln

verschlossenes Heft)

Ich habe gestern mein Testament neu verfaßt; ich wollte dich bitten,

hier das alte -- (_draußen elektrisches Klingelzeichen_) ah, der

Sanitätsrat; nun, dann nachher. -- (_Das Heft wieder unter die

Schriftstücke schiebend_) Ich bin sein besuchtester Patient, seitdem er

mich nicht mehr retten kann. (_Anne läßt den Sanitätsrat eintreten_) --

Willkommen, mein werter L-Lebensretter!

+Sanitätsrat+

(während Anne an den Kamin geht und wieder Holz aufs Feuer legt)

Danke, danke, mein teuerster Todeskandidat. (_Zu Justus, der

aufgestanden ist_) Aber bitte doch Platz zu behalten. (_Sich

gleichfalls setzend, links des Tisches_) Und bitte mich nicht

mißzuverstehen. Todeskandidaten sind wir ja alle; Sie können mich noch

gut überleben! -- (_Christians linkes Handgelenk nehmend, sich nach

Anne umdrehend_) Gelt, Schwester: der reine Methusalems-Puls! Sie

messen den Blutdruck doch noch regelmäßig?

+Anne+

Gewiß, Herr Geheimrat; er ist etwas niedriger.

+Sanitätsrat+

(während Anne hinausgeht)

Natürlich! Blos Aufregung vermeiden! Bei Ihrer zähen Konstitution:

wir werden schon wieder Lebensmut fassen! In der letzten Sitzung der

Menschenfreunde hat man sogar darauf gewettet, Sie würden doch noch

Mitglied werden.

+Christian+

Sehr gütig; aber einstweilen scheint mir, der ehrlichste Menschenfreund

ist der T-Tod.

+Sanitätsrat+

Ja, der Mensch bleibt ewig ein Grillenfänger.

+Christian+

Haha-hörst du’s, Vetter? Jetzt muß ich’s wohl glauben.

+Justus+

(lachend)

Die Diagnose stellt dir Jeder!

+Sanitätsrat+

„Jeder Wohlgesinnte!“ sagt der Herr Bürgermeister. (_Zu Christian_)

Aber was hat denn der Biedermann? Begegnete mir bei der neuen Klinik

und machte ein Gesicht wie ein Truthahn, als ich Ihren Namen nannte.

+Christian+

Ist Ihnen vielleicht auch der Akademie-D-Direktor bei der neuen Klinik

begegnet?

+Sanitätsrat+

Aber Verehrtester, ruhig Blut! Sie werden sich doch nicht einbilden,

ich hätte den Kitsch mit ausgeheckt?

+Christian+

Nein; aber jeder P-Pinsel bildet sich ein, er dürfe mich mit

Berühmtheit beschmaddern, weil ich das selber schon reichlich besorgt

habe.

+Sanitätsrat+

Ja, der Mensch ist von Natur größenwahnsinnig. Aber wiegesagt: nur

nichts tragisch nehmen! (_Zu Justus_) Nicht wahr, Herr Leutnant, Sie

werden das Ihre tun, uns die Grillen vertreiben zu helfen.

+Justus+

Ja selbstverständlich! nach Kräften! mein Möglichstes!

+Sanitätsrat+

(aufstehend)

Also dann: gesundes Fest allerseits! Und nicht wahr: wenn das Herzchen

doch wieder muckt: sind ja nur drei Schritte zu mir hinüber.

+Christian+

(lächelnd, die Hand ins Leere schwenkend)

Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3) · 第 123 / 272 题