1. +Die Kunst besteht in den Kunstwerken, die nicht fürs Volk
geschaffen sind, sondern für Gott und die Welt, für die Seele der
Menschheit oder auch der Blumen auf dem Felde, für Alle und Keinen,
fürs ewige Leben oder für sonst eine grenzenlose Größe.+
Das soll heißen:
Es werden sehr viele Kunstwerke gemacht, aber recht wenige machen die
Kunst aus. Kein Kunstwerk mehrt den Kunstbestand, durch das der Urheber
irgend ein begrenztes Volk zu irgend einer bestimmten Zeit für irgend
ein bekanntes Ziel ausbilden will oder wollte. Die Volksbeglücker, die
Volksveredler, die Volkserzieher und -verzieher mögen ein solches Werk
mit Fug und Recht zu ihrer Zeit den Leuten anpreisen; aber sobald jenes
Ziel erreicht oder aber als irrig erkannt ist, verfällt solch Werk der
Vergessenheit oder bestenfalls der Kunstgeschichte, ist überflüssig
und leer geworden, hat keinen belebenden Inhalt mehr. Freilich befaßt
sich alle Kunst mit dem umgebenden Volks- und Zeitgeist als einem Teil
ihres Stoffbestandes; aber nicht Das ist ihr Lebensbestand, sie geht
nur aus von dieser Umgebung, und ihr Ziel schwebt grade im Unfaßbaren.
Beständiges Leben enthält nur +die+ Kunst, die jederzeit und
immerfort hinaus ins Unbekannte weist, wie die Blumen blühen ins Blaue
hinein. Und solche Kunst schafft nur der Künstler, der fürs Volk ein
ewiges Rätsel bleibt. Er kennt nur Eine Bestimmung des Schaffenden:
die Gesetzgebung für das Unbestimmte. Er sieht nur Eine Grenze des
Schaffens: die Formlegung für das Unbegrenzte. Denn er ahnt nur Ein
Ziel der menschlichen Bildung: die Gestaltung eines vollkommenen Wesens.
2. +Der Kunst gegenüber gibt es nur zwei Arten Volk: das
menschenwürdige und das hundsgemeine.+
Das heißt:
Vollkommene Kunst wirkt nicht auf Jedermann als vollkommen, sondern
höchstens auf solche Seelen, die selbst den Trieb zur Vollkommenheit
haben und fremde Seelenkraft mitfühlen können. Hierzu aber verhilft
kein besonderer Bildungsgrad, kein Wohlstand oder sonstiger Vorrang,
der einzelnen Ständen und Klassen des Volkes -- je nach dem Lauf der
Zeiten -- vergönnt ist, mag auch durch alldas die Freiheit und Freude
des menschlichen Mitgefühls leichter erblühen. Dies Mitgefühl eignet
vollkommen nur solchen Seelen, denen das menschliche Dasein unendlich
mehr ist als eine Laufbahn zum Wohlbefinden, zum Vornehmtun oder
Neunmalklugsein, nämlich ein steter gründlicher Antrieb zur Steigerung
aller schaffenden Kräfte, ob für, ob gegen, ob durch einander. Das
sind die menschenwürdigen Seelen, die auch die Kunst von Grund auf
zu würdigen wissen. Sie pflanzen den Willen zur Menschheit fort,
sie bilden in Wahrheit den Volksgeist und Zeitgeist und begeistern
allmählich sogar die Halbwilligen; sie sind in jeder Volksschicht
zu finden, wenn auch am meisten wahrscheinlich in jenen Schichten,
die am eifrigsten für die Zukunft kämpfen. Wo sich der Sinn auf
Vollkommenes richtet, ist „Volk“ stets nur der Inbegriff der menschlich
strebsamsten Volksgenossen, d. h. ein Unterbegriff der Menschheit;
wer ein vollkommener Mensch sein könnte, der wäre natürlich auch im
Besitz von jeder Vollkommenheit seines Volkes. Der Rest aber, der ewig
rückständige, der wohlbestallte wie übelbestellte, der Bildungspöbel
wie rohe Mob: je nun, der hält sich an die Art Kunst, die das Volk
übers menschliche Dasein täuscht, mehr oder weniger hundsgemein. Doch
ist auch diese Art Volk und Kunst im geistigen Haushalt der Menschheit
vonnöten, denn eben ihr Widerstand reizt die andere Art zur beständigen
Steigerung ihres Willens.
