Eine Untersuchung des Verständnisses

Bücher sind wie spiritistische Medien; wer sie nicht richtig zu fragen

versteht, dem antworten sie falsch oder garnicht, und die meisten Leute

halten deswegen den ganzen Spiritismus für Schwindel, bestenfalls für

Selbsttäuschung. Jener afrikanische Wilde, der einen Missionar aus der

Bibel vorlesen hörte, sich dann das Buch an die Ohren hielt und es

ungläubig wegwarf, weil es ihm nichts sagte: der steckt noch in jedem

gebildetsten Leser.

Ich will zum Beweis ein Erlebnis erzählen. Als ich Hofmannsthals

„Ödipus und die Sphinx“ das erste Mal las oder lesen wollte, kam ich

nicht über den ersten Aufzug hinweg. Diktion und Rhythmus stachen

auffallend von seinen früheren Dichtungen ab, erinnerten mich hin und

wieder an Dauthendeys schwungvolle Üppigkeit, hin und wieder an die

drangvolle Knappheit meiner eigenen Verstechnik, dazwischen doch immer

an Hofmannsthals einstige haltungsvolle Gewundenheit, und das empfand

ich als ein so tolles Stilgemengsel, daß ich mich einer heftigen,

mehrfach wiederkehrenden Zwerchfellerschütterung schlechterdings nicht

erwehren konnte; ich legte schließlich das Buch beiseite, weil ich

mich einigermaßen schämte, einen ernsthaften Dichter auszulachen.

Bald nachher traf ich mit ihm zusammen, in einem Kreis erfahrener

Kunstfreunde, und gestand ihm meine Verlegenheit gegenüber seiner

neuesten Dichtung. Er war daraufhin so liebenswürdig, uns die zweite

Hälfte des ersten Aufzugs, die ich als besonders unharmonisch empfunden

hatte, vorzulesen. Und merkwürdig: trotzdem Hofmannsthal mit seiner

etwas brüchigen Stimme kein bestechender Vorleser ist, auf einmal

hörte ich den harmonischen Grundakkord. Ich habe später die Dichtung

nochmals, und diesmal vollständig, gelesen und verspürte nichts

mehr von jener Mißwirkung. Ich merkte, daß ich beim ersten Mal mit

allzu dramatischem Gehör auf die momentan metrischen Dissonanzen der

sensuellen Affekte geachtet und so die lyrisch perpetuelle Rhythmik

der sentimentellen Motive überhört hatte. Nun, wenn das einem Fachmann

passieren kann, wie mag sich dann erst der unzünftige Leser gegen

manches Buch benehmen, in dem ein neuer Geist rumort?

Absichtlich spreche ich darüber mit fachmännischer Gemütsruhe; denn

mit der menschlichen Leidenschaft, die auch Künstler gegen einander

einnimmt, hat der Unverstand des Lesers zunächst nichts zu tun.

Ein Buch zu lesen, ist allererst eine bare Verstandestätigkeit,

gleichviel ob wir ein dichterisches oder wissenschaftliches oder

sonstwie schriftstellerisches Werk in uns aufnehmen. Immer handelt

sichs vorbedinglich um das Verständnis der Fachsprache, und hierfür

bringt der einschlägige Handwerksmann doch mehr Geschultheit mit als

andre Leute. Wer das A-B-C noch nicht zu lesen versteht, dem ist ein

Fibelvers nicht verständlicher als eine mathematische Formel; doch je

mehr er es verstehen lernt, desto umfänglicher wird das A-B-C, desto

umständlicher die Verstandesarbeit. Denn wie geht jeder Leser zu Werke?

Sein mehr oder minder bewußter Verstand, je nach dem Grad eben seiner

Schulung, übersetzt gewohnheitsgemäß den optischen Eindruck der

Schriftzeichen in akustische Ausdrucksmittel, diese wiederum teils in

Gehörswahrnehmungen, teils in Gesichts- und andere Tastvorstellungen,

diese aus der blos sinnlichen Einzelempfindung in vernünftige

Gefühlszusammenhänge, und dann erst entsteht die rätselhafte

Gemütsbewegung, die den ganzen angesammelten Schwarm von dreifach

zwiespältigen Gedankenbeziehungen zu geistiger Bedeutung vereint und

uns mit ungewohnter Leidenschaft für oder wider den fremden Geist

erfüllt. Noch verwickelter wird der Vorgang dadurch, daß er von Satz zu

Satz neu einsetzt und doch die Erinnerungsbilder der Vordersätze immer

mit veranschlagen muß; so befindet sich der Leser fortwährend in einem

Wirbelwind kalter Verstandesluft, der unwillkürliche Gefühlsgluten

anfacht.

