„Das ist naiv“... Wenn wir das hören, wissen wir nicht ohne weiteres,
soll das ein Lob, ein Tadel oder einfach eine Aussage sein. Besonders
Künstlern passiert das oft; da ist irgend etwas in ihren Werken, das
hält der eine Betrachter für „recht naiv“, der andre für „vollkommen
naiv“, wieder ein andrer für „gar zu naiv“, und ein abermals andrer
für „nicht naiv genug“. Wenn man dann jeden von ihnen fragt, was er
mit diesem beliebten Fremdwort eigentlich habe sagen wollen, erhält
man regelmäßig eine Belehrung über das unbewußte Gemüt. Und wenn man
hierauf zaghaft bemerkt, daß nach menschlichem Wissen noch kein Gemüt
in bewußtlosem Zustand ein Kunstwerk verfertigt habe, auch daß sich
über das Unbewußte füglich doch wohl nichts wissen lasse, dann wird
man mit neuen Fremdwörtern heimgeschickt. Vornehmlich die Wörter
„Instinkt“ und „Genie“ spielen da eine kräftige Rolle; und wenn der
Deutsche mit wuchtigster Schlagkraft auf die Tiefe seines Gemüts
pochen will, dann spricht er das Wort „Naturgenie“ aus. Bleibt dem
Instinkt des erschütterten, teils ganz naiven, teils mehr als naiven,
teils nicht ganz naiven Fragestellers anheimgestellt, ob er sich für
ein schlechtweg natürliches oder ein etwas übernatürliches oder ein
ziemlich unnatürliches Naturgenie ästimieren soll. Denn sein bißchen
Talent steht ja außer Zweifel; nur scheint es ein wenig zu kultiviert,
sonst würden jene wohlmeinenden Leute doch wohl nicht um seine
Natürlichkeit hadern.
Merkwürdigerweise kann aber kein Künstler umhin, sein Talent nach
Kräften zu kultivieren; und manches Genie, das mancher Kunstfreund für
nicht ganz stark genug erklärt, weil es leider nicht naiv genug sei,
ist manchem ebenso klugen Gönner blos leider nicht kultiviert genug.
Also kam ich eines Tages auf die Vermutung, daß jenes rätselhafte
Fremdwort wohl etwas Andres besagen müsse als den sogenannten genialen
Instinkt, diesen angeblich unbewußten Naturtrieb, der doch so sonderbar
selbstbewußt auftritt, so eigensinnig in sich befangen; und ich suchte
mir auf gut Deutsch zu sagen, was denn „naiv“ klipp und klar bedeute.
Da fiel mir zunächst ein: unbefangen. Dann: unwillkürlich, triebhaft,
ursprünglich, urwüchsig, freimütig, unverstellt, ungezwungen. Dann
ungekünstelt, ungelehrt, unberechnet, unverdorben, unschuldig,
treuherzig, harmlos, bieder, gesund, frisch, lauter, wahrhaftig,
schlicht, gemeinverständlich, einfach, einfältig; aber da kam ich
schon in die Brüche. Einfältig: das konnte ganz nach Belieben „tumb“
im guten altdeutschen Sinne oder „dumm“ im neudeutschen schlechten
bedeuten, konnte kindisch sowohl wie kindlich heißen, unvernünftig
wie unvernünftelt. Und freimütig, unverstellt, wahrhaftig: kann das
nicht unverschämt und frech, ungeschlacht, grob und plump erscheinen?
Unwillkürlich: ist das nicht unter Umständen richtiger unfreiwillig
zu nennen, in einem recht lächerlichen Sinne? Unberechnet richtiger
unüberlegt, unbesonnen, unbedacht, unverständig? Hat nicht jegliches
Tun etwas Triebhaftes, auch die durchtriebenste Künstelei?! Wird nicht
gemeinverständlich und schlicht genannt, was oft schlechterdings nur
gemeinplätzig ist! Kann das Ungekünstelte nicht das Kunstlose sein,
und das Kunstlose das Unkünstlerische! Und der Unverbildete: ist er
nicht meistens -- oder der Biedermann wohl stets -- auch ungebildet,
ungesittet, ungeschickt, unfein, täppisch, verlegen, also durchaus
nicht ungezwungen, sondern eher verbohrt, beschränkt, befangen! etwa
was die Franzosen ~bête~ titulieren.
Das alles also, sagte ich mir, kann hinter dem Naiven stecken. Ich war
ausgegangen von unbefangen und war bei befangen angelangt; das grenzte
doch arg ans bewußte Unbewußte. Ich war naiv genug gewesen, meinen
gesunden Menschenverstand zu befragen, und war anscheinend auch noch
naiv genug, mich nun von ihm genarrt zu fühlen; ich kam mir ein bißchen
als deutscher Michel vor. Natürlich begann mein Instinkt nun erst recht
nach der Erkenntnis zu begehren, bis zu welchem Grad ein Genie sich
erlauben darf, naiv zu sein oder aber zu bleiben; denn es könnte ihm ja
der Kulturberuf obliegen, oder vielleicht sogar der Naturberuf, sich
selber gewisse Naivitäten um des menschlichen Selbstbewußtseins willen
vernünftigerweise abzugewöhnen. Und da ich mich trotzdem, wie gesagt,
von meiner bewußten Vernunft genasführt fühlte, so mußte ich wohl oder
übel nun doch versuchen, das Unbewußte zu Rate zu ziehen.
Also beschloß ich, auf spiritistischem Wege ein von der kultivierten
Menschheit offiziell als naiv anerkanntes Genie aus der Geisterwelt
herbei zu zitieren, sei es nun aus der Unterwelt oder aus einer
Überwelt. Am liebsten hätte ich selbstverständlich den Vater Homer
heraufbeschworen; aber der war schon so lange tot, daß womöglich auch
sein Geist nicht mehr lebte oder sich schon in irgendeine unerreichbare
Welt verflüchtigt hatte. Wer blieb da übrig als der Altmeister Goethe,
der von sämtlichen deutschen Professoren als das Non-plus-ultra
moderner Naivität wie klassischer Kultur deklariert war, überhaupt als
ein Muster an Harmonie; bei Shakespear war die schon zweifelhaft. Also
ließ ich mir den Geist Goethe kommen.
Es ist das bei weitem nicht so schwierig, wie man gemeinhin zu meinen
geneigt ist. Man braucht nur ein gewisses Wissen von einem solchen
Geist zu besitzen, wenigstens dem Namen nach, dann ist man bereits
besessen von ihm; man braucht dann dies Wissen nur zu vergessen,
d. h. das Bewußtsein dieses Wissens, sodaß nur das Unterbewußtsein
noch weiß, von welchem geistigen Überbewußtsein man selbstvergessen
besessen ist, und dann läßt man sozusagen im Schlaf diesen überbewußten
Geist aus sich reden, der dadurch natürlich vollkommen erwacht. Die
Wissenschaft nennt das Somnambulismus oder autosuggestive Hypnose und
läßt es gewöhnlich durch ein Medium hysterischen Charakters besorgen.
