Ein Protest

Eine öffentliche Gesellschaft von allerlei strebsamen Bürgersleuten

hatte mich einmal eingeladen, Gedichte von Goethe zu deklamieren. Seit

langer Zeit zum ersten Mal wieder las ich nun seine lyrischen Werke von

A bis Z und der Reihe nach durch, um die heute noch lebensvollsten,

menschlich wirksamsten Gedichte für den Vortrag auszuwählen, also

absehend von artistischer und literarhistorischer Feinschmeckerei, und

da erlebte ich eine Überraschung. Ich fand einen wesentlich anderen

Goethe, als ich ihn in der Vorstellung trug, und als er wahrscheinlich

vielen Deutschen von der Schulbank her vorschweben wird.

Das Bild des weisen Herrn Geheimrats, des harmonischen Olympiers, das

der pädagogische Biedersinn unsrer meisten Literaturprofessoren von

ihm hergerichtet hat, versank vor mir in einem chaotischen Nebelbrodem

von Schmerzen, Leidenschaften und Zweifeln, aus denen nicht ein

olympischer, sondern -- um im antiken Gleichnis zu bleiben -- ein

titanischer Genius einen Kosmos herauszuläutern sucht; oder im Geist

unserer Zeit geredet, nicht der Wille eines Ober-Regierungsrates,

sondern etwa eines Mienen-Ingenieurs, der sich hinabarbeitet in die

Wetterschächte grauenvoller Naturgewalten, hinab zu den unterirdischen

„Müttern“, um ihre Kräfte heraufzufördern an das verklärende Tageslicht

des väterlichen Heimatbodens, zu den „Gefilden hoher Ahnen.“ Also

eine fortwährende Klärungsarbeit der Seele, keine jemals vollkommen

erreichte oder gar von Hause aus mitgebrachte sogenannte Abgeklärtheit.

Was jene oberflächliche Meinung über den Vielumfassenden aufkommen

ließ, das war sein allzeit schlagfertiger Verstand, der auch das

Alltäglichste in Beziehung zur allgemeinen Wohlfahrt zu setzen wußte,

seine gesellige Vernunft, die im Leben die Maske des Gleichmuts vor

die einsam grübelnde Seele nahm und in der Kunst das ernste Spiel mit

heiteren Tändeleien mischte. Das aber hat nicht den großen Dichter

gemacht, der alles Menschliche in uns aufschürt und in ein Göttliches

umzuschmelzen strebt; ja, es ist fraglich, ob man nicht einst über

den artigen und verständigen Goethe, der für jede Gelegenheit ein

gescheites Sprüchlein oder zierliches Reimlein in Bereitschaft hatte,

ziemlich achselzuckend urteilen wird, sobald wir nämlich endlich einmal

der neunmalklugen Redseligkeit unsrer Dreiviertelsbildung entwachsen

sind.

Er verstand freilich auch das kleine Veilchen mit allen Würzelchen

zu erfassen, und manchmal tut er gar wie der Schmetterling, der

unbekümmert von Blume zu Blume gaukelt; aber wo sich sein ganzes

Inneres auftut, da quillt die bodenlose Verzweiflung hoch, die mit dem

Leben +nicht+ fertig werden kann. Da entstehen die schwankenden

Gestalten alle, durch die er sich die dämonische Qual der „zwei Seelen

ach in der Brust“ immer wieder vom Herzen zu schaffen sucht, die

Werther, Clavigo, Weislingen, Egmont, Tasso, Orest, Wilhelm Meister

und Eduard; da entsteht Faust mit seinem Schatten Mephisto, und da

auch entstehen als die unmittelbarsten Zeugnisse dieser furchtbaren

Zwiespältigkeit seine ergreifendsten Gedichte. Denn, wie er selber es

ausgesprochen hat:

Alles geben die Götter, die unendlichen,

ihren Lieblingen ganz:

alle Freuden, die unendlichen,

alle Schmerzen, die unendlichen, ganz! --

Erst wenn man sich das zu Gemüte führt, erst dann lernt man auch die

gewaltige Kunst in diesen Gedichten ganz würdigen, die bindende Kraft,

die den wirbelnden Stoff einer so widerspruchsvollen Gefühlswelt so

knapp zusammenzuordnen vermochte. Es ist manchmal, als müßte all diese

Wortschönheit sich selbst von innen heraus zersprengen, wenn man nur

erst die erschütternde Fülle ihres geheimsten Sinnes begriffen hat,

so z. B. den grausigen Todesschauder in Mignons scheinbar seliger

Sehnsucht nach dem „Land, wo die Zitronen blühn“ (letzte Strophe)

-- oder den wilden Galgenhumor in dem lehrhaft tuenden Trinklied

„~Vanitatum Vanitas~“; wer ein solches Gedicht noch mit fast 60

Jahren schreibt, der ist weit entfernt vom olympischen Ruhekissen.