Auch dem wissenschaftlichen Leser ergeht es so, wenn er sich über den

Wahrheitswert irgend einer Schlußfolgerung entscheidet; immer springt

schließlich ein Gemütsfunke aus der Reibung der Verstandeskräfte.

Nein, wird man einwenden: in der Wissenschaft sind die Gefühle

Nebenumstände, in der Dichtung dagegen der Hauptbestand. Aber ist dem

wirklich so? Gipfelt die geistige Schönheit nicht ebenso hoch über

jeder Gefühlserregung wie die Wahrheit und die Gerechtigkeit? Und

wurzeln nicht alle drei dennoch tief in Gründen des Gemütslebens?

Ja, es kommt überall gleichermaßen auf Erkenntnis seelischen Lebens

an; nur die Erkennungszeichen stehn in verschiednem Verhältnis der

sinnlichen und vernünftigen Darstellungsmittel. Welche Vorarbeit

muß der Verstand schon leisten, um sich blos erst in das besondre

Verhältnis der originalen zu den traditionellen Bestandteilen eines

Sprachwerks hineinzuversetzen! In der sogenannten reinen Wissenschaft

ist dies Verhältnis am leichtesten zu erhorchen, weil deren lautliche

Darstellungsmittel überwiegend auf generelle Logik hin abgestimmt

sind, sodaß die individuelle Intuition des Verfassers dem Leser sehr

deutlich ins Gefühl schlägt, wenn auch nur dem genügend geschulten

Leser. Aber bereits die populäre Wissenschaft ist in ihrer formalen

Technik so mit persönlich sensuellen und sentimentellen Elementen

durchsetzt, daß sich die intellektuellen Faktoren kaum noch scharf

davon sondern lassen. Und je mehr sich die rednerische Darstellung der

eigentlich dichterischen nähert, um so schwieriger wird die Sonderung

wie die Zusammenfassung der Lautbilder, und der Leser läuft immerfort

Gefahr, daß der Funke der Erkenntnis zu früh aufflammt und in dem

Schwarm der Gefühle entweder erlischt oder aber Brandschaden stiftet,

wie bei mir in Ansehung Hofmannsthals.

Denn gerade die Technik der reinsten Dichtung, die Verskunst, nein

die lyrische Verskunst, denn auch Epos und Drama fußen auf lyrischer

Rhythmik: grade die verflicht allgemeinste Denkbegriffe der Sprache

so eng mit eigentümlichsten Empfindungsbegriffen, daß man nirgends

unmittelbar den Vorstellungswert, geschweige den Erregungswert der

Lautwahrnehmungen abschätzen kann, sondern nur durch vielfältigste

Rückschlüsse. Man vergleicht zwar die Lyrik gern mit der Musik, weil

auch die nur indirekt durch Gefühlserregungen zur Erkenntnis geistiger

Lebensverhältnisse führt; aber der lyrische Divinationsprozeß ist

noch um vieles indirekter. Nur zu Anfang geht die Verstandesarbeit in

annähernd ähnlicher Weise vor sich: ob ich ein Notenblatt lese oder

einen poetischen Text, ich übersetze einen äußerlichen Gesichtseindruck

in einen innerlichen Gehörsreiz, wenngleich es schon einen Unterschied

macht, ob ich mir einen gesprochenen Laut oder einen gesungenen Klang

vorstelle, oder gar einen klaren Instrumentalton. Dann jedoch wird

der Unterschied klaffend: das Klangbild der Tonsprache übersetzen wir

unmittelbar in eine Vorstellung von Gefühlszusammenhängen, das Lautbild

der Wortsprache großenteils erst auf dem Umwege über mannigfache

Gesichts- und Tastempfindungen nebst allerlei Hilfsbegriffsgedanken,

nur zum kleineren Teil direkt akustisch. Und dabei meint jeder

Leser einer Dichtung, er sei genügend vorgebildet durch seine

gewohnte Sprachkennerschaft, und traut sich in seinem lieben Gemüt

ein unfehlbares Gesamtverständnis zu, wo doch schon die einzelnen

Darstellungsmittel x-mal mittelbarer wirken als bei jeder anderen Kunst

und durch eine viel ungewohntere Sinnbilderfülle die schließliche

Erkenntnis vermitteln als bei irgend einer Wissenschaft.