Das ist aber erstens sehr umständlich, denn man muß dem Medium immer
erst die zweckentsprechende Suggestion zur Autosuggestion beibringen;
zweitens auch sehr unzuverlässig, denn das Medium -- naiv wie es ist --
verwechselt leicht sein hysterisches Unterbewußtsein mit dem genialen
Überbewußtsein und schwindelt dann dummes Zeug zusammen; drittens auch
noch recht kostspielig, von wegen der Nervenheilanstalten. Man kommt
bequemer, besser und billiger weg, wenn man sich selber auf einige Zeit
seines Selbstbewußtseins im Geiste entäußert; nötigenfalls durch etwas
Weingeist. Man darf dabei nur nicht unterlassen, die Autosuggestion
darauf einzurichten, daß man sich an die Äußerungen seiner geistvollen
Selbstentäußerung nachträglich noch zu erinnern vermag.
Das tat ich denn auch und merkte alsbald, wie sich Goethens Geist auf
mich niederließ. Oder vielmehr: zu mir herabließ. Denn er schwebte vor
mir in einem solennen, bis an die Kravatte zugeknöpften, goldgestickten
Ministerfrack, mit einem großen Stern auf der Brust, und ließ ein
höchst unwirsches Räuspern vernehmen. Ich, tief benommen, räuspre mich
gleichfalls. Darauf +Er+, mit gänzlich lautloser Stimme: Ich bin
zur Stelle, was wünschen Sie?
+Ich+, mit ganz ebenso lautloser Stimme: Euer Excellenz wollen
gütigst verzeihen, daß ich mir so im Geist unterstehe, Ihre erhabene
Ruhe zu stören. Aber es handelt sich um die Entscheidung einer
ungemein bedeutenden Frage, nämlich ob die geniale Natur eine im Sinne
Euer Excellenz wie der übrigen Wirklichen Geheimen Räte der ewig
bildungsbeflissenen Menschheit harmonische Kultur zu erlangen vermag,
sobald sie nur ihren produktiven Instinkt, speziell das poetische
Talent, völlig naiv gewähren läßt.
+Er+, merklich seinen Unmut bezähmend: Da müssen Sie unsern höchst
schätzbaren Freund, den Herrn Hofrat Professor v. Schiller befragen.
+Ich+: Euer Excellenz wollen gütigst glauben, daß ich des
Herrn v. Schiller unsterbliche Werke, insbesondere seinen berühmten
Traktat über naive und sentimentalische Dichtung, mit meinen bewußten
Geisteskräften fast ebenso sorgfältig durchstudiert habe wie Euer
Excellenz eigene Schriften. Allein ich hoffe mir unbewußt eine
klarere Aufklärung zu erwirken, als ich aus diesen Erzeugnissen eines
weiland vernünftigen Seelenlebens zeitweilig zu gewinnen vermochte.
Denn es werden in gegenwärtiger Zeit, was Euer Excellenz verewigtem
Geist vermutlich nicht bewußt sein wird, die Begriffe „naiv“ und
„sentimental“ nicht mehr so gegensätzlich empfunden, wie Herr Professor
Schiller sie nahm. Vielmehr erscheint den Geistern von heute diese
heftige Gegeneinanderstellung als triebhafter Ausdruck einer Zeit,
die ungleich gefühlvoller war als die jetzige und deshalb auf eine
heilsame Selbstzucht wider ihre Empfindsamkeit überaus scharf bedacht
sein mußte. Jetzt ist als Gegensatz zum Naiven eher das Raffinierte
verrufen, das Problematische, Mystische, Kapriziöse, Preziöse, Bizarre,
Ironische; und wo der Herr Hofrat v. Schiller beinahe geneigt war,
das Graziöse für das Naive zu nehmen, wird heute von manchem höchst
trefflichen Volkserzieher das Brutale an dessen Statt geschätzt.
+Er+, etwas weniger an sich haltend: Es scheint, die
Begriffsverwirrung in Deutschland ist bis zur trübesten Gärung
gediehen.
+Ich+: In der Tat befinden sich seit Jahrzehnten alle Begriffe in
solcher Gärung, daß gemäß den natürlichen Bildungsgesetzen wohl endlich
die Klärung eintreten wird. Euer Excellenz dürfen überzeugt sein, daß
dieser gedeihliche Prozeß, der nach Meinung der vorgeschrittensten
Geister von Excellenz selber inauguriert ist, zugleich auch den
unterbewußten Beweggrund meines überbewußten Anliegens bildet. Es kann
sich wohl Niemand mehr verhehlen, daß Herrn v. Schillers gestrenge
Begriffsscheidung, so sehr sie auf wirklichen Unterschieden zwischen
gewissen Kunstwerken ruht, ihre ausschließende Geltung einbüßt,
sobald sie auf die volle Natur eines ganzen Künstlers bezogen wird.
Wie Excellenz selbst schon in den Gesprächen mit dem jungen Herrn
Eckermann bemerkten, daß keinerlei sentimentale Dichtung irgendwelchen
Bestand haben kann, die nicht aus einem naiven Gefühlsgrund gleichsam
hervorgewachsen ist, so dürfte auch kein im Sinne Schillers naiver
Dichter zu finden sein, der ohne sentimentalische Mitgift ein
menschliches Herz zu erobern vermöchte. Weswegen denn Schillers
sentimentalstes Gedicht -- „seid umschlungen, Millionen“ -- heute für
sein naivstes gilt, manchem Kenner sogar für allzu naiv. Und daß bei
Homer die Pferde weinen, gar aus Trauer um den Tod eines Menschen, das
ist eine solche Naivität, wie kein moderner Poet verlautbaren dürfte,
ohne von sämtlichen Rezensenten als ein lächerlich hypersentimentaler
Naturverfälscher gebrandmarkt zu werden.
+Er+, immer mehr aus seiner Zurückhaltung tretend: Also erfrecht
der gemeine Verstand sich bereits, den griechischen Edelmut zu
bekritteln?
