Die Möglichkeit einer Kulturpolitik wird wohl niemand in Abrede
stellen. Man pflegt sich nur darüber zu streiten, ob die sogenannte
wahre Kultur -- wie die philosophastrischen Schlagwörter lauten --
„bewußt“ oder „unbewußt“ zustande komme, besser gesagt: absichtlich
oder unwillkürlich. Aber es gibt keine geistige Tätigkeit, die nicht
zugleich aus unwillkürlichem Antrieb und mit absichtlicher Zwecksetzung
vor sich geht. Politik ohne bewußte Absicht ist ein Widerspruch
in sich selbst; und die Geschichte der Völker und Staaten zeigt,
daß Kulturpolitik zu allen Zeiten und in allen Ländern getrieben
wurde. Man braucht nur Namen wie Perikles und die Medici, Augustus
und Louis XIV, William Cecil und Friedrich den Großen zu nennen,
und wir erinnern uns an Epochen planvollster Zusammenfassung der
produktiven Einzelkräfte um der organischen Volksbildung willen, auf
kleineren wie größeren wie ganz großen Staatsgebieten. Und nicht blos
persönliche Oberhäupter, auch regierende Körperschaften haben solche
Politik getrieben; Beweis die Republik Venedig, die Niederlande, die
Hansestädte. Allerdings waren diese Körperschaften noch durchweg
Aristokratieen und beherrschten nur kleine Volksgebilde; auch die
sogenannten Demokratieen der altgriechischen Stadtgemeinden hatten
tatsächlich patrizischen oder sonstwie oligarchischen Zuschnitt. Es
fehlt daher an historischen Parallelen zu den Herrschaftsformen der
Gegenwart, die in den großen Staaten Europas aus alten aristokratischen
und neuen demokratischen Machtzuständen unklar gemischt sind.
Das aber ist ausschlaggebend für die Entscheidung der Frage, ob
sich heute die Kristallisation der nationalen Kulturtendenzen
erfolgreich beschleunigen läßt oder nicht. Denn erstens muß die
Nation schon reif sein für solche höchst raffinierte Politik, sonst
tut der naive Volksgeist nicht mit oder wird in Grund und Boden
verdorben; und zweitens ist Politik nur erfolgreich durch eine starke
Machthaberschaft, wie immer geartet diese sei. An sich ist freilich
die Unklarheit der Machtverhältnisse kein Grund, daß es nicht Zeit
zur Klärung sein könnte; kein Mensch weiß im voraus, wie reif ein
Volk ist. Also braucht man sich blos noch den Kopf zu zerbrechen, ob
die verschiedenen mächtigen Leute, die sich heute als Volksvertreter
fühlen, hinlänglich einig darüber sind, +woraufhin+ kultiviert
werden soll.
Kulturpolitik irgend welcher Art wird ja allenthalben genug
getrieben, in Deutschland eher zu viel als zu wenig. Potentaten,
Finanzbarone, Minister, Parlamente, Parteien und Kongresse, Demagogen
beiderlei Geschlechts, Universitätsprofessoren und Volksschullehrer,
Literatenkliquen und Zeitungsredaktionen, alle schwingen das Wort
„Kultur“ im Munde und greifen sogar in die Tasche dafür, teils in
die eigene, teils in fremde, und natürlich immer für „wahre“ Kultur.
Aber mit welcher Sorte wahrer Kultur man das +ganze Volk+ zu
beglücken gedenkt, davon ist wohlweislich nie die Rede; sie könnte
doch gar zu leicht unwahr tönen. Trotzdem ist einzig dies der Rede
wert. Nationale Kultur bleibt ja leere Phrase, wenn sie nicht ein
humanes Programm bedeutet: bestimmte Veredlungswerte der Menschheit,
die das Volk selbstbewußt in sich ausbilden soll. Allgemeine Bildung
ist nur ein Ziel für hochbegabte Persönlichkeiten; im Durchschnitt
des Volkes läuft sie leider auf allgemeine +Ver+bildung hinaus.
Gar eine schöngeistige Bildungspflege ist fürs gesamte Volk ein
Unding, war stets nur gewissen bevorrechteten Gesellschaftsklassen
wirklich erreichbar, deren leibliche Wirtschaftsbedürfnisse von
anderen Klassen besorgt wurden. Alle organische Kulturpolitik muß
zunächst natürlich darauf bedacht sein, besonders leistungsfähige
Berufsstände zu begünstigen, an die sich die übrigen angliedern
können, je nach den hauptsächlichen Volksanlagen und den zeitlichen
wie örtlichen Entwickelungsbedingungen. Selbst in den kleinsten
Gemeinwesen hat die Kultur nie von Anfang an harmonische Tendenz
gehabt, war überall um spezifische Interessengruppen konsolidiert:
agrarische oder kommerzielle, militärische oder juridische, religiöse
oder philosophische, erotische oder soziologische, je nachdem die
Oberschicht mehr sensuell oder mehr intellektuell begabt war, mehr
energisch oder mehr spekulativ. Für all das lassen sich reinliche
Beispiele bei räumlich beschränkten Kulturen finden, von dem
spartanischen Kriegerstaat bis hin zum Friedensreich der Inka, von den
indischen Weisheitsfürstentümern bis zu den Minnehöfen der Provence.
