Neun Selbstverständlichkeiten, die aber doch der Erklärung bedürfen

1. +Die Kunst besteht in den Kunstwerken, die nicht fürs Volk

geschaffen sind, sondern für Gott und die Welt, für die Seele der

Menschheit oder auch der Blumen auf dem Felde, für Alle und Keinen,

fürs ewige Leben oder für sonst eine grenzenlose Größe.+

Das soll heißen:

Es werden sehr viele Kunstwerke gemacht, aber recht wenige machen die

Kunst aus. Kein Kunstwerk mehrt den Kunstbestand, durch das der Urheber

irgend ein begrenztes Volk zu irgend einer bestimmten Zeit für irgend

ein bekanntes Ziel ausbilden will oder wollte. Die Volksbeglücker, die

Volksveredler, die Volkserzieher und -verzieher mögen ein solches Werk

mit Fug und Recht zu ihrer Zeit den Leuten anpreisen; aber sobald jenes

Ziel erreicht oder aber als irrig erkannt ist, verfällt solch Werk der

Vergessenheit oder bestenfalls der Kunstgeschichte, ist überflüssig

und leer geworden, hat keinen belebenden Inhalt mehr. Freilich befaßt

sich alle Kunst mit dem umgebenden Volks- und Zeitgeist als einem Teil

ihres Stoffbestandes; aber nicht Das ist ihr Lebensbestand, sie geht

nur aus von dieser Umgebung, und ihr Ziel schwebt grade im Unfaßbaren.

Beständiges Leben enthält nur +die+ Kunst, die jederzeit und

immerfort hinaus ins Unbekannte weist, wie die Blumen blühen ins Blaue

hinein. Und solche Kunst schafft nur der Künstler, der fürs Volk ein

ewiges Rätsel bleibt. Er kennt nur Eine Bestimmung des Schaffenden:

die Gesetzgebung für das Unbestimmte. Er sieht nur Eine Grenze des

Schaffens: die Formlegung für das Unbegrenzte. Denn er ahnt nur Ein

Ziel der menschlichen Bildung: die Gestaltung eines vollkommenen Wesens.

2. +Der Kunst gegenüber gibt es nur zwei Arten Volk: das

menschenwürdige und das hundsgemeine.+

Das heißt:

Vollkommene Kunst wirkt nicht auf Jedermann als vollkommen, sondern

höchstens auf solche Seelen, die selbst den Trieb zur Vollkommenheit

haben und fremde Seelenkraft mitfühlen können. Hierzu aber verhilft

kein besonderer Bildungsgrad, kein Wohlstand oder sonstiger Vorrang,

der einzelnen Ständen und Klassen des Volkes -- je nach dem Lauf der

Zeiten -- vergönnt ist, mag auch durch alldas die Freiheit und Freude

des menschlichen Mitgefühls leichter erblühen. Dies Mitgefühl eignet

vollkommen nur solchen Seelen, denen das menschliche Dasein unendlich

mehr ist als eine Laufbahn zum Wohlbefinden, zum Vornehmtun oder

Neunmalklugsein, nämlich ein steter gründlicher Antrieb zur Steigerung

aller schaffenden Kräfte, ob für, ob gegen, ob durch einander. Das

sind die menschenwürdigen Seelen, die auch die Kunst von Grund auf

zu würdigen wissen. Sie pflanzen den Willen zur Menschheit fort,

sie bilden in Wahrheit den Volksgeist und Zeitgeist und begeistern

allmählich sogar die Halbwilligen; sie sind in jeder Volksschicht

zu finden, wenn auch am meisten wahrscheinlich in jenen Schichten,

die am eifrigsten für die Zukunft kämpfen. Wo sich der Sinn auf

Vollkommenes richtet, ist „Volk“ stets nur der Inbegriff der menschlich

strebsamsten Volksgenossen, d. h. ein Unterbegriff der Menschheit;

wer ein vollkommener Mensch sein könnte, der wäre natürlich auch im

Besitz von jeder Vollkommenheit seines Volkes. Der Rest aber, der ewig

rückständige, der wohlbestallte wie übelbestellte, der Bildungspöbel

wie rohe Mob: je nun, der hält sich an die Art Kunst, die das Volk

übers menschliche Dasein täuscht, mehr oder weniger hundsgemein. Doch

ist auch diese Art Volk und Kunst im geistigen Haushalt der Menschheit

vonnöten, denn eben ihr Widerstand reizt die andere Art zur beständigen

Steigerung ihres Willens.