Wieviel Fallgruben für das Verständnis öffnen sich schon bei der ersten

Erweckung der scheintoten Schriftzeichen zu lebendigen Lautbildern! Es

ist nicht gleichgiltig, mit welcher Stimme, ja nur mit welchem Zeitmaß

der Stimme, man sich einen Vers oder gar ein Buch Verse im stillen laut

vorgelesen denkt. Unwillkürlich legen wir da zunächst unsre eigene

Stimme unter; aber der Dichter meint Seine Stimme, oder vielmehr

die verschiedenen Stimmen seiner imaginären Personen, denn auch das

Ich des Lyrikers ist wechselnde Phantasiefigur, vielleicht noch

wechselnder als die Charaktermasken, die der Dramatiker seiner Seele

vorheftet. Keine Orthographie und Interpunktion reicht aus, um auch

nur die gewichtigsten Betonungsverhältnisse zwischen den Satzgliedern

einer einzigen Strophe unzweideutig durchs Auge ins Ohr zu bugsieren.

Was wird nicht alles versucht, um das flüchtige Auge ruhsamer an

das Schriftwort zu fesseln und so das Ohr des Lesers aufmerksamer

für die Bewegtheit der Sprache zu stimmen. Der eine Dichter

ordnet die Zeilen nach der Mittelaxe des Druckspiegels, um seine

irreguläre Rhythmik durch den Kontrast der optischen Symmetrie noch

sinnfälliger hervorzuheben; der andre markiert seine reguläre Metrik,

um die akustische Harmonie seiner rhythmodynamischen Dissonanzen

vonvornherein außer Zweifel zu stellen. Manch einer kann sich garnicht

genugtun mit Gedankenstrichen, Stimmungspunkten, Ausrufzeichen und

+Sperrfingerzeigen+, und möchte womöglich auch noch die Beiwörter

mit Großen Anfangsbuchstaben schreiben; einige andre schreiben

fast alles klein und würden am liebsten gar keine interpunktionen

setzen damit der leser noch länger zwischen den zeilen rätselt

und ein möglichst eindringlicher hörer wird. Hilft uns aber alles

nichts; wir bleiben doch immer auf den Glücksfall des uns annähernd

gleichgestimmten Gehörs angewiesen, so sehr wir mit ganzem Gemüt

danach trachten, jede Menschenseele in unsern Bannkreis zu zwingen.

Muß schließlich noch der Herr Buchverleger, Buchdrucker und Buchbinder

helfen, durch ungewöhnlich gutes Papier, außerordentlich schöne Lettern

und sonstige „selten gediegene“ Ausstattung den Gewohnheitsleser zu

verlocken, daß er sich ausnahmsweise andachtsvoll mit unserm wertvollen

Werk befasse.

Aber ach: je mehr das Buch selbst Kunstwert erlangt, je mehr es durch

äußeren Augenreiz den Leser sinnig und willig stimmt, umso mehr gerade

verführt es ihn, ein Leser des stillen Wortes zu bleiben, statt ein

Hörer des lauten Satzes zu werden, und umso mehr zugleich verführt

es die Dichtkunst zur inneren Augendienerei. Der Dichter ist ja auch

selber Leser; und je mehr ihn die Buchdruckerpresse gewöhnt hat,

als Leser statt als Hörer zu dichten, umso stumpfer hat sich die

Wahrnehmungskraft für die Gehörsreize der Sprache verflacht, umso

schärfer haben sich die Darstellungsmittel auf Gesichtsvorstellungen

zugespitzt, d. h. umso schwatzhafter ist die Dichtung geworden.