Heute aber, in unseren großen Staaten mit ihren vielerlei
Machthabergruppen, wo herrscht da wahre Einmütigkeit über solche
Meistbegünstigung? Wie kann eine Harmonie der Interessen entstehen,
wenn fast jeder Stand nur +die+ Politik verfolgt, sich möglichst
„notleidend“ zu stellen! In Deutschland wird man sich höchstens
vielleicht auf das Zugeständnis einigen: wir scheinen eine
+industrielle+ Kultur ziemlich hohen Ranges zu schaffen. Aber die
Folgerung lautet dann meistens: folglich braucht sie nicht mehr
begünstigt zu werden. Und gewisse Idealisten zetern sofort: das ist
ja „blos materielle“ Kultur, ist also „überhaupt keine“, ist „nichts
als“ Zivilisation! Nun, ich bin selber ein Idealist, allerdings keiner
mit fixen Ideen, und eine Grenze zwischen jenen beiden Begriffen läßt
sich meines Erachtens durchaus nicht fixieren. Eine Industrie von
materiellem Höchstwert ist notwendigerweise zugleich ideell, oder zum
mindesten intellektuell, nämlich angewandte Naturwissenschaft; da ist
also schon ein Punkt aufgedeckt, wo Zivilisation in Kultur übergeht.
Die Industrie ist ferner genötigt, sich wegen ihrer technischen
Qualitäten ästhetische Werte anzuzüchten; und die teilen sich dann
natürlich dem Volk mit, das ihre Produkte herstellen, vertreiben und
verbrauchen hilft. Und daß durch ein gründliches Industrie-System auch
allerlei sonstige Disziplin, ökonomische, juristische, hygienische,
moralische, in der Volksmasse ausgebildet wird, ist ohne weiteres
selbstverständlich; Bernard Shaw hat darüber im letzten Akt seiner
Komödie „Major Barbara“ sehr räsonnabel phantasiert.
Bleibt somit lediglich auszuprobieren, ob in der Tat unsre Industrie
-- in Arbeitgebern wie Arbeitnehmern -- schon so starke Kulturpotenzen
umspannt, daß sie die übrigen Machthabergruppen von ihrem Vorzugsrecht
überzeugt, z. B. die Herren Agrarier und den nicht minder herrlichen
Klerus. Sobald die geistig bedeutendsten Machtgruppen eine dauernde
Hebung ihrer Wohlfahrt, sei es direkt oder indirekt, von einer
materiellen Tendenz erwarten, schlägt diese bereits ins Ideelle um,
in eine sozialpolitische Sympathie aller Stände, die sich bis zu
religiöser Ekstase und poetischem Enthusiasmus steigern kann; siehe
die Zeit der Kreuzzüge, die aus agrarischen Interessen emporkam.
Dergleichen geht meist viel rascher vor sich, als die fixen Idealisten
glauben; aber ehe es wieder möglich wird, müssen freilich erst die
führenden Geister der einzelnen Berufskreise mehr Fühlung miteinander
erlangen, als zur Zeit bei uns vorhanden ist, mehr Achtsamkeit und
mehr Verständnis für die gegenseitigen Ergänzungswerte. Inzwischen
hat jedermann im Volk, erst recht aber jeder leitende Mann, das Eine
zu tun, das immer nottut: seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit.
Bildung predigen kann der nichtsnutzigste Nörgler; gute Lehren sind
gut, gute Vorbilder besser. +Im eignen Beruf etwas Tüchtiges leisten
und fremde Tüchtigkeit anerkennen+, das ist schließlich die beste
Kulturpolitik. Kurz: möglichst wenig davon reden im Allgemeinen,
möglichst viel im Besonderen dazu tun! In diesem Sinne könnte die
Großmacht „Presse“ aufs besonderste vorbildlich wirken; notabene wenn
sie endlich wollte.