+Ich+: Der kritische Disput um die Griechen ist allerdings im
letzten Jahrhundert dermaßen gemeinverständlich geworden, daß ihre
überaus edle Gemütsart nun den weitesten Kreisen zur Kenntnis liegt
und mehr denn jemals gepriesen wird. Aber zugleich ist bekannt
geworden, daß die Antike zu keiner Zeit so idealiter naiv war, wie
Herr Professor Schiller noch mutmaßen durfte, daß insbesondere neben
Homer der Dichter Archilochos gleich hochgeschätzt war, den man nach
aller Forschung durchaus für einen Sentimentaliker ansprechen muß,
einen elegischen Ironiker vom dämonischen Schlage des Lords Byron,
des erlauchten Freundes Euer Excellenz. Auch hat sich bestätigt,
was Excellenz ahnten, daß nämlich der Dichter, der die Balladen der
prähomerischen Tradition in die zwei großen Epen organisierte, kein
plötzlich emporgeschossener Sprößling eines kindlich urwüchsigen
Zeitalters war, sondern der langsam gereifte Früchtling einer freilich
noch patriarchalen, aber schon äußerst regulierten Kultur. Und
wer den Homer einmal daraufhin lesen will, wie deutlich in seinem
epischen Kosmos menschliche Ordnung und göttliche Willkür allenthalben
kontrastiert sind, der wird auch bei diesem beschaulichen Ahnherrn
ein gut Teil Ironie entdecken und denselben merkwürdigen Hintersinn
gegen eine verblühte Naturreligion zu Gunsten neu keimender Humanität,
der einige Jahrhunderte später in den Tragödien des Äschylos mit
sentimentalster Leidenschaft auftrotzt. Ist das nun blos naiver
Instinkt, oder ist es intelligente Tendenz? Spricht nicht aus allen
Konflikten der Griechen ein problematischer Aufklärungskampf um
Freiheit und Gerechtigkeit, der sich schließlich bei Euripides zum
raffiniertesten Pathos zuspitzt und zugleich bei Aristophanes zur
kapriziösesten Persifflage?
+Er+, sichtlich zur Erwägung geneigt: Im Ernst eine ungemeine
Frage. Und da denn alles Ungemeine auch allgemeine Bedeutung hat,
verlohnt sich wohl eine ernste Betrachtung.
+Ich+: Haben Euer Excellenz annehmen können, ich wollte mir zum
Spaß unterstehen, Ihren verewigten Geist zu zitieren?
+Er+, mit gelassener Laune lächelnd: Ich habe den Mephisto
geschrieben --
+Ich+: Und wenn ich Excellenz recht verstehe, haben Sie dennoch
auch den Faust schreiben können, samt Gretchen und dem Famulus Wagner,
und die Einen so naiv wie die Andern --
+Er+, von unendlicher Heiterkeit leuchtend: Wie bereits unser
höchst vortrefflicher Schiller zu seiner naivsten Verwunderung wahrnahm.
+Ich+: Aber was ist alsdann das Naive, wenn es weder das
Sentimentalische noch auch das Problematische ausschließt? Und wie
verträgt sich das Raffinierte damit?
+Er+, von erhabenstem Wohlwollen strahlend: Wie sich Alles in der
Natur verträgt, was mit reinem Willen ein Ganzes fördert. Wie denn auch
Einfalt gern die Berechnung heranzieht, sobald sich der natürliche
Sinn in Hinsicht auf sein Gesamtbefinden nur irgend Vorteil davon
verspricht, ob das der kultivierte Geist nun Bauernschlauheit oder
Indianerlist schilt. Und wenn in objektivem Betracht das Naive das
durchaus Klare ist, in subjektivem das Lautere, wie sollte es dann mit
dem Raffinierten, das doch auf deutsch sowohl das Geläuterte wie auch
das Abgeklärte heißt, nicht rein und willig zusammenwirken!
+Ich+: Inzwischen hat freilich das Raffinierte einen übeln
Nebensinn angenommen und heißt jetzt eher das Abgefeimte,
Durchtriebene, Geriebene.
+Er+, mit erheblicher Ungeduld: So mag es denn auch noch
ausgefeimt heißen, sofern es nur nicht betrüglich ist.
+Ich+: Doch scheint mir dies alles zwar unzweideutig das Naive
der Natur zu bezeichnen, aber noch nicht das Naive der Kunst; während
doch die geniale Natur, wenn anders mein unterbewußter Verstand meine
überbewußte Vernunft nicht betrügt, Beides in sich vereinigen und
irgendwodurch bemessen muß, um harmonisch und kulturell zu wirken. Denn
etwa zu sagen, daß jeder Künstler auf seine besondere Art naiv sei, das
würde doch fast schon nichtssagend sein.
+Er+, den obersten Knopf seines Frackes lüftend: Da dürfte denn
wohl das Problema stecken. Indessen war es nie meine Art, mich mit
abstrakten Spekulationen um widerspruchsvolle Begriffe zu plagen;
wir wollen lieber ein Beispiel betrachten, das auf das Naive ein
zwiefaches Licht wirft. Es ist da unlängst in der Geisterwelt ein Herr
Professor Nietzsche erschienen, der mir mit überaus gütigem Eifer eine
Aufmerksamkeit erweisen wollte, indem er zuvörderst auf die Autoren
des Neuen Testamentes schmähte, dann über Martin Luther herzog und
zuletzt auch meinen Freund Schiller angriff, und dies in einem höchst
würdigen Stil, der sich teils an dem Evangelisten Johannes, teils an
dem Apokalyptiker, mehr noch vielleicht am Apostel Paulus, doch zumeist
an Luther gebildet hatte, und mit einem äußerst gewaltigen Pathos, das
mich stark an den jüngeren Schiller gemahnte. Das, mein werter Herr
Doktor, sehen Sie wohl: das war in beidem Betracht naiv, von Natur aus
wie auch von Kunst wegen, und war zugleich doch raffiniert.
+Ich+: Wenn es nicht etwa allzu naiv war. Denn es dünkt mich eine
Art Selbstbetrug, war also vielleicht nicht genug raffiniert.
+Er+, die rechte Hand in den Busen steckend: Ich sehe, Herr
Doktor, mein werter Freund Nietzsche hat mich außerdem auch noch
vortrefflich berichtet, indem er mir von der Eindringlichkeit gewisser
neuester Dichter sprach. Indessen muß wohl alles Naive in einer Art
Selbstbetrug beruhen, ohne welche der Anschein entstehen würde, als
wolle der welterfahrene Künstler mit seiner Einbildung +Andre+
betrügen. Wie denn auch schon dem kindlichen Spiel eine Lust zur
Verstellung innewohnt, die jeder Erwachsene leicht durchschaut, doch
welche ihn umso reizender anmutet, je inniger sich die kindliche Seele
über diese ihre Schauspielerei in eine artige Täuschung wiegt. Nur ist
freilich das Reizende nicht das Bedeutende.
+Ich+: So müßte denn wohl das höchste Genie, insofern es die
klarste Erfahrung bedeutet, über solchen naiven Selbstbetrug in
jedem Betracht erhaben sein, ob nun geläutert durch Kultur, ob aus
natürlicher Lauterkeit.