3. +Keine Art Volk schafft jemals Kunst; jede Art Volk reizt die
Künstler zum Schaffen.+
Das will besagen:
Die Kunst, soweit sie nicht Handwerk und Machwerk ist, stellt eine
unwillkürliche, unerklärliche Einsicht ins Leben vor, die stets nur
Wenigen innewohnt und sich nur durch eigentümlich geheimnisvolle, zwar
den Sinnen vollkommen deutliche, doch dem Sinn vielfältig deutsame
Bilder Anderen mitzuteilen vermag. Auch was man gewöhnlich Volkskunst
nennt, ist niemals durch die gemeinsame Macht irgend eines Volkswillens
entstanden, sondern immer ursprünglich von Einzelnen aus reinem
Eigensinn ersonnen und dann erst zu Gemeingut geworden. Aus einem
natürlichen Mitteilungstrieb, der schon im Licht der Gestirne waltet,
gibt der Einzelne sein einsames Sinnbild dem willigsten Empfängerkreis
hin, oder dem mächtigsten Abnehmerkreis; der gibt es weiter und
immer weiter, und dadurch schleifen sich unter Umständen -- zumal
bei mündlicher Weitergabe -- die eigensinnigsten Züge des Bildes ins
Allgemeinverständliche ab. In den kleinen Volksgemeinden der Urzeit
besorgten wohl meist die Priesterkasten und Herrengeschlechter die
erste Verbreitung; nachher vermittelten fahrende Leute zwischen der
Künstlerschaft und dem Volk, oder die Künstlerschaft wurde Beruf und
ging also selbst auf die Fahrt nach Brot. So zog einst der Barde mit
seinen Heldengesängen von Herrenhof zu Herrenhof, der Troubadour mit
seinen Balladen von Ritterschloß zu Ritterschloß; und allerlei anderes
fahrendes Volk machte die vornehmen Gebilde fürs seßhafte schlichte
Volk zurecht, und aus der erhabenen Heldensage wurde ein Volkslied,
ein Bänkelsang. So sind auch die Märchen der Urgroßmütter nicht von
den Urgroßmüttern erfunden; sondern die alten Göttersagen, Naturmythen
und Geistergeschichten einer von Priestern gelenkten Kultur sind
später von sinnigen Landstreichern, entlaufenen Mönchen, Scholaren und
Schreibern, für das Verständnis der Spinnstuben-Insassen verweltlicht
und vereinfacht worden, auch wohl versimpelt und verballhornt. So ist
auch die sogenannte Bauernkunst, wie sie in Hausrat und Volkstracht
sich fristet, nirgends dem Heimatboden entsprungen, ist aus höfischen
oder städtischen Kreisen von reichen Dörflern aufs Land verpflanzt,
und da erstarrt sie durch Handwerksbrauch zu wunderlich verwucherten
Formen, bis wieder eine neue Stadtkunst kräftig und reif genug geworden
ist, die entartete alte zu verdrängen. So ging auch die Kunst der
wilden Völker seit jeher den Ermächtigungsweg über den Festplatz
des Zauberpriesters, das Zelt des Häuptlings oder der Obmänner, um
in alle Hütten des Stammes zu dringen. Denn der Künstler, der kein
Strumpfwirker ist, will sein Werk nicht im Engen verkommen lassen; er
will wie das Leben ins Leben wirken, ins unendlich weite belebende
Leben, und heute wendet sich seine Kunst nur deshalb gleich ans
breitere Volk, weil es mächtiger als die Machthaber dem schaffenden
Willen des Lebens dient.
4. +Das Volk versteht nichts von der Kunst; das ist auch nicht nötig
zum Kunstgenuß.+
Das besagt:
Es gibt überall nur Wenige, die vollkommen fähig zum Kunstgenuß
sind; die volle Genußkraft ist ebenso selten wie die vollkommene
Schaffenskraft. Aber auch diese Wenigen, Jeder für sich allein
genommen, verstehen nur wenig von den vielfältigen Reizen, die das
geheimnisvolle Leben in dem bewunderten Werk bewirken. Selbst von den
Handwerksgriffen des Künstlers versteht zuweilen sogar der Künstler
nicht jeden einzelnen Wirkungswert, geschweige den ganzen Zusammenhang;
und mancher nüchterne Kunstgelehrte sieht da schärfer als der
scharfsinnigste Meister. Nur sind die äußerst klugen Leute, die blos
mit Verstand zu genießen verstehen, gewöhnlich die innerst seelendummen
und begreifen oft weniger als ein Nigger von der begeisternden
Gefühlswelt, die hinter den sinnlichen Reizen des Kunstwerkes lebt.
