+Christian+
dann muß ich ihr doch tatsächlich im stillen gewissermaßen Abbitte
leisten; sozusagen als ihr Scha-Schuldiger, wie’s im Vahaha-haterunser
heißt.
+Anne+
Spotten Sie nicht, Herr Christian! Und meinen Rosenstrauß stell ich
+nicht+ da hinüber. Hab ihn auch garnit blos Ihnen zulieb gekauft.
Wenn nachher die Herrn gratulieren kommen
+Christian+
Was soll das heißen! ich hab dir ausdrücklich gesagt, daß du niemand
vorlassen sollst!
+Anne+
Doch nur die Herren von der Regierung; die kann man doch nit vor den
Kopf stoßen. Und dann muß es hier doch ein bißchen freundlich aussehn.
Auch ein Fläschchen Tokayer hab ich noch mitgebracht; man muß doch ein
Gläschen Wein anbieten.
+Christian+
(mit dem Fuß aufstampfend)
Du wirst mich w-wirklich noch krank machen, Anne! Du trägst die
Faffa-Falasche zum Krämer zurück! (_Da Anne Miene zum Widerspruch
macht_) Du trägst sie zurück! ich will’s, sag ich dir!
+Anne+
Wenn ich Sie damit beruhigen kann --?
+Christian+
(wieder durchs Zimmer wandernd)
Wenn ich mir selber keinen W-Wein spendiere, bin ich dem Bürgermeister
auch keinen schuldig! -- Kannst die Flasche aber für +Dich+
dabehalten. Hast wenig genug vom Leben bei mir.
+Anne+
Ihr gutes Herz in Ehren, Herr Christian; ich hab noch nichts entbehrt
bei Ihnen. Aber trotz all Ihrer Wohltätigkeit: manchmal scheint’s fast,
die selige Tante hat Ihnen auch was von ihrem Geiz vererbt.
+Christian+
Scheint’s fast? Ha-hat sie? Was scheint dir denn sonst noch?
+Anne+
Wenn ich denk, wie Sie früher mitteilsam waren! Der Herr Sanitätsrat
ist auch der Meinung: wenn Sie ab und zu ein Gläschen sich gönnen
wollten, das würd Sie wieder umgänglich machen. (_Auf die Bibliothek
weisend_) Ihre Bücher machen Sie blos immer menschenscheuer; Sie
sprechen ja manchmal Tagelang kein überflüssiges Wörtchen mehr.
+Christian+
Also meine einzige Freude gönnst du mir nicht; die l-letzte, die ich
mir noch erlaube!
+Anne+
Aber nein, wie Sie reden -- ich mein doch blos: Sie holen sich
+keine+ Freude draus. Über Büchern läßt man den Kopf hängen; man
holt sich blos seine eignen Grillen draus.
+Christian+
(wieder aufstampfend)
Schweig! -- Schweig, sag’ ich dir, ich hab genug! -- Ich hab mir das
l-l-längst schon selber gesagt; ich werde morgen die Bücher verkaufen.
+Anne+
Aber liebster bester Herr Christian!
+Christian+
Ich +werd’s+, sag ich dir!
+Anne+
Jaja doch, gewiß doch. Aber bitte, lieber Herr Christian, quälen
Sie nicht mich dumme Person; nehmen Sie mir zuliebe Ruh an! Kommen
Sie, setzen Sie sich in den Lehnstuhl; rennen Sie nicht so herum
immerfort. Glauben Sie mir, ich kenn Ihre Nerven; wozu war ich denn
Krankenschwester.
+Christian+
Du sollst mich nicht so a-ansehn, Anne!
+Anne+
Kommen Sie, sein Sie nit so verbiestert -- der Herr Sanitätsrat hält’s
auch nit für gut -- (_nötigt ihn währenddem in den Korbstuhl_).
So, jetzt hole ich Ihnen ein Buch -- (_draußen elektrisches
Klingelzeichen_). O schad, da sind die Herren wohl schon -- nehmen Sie
Ruh an, Herr Christian -- (_ab nach links_) --
+Christian+
(allein)
-- -- Schauerliche Komödie -- --
+Anne+
(läßt zwei Herren eintreten)
Bitte, Herr Oberbürgermeister -- bitte, Herr Oberregierungsrat --
(_dann wieder ab._)
+Christian Wach+
(hat sich erhoben, weist auf die Stühle am Mitteltisch)
Willkommen, meine Herren, nehmen Sie Platz; was verschafft mir die
ungewöhnliche Ehre?
+Bürgermeister+
(stehen bleibend)
Die Ehre liegt ganz auf unserer Seite, verehrter Herr Kommerzienrat.
+Regierungsrat+
(ebenso)
Heute tatsächlich auf unsrer Seite; tatsächlich, Herr Kommerzienrat.