+Er+, mit entschiedener Ablehnung: Ich weiß von keinem höchsten
Genie! Ich weiß nur von einigen würdigen Geistern, die jeder in
seiner Art sich bestrebten, irgend ein Hohes heranzubilden. Wer aber
vollkommen erhaben wäre, der dürfte sich wohl erst recht so gefallen,
wie die Natur ihn gebildet hat, und sogar auch seine Verblendungen mit
ähnlichem Gleichmut in Vogelschau nehmen wie Napoleon auf St. Helena.
+Ich+: Doch ist mir an Kunstwerken aufgefallen, daß gerade die
bedeutendsten Künstler diese Art Selbstanschauung nicht pflegten,
vielmehr nach einer freien Klarheit über das menschliche Innere
strebten, die den blinden Trieb der naiven Natur zum mindesten
einschränkt, wenn nicht ausschließt.
+Er+, mit gemessener Zustimmung: Es könnte sein, daß der blinde
Naturtrieb durch Künstlergeist sehend werden möchte.
+Ich+: Jedenfalls kann alsdann das Naive nicht den Wert der
genialen Natur ausmachen. Sonst müßte, scheint mir, ein Burns einen
Byron, ein Claudius einen Goethe aufwiegen.
+Er+, die Hand aus dem Busen nehmend: Ich muß bitten, mein sehr
werter Herr Dehmel, das Persönliche aus dem Spiel zu lassen.
+Ich+: Doch wird ein erhabener Geist mir nicht wehren, nur des
Beispiels halber noch zu bemerken, daß auch bei den anderen hohen
Persönlichkeiten der vornehmsten Kulturnationen -- bei Sophokles
wie bei Kalidasa, bei Dante wie Calderon, Shakespear wie Rabelais,
Cervantes wie Swift, Lionardo wie Dürer, Michelangelo wie Rubens wie
Rembrandt, Palestrina wie Bach wie Mozart wie Beethoven -- das Naive
überall höchstens die Rolle des rührigen Mägdleins im Königsschloß
spielt, wo nicht blos des handlichen Prügelknaben, und meistens zu gar
keinem Vorschein tritt; wohingegen es sich bei vielen sehr reizenden,
jedoch nicht eben bedeutenden Künstlern mit breitestem Behagen ergeht
und oft ihr ganzes Gedinge beherrscht. Allein den einzigen Vater Homer
nennt man immer wieder als Gegenbeispiel, indessen wohl lediglich aus
dem Grunde, weil die patriarchalen Kulturprobleme, um die sich die
naiven Konflikte seiner merkwürdig sinnreichen Helden drehen, der
heutigen Menschheit nichts mehr bedeuten und deshalb gern übersehen
werden. Es müßte auch, deucht mir, um die Menschheit unglaublich
widersinnig bestellt sein, wenn grade die stärksten Künstlerseelen, die
doch von dem ewig währenden Kampf zwischen Menschenvernunft und blindem
Naturtrieb am allerheftigsten mitbewegt werden, ihre Kraft an ein
kindlich einfältiges Spiel der trüglichen Sinne verschwenden sollten,
anstatt mit männlichem Eigenwillen einen redlichen Ausgleich jener
Zwiespältigkeit wenigstens zeitweilig zu erwirken. Oder denkt ein hoher
Geist anders darüber?
+Er+, das zweite Knopfloch des Frackes öffnend: Sie sind sich
offenbar nicht bewußt, daß aller zeitweilige Wert eines Kunstwerkes
dessen dauernde Fortwirkung nicht erklärt, daß folglich nach
vernünftiger Schätzung sein löblicher Inhalt an Kultur dem natürlichen
Gehalt wohl beigeordnet, jedoch nicht übergeordnet werden kann.
+Ich+: Ich befinde mich allerdings zur Zeit in einer Art
unbewußtem Zustand; und ich weiß nicht, ist es unterbewußte oder
überbewußte Sinnentäuschung, daß ein deutscher Klassiker hier so
romantisch redet?!
+Er+, befremdet: Was für ein Klassiker?
+Ich+: Dessen Geist mir soeben erst gebot, das Persönliche aus dem
Spiele zu lassen; wohl weil es das vollauf Natürliche ist.
+Er+, aufs höchste erstaunt: Ich ein Klassiker??
+Ich+: Von der ganzen Nation heute so genannt! Sollte das in der
Geisterwelt unbekannt sein?
+Er+, mit Mühe seinen Verdruß beherrschend: Da habe ich nun den
deutschen Barbaren zeit meines Lebens ins Ohr geblasen, daß klassische
Nationalautoren in Deutschland ein Ding der Unmöglichkeit sind, solange
sich dieses unglückselig zerstreute und zerfahrene Volk nicht in
allen Stücken zu einer soliden nationalen Kultur gesammelt hat; habe
wieder und wieder nachgewiesen, daß inzwischen das originale Talent
nur auf internationaler Basis eine sichere Haltung gewinnen könne, daß
überhaupt die Epoche der Weltliteratur die einzige übrige Möglichkeit
für eine glückliche Bildung sei. Und nun kommt diese widerspruchsvolle
Horde literarischer Sanskülotten, die mich ehemals an den Schandpfahl
wünschte, und will mich zu ihrem Klassiker stempeln! Als ob durch
solchen armseligen Selbstbetrug nur irgend ein Wahres gefördert würde!
+Ich+: Das ist freilich naiv; doch hat sich Deutschland --
+Er+, ohne Achtsamkeit weiterwetternd: Da habe ich mich von Jugend
auf durch tausend ungereimte Begriffe und widrig abstrakte Meditationen
zu einiger Klarheit hindurchplagen müssen; und statt wahrhafte
Anerkennung zu finden, muß ich hier die reizende Botschaft vernehmen,
daß ich eitler Prahlhansigkeit zum Deckschild diene! Das ist äußerst
unerfreulich, Herr Doktor!
+Ich+: Euer Excellenz haben zwar vorhin beliebt, ein Gegenteiliges
auszusprechen; indessen könnte das Widerspruchsvolle, obwohl es gewiß
nicht das Wahre ist, doch grade das eigentlich Wahrhafte sein.
+Er+, merklich betroffen: Wie meinen Sie das?
+Ich+: Wenn Excellenz sich nicht leider verbeten hätten, Ihr
Persönliches zu berühren --
+Er+, an dem untersten Frackknopf nestelnd: Es hat mich von jeher
nur wohl berührt, wenn mir Jemand gehörig die Wahrheit sagte; das will
heißen, mit dem gehörigen Anstand.
+Ich+: Nun, der Name Goethe gilt eben heute als Inbegriff
deutschen Strebens nach Bildung, nach innerer Sammlung zu äußerer
Einheit, nach einer persönlichen Harmonie mit dem sozialen
Kulturinstinkt.
