Ansprache im Monistenbund

Werte Zuhörer! Der Vorstand Ihres Vereins hat mich ersucht, die

heutige Vorlesung meiner Dichtungen mit einer kurzen Darlegung meiner

Weltanschauung einzuleiten, indem er mir zugleich erklärte, ich sei ein

besonders origineller Repräsentant des „esoterischen Monismus“. Ich

habe den Wunsch des Vorstandes abgelehnt, kann auch die schmeichelhafte

Liebeserklärung nur mit Glaßeehandschuhen annehmen, und möchte Sie

eindringlichst davor warnen, aus den Werken lebender Dichter und

überhaupt zeitgenössischer Künstler das herausfinden zu wollen, was

man heute unter Weltanschauung versteht, nämlich einen begrifflichen

Leitfaden, mit dem sich der zweiflerische, aber glaubensbedürftige

Verstand im Labyrinth der Ursachen und Wirkungen einigermaßen zu

orientieren sucht.

Der Künstler denkt nicht in Verstandesbegriffen, wenn er bei seiner

Arbeit ist; er denkt in Gefühlsvorstellungen. Er will nicht erst

zum Glauben gelangen, sondern er geht vom Glauben aus. Er glaubt an

alles, was da ist in der Welt; er glaubt auch an die verschiedenen

Weltanschauungen, die in seiner Zeit miteinander kämpfen. Ich habe

einmal einem Politiker, einem Konservativen echten Schlages, der mich

fragte, was ich nun eigentlich sei, Sozialdemokrat oder Anarchist,

nationalsozial oder liberal -- dem habe ich geantwortet: „unter anderm

auch konservativ!“ Und so könnte ich auch Ihnen sagen: ich bin unter

anderm auch Monist, d. h. unter Umständen auch Dualist, oder Trialist

oder Milliardist, oder sagen wir mal Polymonist.

Der Künstler umfaßt alle Welt mit Liebe. Selbst was er persönlich haßt

und verachtet im Leben: sobald es ihn reizt, es in Kunst umzusetzen,

ergreift ihn unwillkürlich die Liebe zur Sache. Es kann also jeder

Genießer aus jedem Kunstwerk die Philosophie, Moral, Religion

herausdeuten, die grade ihm die liebste ist. Das schließt schon

aus, daß der Dichter als Dichter eine originelle Philosophie oder

Theosophie darbieten kann; denn die ist immer unduldsam gegen anders

gesinnte Originale, also im ernstesten Sinne unliebenswürdig. Er kann

bestenfalls ein Echo sein all der weltbedeutenden Ideen, um die in

seiner Zeit gekämpft wird.

Sehen wir uns einmal den Dichter an, der heute in Deutschland

vorzugsweise als Weltanschauungsdichter gerühmt wird: Goethe. Wir

finden keine solche Idee bei ihm, die wir nicht auch bei anderen

Wortführern seiner Zeit und Vorzeit finden können, bei den Humboldt,

Schlegel, Schleiermacher, Schelling, Kant, Lamarck, Spinoza usw.; und

wir finden viele Ideen bei ihm, die einander durchaus widerstreiten.

Nur weil er sie bei der Aneignung mit stärkerer Leidenschaft erfaßte,

mit tieferer Liebe und höherem Glauben im Augenblick der Wortschöpfung,

nur deshalb gilt er uns als der typische Repräsentant seiner

Zeitgenossen; und nur weil wir die verschiednen Ideen, denen jene

Männer ihr Lebenlang getrennt und einzeln nachhingen, in diesem Einen

zusammengefaßt sehn, nur deshalb entnehmen wir daraus ein gemeinsames

Gedankenband, die sogenannte einheitliche Weltanschauung jener sehr

mannigfach denkerischen Zeit.

Denn eine einheitliche Weltanschauung hat es in Wirklichkeit niemals

gegeben, zu keiner Zeit und in keinem Volke; es gibt auch heute keine

zwei Menschen, die unter „Monismus“ genau dasselbe verstehen. Nur wenn

wir zurückblicken auf vergangene Zeiten, dünkt uns diese oder jene

Gedankenverbindung die sieghaft überwiegende. Aber wenn sich die bei

einigen Dichtern, wie z. B. auch bei Dante, Äschylos, Kalidasa, Rumi,

Litaipe mit besonders originellem Pathos ausspricht, dann wollen wir

doch ja beachten, daß die Originalität nicht in den Gedanken steckt,

sondern eben in dem Pathos, in dem mächtigen Aufruhr der Gefühle, der

mit den Gedanken sein bildhaftes Spiel treibt.

Nehmen wir sogar einmal an, es könnte ein Allerweltsgenie geben,

in dessen Schädel ein gleichermaßen origineller Philosoph und Poet

beisammen hausten. Ich meine nicht jene Zwitterbegabung, bei der

(wie z. B. in Nietzsche und Schiller) ein starkes Talent der einen

Gattung mit einem schwächern der andren verkoppelt ist; sondern eben

ein pures Genie, in dem beide Talente gleich kräftig wären. Wie ja

manche Leute behaupten, daß Shakespear und Bacon in der Tat dieselbe

Person gewesen seien; worüber freilich jeder lächeln wird, der Bacons

Novum Organon und Shakespears Dramen gründlich kennt. Aber nehmen

wir an, sie waren wirklich ein und dasselbe Wundertier: ja, dann hat

eben dieses Wundertier, um seine originelle Philosophie, seine neue

Gedankenwelt darzustellen, seine drei philosophischen Werke geschrieben

--: in seinen poetischen Werken dagegen, das wird wohl selbst der

abstrakteste Kommentator zugeben, da kam es ihm eben auf Poesie an,

also durchaus nicht auf eine Gedankenwelt, sondern auf eine Welt von

Gefühlsgestalten, in der die Gedanken nur dazu dienen, sich gegenseitig

ins Bockshorn zu jagen, oder (tragisch betrachtet) einander den Hals

umzudrehen.

Man braucht drum noch lange nicht zu folgern, der Dichter sei nur ein

Rohr im Winde, jedem phantastischen Stimmungshauch unterworfen, und

daher fürs wirkliche Menschenleben eigentlich unzurechnungsfähig.

Wenn dem so wäre, dann bliebe wohl alle Dichtung außer Rechnung

fürs Leben der Menschheit; und das bleibt sie doch keineswegs. Der

Dichter hat freilich keine Gedankenkette, an der er sich selbst und

andere Leute auf dem wilden Weltmeer verankern kann; aber er trägt

einen Gefühlskompaß in sich, der ihm und andern die Richtung weist,

wo in der Windrose der Augenblicksleidenschaften seine stärksten

und liebsten Empfindungen zum dauernden Pol zusammenschießen, zum

sichern Gesichtspunkt gegenüber der Welt. Das sittliche Wort dafür ist

Selbstzucht.

+Das+ ist der ideale Punkt, dem jeder Künstler in seinen Gebilden

zustrebt, und zu dem er schließlich auch die hinbildet, die er

bezaubert durch dies Streben, durch diese liebreiche Anziehungskraft.

Das ist es auch, was Goethe meinte, als er seinen Prometheus sagen

ließ: „Hier sitz ich, forme +Menschen+! ein Geschlecht, das +mir

gleich+ sei!“ Und nach diesem weltumformenden Lebenszweck, ob er

nun göttlich oder übermenschlich oder allgemein-menschlich genannt

wird, mögen alle die unter meinen Hörern, denen der sogenannte rein

künstlerische Genuß keine genügende Belohnung für die Anstrengung des

Zuhörens ist, auch in meinen Dichtungen fahnden.

Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3) · 第 60 / 272 题