22. Juli 1909

Liebe Freunde und ihr Mitfühlenden alle! Wir müssen nun Abschied nehmen

von diesem Toten, dessen Leben uns unsäglich beglückt hat. Es würde

nicht in seinem Geist sein, hier viele Worte darüber zu machen, was

wir an ihm verloren haben. Es würde erst recht nicht in seinem Geist

sein, hier unsern Schmerz in die Welt zu rufen und einander das Herz

noch schwerer zu machen. Wenn er jetzt unter uns treten könnte, er

würde sagen: „Kopf hoch, Leute!“ Er würde es sagen, laut oder leise,

mit seinem hellen trotzigen Lachen oder mit stillem gütigen Lächeln.

Wir Wenigen, die ihm die Nächsten waren, und die wir es anfangs

kaum fassen konnten, als er so jäh uns entrissen wurde, Er, dessen

Jugendkraft unverwüstlich schien, plötzlich vernichtet durch einen

Hauch, durch nichts als einen tückischen Windhauch -- nein, wir können

es immer noch nicht fassen. Aber nicht wir Nächsten allein stehen

hier um die Grube versammelt, in die seine sichtbare Gestalt jetzt

versenkt wird; wir stehen hier mitten in einer Gemeinde, die weit

über diesen Friedhof hinausreicht, grenzenlos weit ins Leben hinaus,

vereint durch sein unsichtbares Bild, das uns der Tod nicht entreißen

kann. An solchem Grab wollen wir nicht trauern, wir wollen unsre Herzen

erheben! Wenn wir weinen müssen, ist es nicht blos aus Schmerz; es

ist aus überströmender Dankbarkeit, daß wir so Unendliches mitfühlen

können. Des Dichters unvergängliches Werk, des Menschen unvergeßliches

Wesen: ich weiß nicht, wodurch er uns mehr erhebt. Er war einer von den

herrlich Gefügten, deren Leben und Dichten gleich kühn emporsteigt aus

ihrer unverbrüchlichen Seele, so vollkommen gleich in freier Schwebe

wie der herrliche doppelte Regenbogen, der sich gestern, nachdem wir

in seinem Hause den Sarg über ihm geschlossen hatten, über den ganzen

Himmel Hamburgs spannte, eine überirdische Ehrenpforte. Der Freiherr

von Poggfred, so steht er vor uns, hoch über allem Standes- und

Sittenzwang, aber treu jeder selbstgewählten Pflicht bis tiefst hinab

ins Selbstlose, in das wir Alle verkettet sind. Helm und Degen liegen

auf seinem Sarg; so hat ers verdient, der alte Soldat, der mit Leib

wie Seele für uns gekämpft hat, für uns Deutsche und für uns Menschen.

Helm und Degen wird er nun immer tragen, und einen unverwelklichen

Blumenkranz, wenn er im Geist vor uns aufersteht, nicht mehr nun

der alte Soldat, sondern der immer junge Held, der uns entzückt von

Kampfplatz zu Kampfplatz führt wie zu einem hinreißenden Tanz. Denn

so ist er in Wahrheit durchs Dasein getanzt, noch bis zu seiner

letzten Reise, die er mit Weib und Kind unternahm, um den liebsten

Menschen, die er hatte, seine geliebten Schlachtfelder zu zeigen.

Dort hat ihn der feindliche Lufthauch getroffen, der die tödliche

Entzündung entfachte; und dann ist er dem Wink des Todes gefolgt, wie

er den Winken des Lebens zu folgen pflegte, rasch dahin, ohne langes

Gefackel. Ganz geschlossen ist das Spiel seines Lebens, wunderbar ganz

in sich geschlossen, trotz aller Kreuz-und-Querzügigkeit; vollkommen

vollendet auch noch sein letztes Gedichtbuch, auf das er den Titel

„Gute Nacht“ gesetzt hat, als ob er den Schlaf schon nahen fühlte,

auf den er gefaßt war wie Wenige, ohne Furcht vor der ewigen Nacht,

ohne Hoffnung auf einen jüngsten Tag, sondern mit reiner ruhiger

Ehrfurcht vor der unerfaßlich unerschöpflichen Macht, die uns leben

und sterben läßt. Nein, er war nicht blos der kindhafte Spielmann,

nicht der harmlose Junker Übermut, der liebenswürdig leichtsinnige, für

den ihn Viele gehalten haben, die sich nur an der bunten Oberfläche

seiner reichen Einbildungskraft vergnügten, oder die sich ärgerten

an der allzeit offenen, zum Geben wie Nehmen offenen Hand des armen

Schuldenmachers der Wirklichkeit. Er war auch der Mann der schweren

Stunden, der einsamen Fragen und Gedanken, der auf Jesus mit den

Worten wies: „Nach Innen sah ich seine Schmerzen weinen.“ Er hat

nur deshalb das menschliche Leben in ein launisches Spiel der Natur

umgedichtet, weil er den furchtbaren Ernst unsres Lebens aus innerster

Erfahrung begriff, weil er sich frei davon machen wollte, frei von

der grausigen Notwendigkeit und notwendigen Grausamkeit, vor der

sein empfindliches Gewissen immerfort in Entsetzen geriet. Er hat

sich ja nicht als Jüngling zum Dichter geschult, sondern als Mann

erst, der vom Schicksal geprüft war, der auf Schlachtfeldern und in

fremden Ländern die Menschen hatte ringen sehen. Das ist das Wunder

an seinem gereiften Geist, daß beides innigst in ihm vereint blieb:

der trotzige Jüngling, der unbedenkliche, und der gütige Mann, der

nachdenkliche. Daher sein starkes, herzbefreiendes Lachen, das niemals

zerrissen geklungen hat, und zu dem sein feines huschendes Lächeln

wie ein gedämpftes Echo stimmte. Daher das herzgewinnende Plaudern

des mitteilsamen Menschenfreundes, aber zugleich auch der lauschend

verschleierte Blick des tief verschwiegenen Menschenkenners. Daher

der edelmütige Zauber seiner ganzen Haltung und Zurückhaltung, diese

seltsame Liebenswürdigkeit, der niemand sich entziehen konnte, diese

unwillkürliche Umgänglichkeit, selbst wo er haßte oder verachtete,

diese wohlbedachte Leutseligkeit, der nur seine nächsten Freunde

anmerkten, wieviel zarte und harte Menschenscheu sich darunter in

einsamer Tiefe verbarg. Und daher auch die Zauberkraft des Dichters,

durch die er selbst seine trübsten und leidvollsten Einsamkeiten in

helle Lust für uns Alle verwandelt hat, dieser große Unverkümmerte,

der uns nun mit seiner verklärten Stirn auch über den Abschiedsschmerz

noch hinweghilft, auf seinem Regenbogen dahintanzend über dem irdischen

Getümmel. Habe Dank, du wundervolle Seele! Ich höre deine eigenen

Worte: „Der Himmel lächelt seinem Sonntagskinde.“ Ruhe nun aus vom

Menschenelend, du tapferes, mildes, adliges Herz! --

Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3) · 第 64 / 272 题