Perspektiven ins Unpersönliche

Wir leben seit der Betriebsamkeit der Lokomotive und des elektrischen

Drahtes in einer Wiedergeburt der Künste, die der humanen Tendenz

nach tiefer zu wirken und weiter um sich zu greifen bemüht ist, als

irgend eine der früheren Renaissancen; nicht blos bemüht, auch berufen.

Die moderne Kultur ist international geworden, und als gebildete

Menschheit sieht man nicht mehr eine kleine Klasse von Bevorrechteten

an, wie einst in Indien und Attika oder in den Adelsländchen und

Patrizierrepubliken der Reformationszeit, sondern insgesamt all die

Nationen, in denen die Leibeigenschaft für unrecht gilt. Aus einem

so viel weitern Intressenkreis nimmt der Künstler unsrer Zeit seinen

Rohstoff und hat für die Verarbeitung den soviel weiteren Kreis von

Intressenten. Tiefer als jemals fühlt sich das moderne Individuum im

Gegensatz zur breiten Masse, die immer mächtiger wird, die freier

als jemals konkurrierende Individuen aus sich emporwerfen kann. Um

soviel tiefer, mächtiger und freier muß jede Persönlichkeit, die sich

zur Geltung bringen will, auch ihre wesentlichen Eigentümlichkeiten

zum Ausdruck bringen. Sie muß, sie kann nicht anders; das ist das

Schöpferische, das Gesunde, Urnatürliche, auch wenn es sich an

einer Szene aus dem Krankenhaus oder an den verdrehten Gesten einer

Salonpuppe ausläßt.

Und denselben Eigenwillen bekundet, oft bis zum verrannten Eigensinn,

einstweilen auch noch unser Kunsturteil, d. h. die Einsicht in die

Ursachen der jeweils empfundenen Wirkung. Denn zu diesen Ursachen

gehört zunächst der persönliche Geschmack des Genießenden, der sich

aus allerlei Temperamentsqualitäten zusammensetzt, die mit dem

Gefühl für den bleibenden Kunstwert nichts oder wenig zu tun haben.

Insofern freilich wird +kein+ Kunsturteil seinen laienhaft

subjektiven Charakter verleugnen können; selbst der Künstler dem

Kunstgenossen gegenüber wird immer darin befangen bleiben. Aber aus

dieser natürlichen Befangenheit grade entspringt das Gefühl der

Unbefangenheit. Wer sich ganz dagegen sperren wollte, würde überhaupt

nicht zum Genuß gelangen; und das hieße dem Künstler, solange er

lebt, der Dienste schlechtesten erweisen. Eben das instinktive

Geschmacksurteil, sobald es nur offen als solches bekannt wird, ist dem

Künstler mindestens ebenso wertvoll wie das sogenannte rein kritische,

das in Wahrheit niemals rein sein +kann+. Denn es wird ihn am

klarsten über die Wirkung seiner persönlichsten Ausdrucksmittel auf

fremde Naturen unterrichten, sei es durch Zustimmung, sei es durch

Widerspruch; wird also seine Eigenart schärfen und seine Schaffenslust

kräftigen. Reine Objektivität des Urteils ist ja nichts als Bewußtsein

der letzten Grenzen zwischen den Eindrücken von Außen her und ihrer

Verarbeitung von Uns aus, also ein idealer Begriff wie Schönheit,

Wahrheit, Vollkommenheit, ebenso relativ und variabel. Denn wirklich

erkennen und begründen lassen sich diese Grenzen erst, wenn und nachdem

wir den fraglichen Eindruck subjektiv empfunden haben.