Sehr selten wird jetzt noch ein Lied erfunden, das seine organische

Melodie so einfach vernehmlich in sich trägt, wie die Muschel in

ihren Windungen summt. Viele Gedichte unsrer echtesten Dichter sind

schon dermaßen überladen mit pittoreskem Brimborium, daß sie an

Feuilleton-Prosa streifen. Oder wo doch noch mit Klanganspielungen

unmittelbar aufs Gefühl gezielt wird, da paukt man meist so faustdick

drauflos, als solle die Predigt Johannis des Täufers vor den

taubstummen Steinen Ereignis werden. Und wer die beiden extremen

Elemente gar noch ins Gleichgewicht setzen will, der verübt ein solches

Panoptikumkonzert hypersymbolischer Metaphern, daß die verzwicktesten

Rätsel der Turandot wahre Kinderspiele dagegen sind. Alldas bereichert

natürlich ungeheuer die sinnlichen Wirkungsmittel der Dichtkunst, blos

leider auf Kosten der geistigen Wirkung. Denn je empfindlicher die

Umwege vom Verständnis der einzelnen Sinnbilder zur Erkenntnis des

ganzen Bildsinnes auffallen, desto zerstückelter, also unvollkommener

tritt die Gemütsbewegung ein, die den lebendigen Bildungswert des

schönen Phantasiephänomens erst wirklich fortpflanzt von Geist zu

Geist. Und es bleibt ewig ein dürftiger Trost, daß noch niemals ein

Mensch den andern durchaus vollkommen begriffen hat.

Welcher Dichter blickt nicht zuweilen mit Grauen und Abscheu auf seine

eigenen Bücher, diese Mumien seiner Phantasie, denen immer erst eine

fremde Seele den Auferstehungsodem einblasen muß, und die doch stets

vom gespenstischen Dunst des stummen Sarges umschleiert bleiben. Ja,

könnten wir jedem, der uns hören will, wenigstens selber das Buch

vorlesen! Dann würde wohl mancher dasselbe Wunder erleben, das meine

Taubheit vor Hofmannsthal linderte. Denn in der körperlich warmen

Menschenstimme beben von Anfang an alle Zauberkräfte der schöpferischen

Seele in eins, alle die heimlichen Verwandlungskünste und redlichen

Naturanwandlungen, die sich der Leser erst nach und nach zwischen den

Zeilen zusammendeuten muß. Einst, als die Dichter noch fahrende Sänger

waren, gehörte es mit zu ihrem Beruf, den Menschen das Wort recht

vernehmlich zu machen; und es ist keine Imitation einer reproduktiven

Virtuosenmode, sondern Symptom einer produktiven Epoche, daß auch heute

wieder die Künstler des Wortes selber als Vortragskünstler auftreten.

Freilich, es ist ziemlich zeitraubend, verstockte Ohren zu erweichen;

und in unsrer Zeit der Arbeitsteilung wird es dem Dichter womöglich

übelgenommen, wenn er als Anwalt des mündlichen Mitteilungstriebes

ein paar Gedichtbücher weniger schreibt. Aber ob er der Mit- und

Nachwelt dann wirklich etwas vorenthält? Was einer an Schöpferkraft

in sich hat, das setzt er allemal in die Welt, ob nun durch hundert

Pfropfreiser oder zehn Wurzelschößlinge. Die paar kurzen Lieder, die

uns die fahrenden Leute der Vorzeit hinterlassen haben, sind sicherlich

unsterblicher, als die tausend bandwurmlangen Prosa-Romane, mit denen

unsre Schreibtischhocker jahraus jahrein die Welt beglücken. Und

vielleicht genest der gebildete Europäer dermaleinst von der närrischen

Lesewut, die seine Augen immer gieriger, seinen Verstand immer

spitzfindiger, seinen Geist immer kurzsichtiger und sein Gemüt immer

schwerhöriger gemacht hat.

Das Buch wird drum doch seinen Wunderwert als spiritistisches Medium

behalten und dann sogar erst recht offenbaren. Auch jener afrikanische

Wilde hat die Bibel ja schließlich vors Auge genommen; aber er würde es

niemals gelernt haben, hätte sein christlicher Mitmensch ihm das Wort

Gottes nicht immer wieder durchs Ohr zu Gemüte geführt.

Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3) · 第 58 / 272 题