Diese Kunstverständigen zwar entscheiden, ob ein Werk den besten
Kennern des Handwerks auf absehbare Zeit zu genügen vermag, und
schätzen seinen Sachwert ein; aber unabsehbar ist das Leben, und
ein vollkommenes Kunstwerk enthält die Lebenshinterlassenschaft
von hunderttausend Millionen anderer Werke und das unschätzbare
Vorvermächtnis für aber-und-abermals andre Millionen. Ein solches Werk
kann Jahrhunderte lang -- nach den Maßstäben aller Sachverständigen,
nach dem Urteil der Künstler wie Kunstgelehrten, nach der Meinung der
eignen wie fremder Volksart -- ein wertloses totes Unding sein: und
auf einmal ist es nur scheintot gewesen und belebt tausend Geister zu
neuem Gefühl, zu neuem Schaffen und neuem Genuß. Vor der unbekannten
seelischen Macht, der das vollkommene Kunstwerk entstammt, ist eben
auch der Kenner „nur Volk“. Über diese beständige Machtvollkommenheit,
diesen eigensten Lebenswert der Kunst, entscheidet keinerlei
Kunstverstand, auch kein Kunstgeschmack und kein Kunstgefühl, weder des
Einzelnen noch einer Volksmasse; denn es gibt und gab kein einziges
Kunstwerk, an dem der Verstand nicht zu mäkeln fände, und Geschmack
und Gefühl sind unbeständig, ob aus Verstand oder Unverstand. Über
den Lebenswert der Kunst entscheidet stets nur das Leben selbst,
das wandelbare Leben der Menschheit, wandelbar von Volk zu Volk, ob
durch Zufall, Notwendigkeit oder Gott-weiß-was, doch beständig zum
Weiterleben gewillt. Mit dem Genuß aber hat das wenig zu tun; den
rohesten Kerl kann das scheußlichste Machwerk unvergleichlich stärker
und inniger freuen, als die reinste Schönheit den feinsten Kenner. Wer
Anderes lehrt, ist ein Faselhans, ob nun ein Schwarmgeist oder ein
Nüchterling.
5. +Der Kunstgenuß jeder Art Volkes besteht in der Begeisterung durch
das Unbegreifliche, in der Ehrfurcht vor dem Unerforschlichen, in der
Lust und Liebe zum Abenteuerlichen: in Glauben, Traum und Übermut.+
Das bedeutet:
Wie das Wesen des Kunstschaffens unerklärlich ist, so auch das Wesen
des Kunstgenießens; erklärlich ist nur der bewirkte Zustand. Er ist,
und sei er noch so vergeistigt, ein Zustand der sinnlich befriedigten
Liebe, im weitesten und engsten Sinn, in der höchsten, tiefsten,
flachsten Bedeutung: Liebe, Verliebtheit, Liebhaberei. Er gibt also
nicht die geringste Gewähr für den Wertbestand des geliebten Dinges,
für Schönheit, Naturwahrheit und dergleichen. Wie dem liebenden
Jüngling ein Gesicht, das er gestern noch für abschreckend hielt, heute
ein Ausbund aller Liebreize ist, ihm vielleicht sein ganzes Leben lang
sein wird, vielleicht auch nur für etliche Wochen, so liebt und lebt
auch der Kunstliebhaber; und nun erst gar ein Gemisch von Volk! Sogar
das griechische Volk war kein Kunstvolk, wie manche Leute es gerne
träumen; denn ein griechisches Volk hat es nie gegeben, es gab nur
einige Stadtgemeinden mit wenigen, sehr machtvollen, kunstliebenden
Patrizierfamilien und einem Haufen machtsüchtiger, vergnügungslustiger
Spießbürger nebst einer bäurischen Sklavenheerde. Aber die Lust und
Liebe zur Kunst ist selbst ein gewaltiger Lebenswert: sie legt den
geliebten Dingen Vollkommenheit bei, auch wenn sie noch unvollkommen
sind, und hebt alle Kräfte der liebenden Seele, auch wenn es nur
schwache Kräfte sind. Das gilt für Männlein wie für Weiblein; denn
in den höchsten Bezirken der Liebe hört der Geschlechtsunterschied
glücklich auf. Sie treibt den Geist in einen Traum, der ihm die
stärksten Sehnsüchte seines Lebens durch das angebetete Bild erfüllt
zeigt; und je weniger Wissen den Geist beschwert, je weniger Kenntnis
von Kunstmaßstäben, umso leichter glaubt er seinem Traum. Dann braucht
er keine Erklärungen mehr: dann wird ihm das Unbegreifliche klar,
daß er Eins ist mit dem einsamen Künstler: dann erlebt er wie dieser
das Grenzenlose, ist mit ihm die Blume auf dem Felde, mit ihm der
Held seiner Abenteuer, mit ihm ein ganzes mächtiges Volk und jauchzt
im Stillen vor Übermut. Und wenn er aufwacht aus diesem Traum, der
ihm das Winzigste riesengroß, das Furchtbarste herrlich und lieblich
machte, dann verehrt er die unerforschliche Kraft, die frei mit den
eigenen Grenzen spielt; und seine Abenteuerlust, die einen Augenblick
staunend gestillt war, gibt sich ermutigt dem unstillbaren, wandelbaren
Leben hin. Ein ganzes Volk aber, das so träumt und nur kraft höchster
Kunst so träumt, das ist ein -- schöner Zukunftstraum.