Statt dessen wird geschwatzt und geschwatzt, und das hält man womöglich
noch für ein Zeichen allgemeinen geistigen Fortschritts. Wenn jemand
alldas lesen müßte, was bei uns über Bildung und Bildungszwecke,
Kultur und Kulturprobleme geschrieben wird: ob er dann nicht reif
fürs Irrenhaus würde? Wir sind besessen vom Fortbildungsdrehwurm,
deshalb besitzen wir keine ruhige Bildung. Ich habe einmal einen Jungen
gekannt, der so viel übers Leimrutenstellen nachdachte, daß er nie
dazu kam, einen Vogel zu fangen. Und ich kenne viele erwachsene Leute,
nicht etwa blos Privatdozenten, die lange Vorträge über Schönheit und
Freiheit halten und weder verstehen eine Blume zu pflücken noch sie
in ein Knopfloch zu stecken. Wenn so ein Schöngeist dann plötzlich
errötet über seine Ungeschicktheit, dann ist vielleicht noch Hoffnung
vorhanden, daß er endlich aufhört, für Bildung zu schwärmen, und
wirklich anfängt, sich zu bilden. Darum war es ein Zeichen heilsamer
Reue, daß unlängst unter den vielen Rundfragen, mit denen jeder
irgendworin Gebildete von unsern Zeitungen und Zeitschriften aus
vorzüglicher Hochachtung überschwemmt wird, plötzlich auch die Frage
auftauchte, ob wir nicht heute „an einer Überwertung der Bildungsfragen
kranken“. Ich weiß freilich nicht, ob der Verfasser dieser
Überbildungsfrage über ihren Stil errötet ist; über ihre Motive aber
sollten wir allesamt erröten.
Was ist Bildung? Nur die Unbildung fragt so. Der Gebildete redet
nicht darüber, er hat allemal Besseres zu tun; gebildet ist,
wer vorbildlich wirkt durch irgendeine Tüchtigkeit. Unsre Zeit
ist nicht so untüchtig, an „Überwertung“ der Bildungsfragen zu
„kranken“; ich glaube sogar, daß jeder wertvolle Mensch über solche
Doktorfragen die Achseln zuckt. Aber worunter wir allerdings leiden,
und grade die Tüchtigsten am meisten, das ist die Überschätzung der
Bildungs+mittel+, der praktischen wie der ideellen; das Werkzeug
steht höher im Wert als das Werk! -- Wir bauen großartige Fabriken,
die kleinliche Fabrikate erzeugen. Wir erfinden hochfliegende
Verkehrsmaschinen, die den Verkehr immer flacher, weil flüchtiger
machen. Wir konstruieren geistreiche Schwebebrücken, Bahnhofshallen
und Kabelanlagen, die keiner andern Güterbeförderung als nur der
leiblichen Wohlfahrt dienen. Wir überspinnen unsre Städte und Dörfer
mit baumwuchsverstümmelnden Drahtnetzen, die unser Alltagsgeschwätz
so bequem verbreiten, daß es selbst dem Geduldigsten unbequem wird.
Wir pflegen ästhetische Techniken und intellektuelle Methoden, deren
absonderliche Feinsinnigkeit die Wirkung der Künste wie Wissenschaften
auf unsre ganze Gesinnung vereitelt. Wir organisieren einen
Religionsunterricht, der so überaus vernünftig ist, daß die ehrwürdigen
Worte des Glaubens zum Gespött der Kinder werden. Wir entwickeln
tiefdurchdachte Erziehungssysteme, die prinzipiell auf Zöglinge von
oberflächlichster Durchschnittlichkeit des Denkens und Fühlens angelegt
sind. Wir betreiben eine Politik, die vor lauter Interessendiplomatie
das solidarste Intresse der Nation, das soziale Vertrauen, in den
Wind schlägt. Wir gründen sehr sittliche Einrichtungen zum Schutz der
menschlichen Arbeitskräfte, und das Vollkommenste, was mit all dem
Aufwand für Volk und Menschheit geschaffen wird, sind Instrumente der
Zerstörung: Kanonen, Kriegsschiffe und dergleichen.
Wie dieser Wahnwitz kuriert werden kann? Weder durch Lehranstalten noch
durch Kasernen noch durch die sogenannte Schule des Lebens, durch kein
Hilfsmittel von außen her. Autosuggestionstherapie nennt es heute die
innere Medizin; auf gut Deutsch heißt es immer noch Selbstzucht, soll
den Geist vom Narrsinn der Selbstsucht befreien und kann von den werten
Lehrmeistern, Eltern und andern Vorgesetzten nur durchs eigne Beispiel
erläutert werden. Das Wort „Bildungszweck“ ist dabei überflüssig, denn
hier deckt sich das Mittel mit dem Zweck. Aber freilich: man lernt dies
Mittel erst anwenden, wenn der Geist schon -- von selbst zu genesen
beginnt.