Liebe Freunde und ihr Mitfühlenden alle! Wir müssen nun Abschied nehmen
von diesem Toten, dessen Leben uns unsäglich beglückt hat. Es würde
nicht in seinem Geist sein, hier viele Worte darüber zu machen, was
wir an ihm verloren haben. Es würde erst recht nicht in seinem Geist
sein, hier unsern Schmerz in die Welt zu rufen und einander das Herz
noch schwerer zu machen. Wenn er jetzt unter uns treten könnte, er
würde sagen: „Kopf hoch, Leute!“ Er würde es sagen, laut oder leise,
mit seinem hellen trotzigen Lachen oder mit stillem gütigen Lächeln.
Wir Wenigen, die ihm die Nächsten waren, und die wir es anfangs
kaum fassen konnten, als er so jäh uns entrissen wurde, Er, dessen
Jugendkraft unverwüstlich schien, plötzlich vernichtet durch einen
Hauch, durch nichts als einen tückischen Windhauch -- nein, wir können
es immer noch nicht fassen. Aber nicht wir Nächsten allein stehen
hier um die Grube versammelt, in die seine sichtbare Gestalt jetzt
versenkt wird; wir stehen hier mitten in einer Gemeinde, die weit
über diesen Friedhof hinausreicht, grenzenlos weit ins Leben hinaus,
vereint durch sein unsichtbares Bild, das uns der Tod nicht entreißen
kann. An solchem Grab wollen wir nicht trauern, wir wollen unsre Herzen
erheben! Wenn wir weinen müssen, ist es nicht blos aus Schmerz; es
ist aus überströmender Dankbarkeit, daß wir so Unendliches mitfühlen
können. Des Dichters unvergängliches Werk, des Menschen unvergeßliches
Wesen: ich weiß nicht, wodurch er uns mehr erhebt. Er war einer von den
herrlich Gefügten, deren Leben und Dichten gleich kühn emporsteigt aus
ihrer unverbrüchlichen Seele, so vollkommen gleich in freier Schwebe
wie der herrliche doppelte Regenbogen, der sich gestern, nachdem wir
in seinem Hause den Sarg über ihm geschlossen hatten, über den ganzen
Himmel Hamburgs spannte, eine überirdische Ehrenpforte. Der Freiherr
von Poggfred, so steht er vor uns, hoch über allem Standes- und
Sittenzwang, aber treu jeder selbstgewählten Pflicht bis tiefst hinab
ins Selbstlose, in das wir Alle verkettet sind. Helm und Degen liegen
auf seinem Sarg; so hat ers verdient, der alte Soldat, der mit Leib
wie Seele für uns gekämpft hat, für uns Deutsche und für uns Menschen.
Helm und Degen wird er nun immer tragen, und einen unverwelklichen
Blumenkranz, wenn er im Geist vor uns aufersteht, nicht mehr nun
der alte Soldat, sondern der immer junge Held, der uns entzückt von
Kampfplatz zu Kampfplatz führt wie zu einem hinreißenden Tanz. Denn
so ist er in Wahrheit durchs Dasein getanzt, noch bis zu seiner
letzten Reise, die er mit Weib und Kind unternahm, um den liebsten
Menschen, die er hatte, seine geliebten Schlachtfelder zu zeigen.
Dort hat ihn der feindliche Lufthauch getroffen, der die tödliche
Entzündung entfachte; und dann ist er dem Wink des Todes gefolgt, wie
er den Winken des Lebens zu folgen pflegte, rasch dahin, ohne langes
Gefackel. Ganz geschlossen ist das Spiel seines Lebens, wunderbar ganz
in sich geschlossen, trotz aller Kreuz-und-Querzügigkeit; vollkommen
vollendet auch noch sein letztes Gedichtbuch, auf das er den Titel
„Gute Nacht“ gesetzt hat, als ob er den Schlaf schon nahen fühlte,
auf den er gefaßt war wie Wenige, ohne Furcht vor der ewigen Nacht,
ohne Hoffnung auf einen jüngsten Tag, sondern mit reiner ruhiger
Ehrfurcht vor der unerfaßlich unerschöpflichen Macht, die uns leben
und sterben läßt. Nein, er war nicht blos der kindhafte Spielmann,
nicht der harmlose Junker Übermut, der liebenswürdig leichtsinnige, für
den ihn Viele gehalten haben, die sich nur an der bunten Oberfläche
seiner reichen Einbildungskraft vergnügten, oder die sich ärgerten
an der allzeit offenen, zum Geben wie Nehmen offenen Hand des armen
Schuldenmachers der Wirklichkeit. Er war auch der Mann der schweren
Stunden, der einsamen Fragen und Gedanken, der auf Jesus mit den
Worten wies: „Nach Innen sah ich seine Schmerzen weinen.“ Er hat
nur deshalb das menschliche Leben in ein launisches Spiel der Natur
umgedichtet, weil er den furchtbaren Ernst unsres Lebens aus innerster
Erfahrung begriff, weil er sich frei davon machen wollte, frei von
der grausigen Notwendigkeit und notwendigen Grausamkeit, vor der
sein empfindliches Gewissen immerfort in Entsetzen geriet. Er hat
sich ja nicht als Jüngling zum Dichter geschult, sondern als Mann
erst, der vom Schicksal geprüft war, der auf Schlachtfeldern und in
fremden Ländern die Menschen hatte ringen sehen. Das ist das Wunder
an seinem gereiften Geist, daß beides innigst in ihm vereint blieb:
der trotzige Jüngling, der unbedenkliche, und der gütige Mann, der
nachdenkliche. Daher sein starkes, herzbefreiendes Lachen, das niemals
zerrissen geklungen hat, und zu dem sein feines huschendes Lächeln
wie ein gedämpftes Echo stimmte. Daher das herzgewinnende Plaudern
des mitteilsamen Menschenfreundes, aber zugleich auch der lauschend
verschleierte Blick des tief verschwiegenen Menschenkenners. Daher
der edelmütige Zauber seiner ganzen Haltung und Zurückhaltung, diese
seltsame Liebenswürdigkeit, der niemand sich entziehen konnte, diese
unwillkürliche Umgänglichkeit, selbst wo er haßte oder verachtete,
diese wohlbedachte Leutseligkeit, der nur seine nächsten Freunde
anmerkten, wieviel zarte und harte Menschenscheu sich darunter in
einsamer Tiefe verbarg. Und daher auch die Zauberkraft des Dichters,
durch die er selbst seine trübsten und leidvollsten Einsamkeiten in
helle Lust für uns Alle verwandelt hat, dieser große Unverkümmerte,
der uns nun mit seiner verklärten Stirn auch über den Abschiedsschmerz
noch hinweghilft, auf seinem Regenbogen dahintanzend über dem irdischen
Getümmel. Habe Dank, du wundervolle Seele! Ich höre deine eigenen
Worte: „Der Himmel lächelt seinem Sonntagskinde.“ Ruhe nun aus vom
Menschenelend, du tapferes, mildes, adliges Herz! --