+Er+, mit vollständig aufgeknöpftem Frack: Man rede mir nur nicht
von Harmonie, bevor man nicht alle Dissonanzen vernommen und begriffen
hat!
+Ich+: Man hat sie alle so fleißig begriffen, daß heute im neuen
Deutschen Reich kein Skribifax zu finden sein dürfte, der seinen
absurdesten Feuilletonwitz wie seine banalste Kathederweisheit nicht
mit irgend einem beiläufigen Satz aus Goethes widerspruchsvollen
Schriften belegt und sich feierlich auf das Genie beruft.
+Er+, mit einer Miene leidvoller Dumpfheit: So hat man mich eben
schlecht begriffen.
+Ich+: Oder vielleicht nur gar zu gut, nämlich ein wenig zu naiv.
+Er+, erleichtert, mit einem belustigten Lächeln: Sie scheinen mir
recht raffiniert, mein wertester Freund.
+Ich+: Oh, mein teuerster Gönner, auch ich bin ein Deutscher.
Denn inzwischen hat sich unser Volk immerhin doch auf einen gewissen
Grad politischer Einheit zusammengerafft; und wenn dennoch seine
soziale Kultur so zerstückelt wie jemals geblieben ist, so blickt drum
jeder Gebildete, und mehr noch der Bildungsbedürftige, mit naivster
Ehrfurcht auf eine Persönlichkeit, die -- ob sie im Einzelnen noch so
triebhaft von natürlichen Dissonanzen bewegt war -- doch im Ganzen
als ein beharrliches Vorbild für den nicht minder natürlichen Trieb
nach harmonischer Kultur vor der Welt steht. Das aber, scheint mir,
ist eben die Wirkung, die von jedem erhabenen Künstler ausgeht und
allen erhebenden Kunstwerken beiwohnt. Mag der Bildungsstand, den
sie enthalten, ein überall zeitlich bedingter sein, so ist doch der
ewige Ausbildungstrieb, der diesen Inhalt zusammenhält, ein unbedingt
Natürliches, ein allgemein menschlich Notwendiges, von innerstem Grund
aus Wirksames, über Zeit und Volk hinaus Wertvolles. Und ein solcher
Wert, so mysteriös und problematisch er immer ist, wird denn doch
wohl selbst dem löblichst naiven Spieltriebe überzuordnen sein, der
sich an seinem jeweiligen Zustand trüglich-vergnüglich genügen läßt.
Was den Zeitgenossen wie bloßes Stückwerk eines widerspruchsvollen
Geistes deuchte, wird der strebsamen Nachwelt den vollen Gehalt einer
wahrhaftigen Seele bedeuten, zumal da noch niemals eine Nation ihre
jeweils erreichte eigne Kultur für vollkommen harmonisch befunden hat
und wohl auch niemals befinden wird, so wenig wie der einzelne Mensch,
am wenigsten aber der geniale. Sollte das nicht, so wahrhaft menschlich
es ist, doch vielleicht auch ein göttlich Wahres sein?
+Er+, mit hellstem Lächeln: So sei es denn! -- Nur gebe man auch
dem Teufel sein Recht; und der war von jeher ein dummer Teufel.
+Ich+: In welchem Sinne soll ich das nehmen?
+Er+, schalkhaft nickend: In keinem Sinne! Wohl aber in einem
gewissen Verstande, der sich verteufelt betriebsam zeigt und den
edelsten Bildungstrieb ausarten macht, sofern er nicht im Naiven
wurzelt. Man hüte sich vor der Reflexion, die den Wurzelboden zerwühlt
wie ein Maulwurf!
+Ich+: So sollte es wirklich das Nachdenken sein, wodurch das
ursprüngliche Gefühl, das jeden Künstler zum Werke treibt, zuweilen so
unhold befangen wird, daß ein Unwirksames daraus entsteht?
+Er+, immer noch schalkhaft: So +könnte+ es sein.
+Ich+: Indessen ist mir von einem Dichter, der heute für den
naivsten gilt, weil erst Wenige seine originellere, höchst ironische
Bedeutung hinlänglich schätzen, von meinem Freunde dem Freiherrn von
Liliencron, zu öfteren Malen anvertraut worden, daß er gründlichst über
sein Dichten nachdenkt. Ja, ich weiß von einem seiner Gedichte, worin
das gewiß recht naive Gefühl einer starken Betrunkenheit dargestellt
ist, daß er es sieben Jahre lang in Gedanken herumgetragen hat, bevor
es ihm reif zur Abfassung war.
+Er+, ernsthaft: Dergleichen geschah auch mir oft genug, und
wird wohl jedem Dichter geschehen. Nur verkenne man nicht, daß es
Zweierlei ist, über Gefühle nachzudenken oder über die Darstellung von
Gefühlen! Das Eine ist die Reflexion des ästhetisierenden Philosophen,
das Andre die technische Logik des Künstlers. Die mag und soll er nach
Kräften üben; nur behüte ihn eine fromme Scheu, jene Kraft holdseliger
Dumpfheit zu stören, womit sich die Seele den Sinnen hingibt, und
wodurch zuweilen ein klares Gebilde so rasch aus dem willigen Geiste
hervorspringt wie die Pallas aus dem Haupte des Zeus. Er verharre
in seinem bewußtlosen Drange, bis sich das klügelnde Bewußtsein dem
sinnreichen Willen unterwirft.
+Ich+: Also sollte wirklich der Dichter des Faust, des Tasso
und der Iphigenie, des Werthers und des Wilhelm Meisters, von den
Wahlverwandtschaften nicht zu reden, nie über Wesen und Art der
Gefühle, ihren Wert und Unwert nachgedacht haben? Und wo hängt die Wage
zwischen Sinn und Verstand, zwischen Klugheit und Klügelei, zwischen
künstlerischer und menschlicher Weisheit, zwischen Geist und Vernunft,
zwischen Dichtung und Wahrheit?
+Er+, scheu, wie vor sich selbst erschauernd: +Bei den
Müttern!+ --
+Ich+: +Noch aber ragen leuchtend in den Äther die Marmorhäupter
der verklärten Väter!+ --
+Er+, frostig wehrend: Dies Licht ist kalt.
+Ich+: Und sollte allein die dunkle Wärme dem Wachstum des Geistes
gedeihlich sein?
+Er+, das unterste Knopfloch wieder schließend: Doch wird kein
Geist die Grenze entdecken, wo Licht und Dunkel einander durchdringen.
+Ich+: Sollte nicht eben des Künstlers Geist diese Grenze wieder
und wieder entdecken? Sollte jenes geisterhaft kalte Licht, das wie
ein unfaßbarer Eishauch jedem bedeutenden Kunstwerk entstrahlt, nicht
grade das Offenbarende sein, das den dumpfen Stoff erst zum klaren
Gebilde, die drangvolle Glut erst zur schaffenden Wärme läutert?