3. +Keine Art Volk schafft jemals Kunst; jede Art Volk reizt die

Künstler zum Schaffen.+

Das will besagen:

Die Kunst, soweit sie nicht Handwerk und Machwerk ist, stellt eine

unwillkürliche, unerklärliche Einsicht ins Leben vor, die stets nur

Wenigen innewohnt und sich nur durch eigentümlich geheimnisvolle, zwar

den Sinnen vollkommen deutliche, doch dem Sinn vielfältig deutsame

Bilder Anderen mitzuteilen vermag. Auch was man gewöhnlich Volkskunst

nennt, ist niemals durch die gemeinsame Macht irgend eines Volkswillens

entstanden, sondern immer ursprünglich von Einzelnen aus reinem

Eigensinn ersonnen und dann erst zu Gemeingut geworden. Aus einem

natürlichen Mitteilungstrieb, der schon im Licht der Gestirne waltet,

gibt der Einzelne sein einsames Sinnbild dem willigsten Empfängerkreis

hin, oder dem mächtigsten Abnehmerkreis; der gibt es weiter und

immer weiter, und dadurch schleifen sich unter Umständen -- zumal

bei mündlicher Weitergabe -- die eigensinnigsten Züge des Bildes ins

Allgemeinverständliche ab. In den kleinen Volksgemeinden der Urzeit

besorgten wohl meist die Priesterkasten und Herrengeschlechter die

erste Verbreitung; nachher vermittelten fahrende Leute zwischen der

Künstlerschaft und dem Volk, oder die Künstlerschaft wurde Beruf und

ging also selbst auf die Fahrt nach Brot. So zog einst der Barde mit

seinen Heldengesängen von Herrenhof zu Herrenhof, der Troubadour mit

seinen Balladen von Ritterschloß zu Ritterschloß; und allerlei anderes

fahrendes Volk machte die vornehmen Gebilde fürs seßhafte schlichte

Volk zurecht, und aus der erhabenen Heldensage wurde ein Volkslied,

ein Bänkelsang. So sind auch die Märchen der Urgroßmütter nicht von

den Urgroßmüttern erfunden; sondern die alten Göttersagen, Naturmythen

und Geistergeschichten einer von Priestern gelenkten Kultur sind

später von sinnigen Landstreichern, entlaufenen Mönchen, Scholaren und

Schreibern, für das Verständnis der Spinnstuben-Insassen verweltlicht

und vereinfacht worden, auch wohl versimpelt und verballhornt. So ist

auch die sogenannte Bauernkunst, wie sie in Hausrat und Volkstracht

sich fristet, nirgends dem Heimatboden entsprungen, ist aus höfischen

oder städtischen Kreisen von reichen Dörflern aufs Land verpflanzt,

und da erstarrt sie durch Handwerksbrauch zu wunderlich verwucherten

Formen, bis wieder eine neue Stadtkunst kräftig und reif genug geworden

ist, die entartete alte zu verdrängen. So ging auch die Kunst der

wilden Völker seit jeher den Ermächtigungsweg über den Festplatz

des Zauberpriesters, das Zelt des Häuptlings oder der Obmänner, um

in alle Hütten des Stammes zu dringen. Denn der Künstler, der kein

Strumpfwirker ist, will sein Werk nicht im Engen verkommen lassen; er

will wie das Leben ins Leben wirken, ins unendlich weite belebende

Leben, und heute wendet sich seine Kunst nur deshalb gleich ans

breitere Volk, weil es mächtiger als die Machthaber dem schaffenden

Willen des Lebens dient.

4. +Das Volk versteht nichts von der Kunst; das ist auch nicht nötig

zum Kunstgenuß.+

Das besagt:

Es gibt überall nur Wenige, die vollkommen fähig zum Kunstgenuß

sind; die volle Genußkraft ist ebenso selten wie die vollkommene

Schaffenskraft. Aber auch diese Wenigen, Jeder für sich allein

genommen, verstehen nur wenig von den vielfältigen Reizen, die das

geheimnisvolle Leben in dem bewunderten Werk bewirken. Selbst von den

Handwerksgriffen des Künstlers versteht zuweilen sogar der Künstler

nicht jeden einzelnen Wirkungswert, geschweige den ganzen Zusammenhang;

und mancher nüchterne Kunstgelehrte sieht da schärfer als der

scharfsinnigste Meister. Nur sind die äußerst klugen Leute, die blos

mit Verstand zu genießen verstehen, gewöhnlich die innerst seelendummen

und begreifen oft weniger als ein Nigger von der begeisternden

Gefühlswelt, die hinter den sinnlichen Reizen des Kunstwerkes lebt.