6. +Die höchste Kunst wirkt nicht unmittelbar, sondern mittelbar als
Sage ins Volk.+
Nämlich:
Nicht blos die Kunst der vorgeschichtlichen oder späterer
ungeschichtlicher Zeiten, wie sie uns in heroischen Fabeln, humanen
Idyllen, religiösen Parabeln vom „Volksmund“ überliefert ist, sondern
auch alle geschichtliche Kunst, die ein vollkommenes Sinnbild
sinnlichen Lebens und zugleich des höchsten geistigen ist, dringt ins
ganze Volk nur durch Hörensagen und lebt nur durch freie Erinnerung
fort; auch der Buchdruck hat daran nichts geändert. Wer liest heute
noch Cervantes und Swift, wie sie vollständig im Buche stehen, oder
gar Dante und Homer? Ein zählbares Häuflein Gebildeter; und viele von
ihnen nur aus Zwang. Wer sieht heute noch ein Bildwerk von Phidias oder
hört die zärtliche Sappho singen? Wer hat die Pyramiden besucht, wer
den Petersdom, wer den Park von Versailles? Wer kennt wirklich Lionardo
vollkommen, wer Goethe, wer Mozart und Gluck, wer Bach? -- Aber man
spreche von Gullivers Reisen, von Don Quijote, Don Juan, Helena, Faust,
man nenne die Namen Prometheus und Orpheus, Michelangelo, Shakespear,
Rembrandt, Beethoven: und ein Schauer gläubiger Einbildungskraft
wird auch den Geist des geistig Armen mit Bildern schicksalreichsten
Lebens, Gestalten vollkommener Menschlichkeit füllen. Unter hundert
Kunstkennern sind nicht zwei in der Deutung von Dantes Beatrice,
der Erklärung von Shakespears Hamlet einig, aber jeder einzige fühlt
sich im Klaren, sobald er im Leben sagen hört: jenes Mädchen scheint
eine Beatrice, dieser junge Mann ist der reine Hamlet. Das eben ist
das Kennzeichen höchster Kunst, daß sie Keinem ganz begreiflich wird,
daß der Eine dies, der Andere jenes als ihr bedeutsamstes Merkmal
herausgreift, daß sie die unbegrenzte Macht hat, über die eigene
Bildwirkung weg durch fremde Vermittelung weiterzuwirken, bis sich
aus all den begeisterten Meinungen ein allgemeines Erinnerungsbild
formt, oft nur ein Teilchen des Ursprungsbildes, aus dem der Volksgeist
aber das Ganze -- und mehr als das -- zu begreifen glaubt. So genügt
dem Liebenden eine Locke, um ihm die ganze Gestalt der Geliebten,
den Duft ihres Haars, ihren Blick, ihr Lächeln, ihre ganze Seele
heraufzubeschwören; ja, es genügt ihr bloßer Name.