Es gibt nun freilich merkwürdige Leute, die zu keiner Zeit zufrieden

sind, und heutzutage besonders viele, denn seit Lasalle ist

Unzufriedenheit bekanntlich eine Tugend. Seit Nietzsche aber darf man

zum Glück gegen die bekannten Tugenden mißtrauisch sein; und wenn sich

der weise Zarathustra nicht gar so tief in seine Höhle verkrochen

hätte, würde ihn wohl allmählich nicht blos das „erbärmliche Behagen“,

sondern mehr noch das viel erbärmlichere Unbehagen gewisser Idealisten

geekelt haben. In der Tat: merkwürdige Leute das! Da gibt es welche,

die jammern über Gott und die Welt; und wenn nun Einer sich untersteht,

ihren Jammer schön in Verse zu bringen, dann fallen sie eilends über

ihn her und schimpfen ihn einen Entarteten. Da gibt es Andre, die

haben fortwährend eine laute Sehnsucht nach der inneren Ruhe; wenn

aber einmal Einer auftritt, der sich diese Ruhe errungen hat, dann

finden sie ihn fad und müd und werfen ihm noch Steine in seinen stillen

Hafen. Wieder Andre regen sich drüber auf, daß die Eigentümlichen gar

so unverständlich seien; gibt dann ein solcher Sonderling auch mal

was Gemeinverständliches von sich, schelten sie ihn einen geistigen

Schwindler. Und nochmals Andre lassen sich den Unverstand der Menge

verdrießen, weil sie neugierig mit den Wenigen laufen, die den Vielen

nicht gleich offne Briefe sind; läuft aber Einem dieser Wenigen dann

auch sein Volk bei Zeiten zu, so ist er natürlich ein Überläufer. Und

so weiter: was so alles zum Vorschein kommt, wenn sich die Leute, die

das liebe „man“ ausmachen, mit einem Manne abzufinden haben.

Indessen diese merkwürdigen Leute haben trotzalledem nie ganz Unrecht:

mit der bloßen Selbstherrlichkeit kann kein Mensch etwas Großes

fordern, nicht einmal ein Staat oder Volk. Jede Wiedergeburt der Künste

beginnt mit krampfhaften Wachstumsregungen, deren Eigenleben die neue

wie alte Kultur von Natur aus gefährden würde, wenn nicht irgend ein

gemeinschaftliches Lebensbedürfnis sie zugleich doch bändigte. Auch

die Renaissance vor 500 Jahren hat ihre Kulturmacht und Stilvollendung

nur durch den weitverzweigten Zusammenhang der lokalen Schulen und

Meister erlangt, der erst zerfiel, als sie reif genug war für den

universelleren Barockstil und für so umfassende Einzelgeister wie

Michelangelo, Shakespear, Bach; und Hellas ist gleichfalls erst

durch den Verkehr mit Asien und Ägypten gewachsen. Dies Bedürfnis

schöpferischer Kräfte, einander möglichst zu durchdringen, ist auch

jetzt wieder mächtig in der Kunst, eben weil wieder selbstbewußt genug

geschaffen wird, daß die Eigenart des Einzelnen nichts mehr daraus

zu befürchten braucht. Kunst wie Dichtung dürfen wieder dran denken,

sich dem Volk in ihrem allgemein menschlichen Lebenswert bemerkbar

zu machen, nicht nur den eigenwillig persönlichen und nationalen

Geschmackswerten nach. Denn es gibt eine Art der Kunstwirkung,

die über jegliche Grenze selbstsüchtigen Schaffens und also auch

Genießens hinausgeht, die überhaupt erst die höchste Kunstwirkung

ist, und deren Mächtigkeit bei dem einzelnen Kunstwerk den Grad

der bleibenden Schätzung bestimmt: das ist das befreiende Gefühl

der Selbstvergessenheit, dasselbe Gefühl, das auch den Künstler im

schöpferisch entrückten Augenblick packt, also die Wirkung grade der

+Un+persönlichkeit.

Dies scheint nun fast im Widerspruch zu aller so erbittert

verteidigten Eigentümlichkeit des Künstlers zu stehen und jede

Schätzung persönlichen Willens in Form wie Stoffwahl auszuschließen.