Diese Kunstverständigen zwar entscheiden, ob ein Werk den besten

Kennern des Handwerks auf absehbare Zeit zu genügen vermag, und

schätzen seinen Sachwert ein; aber unabsehbar ist das Leben, und

ein vollkommenes Kunstwerk enthält die Lebenshinterlassenschaft

von hunderttausend Millionen anderer Werke und das unschätzbare

Vorvermächtnis für aber-und-abermals andre Millionen. Ein solches Werk

kann Jahrhunderte lang -- nach den Maßstäben aller Sachverständigen,

nach dem Urteil der Künstler wie Kunstgelehrten, nach der Meinung der

eignen wie fremder Volksart -- ein wertloses totes Unding sein: und

auf einmal ist es nur scheintot gewesen und belebt tausend Geister zu

neuem Gefühl, zu neuem Schaffen und neuem Genuß. Vor der unbekannten

seelischen Macht, der das vollkommene Kunstwerk entstammt, ist eben

auch der Kenner „nur Volk“. Über diese beständige Machtvollkommenheit,

diesen eigensten Lebenswert der Kunst, entscheidet keinerlei

Kunstverstand, auch kein Kunstgeschmack und kein Kunstgefühl, weder des

Einzelnen noch einer Volksmasse; denn es gibt und gab kein einziges

Kunstwerk, an dem der Verstand nicht zu mäkeln fände, und Geschmack

und Gefühl sind unbeständig, ob aus Verstand oder Unverstand. Über

den Lebenswert der Kunst entscheidet stets nur das Leben selbst,

das wandelbare Leben der Menschheit, wandelbar von Volk zu Volk, ob

durch Zufall, Notwendigkeit oder Gott-weiß-was, doch beständig zum

Weiterleben gewillt. Mit dem Genuß aber hat das wenig zu tun; den

rohesten Kerl kann das scheußlichste Machwerk unvergleichlich stärker

und inniger freuen, als die reinste Schönheit den feinsten Kenner. Wer

Anderes lehrt, ist ein Faselhans, ob nun ein Schwarmgeist oder ein

Nüchterling.

5. +Der Kunstgenuß jeder Art Volkes besteht in der Begeisterung durch

das Unbegreifliche, in der Ehrfurcht vor dem Unerforschlichen, in der

Lust und Liebe zum Abenteuerlichen: in Glauben, Traum und Übermut.+

Das bedeutet:

Wie das Wesen des Kunstschaffens unerklärlich ist, so auch das Wesen

des Kunstgenießens; erklärlich ist nur der bewirkte Zustand. Er ist,

und sei er noch so vergeistigt, ein Zustand der sinnlich befriedigten

Liebe, im weitesten und engsten Sinn, in der höchsten, tiefsten,

flachsten Bedeutung: Liebe, Verliebtheit, Liebhaberei. Er gibt also

nicht die geringste Gewähr für den Wertbestand des geliebten Dinges,

für Schönheit, Naturwahrheit und dergleichen. Wie dem liebenden

Jüngling ein Gesicht, das er gestern noch für abschreckend hielt, heute

ein Ausbund aller Liebreize ist, ihm vielleicht sein ganzes Leben lang

sein wird, vielleicht auch nur für etliche Wochen, so liebt und lebt

auch der Kunstliebhaber; und nun erst gar ein Gemisch von Volk! Sogar

das griechische Volk war kein Kunstvolk, wie manche Leute es gerne

träumen; denn ein griechisches Volk hat es nie gegeben, es gab nur

einige Stadtgemeinden mit wenigen, sehr machtvollen, kunstliebenden

Patrizierfamilien und einem Haufen machtsüchtiger, vergnügungslustiger

Spießbürger nebst einer bäurischen Sklavenheerde. Aber die Lust und

Liebe zur Kunst ist selbst ein gewaltiger Lebenswert: sie legt den

geliebten Dingen Vollkommenheit bei, auch wenn sie noch unvollkommen

sind, und hebt alle Kräfte der liebenden Seele, auch wenn es nur

schwache Kräfte sind. Das gilt für Männlein wie für Weiblein; denn

in den höchsten Bezirken der Liebe hört der Geschlechtsunterschied

glücklich auf. Sie treibt den Geist in einen Traum, der ihm die

stärksten Sehnsüchte seines Lebens durch das angebetete Bild erfüllt

zeigt; und je weniger Wissen den Geist beschwert, je weniger Kenntnis

von Kunstmaßstäben, umso leichter glaubt er seinem Traum. Dann braucht

er keine Erklärungen mehr: dann wird ihm das Unbegreifliche klar,

daß er Eins ist mit dem einsamen Künstler: dann erlebt er wie dieser

das Grenzenlose, ist mit ihm die Blume auf dem Felde, mit ihm der

Held seiner Abenteuer, mit ihm ein ganzes mächtiges Volk und jauchzt

im Stillen vor Übermut. Und wenn er aufwacht aus diesem Traum, der

ihm das Winzigste riesengroß, das Furchtbarste herrlich und lieblich

machte, dann verehrt er die unerforschliche Kraft, die frei mit den

eigenen Grenzen spielt; und seine Abenteuerlust, die einen Augenblick

staunend gestillt war, gibt sich ermutigt dem unstillbaren, wandelbaren

Leben hin. Ein ganzes Volk aber, das so träumt und nur kraft höchster

Kunst so träumt, das ist ein -- schöner Zukunftstraum.

6. +Die höchste Kunst wirkt nicht unmittelbar, sondern mittelbar als

Sage ins Volk.+

Nämlich:

Nicht blos die Kunst der vorgeschichtlichen oder späterer

ungeschichtlicher Zeiten, wie sie uns in heroischen Fabeln, humanen

Idyllen, religiösen Parabeln vom „Volksmund“ überliefert ist, sondern

auch alle geschichtliche Kunst, die ein vollkommenes Sinnbild

sinnlichen Lebens und zugleich des höchsten geistigen ist, dringt ins

ganze Volk nur durch Hörensagen und lebt nur durch freie Erinnerung

fort; auch der Buchdruck hat daran nichts geändert. Wer liest heute

noch Cervantes und Swift, wie sie vollständig im Buche stehen, oder

gar Dante und Homer? Ein zählbares Häuflein Gebildeter; und viele von

ihnen nur aus Zwang. Wer sieht heute noch ein Bildwerk von Phidias oder

hört die zärtliche Sappho singen? Wer hat die Pyramiden besucht, wer

den Petersdom, wer den Park von Versailles? Wer kennt wirklich Lionardo

vollkommen, wer Goethe, wer Mozart und Gluck, wer Bach? -- Aber man

spreche von Gullivers Reisen, von Don Quijote, Don Juan, Helena, Faust,

man nenne die Namen Prometheus und Orpheus, Michelangelo, Shakespear,

Rembrandt, Beethoven: und ein Schauer gläubiger Einbildungskraft

wird auch den Geist des geistig Armen mit Bildern schicksalreichsten

Lebens, Gestalten vollkommener Menschlichkeit füllen. Unter hundert

Kunstkennern sind nicht zwei in der Deutung von Dantes Beatrice,

der Erklärung von Shakespears Hamlet einig, aber jeder einzige fühlt

sich im Klaren, sobald er im Leben sagen hört: jenes Mädchen scheint

eine Beatrice, dieser junge Mann ist der reine Hamlet. Das eben ist

das Kennzeichen höchster Kunst, daß sie Keinem ganz begreiflich wird,

daß der Eine dies, der Andere jenes als ihr bedeutsamstes Merkmal

herausgreift, daß sie die unbegrenzte Macht hat, über die eigene

Bildwirkung weg durch fremde Vermittelung weiterzuwirken, bis sich

aus all den begeisterten Meinungen ein allgemeines Erinnerungsbild

formt, oft nur ein Teilchen des Ursprungsbildes, aus dem der Volksgeist

aber das Ganze -- und mehr als das -- zu begreifen glaubt. So genügt

dem Liebenden eine Locke, um ihm die ganze Gestalt der Geliebten,

den Duft ihres Haars, ihren Blick, ihr Lächeln, ihre ganze Seele

heraufzubeschwören; ja, es genügt ihr bloßer Name.

7. +Nie ist Kunst volkstümlich von Anbeginn; sie wird es kraft ihrer

ursprünglichen, neubelebenden Freiheitslust, und sie bleibt es kraft

ihrer notwendigen, althergebrachten Ordnungsliebe.+

Denn:

Volkstümlichkeit ist das Endergebnis einer langen freiwilligen

Gewöhnung aller einzelnen Volksmitglieder, oder doch der meisten und

menschlich besten, unter Anleitung der geistig regsten. Man will sich

aber an nichts erst gewöhnen, was von Hause aus schon gewöhnlich ist;

und man gewöhnt sich auch an nichts, was durchaus blos ungewöhnlich

sein will. Nur solche Kunst wird und bleibt volkstümlich, die den

Willen zum geistigen Miterleben, diesen allgemeinsten menschlichen

Willen, gleichermaßen bewegt und beruhigt, löst und fesselt,

antreibt und bändigt. Sie muß Reize enthalten, die immer wieder

das schrankenlose Naturgefühl selbst des Eigensinnigsten erregen;