7. +Nie ist Kunst volkstümlich von Anbeginn; sie wird es kraft ihrer
ursprünglichen, neubelebenden Freiheitslust, und sie bleibt es kraft
ihrer notwendigen, althergebrachten Ordnungsliebe.+
Denn:
Volkstümlichkeit ist das Endergebnis einer langen freiwilligen
Gewöhnung aller einzelnen Volksmitglieder, oder doch der meisten und
menschlich besten, unter Anleitung der geistig regsten. Man will sich
aber an nichts erst gewöhnen, was von Hause aus schon gewöhnlich ist;
und man gewöhnt sich auch an nichts, was durchaus blos ungewöhnlich
sein will. Nur solche Kunst wird und bleibt volkstümlich, die den
Willen zum geistigen Miterleben, diesen allgemeinsten menschlichen
Willen, gleichermaßen bewegt und beruhigt, löst und fesselt,
antreibt und bändigt. Sie muß Reize enthalten, die immer wieder
das schrankenlose Naturgefühl selbst des Eigensinnigsten erregen;
und sie muß andere Reize enthalten, die immerfort die beschränkte
Kulturvernunft auch des Freimütigsten beschwichtigen. Sie muß alle
diese zwiefachen Reize in einer so einfachen Form vereinen, daß sie
zwingend wirkt wie ein neues Gesetz, zu dem die alten hingedrängt
haben; und es macht das innerste Schicksal des Künstlers aus, ob
er die äußere Geschicklichkeit hat, sich mit seiner ursprünglichen
Schaffenskraft in die Beschaffenheit der Welt, die notwendige Ordnung
der Kräfte, zu fügen. Dann ist sein Werk ein vollkommenes: ein Sinnbild
des ziellos schaffenden Lebens, ein Abbild des freiesten Willens
zum Dasein, ein Vorbild der willigsten Schickung ins Ewige. Solche
Kunst mag man anfangs für willkürlich halten, mag sie mißachten und
mißdeuten, verlästern oder verlobhudeln: grade Das wird die Neugier der
Menge reizen, grade Das selbst die ältesten Schlafmützen wecken, und
endlich nimmt auch der Gleichgiltige die ernste Giltigkeit ihres Wesens
hinter dem scheinbaren Gaukelwerk wahr. Dagegen die Kunst, die nach
Volksgunst fahndet, indem sie sich in das Maskengewand volkstümlich
gewordener Ahnenkunst kleidet: sie mag von den vornehmsten Autoritäten,
von Obrigkeit, Schule und Zeitungen, mit aller Gewalt „populär“ gemacht
werden, eine Zeit lang „ungeheuer beliebt“ sein, schließlich wird sie
als eitel Blendwerk erkannt und dient bestenfalls zur Vermittelung
einiger Kunstkenntnis ans Volk.
8. +Alle Kunst, die nicht volkstümlich wird, ist Unkunst, Tand und
Spreu im Wind.+
Das ist so zu verstehen:
Kein Kunstwerk, und sei es noch so schlecht, ist von Anfang an ohne
Lebenswert; es finden sich immer die vielen Dummen und manchmal auch
nicht wenige Kluge, die ein schlechtes Werk für gut genug halten, die
Langeweile auszufüllen. Erst allmählich merkt man, was Unkunst ist.
Jeder Einzelne weiß das aus eigner Erfahrung, und die Erfahrungen der
Völker wachsen noch viel allmählicher, dafür freilich auch dauerhafter.
Es lassen sich mancherlei Kunstwerke herzählen, die Jahrhunderte lang
im Volk wie bei Kennern die höchste Wertschätzung besaßen und heute
für mittelmäßig gelten, vielleicht immer tiefer an Wert sinken werden,
vielleicht auch wieder zum höchsten steigen. Eine vollkommene Gewähr
für die Richtigkeit eines Kunstwerkes bietet allein der Tatbestand, daß
es als Stoffding untergegangen ist, ohne in irgend einer Form -- in
Sage, Denkmal, anderen Werken -- als seelisches Wesen weiterzuwirken.
Das mag sich von den besten Kennern für die ungeheure Mehrzahl der
Kunstdinge mit aller Gewißheit voraussagen lassen; aber die Kenner
vollstrecken ihr Urteil nicht. Nur die Menschheit selbst ist das
Jüngste Gericht und sondert langsam die Spreu vom Weizen; und das
Volkstum ist das große Sieb, durch das sie ihre Lebensfrucht worfelt.
Da werden auch viele Dinge durchfallen, die vielen Kennern Kleinodien
waren; und der ordinärste Hintertreppenroman wird dann nicht tiefer
im Kehricht liegen als manche exquisite Salonnovelle. Dann wird der
namenlose Dichter, der dem Volk den Aberwitz der Romantik durch das
Bild des „geschundenen Raubritters“ zeigte, in der menschlichen
Sprache lebendiger leben als mancher romantische Schulpoet mit
literarhistorischem Ruhm. Über die Geistesgebilde der Machtvollsten
aber lebt noch ihr eigenes Bildnis hinaus. Es werden Zeiten kommen,
wo unsre Kultur begrabener als die ägyptische daliegt; dann wird
vielleicht kein Buch von heute, kein Notenblatt mehr in Ansehen stehn,
aber das Seelenbild Dante, das Paradiese und Höllen umarmt, der Geist
Beethoven, den die Verzweiflung zum Freudenschrei trieb, wird dann der
Menschheit noch ebenso heilig sein wie Orpheus oder Prometheus.
9. +Die Kunst geht ihren eigenen Weg; wohl ihr, wenn das Volk ihr zu
folgen vermag.+