Und mag immerhin das Unbewußte der unergründliche Mutterboden aller
schöpferischen Fülle sein, was tut das über den Künstler dar, über
Art und Wert seiner Fähigkeit? Entspringt nicht jegliches menschliche
Schaffen, ja die alltäglich gewöhnlichste Arbeit, aus solchem
geheimnisvollen Antrieb, trotz allem ästhetischen Abergeschwätz?!
Klopft doch sogar der geringste Schuster das Leder mit einer
bewußtlosen Kraft; nur wird eben ein schlechter Schuh daraus, sobald er
es nicht zugleich recht bewußt über den passenden Leisten schlägt.
+Er+, mit gleichgiltigem Achselzucken: Es würde wohl auch kein
guter Schuh werden, wenn der schlechte Schuster bewußter drauflos
schlüge.
+Ich+: Wenn er besser Bescheid ums Zuschlagen wüßte, wäre er dann
nicht ein besserer Schuster?! Und um wieviel mehr erst der sinnreiche
Künstler, der unzählige einzelne Schlagfertigkeiten auf ein bedeutendes
Ganzes veranschlagt! Mag er durch Übung so sicher geworden sein, daß
er in rascher Entschiedenheit kaum noch um all seine Kunstgriffe
weiß; aber was lenkte ihn bei der Übung, was sichert seinem Griff
die Bestimmtheit, wenn nicht der herrschende Gedanke, der all die
beliebigen Bildgefühle auf irgend ein sinnvoll Notwendiges richtet!
Liegt da nicht einfach die Folgerung nahe, daß sich jeder Künstler
und sonstige Schöpfer vor andern Menschen nur dadurch auszeichnet, in
welcher Art und in welchem Umfang das bisher Unbewußte bei ihm bewußt
wird! Warum gelingt keinem unreifen Künstler ein Werk von wahrhaft
voller Bedeutung, wohl aber manchem Wunderkind manch allerliebstes
reizendes Ding von wirklicher Vollkommenheit? Ich glaube, weil sein
Geist noch nicht ausgebildet, sein Gemüt aber schon durch geistige
Erbschaft für klare Gefühle vorgebildet ist. Da mag ihm denn in
holdseliger Dumpfheit auch wohl einmal etwas Sinniges glücken, das er
höchst naiv seinem eigensten, blos sogenannten Mutterwitz zuschreibt;
ist aber in Wahrheit Väterweisheit, tiefst raffiniert im Liebeskampf
mit der gern empfänglichen Mutter Natur.
+Er+, halb gelangweilt, halb gereizt: In diesem Verstande könnte
es hingehen. Nur erspare alsdann die brave Vernunft sich erst recht
die überflüssige Mühe, dem Gemüt in sein Tiefstes dreinzureden! Mag
der Gedanke sich hinter das Sinnliche stecken, damit jedes scheinhaft
Einzelne planvoll aufs ganze Wesen deutet; aber er macht sich
unerträglich, sobald er die Gefühle belästigt, die dieses Ganze tragen
und halten.
+Ich+: Doch scheint es mir schwach um Gefühle bestellt, die keinen
starken Gedanken aushalten. Bei Shakespear strotzt selbst der Narr von
Gedanken.
+Er+, ganz gereizt: In der Tat, er strotzt! Das dürfte denn wohl
das Närrische sein!
+Ich+: Und der weise Hamlet, der doch nur halb ein Narr ist?
hängt nicht sein ganzes Gefühl von Gedanken ab? Ja, ich getraue mich
nachzuweisen, daß das gesamte Kunstwerk „Hamlet“ auf einem bestimmten
Gedankengrund steht, um den der Dichter gewußt haben muß.
+Er+, stutzig: Da wäre ich aber wahrlich gespannt. Sie sind
überaus eigensinnig, Herr Doktor!
+Ich+: Nur in Euer Excellenz eigenem Sinne. Denn wie Excellenz
selbst einmal kommentierten, wollte Shakespear hier eine Seele
schildern, die eine große notwendige Tat pflichtbewußt auf sich nehmen
will, ohne der Tat gewachsen zu sein; kurz, einen edelmütigen Menschen,
der nur leider Gottes durchaus kein Held ist. Nun liegt es jedoch, wie
Excellenz gleichfalls und mehr als einmal dargelegt haben, nicht im
Wesen des bedeutenden Dichters, ein lediglich Negatives zu zeigen; wenn
sich also das Positive hier nicht in dem sogenannten Helden des Dramas
findet, muß man es wohl in dem Drama selbst, d. h. in dem Ausgleich
der andern Personen mit dem unheldischen Helden suchen. Und in der
Tat sehen wir jeden Charakter, der neben Hamlet die Handlung fördert,
auf diese Ergänzung hin angelegt: zu Anfang den Geist des heldischen
Vaters, zum Schluß den lebendigen Helden Fortinbras, in der Mitte den
verbrecherischen Dreiviertelshelden Claudius, den echten Mann Horatio,
das unreife Übermännlein Laertes, und als den Nullpunkt für diese
ganze Skala positiver Energie den wohlweisen Schwächling Polonius,
gegen welchen selbst der passive Hamlet zu einem gewissen Grade aktiv
wirkt. Da muß sich denn wohl der Gedanke aufdrängen, der Dichter habe
in dieser Tragödie das dem vornehmen Sinn seiner Zeit gemäße Problem
der heroischen Tendenz vom Grunde aus behandeln wollen, nach Art wie
Abart, Wert wie Unwert, zumal wenn wir auch seine anderen Werke auf
solche seinen Zeitgenossen erbauliche Grundgedanken gestellt sehen, auf
die Probleme des Aristokratismus, Nationalismus und Humanismus, von den
psychologischen ganz zu schweigen. Nur war er freilich raffinierter
Künstler genug, uns derlei interessante Tendenzen nicht mit solchem
naiven Pathos ins urteilslose Gemüt zu schleudern, wie dem populären
Genie unsers Schillers beliebte; sondern als feinerer Menschenkenner
-- sehr oft bis zum Cynismus fein -- blieb er sich überall bewußt,
daß diese geistigen Rätselfragen die Seele umso nachhaltiger fesseln,
je unlöslicher sie dem Verstande scheinen, verfädelt unter ein buntes
Gewebe von dunkeln und hellen, dumpfen und klaren Gefühls- und
Sinnestäuschungen. Mag es schon halbwegs echte Verrücktheit sein, wenn
man wie Hamlet Wahnsinn heuchelt, so wäre es sicherlich ganzer Irrsinn,
wollten wir drum auch dem Dichter zutrauen, er habe sich ebenso selbst
betrogen und nicht vielmehr genau gewußt, warum er uns über diesen
Zustand seines problematischen Prinzen in deutungsvollem Dunkel läßt.