Aber wie allenthalben im Leben bedingen auch hier die Gegensätze

gegenseitig ihr Dasein. Ein Kunstwerk, das sich nicht vor andern

durch irgendwelche Besonderheit auszeichnet, kann uns auch

selbstverständlich nicht zu besonderer Beachtung reizen. Aber was uns

diesem Anreiz erst nachzugeben drängt und zwingt, das eben ist jenes

Unpersönlichkeitsbedürfnis, das uns hinter der fremden Besonderheit

etwas uns Allen Teilhaftiges vermuten läßt, jenes unwillkürliche

Allgemeingefühl, das uns mit jeder Kreatur, mit jedem Tier und Baum

und Stein verbindet, das uns an jedem irdischen wie überirdischen

Gegenstand nach immer neuen Eigenschaften, d. h. Beziehungen zu uns

selbst, suchen läßt, das eigentlich Schöpferische, Unerschöpfliche,

ob wir’s nun Leben oder Natur, Gott oder Weltgeist, Allseele oder

Seele der Menschheit, Ur-Ich oder sonstwie nennen mögen --: wir wenden

uns enttäuscht ab von dem Kunstwerk, sobald wir jene Vermutung des

Allgemeinen hinter dem Besonderen nicht darin bestätigt finden. Und

auch im Künstler selbst ist es so: erst dieses Allgemeine, Unfaßbare,

Grenzenlose, wie es sich im Prisma seines persönlich beschränkten

Bewußtseins bricht, sei es durch sinnliche oder durch geistige oder

durch Gemüts-Wahrnehmung -- gleichsam die drei Flächen dieses Prismas

--: erst Das erzeugt den persönlichen Stil mit all seinen Zu- und

Unzulänglichkeiten, und einzig deswegen fühlt sich der Künstler niemals

vollkommen selbstbefriedigt durch irgend eins seiner fertigen Werke.

Demgemäß ist es auch ganz verkehrt, wenn eine supermoderne Ästhetik

sich dagegen auflehnen will, nach allgemeinen Maßstäben für

künstlerischen Wert und Unwert zu suchen. Die kritische Methode, wie

Lessing und Schiller sie für Deutschland begründet haben, nämlich

die klar begrenzte Feststellung gewisser höchster Wertbegriffe auf

Grund stets wiederkehrender Gefühlserfahrungen bei allen stärksten

Kunstgenüssen, ist etwas, dessen sich die Menschheit niemals wird

entschlagen können. Wenn eine neuere Ästhetik dies zu ersetzen,

nicht etwa blos zu ergänzen hofft, dadurch daß sie das Kunstwerk

rein beschreibend als eigen reizvolle Erscheinung, womöglich gar

als pathologische, bis ins Feinste zergliedern will, so ist sie

schlechterdings in einer fortwährenden Selbsttäuschung befangen. Denn

damit legt sie nicht das Geringste über die Kunstwirkung als solche

dar, setzt vielmehr jene normative Methode im stillen immerfort voraus,

indem sie eben nachprüferisch nur solche Werke untersucht, die nach

Maßgabe irgendwelcher Allgemeingefühle schon als irgendwie wertvoll

anerkannt sind. Daß solche allgemeinen Maßstäbe immer auf allerlei

Querstriche von anderem Standpunkt aus stoßen werden, liegt nicht

an einem Fehler der Methode, sondern ist im Wesen der Kunstwirkung

einerseits, des menschlichen Verstandes anderseits begründet; denn

jenes letzte unpersönliche Grundgefühl, auf dem der Kunstgenuß beruht,

reicht eben immer weit hinaus über die Grenzen klarer Wahrnehmung, und

von dieser ist ja unser Verstand obendrein nur ein Bestandteil. Daher

ist der Künstler auch stets der Meinung, daß sein Werk am wirksamsten

durch sich selbst spricht. Nicht blos am unwiderleglichsten, sondern

sogar am gründlichsten; denn schließlich sind ja in dem Gefühl,

das durch die Einwirkung des Kunstwerks -- ob für oder wider -- in

uns erregt wird, alle Gedanken schon mit enthalten, die man sich

+über+ die Wirkung machen kann. So ist es nun einmal von Natur:

das Gefühl erstreckt sich ins Grenzenlose, der Verstand ist stets auf

Standpunkte beschränkt.

Um jenes entrückenden Grundgefühls so gründlich wie möglich teilhaftig

zu werden, muß man sich also immer wieder an die Kunstform selbst

halten, nicht etwa an die Erinnerung blos; und wer es unter dem Bann

seiner Eigenart hinter der fremden Art des Künstlers nicht von selbst

zu erlangen vermag, dem wird es kein Verstand der Kunstverständigen

jemals zu Gemüte führen. Denn alle Kunstwirkung läuft schließlich

auf das Wunder der +Liebe+ hinaus, das sich begrifflich nur

umschreiben läßt als Ausgleichung des Widerspruches zwischen Ichgefühl

und Allgefühl, Selbstbewußtsein und Selbstvergessenheit. Ja, man kann

gradezu sagen: je mächtiger ein Kunstwerk in uns dieses allumfassende

Gefühl erregt, umso ausdrücklicher darf und muß sich -- schon um

des technischen Gleichgewichts willen -- auch die persönliche Art

des Künstlers zeigen, während sich ohne jenes Unpersönliche die

menschliche Selbstentblößung der Schaffenden, diese völlig grundlose

Offenherzigkeit in seelischen oder leiblichen Dingen, die jedem

ursprünglichen Kunstwerk eignet, nur als die mehr oder weniger

unverschämte Aufdringlichkeit von Marktschreiern auswiese.