+Bürgermeister+
Ich habe den angenehmen Auftrag, Ihnen im Namen der Bürgerschaft
und der übergeordneten Ratspersonen die ergebensten aufrichtigsten
Glückwünsche zu Ihrem fünfzigsten Jahrestag auszusprechen. In der
festen Hoffnung, daß es Ihnen, hochzuverehrender Herr Kommerzienrat,
noch Jahrzehnte lang beschieden sein werde, Ihre gemeinnützige
Gesinnung mit unverminderter Kraft zu betätigen, und um die
Dankbarkeit öffentlich kundzutun, mit der wir zu dem selbstlosen
Menschenfreund aufblicken (_Christian Wach zuckt merklich zusammen,
stützt sich auf die Stuhllehne rechts des Tisches_) -- zu dem Stifter
sovieler Wohlfahrts- und Bildungs-Anstalten --: haben wir einstimmig
beschlossen, Sie am heutigen Tage zum Ehrenbürger unserer Haupt-
und Residenzstadt zu ernennen. In Rücksicht aber auf Ihre bekannte
Abneigung gegen persönliche Celebrationen, glaubten wir Abstand nehmen
zu sollen von den üblichen Förmlichkeiten, und ich erlaube mir deshalb,
die Ernennungsurkunde hiermit in denkbar einfachster Form zu Ihren
Händen gelangen zu lassen. (_Er überreicht ihm eine Rolle und schüttelt
ihm gewichtig die Rechte._)
+Regierungsrat+
Im Namen nicht nur der Regierungsorgane, sondern auch Seiner
Königlichen Hoheit des Großherzogs, darf ich Sie, Herr Kommerzienrat,
als Erster zu dieser Ernennung beglückwünschen. Seine Königliche Hoheit
haben zugleich geruht, Ihnen in Anerkennung Ihrer Verdienste um das
allgemeine Wohl den Kronenorden der obersten Klasse mit der Kette zu
verleihen. Sie wissen, wieviel Aufmerksamkeit unser gnädiger Herr den
sozialen Bestrebungen widmet, und daß es mehr als eine Förmlichkeit
ist, wenn jemand in unserem Staatswesen einen solchen Ansporn zu
weiterer Betätigung seiner Menschenfreundlichkeit empfängt. (_Er
überreicht ihm ein Kästchen und verneigt sich._)
+Christian Wach+
Meine Herren, ich danke untertänigst. Ich fühle mich in Wahrheit
beschämt und b-bitte es als einen Beweis meiner Ergriffenheit
anzusehen, wenn ich diese hu-hu-huldvollen Ehrenzeichen vor dem Bilde
derjenigen Person niederlege, auf deren wirtschaftliche Tüchtigkeit
ich meine sogenannten Verdienste zurückführen muß -- (_er legt beides
auf den Bücherbord unter das Porträt_). M-M-Menschenfreunde sind wir
wohl alle nur, soweit es unsre Selbstsucht zuläßt; und was bedeutet
ein bißchen Wohltäterei in der ungeheuren W-Wüste des menschlichen
Elends! Sie hat höchstens den Wert eines Grashälmchens, an das sich die
Hoffnung klammern kann, daß +mehr+ Haha-Halme nachwachsen werden.
+Regierungsrat+
Also ein vorbildlicher Wert, der immer weiter und höher zunehmen kann,
und somit der höchsten Beachtung aller Strebsamen würdig.
+Christian Wach+
(sich wieder auf die Stuhllehne stützend)
Ich verstehe, Herr Oberregierungsrat -- und das wird mir ein Ansporn,
wie Sie gütigst sagten, zu weiterer Betä-tä-tätigung sein; obgleich
die unverminderte Kraft, von der Sie, Herr Oberbürgermeister, mit
Ihrer bekannten Freundlichkeit sprachen, leider an die selbstsüchtigen
Schranken meiner angegriffenen N-N-Nerven gebunden ist. Bitte, wollen
wir uns nicht setzen?
+Bürgermeister+
In Rücksicht auf Ihre werte Gesundheit möchte ich meinerseits
vorziehen, mich jetzt ergebenst zu empfehlen; nicht ohne dem herzlichen
Wunsche Ausdruck zu geben, daß es Ihnen bald wieder vergönnt sein
möge, an den geselligen Freuden Ihrer Mitbürger einigermaßen
teilzunehmen. Ich habe im Anschluß an die Sitzung, in der wir Ihre
Ehrung beschlossen, die Gelegenheit wahrgenommen, einen neuen Verein
zu gründen, der alle wohlgesinnten Elemente unserer strebsamen
Landeshauptstadt allmählich konsolidieren soll: die Gesellschaft der
Menschenfreunde! Ich gebe mich der Hoffnung hin, auch Sie, verehrter
Herr Ehrenbürger, demnächst als Mitglied begrüßen zu dürfen.
+Christian Wach+
Außerordentlich schmeichelhaft. Aber verzeihen Herr Oberbürgermeister:
meine N-Nerven erlauben mir wirklich nicht, an solchen
m-menschenfreundlichen Sitzungen mit der nötigen Ausdauer teilzunehmen.
+Bürgermeister+
Nun, wenn auch nicht im Augenblick, es wird uns jederzeit aufrichtig
freuen, einen so würdigen Mitbürger in unserem Bunde willkommen zu
heißen. Und deshalb bleibt es mein inniger Wunsch, der allseits
mitempfunden wird, Ihre baldige Wiederherstellung im engeren Kreise
feiern zu können. (_Er schüttelt ihm abermals die Hand._)
+Regierungsrat+
Ich schließe mich diesem Wunsche an, unbeschadet der hohen Achtung, die
Ihre stoischen Lebensgrundsätze jedem eifrigen Staatsbürger abnötigen.
(_Er verneigt sich._)
+Christian Wach+
(die Herren zur Tür geleitend)
Ich danke ebenso aufrichtig, meine Herren, und wiederhole die
ehrer-b-bietige Bitte, auch bei den zuständigen Stellen meinen Dank
auszurichten. Ich werde wiegesagt bestrebt sein, mich in der „allseits“
gewünschten Weise nach wie vor zu betä-hä-hä-hätigen. (_Er verneigt
sich gleichfalls und schließt die Tür hinter ihnen, setzt sich dann
matt an den Mitteltisch_) -- -- Grauenhaft -- -- (_Er nickt vor sich
hin, blickt zu dem Porträt empor_) Du rächst dich gut -- -- (_Es
klopft, er schrickt auf_) --
+Die alte Anne+
(behutsam näher tretend)
Es ist +noch+ jemand draußen, Herr Christian.
+Christian+