Sollte er das nicht einfach gewollt haben, um uns recht sinnfällig
anzudeuten, wie durch einen launenhaft unklaren Willen selbst die
klarste Vernunft der edelsten Seele in grausige Unvernunft zu entarten
droht?!
+Er+, wieder die Hand in den Busen steckend: Ich sehe, mein
Freund, Sie verstehen es, eine Sache von vielen Seiten zu nehmen. Und
freilich tut es, wie im Leben, so auch in der Kunst unter Umständen
gut, wenn man Andere über sein Innerstes täuscht. Doch was einem Geist
wie Shakespear bewußt war, ohne daß es ihm Schaden tat, könnte minder
kräftige Geister behindern, ihre Gefühle wirksam von sich zu geben.
+Ich+: Es wäre wohl kein sehr schlimmer Schaden, wenigstens nicht
für andere Leute, wenn solche Geister ihre Gefühle ganz und gar für
sich behielten.
+Er+, mit ergetztestem Behagen: Das war äußerst naiv geurteilt,
mein Teurer!
+Ich+: Wenn man sieht, wie sogar der simple Homer gegen den naiv
brutalen Achilleus den raffiniert dolosen Odysseus ausspielt, wie er
diesen Kontrast zwischen Intelligenz und Instinkt noch mit allerlei
Parallelpersonen durch beide Epen hindurch unterstreicht, vom rasenden
Ajax und weisen Nestor bis zum ochsenhaft rohen Polyphem und hündisch
verschlagenen Thersites, von den tolldreisten Lustweibern Helena und
Circe bis zu den sittig klugen Frauen Andromache und Penelope: kann
da irgend ein geistvoller Kopf noch glauben, das sei alles blos aus
bewußtlosem Drange so auf gut Glück zusammengedichtet?
+Er+, sichtlich des trockenen Tones satt: ~Credo quia absurdum
est.~
+Ich+: In der Tat, dieses mystische Mäntelchen um den Busen
des gottbegnadeten Sängers rührt wohl noch aus den dunkeln Zeiten
her, wo sich der Dichter in Einer Person mit dem Priester oder König
zusammenbefand. Da mußte der Volksredner, der er war, wohl ~nolens
volens~ darauf bedacht sein, die Menge durch einiges Zauberwesen in
ein dumpfes Staunen vor seiner Kunst zu versetzen; war wohl auch selber
noch dumpf genug, sich abergläubisch darob zu bewundern.
+Er+, den Stern auf seiner Brust zart berührend: Wie denn auch
dieser Orden, Freund, nur eitel Tand und Blendwerk ist, und bedeutet
doch ein höchst Würdiges. Ein barbarischer Putz aus rohester Zeit her,
und hängt nun als Mahnzeichen zuchtvollen Strebens auf dem Gewande der
feinsten Gesittung.
+Ich+: Und wenn denn die löblich gläubige Menschheit nicht ohne
etlichen Hokuspokus auf ihrer Würde bestehen kann, warum dann die
seelische Dumpfheit vergöttern, warum nicht die geistige Erleuchtung?
Als ob unser hochbestrebtes Bewußtsein nicht zum mindesten ebenso
rätselhaft, geheimnisvoll und wunderbar wäre, wie das tiefste
drangvollste Unbewußte, das uns mit jedem Kohlkopf gemein ist! Als ob
nicht dieses erst durch jenes in seiner besonderen Fülle erfaßt, ins
Eigentümliche durchgebildet, ins allgemein Wertvolle ausgestaltet, ins
menschlich Bedeutsame umgeformt würde! Was hat denn dem Menschen seine
Bedeutung vor Tier und Pflanze und Stein erschlossen, wenn nicht die
Entwickelung des Bewußtseins, mag sich das nun Vernunft oder Geist,
Verstand oder Sinn, Gedanke, Witz, Intellekt, Idee, Reflexion oder
Logik taufen! Und zeigt nicht die ganze mannigfache Formenfolge der
Lebewesen ein +stetes Stufenstreben der Geisteskraft, sich immer
wahrnehmbarer auszugestalten+?!
+Er+, bedächtig den untersten Frackknopf drehend: So meinen Sie
denn, der naive Impuls sei nur etwa der Pulverkraft vergleichbar, die
hinter einem Feuerwerk steckt?
+Ich+: Allerdings, ohne Pulver kein Feuerwerk; aber in
unverständiger Hand verpufft das Pulver und blendet blos.
+Er+, in Gedanken den Knopf abdrehend: Hm -- unter solcher
Beleuchtung betrachtet, läuft freilich das löbliche Gerede über den
dunkeln Drang des Künstlers am Ende auf den Gemeinplatz hinaus, daß
eine Schöpferkraft dasein muß, wenn eine Schöpfung werden soll.
+Ich+: Auch scheint mir dieser dunkle Drang, wenn anders mich
die Erfahrungen aus meinem bewußten Dasein nicht täuschen, in seinem
jeweiligen Denkzustand durchaus nicht so holdselig zu sein, wie er
sich später in unserm Gedächtnis ausnimmt, das jeden vergangenen
Zustand geistig verklärt; sonst würde der Künstler wohl kaum geneigt
sein, sich diese Dumpfheit jedesmal so rasch wie möglich vom Halse zu
schaffen. Ich wenigstens fühle mich in der Regel durch solche holde
Gedankendrangsal so unausstehlich bedrückt und befangen, wie der
Homunkulus in der Retorte oder Helena im Hochzeitsgewand.
+Er+, wieder vollständig aufgeknöpft, steckt lächelnd den Knopf
in die Westentasche: Es freut mich, Teuerster, wie Sie das sagen, mit
solchem holden Eigensinn. Indessen ist mir doch aufgefallen, daß Sie
fortwährend in überaus freundlicher, jedoch nicht eben ganz glücklicher
Weise bei unserm Gespräch darauf bedacht sind, nach Art meiner späteren
Schriften zu sprechen; und es war mir von jeher das höchste Vergnügen,
wenn sich ein eigenwilliger Geist auch einer eigenen Sprache bediente.
+Ich+: Und darf ich dann fragen: Heinrich v. Kleist??
+Er+, augenblicks heftigst die Stirn runzelnd: Ich sprach vom
+beherrschten+ Eigenwillen!
+Ich+: Sein Leben mag haltlos gewesen sein; aber wohl nur, weil er
alle Kraft an die Selbstbeherrschung als Künstler setzte.
+Er+, voller Zorn auf den Fußboden stampfend: Dieser junge Mann
war unbedenklich genug, sich dem Dämon in die Arme zu werfen, dem ich
selber zeitlebens behutsam auswich!
