Du bist mir natürlich durchaus willkommen --

+Justus+

(lächelnd)

So? -- Ich erhebe nicht den Anspruch.

+Christian+

Nun, dann ist deine Aufrichtigkeit mir willkommen. Offne Arme kannst

du wohl nicht erwarten, nachdem du damals unsern Verkehr, unser

verwandtschaftliches Band, um Geldes willen zerschnitten hast.

+Justus+

Meinst du? -- Aber du erlaubst wohl, daß ich mich setze. (_Er nimmt

Platz auf dem linken Stuhl, legt die Mappe auf den Tisch._)

+Christian+

Aber natürlich; b-bitte höflichst. (_Sich gleichfalls setzend_) Fühle

mich heute auch etwas matt; ein außerordentlich warmer Tag.

+Justus+

Und obendrein deine Ehrenlast. Alle Zeitungen sind ja wieder des Lobes

voll. Wird dir allmählich wohl doch etwas drückend?

+Christian+

Darf ich lieber fragen, w-was dich zu mir führt?

+Justus+

O, traust du mir also garnicht zu, daß ich blos die uneigennützige

Absicht habe, dir auch mal wieder zu gratulieren, dem musterhaften

Menschenfreund, der mich Schuldenmacher dazu gebracht hat, den

schrecklichen bunten Rock auszuziehen und ein nützlicher Mitmensch

in Schwarzgrau zu werden? -- (_Seine Hand auf die Mappe legend_)

Wirklich, ich habe jetzt allen Grund, der rühmlichen Betätigung deiner

Nächstenliebe dankbar zu sein.

+Christian+

Bitte, laß das; mir sind diese Phrasen peinlich.

+Justus+

Mein Lieber, ich kenne deine Art Ehrgeiz. Du hast schon als Schuljunge

Äpfel gestohlen, obgleich du dir aus Äpfeln nichts machtest, blos um

uns Freunde damit zu begönnern und dich an deiner Großmut zu weiden;

vielleicht auch an deiner Kühnheit und Schlauheit, denn erwischen

ließest du dich ja nie. Ich habe dich schon damals durchschaut.

+Christian+

So? -- Meinst du? (_Lächelnd_) Nun, vielleicht hast du Recht. Aber

inzwischen wirst du wohl +auch+ ein A-A-Andrer geworden sein.

+Justus+

Ja, seit neun Jahren ungefähr; dank deiner Betätigung wiegesagt.

+Christian+

Und hast du dich wirklich nun ausgesöhnt mit deinem b-bürgerlichen

Beruf?

+Justus+

(legt lächelnd wieder die Hand auf die Mappe)

Ja, seit einem Monat etwa vollkommen. Und einigermaßen auch früher

schon. Was blieb mir schließlich denn andres übrig; Schulden konnt ich

doch keine mehr machen, nachdem du die ganze Erbschaft mir weggefischt

hattest, kurz bevor ich zum Hauptmann aufrücken sollte.

+Christian+

Nun, ich habe a-auch nicht das werden können, wonach ich als Jüngling

Verlangen trug; Geld hatte ich ja von Hause aus noch weniger zu

erwarten als du. (_Auf seine Bücher hinüberweisend_) Du weißt sehr

gut, wie ich drauf brannte, die Sta-taatswissenschaften zu studieren,

Sozialpolitik, Nationalökonomie, und es sogar ein paar Semester lang

durchhielt; bis Tante Brigittens harter Kopf mich zwang, mir als

B-Bankbeamter mein Brot zu verdienen.

+Justus+

Ja, du warst ihrer Begönnerung würdig. Ich hab ihr die Faust unters

Kinn gehalten, als sie ihren Mann zu Tode gepeinigt hatte und ihn dann

einscharren ließ wie einen Bettler, den reichsten Grubenbesitzer des

Landes; du zogst es vor, ihr die Krallen zu streicheln.

+Christian+

Sie hat sich selbst noch viel mehr gepeinigt; du solltest nicht über

Handlungen urteilen, für die dir jedes M-Mitgefühl mangelt. Und

notabene: auf ihr Testament konntest du doch im Ernst wohl nicht

rechnen, nach deiner Gleichgiltigkeit -- ge-l-linde gesagt -- bei ihrem

lalala-langen Krankenlager.

+Justus+

Nein, zum Erbschleicher war ich mir allerdings zu schade. Seit wann

stotterst du übrigens?

+Christian+

(ist vom Stuhl aufgefahren)

Ich ver-b-bitte mir deine Brutalitäten! -- (_Sich bezwingend_) Denkst

du, es war mir ein Vergnügen, die Launen der alten ge-l-lähmten Person

zu ertragen? ihre Heftigkeit, ihre Wutanfälle? dreizehn Jahre lang, Tag

für Tag!

+Justus+

(lächelnd)

Nein, das denke ich keineswegs -- bei deiner Art Menschenfreundlichkeit.

+Christian+

(fängt wieder an durchs Zimmer zu wandern)

Und deine Schulden hätt ich dir gern bezahlt, wärst du damit zufrieden

gewesen, statt mir Millionen abpressen zu wollen, für die ich b-bessere

Anwendung wußte. Bin auch jetzt noch bereit dazu, falls du nicht

blos gekommen bist, um mir aufs B-Butterbrot zu streichen, daß du

dich selber seit einem Monat von deinen Gläubigern befreit hast;

(_lächelnd_) das wolltest du doch wohl andeuten.

+Justus+

Nein. Aber ich danke für Gnadenbrocken von deinem Butterbrot, werter

Vetter.

+Christian+

Ja, wozu reibst du dich dann an mir? Und worauf bist du eigentlich

neidisch? -- Was ha-habe ich denn von all meinem Reichtum? Hat er

mich etwa davor bewahrt, v-vorzeitig graue Haare zu kriegen? Ich lebe

wie ein Mönch in der Wüste, und trotzdem ist mein M-Magen krank,

meine Milz beklommen, mein H-Herzschlag verhaspelt, meine Nerven von

Schlaflosigkeit zerrüttet --

+Justus+

Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3) · 第 95 / 272 题