Es hat schon manchen Sittenprediger, auch manchen Schöngeist kopfscheu

gemacht, daß oft grade Kunstwerke, die am stärksten auf Umfassung der

Lebensgewalten, auf Beherrschung der Naturkräfte ausgehn, obenhin

fast den Eindruck machen, als handle sichs um Verherrlichung brutaler

persönlicher Instinkte. Das wäre freilich das Gegenteil von einer

Kunst der Naturbeherrschung. Aber man wird nicht leugnen können:

wo geherrscht werden soll, muß etwas da sein, das der Beherrschung

wert und bedürftig ist. Der lenkende Geist ohne starke Triebe, wäre

ein Reiter ohne Pferd; wie hinwider selbst das edelste Vollblut

nichtsnutzig wird und niederträchtig, wenn nicht ein ebenbürtiger Herr

es mit Geschick zu bändigen weiß. Als oberste Aufgabe der Menschheit

wird auch dem Künstler ewig vorschweben: die Erringung jenes geistigen

Allgemeingefühls, das den vom Schicksal getriebenen Einzelmenschen

über sein Schicksal erhaben macht, über inneres wie äußeres Schicksal.

Jede Überschätzung der Persönlichkeit ist also gleichbedeutend

mit Unterschätzung ihrer höchsten Schaffenskraft, wie auch des

Kunstschaffens überhaupt.

Und demzufolge: je stärker sich in einer Zeit dies

Unpersönlichkeitsbedürfnis regt, ob nun als soziale oder erotische oder

sonstwie altruistische Hingebung, umso mehr wächst auch die Lust der

Schaffenden, sich über die technischen Spezialitäten, die wiegesagt

immer blos der Ausdruck des beschränkten Selbstbewußtseins sind,

hinauszuheben zu überschauenden Zeit- und Welt- und Lebens-Sinnbildern,

nicht mehr nur der sinnlichen Anschauung zu dienen durch eigentümlich

stimmungsvolle „Naturausschnitte“ und „Seelenzustände“, die selbst den

Eingeweihten anmuten wie Tempelwände voll Hieroglyphen, sondern wieder

einmal Pyramiden zu bauen, von denen aus Jeder, der notabene die Mühe

des Ersteigens nicht scheut, beseligt in den freien Himmel und über

weites Land schauen kann. Ich will mit dieser bildlichen Floskel nicht

etwa einer bodenlosen Himmelstürmerei das Wort reden, die sich auf

Erden nicht zurecht zu finden weiß. Im Gegenteil: es ist ein Zeichen

der Unreife, wenn man noch glaubt, den Himmel erst erobern zu müssen.

Wir sind ja jeden Augenblick -- ich meine das ganz wirklich und wahr --

mitten in allen Himmeln drin; die Erde ist im Unendlichen genau so hoch

oder tief zuhause, wie etwa die Sonne oder ein anderer Stern.

Das +wissen+ freilich heute schon Viele; aber +fühlen+,

als etwas Selbstverständliches mitfühlen, mit Fleisch und Blut

und allen Nerven, tun es erst recht Wenige. Und grade dieses

selbstverständliche, genau so irdische wie überirdische Allgefühl,

das jede andere Lebensempfindung, jede Einzelwahrnehmung, jeden

Gedanken des Schaffenden stützt und trägt, das eben ist die magische

Basis, auf der sich die großen Werke der Kunst, die im bildsamsten

Sinne vorbildlichen, immer wieder aufbauen. Das hat nichts zu tun mit

dem Idealismus gewisser humaner Tendenzpoeten, der nur temporärer

Kritizismus und meistens ein sehr barbarischer ist. Der künstlerisch

bestrebte Dichter benutzt die humanen Ideen seines Zeitalters nur, um

seine Gefühlskraft daran zu erproben, nämlich als seelische Dissonanzen

zwischen Menschheit und Gottnatur, die er harmonisch zu lösen hat. Er

kann und will nichts weiter tun als eine bildliche Fühlung zum Leben

schaffen, die alle kritischen Widersprüche gegen die Schönheit und

Herrlichkeit des ganzen Daseins ganz und gar ausschließt, also auch

alle speziellen Tendenzen. Das ist der Idealismus des +Künstlers+;