+Ich+: Das hat der Lord Byron auch getan! und Goethe hat ihn dafür
bewundert!
+Er+, herrisch auf meine Tischplatte klopfend: In Byron wars
Kraft, ihn riß Heldenmut fort; der Andre erlag seinem mystischen Drang
wie ein ungesund schwächliches Frauenzimmer.
+Ich+: Er hat uns als Dichter Helden enthüllt, an die keine
Heldentat Byrons heranreicht.
+Er+, mit noch stärkeren Klopftönen: Er hätte euch wohl noch mehr
enthüllt, wenn man ihm Mannszucht hätte eintreiben können. Er hatte das
Zeug zu einem Shakespear, wenn er kein Hamlet gewesen wäre. Er strebte
nur heldisch, sobald man sein Selbstbewußtsein mit härtestem Stachel
zum Trotz aufreizte; er war nicht über sein Schicksal erhaben.
+Ich+: Er war es immerhin bis zu dem Grade, daß er das alles im
Prinzen von Homburg mit klarster Erkenntnis dargestellt hat.
+Er+, immer noch mit umwölkter Stirn: Und da hatte der Dämon sich
erschöpft! --
+Ich+: So wäre denn dieser bedeutende Künstler seinen Instinkten
allzu naiv gefolgt?!
+Er+, mit verteufelter Anerkennung: Sie sind wirklich gründlichst
raffiniert, werter Freund!
+Ich+: Ich bin in der Tat über derlei Dämonen ein wenig durch
eigne Erfahrung gewitzigt. Ich wurde in meinen unreifen Jahren von
allerlei krampfhaftem Spuk heimgesucht, wie man das fast jedem
kraftvollen Geist mit biederem Gruseln als krankhaft nachsagt, und wie
ja auch Sie, verehrtester Genius, mehrfach von sich selbst berichtet
haben. Ich entdeckte jedoch, daß sich diese Visionen, Somnambulismen
und Katalepsieen immer nur einzustellen pflegten, wenn meine Vernunft
nicht bei vollen Kräften war, infolge von Geldnöten, Katzenjammer,
Liebesgram und dergleichen mehr, oder weil ich als naiver Fant
meine poetische Phantasie leider oft zu holdselig faullenzen ließ;
also gleichsam wie mahnhaft anpochende Boten aus einer ratlosen
Unterwelt, die über ihr Bestes bewußt werden wollte. Ich habe mir dann
durch Selbstbeobachtung, Willensgewöhnung und Kunstausübung all das
gespenstisch aufdringliche Wesen nach und nach vom Leibe geschafft,
ohne jede medizinische Quacksalberei; und jetzt besuchen mich solche
Klopfgeister nur noch, wenn ich sie eigens herbeizitiere.
+Er+, aufgeräumt: Zu Befehl, Euer Liebden; ich danke für die lange
Audienz.
+Ich+: Während ich aber in jenen Jahren ein dumpf verdüsterter
Jüngling war, dessen Haar sich dunkler und dunkler färbte, und der
zumeist nichts weiter tat als sich und Andre gefühlvoll betrügen, seine
Geliebte obenan, bin ich nun, wo ich grau zu werden beginne, wieder so
emsig und wohlgemut wie in meiner hellblondlockigen Kindheit.
+Er+, wunderlich durch mein Zimmer blickend: Da mache ich Ihrer
jetzo Frau Liebsten mein allerartigstes Kompliment.
+Ich+: Ich habe durchaus nicht im Spaß gesprochen!
+Er+, von reinster Beschaulichkeit verklärt: Auch ich nicht,
Verehrter; ganz und gar nicht. Es muß wohl ein jeder kräftige Künstler
zu einer zweiten Naivität erwachsen, die sich zu seiner ersten
verhält wie das aufmerksam hingebungsvolle Weib zur unbequemlich
kopfscheuen Jungfrau. Wie nun freilich die gewöhnliche Frau nie von
ihrer beschränkten Eitelkeit läßt, so verharren auch die meisten
Künstler bei ihrer ersten Naivität und verflachen in eine triviale
Manier. Noch um vieles halsstarriger aber benimmt sich die dämonisch
okkupierte Natur, die denn auch besser dem Helden ansteht, dem
Abenteurer und Volksführer, dem politischen oder religiösen Redner,
als dem künstlerisch aufwärts strebenden Dichter, dem freien Eroberer
des Lebens, der dem Wandel der Welt wie der eigenen Seele unbefangen
willfahren muß, mit einer überlegenen Ruhe. Da wird denn natürlich, um
diese Ruhe bis ins drangvolle Innerste auszudehnen, auch die Vernunft
je tiefer je stärker manch tüchtiges Wort mit dreinreden müssen; und
wenn da dem männlich ringenden Geiste noch ein vernünftiges Weib
beispringt und ihm gleichsam als ein artiges Vorbild willfähriger
Herrschaft zu dienen weiß, da darf man ihm wohl im Ernst gratulieren.
+Ich+: Und er darf sich mit heiterem Dank bewußt sein, daß dieser
Glückwunsch ins Centrum des Lebens trifft, und somit auch unseres
Kunstgespräches.
+Er+, immer verklärter um sich blickend: Wir sprechen wohl einst
noch gewisser darüber --
+Ich+: Doch ist uns schon jetzt zu Bewußtsein gekommen, daß zwar
das naive Gemüt die Axe ist, an die auch die genialste Natur mit
allen Trieben gebunden bleibt, und deren einer Pol ins Dämonische,
der andre ins Triviale verläuft; daß aber +die geistige Reflexion
die formbestimmende Triebkraft+ ist und umso harmonischer auf die
Kulturwelt einwirkt, je energischer der gestaltende Sinn das Tiefste
der Persönlichkeit auf ein centrales Gleichgewicht ordnet --
+Er+, geisterhaft in die Höhe wachsend: Und rings um ihn kreisen
die Himmelsbilder und die Planetensysteme des Äthers samt allen Meeren
und Inseln des Erdballs --
+Ich+: Und die Menschheit wird endlich jeglichen Genius so
natürlich dankbar entgegennehmen, wie er aus voller Natur sich gibt,
auch wenn er nicht erst ein Alter wie Goethe erreicht, sondern jung wie
Kleist zu den Vätern dahinmuß --
+Er+, spukhaft aus weiter Ferne lachend: Sie sind in der Tat
höchst naiv, lieber Dehmel --
Und mit diesen Worten versetzte er mir einen väterlich derben
Nasenstüber, der mich aus meiner hypnotischen Situation in jenen
bewußteren Zustand zurückbugsierte, worin die Dichter zu arbeiten
pflegen. Seitdem aber bin ich von allen Skrupeln über das wahrhaft
Naive kuriert.