und sie muß andere Reize enthalten, die immerfort die beschränkte

Kulturvernunft auch des Freimütigsten beschwichtigen. Sie muß alle

diese zwiefachen Reize in einer so einfachen Form vereinen, daß sie

zwingend wirkt wie ein neues Gesetz, zu dem die alten hingedrängt

haben; und es macht das innerste Schicksal des Künstlers aus, ob

er die äußere Geschicklichkeit hat, sich mit seiner ursprünglichen

Schaffenskraft in die Beschaffenheit der Welt, die notwendige Ordnung

der Kräfte, zu fügen. Dann ist sein Werk ein vollkommenes: ein Sinnbild

des ziellos schaffenden Lebens, ein Abbild des freiesten Willens

zum Dasein, ein Vorbild der willigsten Schickung ins Ewige. Solche

Kunst mag man anfangs für willkürlich halten, mag sie mißachten und

mißdeuten, verlästern oder verlobhudeln: grade Das wird die Neugier der

Menge reizen, grade Das selbst die ältesten Schlafmützen wecken, und

endlich nimmt auch der Gleichgiltige die ernste Giltigkeit ihres Wesens

hinter dem scheinbaren Gaukelwerk wahr. Dagegen die Kunst, die nach

Volksgunst fahndet, indem sie sich in das Maskengewand volkstümlich

gewordener Ahnenkunst kleidet: sie mag von den vornehmsten Autoritäten,

von Obrigkeit, Schule und Zeitungen, mit aller Gewalt „populär“ gemacht

werden, eine Zeit lang „ungeheuer beliebt“ sein, schließlich wird sie

als eitel Blendwerk erkannt und dient bestenfalls zur Vermittelung

einiger Kunstkenntnis ans Volk.

8. +Alle Kunst, die nicht volkstümlich wird, ist Unkunst, Tand und

Spreu im Wind.+

Das ist so zu verstehen:

Kein Kunstwerk, und sei es noch so schlecht, ist von Anfang an ohne

Lebenswert; es finden sich immer die vielen Dummen und manchmal auch

nicht wenige Kluge, die ein schlechtes Werk für gut genug halten, die

Langeweile auszufüllen. Erst allmählich merkt man, was Unkunst ist.

Jeder Einzelne weiß das aus eigner Erfahrung, und die Erfahrungen der

Völker wachsen noch viel allmählicher, dafür freilich auch dauerhafter.

Es lassen sich mancherlei Kunstwerke herzählen, die Jahrhunderte lang

im Volk wie bei Kennern die höchste Wertschätzung besaßen und heute

für mittelmäßig gelten, vielleicht immer tiefer an Wert sinken werden,

vielleicht auch wieder zum höchsten steigen. Eine vollkommene Gewähr

für die Richtigkeit eines Kunstwerkes bietet allein der Tatbestand, daß

es als Stoffding untergegangen ist, ohne in irgend einer Form -- in

Sage, Denkmal, anderen Werken -- als seelisches Wesen weiterzuwirken.

Das mag sich von den besten Kennern für die ungeheure Mehrzahl der

Kunstdinge mit aller Gewißheit voraussagen lassen; aber die Kenner

vollstrecken ihr Urteil nicht. Nur die Menschheit selbst ist das

Jüngste Gericht und sondert langsam die Spreu vom Weizen; und das

Volkstum ist das große Sieb, durch das sie ihre Lebensfrucht worfelt.

Da werden auch viele Dinge durchfallen, die vielen Kennern Kleinodien

waren; und der ordinärste Hintertreppenroman wird dann nicht tiefer

im Kehricht liegen als manche exquisite Salonnovelle. Dann wird der

namenlose Dichter, der dem Volk den Aberwitz der Romantik durch das

Bild des „geschundenen Raubritters“ zeigte, in der menschlichen

Sprache lebendiger leben als mancher romantische Schulpoet mit

literarhistorischem Ruhm. Über die Geistesgebilde der Machtvollsten

aber lebt noch ihr eigenes Bildnis hinaus. Es werden Zeiten kommen,

wo unsre Kultur begrabener als die ägyptische daliegt; dann wird

vielleicht kein Buch von heute, kein Notenblatt mehr in Ansehen stehn,

aber das Seelenbild Dante, das Paradiese und Höllen umarmt, der Geist

Beethoven, den die Verzweiflung zum Freudenschrei trieb, wird dann der

Menschheit noch ebenso heilig sein wie Orpheus oder Prometheus.

9. +Die Kunst geht ihren eigenen Weg; wohl ihr, wenn das Volk ihr zu

folgen vermag.+

Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3) · 第 51 / 272 题