Kurz gesagt: es heißt Goethe +verkleinern+, wenn man ihn als

Olympier anspricht. Soweit er wirklich olympische Anlagen hatte, war

er weder ein Zeus noch ein Apoll; dazu mangelte ihm vor allem andern

die unerschütterliche Hartherzigkeit dieser antiken Ideale. Nicht

einmal ein Dionysos war er in seinen unbekümmerten Stimmungsstunden,

sondern höchstens ein Ganymed oder Hermes, ein Spender der Anmut und

Lebensklugheit, und mehr im römischen als im griechischen Sinne, wie er

selbst einmal zu Herrn Eckermann sagte.

Aber wodurch er uns groß erscheint, so groß, daß wir ihn mehr bewundern

oder doch sicherlich mehr lieben als seine vielfachen Vorbilder,

das sind nicht diese Eigenschaften. Das ist sein ruhelos ringendes

Doppelwesen, kraft dessen er selber ein Vorbild wurde, ein Vorbild

für jede Übergangszeit, d. h. für jede ursprüngliche, neue Werte

entdeckende Zeit: seine unerschöpfliche „Werdelust“, die sich mit

prometheischer Inbrunst und paracelsischer Phantasie in alle leidvollen

Anfangsgründe einer neu aufstrebenden Menschheit versenkte, weil sie

herstammte aus dem Überdruß einer vollkommen vollendeten, abgetanen

Freudenzeit.

Das altersmüde Rokoko hatte mit letzter mildester Grazie seine

Jugendtage umspielt; und nun sucht er sein ganzes Leben lang einen

Abglanz dieser verrauschten Schönheit über den brodelnden Aufbegehr der

jungen Zukunft auszubreiten. Sie war ihm kein spielerischer Selbstzweck

mehr, diese Klangschönheit seiner stärksten Gedichte; sie war eine

zuchtvolle Notwendigkeit, um der verwirrend neuen Gefühlsgewalten

überhaupt Herr werden zu können.

Und das auch wars, was ihn zur Antike zog, obwohl es ihm damals schon

und mehr noch heute von manchem ehrlichen Deutschtümler nicht ohne

Grund verdacht ward und wird. Auch die Griechen hatten die Schönheit

+nötig+; ihre ganze höchste Kunst und Dichtung, bis zu den alten

Mythen zurück, ist fort und fort auf das Eine bedacht, die dämonischen

Kräfte zu bändigen, die im Blut dieses seltsamen Volkes spukten, die

lapithischen und kentaurischen, mänadischen und hekatischen Triebe,

die von Natur aus in ihnen staken und mit barbarischer Brutalität die

mühsam errungene Kultur immer wieder gefährdeten.

Keiner aber der vielen Gräkomanen, die seit Winckelmann Deutschland

überschwemmten, hat mit so schmerzlicher Klarheit wie Goethe erkannt,

daß jede Heraufführung neuer Kultur, weil sie alte Kultur untergraben

muß, zugleich auch wieder und immer wieder barbarische Instinkte mit

aufrührt, und daß grade der deutsche Volkscharakter zu dieser rohen

Kehrseite der menschlichen Entwicklungskraft neigt.

Es ist sein höchster und reinster Ruhm, daß er unablässig gegen diese

Gefahr, die auch in seinem Charakter lauerte, seinen besten Kunstwillen

aufgeboten hat, nicht wie ein ausgelernter Altmeister blos, dem die

mancherlei Spiegelfechtereien der poetischen Technik glatt von der

Hand gehen, sondern als ein steter Lehrling des Lebens, in oft sehr

verzweifelter, manchmal vergeblicher, immer aber „strebend bemühter“

und eben dadurch „erlösender“, für uns alle vorbildlicher Notwehr.

Und deshalb wollen wir ihn nicht länger auf den hinfälligen

Götzenthron verstorbener sorgloser Götter setzen, sondern uns der

Grabschrift erinnern, die er selbst sich geschrieben hat:

Denn ich bin ein Mensch gewesen,

und das heißt ein Kämpfer sein.

Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3) · 第 62 / 272 题