und der liegt jeglichem echten Kunstwerk zugrunde, auch wenn sein

Rohstoff dem oberflächlichen Blick häßlich oder schrecklich erscheint.

Wer sich dann durch dies bildliche Werk in der Tat vollkommen

befriedigt fühlt, den hindert freilich nichts und niemand, darin nach

einem besonderen Richtziel für seine eigne Gefühlswelt zu fahnden. Und

in diesem Sinne -- doch nur in diesem -- kann allerdings +jede+

Kunstgestalt, vom ganzen Opus bis zur geringsten Teilfigur, als

+Vor+bild der Lebensführung aufgefaßt werden, selbst wider

Absicht und Meinung des Schöpfers; Falstaff genau so gut wie Achilleus.

Wenn das erst wieder vollkommen begriffen ist, von den Genießenden

wie Schaffenden, dann wird auch der Schauer vor dem Unergründlichen,

den jede gründliche Beschäftigung mit fremder Geistesarbeit in uns

weckt, die Kunstwelt wieder allgemein durchdringen; dann wird sich dies

Gefühl, als eine neue Ehrfurcht vor der ewigen Schöpferkraft, auch

bald durch die Alltagswelt verbreiten, und dann wird diese Welt wohl

endlich merken, daß sich wieder eine +religiöse+, auf deutsch

+allverbindliche+ Kunst bei uns anbahnt. Die braucht nicht wie

ein Sturm daherzufahren; auch im Säuseln des Windes kann man Erhabenes

hören. Dürers Gottvater auf dem Regenbogen über den sieben Leuchtern

und dem knieenden Johannes enthüllt in seinen bescheidenen Formgrenzen

die Allmacht ebenso strahlend, wie Michelangelos Apotheose der

geschlechtlichen Zuchtwahl, die den Himmel der Sixtinischen Kapelle zu

sprengen droht und in dem heilandsherrlichen Menschenpaar des Jüngsten

Gerichtes gipfelt. Der ehemalige Sinn dieser Bilder mag heute schon

halber Unsinn sein; aber ihr Geist wird weiterwirken, solange die

Sterne uns unerreichbar sind.

Es ist dem eindringlichen Kunstgefühl auch völlig gleich und einerlei,

ob jenes Tiefste und Höchste ihm durch naturale Anschauungsfreude

oder symbolische Vorstellungslust vermittelt wird; das Eine ist so

mittelbar und unmittelbar wie das Andre. Der formgewaltige Phantast

zeigt im Symbol Natürliches, der Realist in der Natur Symbolisches.

Die rhythmische Flut des Sonnenlichtes, die durch den scheinbar

wüsten Tanzknäuel der Rubensschen Kirmeßbauern braust, erhebt den

andächtig Schauenden in eine nicht minder unendliche Seligkeit, wie der

entschwebende Puttenreigen in dem Dämmerungsglanz und Fackelschimmer

von Watteaus Abfahrt nach Cythere. Und das will doch wohl der

machtvolle Künstler: als ein Seher des allmächtigen Lebens betrachtet

werden, nicht als Spezialartist einer Technik. Es gibt eben auch in der

Kunstgeschichte Apokalyptiker und Evangelisten, und Mancher ist gar

Beides zugleich. Wer sich bei einer künftigen Menschheit kanonisches

Ansehn erringen wird, das zu entscheiden geht freilich zu allen Zeiten

über die zeitgenössische Urteilskraft. Eins aber ist sicher: die

Eigenart tut’s nicht. Denn nur das Eine bleibt übrig von uns, wenn

selbst unsre Werke längst verwest sind: Das, was den Andern Vorbild

ward für ihre stete Fühlung zur Welt: die Tat unsrer Liebe.

Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3) · 第 56 / 272 题