Burleske

Nichts wirkt bestimmender als das Unbestimmte. Mit dieser Nutzanwendung

pflegte mein Bruder Ernst mir seine Erlebnisse zu berichten. Jetzt ist

er tot. Kurz vor seinem Ende schrieb er mir Folgendes.

Wenn die Frau, für die ich meine eigne verlassen wollte, mit mir von

ihrem Manne sprach, kam sie mir immer häßlich vor. Ihre bräunliche

Haut wurde dann gelblich, das wilde Haar schien schwarzer und tiefer

in die Stirn gewachsen, der Pechglanz ihrer Augen wurde siechend und

der Ausdruck des schwungvollen Mundes hilflos. Ich nannte das ihr

Dienstmädchengesicht; aber es war mir unerklärlich.

Sie beherrschte den Mann; aber das konnte sie doch nicht mehr fesseln.

Sein Körper war ihr unerträglich geworden, sein spöttischer Witz nicht

minder. Seine Rachsucht fürchtete sie nicht, und seine Gutmütigkeit

verachtete sie. Für Freiheit schwärmte sie wie eine russische Fürstin.

Warum also blieb sie noch bei ihm? --

Freilich hatte sie ein Kind von ihm. Aber das faßte sie nicht gern an,

trotzdem sie es sehr lieb zu haben glaubte. Mit meinem Töchterchen

spielte sie lieber und sehnte sich nach einem Sohn von mir.

Auch auf sein Geld war sie nicht angewiesen; er hätte ihr das ihre

nicht vorenthalten, er war ein Ehrenmann. Daß er mich im Duell

erschießen könnte, befürchtete sie ebenso wenig; ich hätte ihm zu Ehren

mein Leben nicht aufs Spiel gesetzt -- (hier log mein Bruder Ernst) --

und ihr zu Liebe brauchte ich’s nicht, mein Dasein war ihr werter als

das Urteil der Leute.

„Ist es, weil du dich vor deinen Eltern schämst?“ fragte ich sie eines

Tages, während wir auf einem Ausflug waren.

„Ja, vielleicht“ -- sie lächelte kindlich; ihre tausend Sommersprossen

schillerten. Dann machte sie ihr Schlangengesicht, als wollte sie das

Wort verschlucken; und gleich drauf lachte sie wie eine Bachantin.

Wir gingen durch mein Lieblingsdorf, ein Krondorf aus der Zeit des

großen Friedrich. Es war an einem Karfreitag. Zu Ostern wollte sie in

ihre Heimat reisen; der Frühling am Rhein war ihr das Paradies. Wenn

sie davon sprach, erschien sie mir wie die leibhaftige Jungfrau Maria;

ihre nachtbraunen Augen verklärten sich.

Die Kastanienknospen standen schon ganz dick und grün; manche machten

schon die Finger auf. Die Ahornblüten glänzten goldgelb durch den

blauen Abend. „Daraus mach ich mir ein Feeenszepter“, sagte sie, „wenn

ich mit meinem Vater durch die Berge reite.“

Ich sah sie an -- „Es gibt auch böse Feeen, du“ -- und wollte sie

küssen. Zwischen ihre schwarzen Brauen trat ein queres zuckendes

Fältchen; wie immer, wenn sie sich mir überlegen fühlte. Die üppige

Nase zuckte mit. Ich küßte nicht.

Plötzlich wurden ihre Pupillen lüstern groß. „Sieh, wie unheimlich!“

flüsterte sie und zeigte über die Straße. Alle ihre Sommersprossen,

selbst auf den Lippen, schienen verschwunden. Der schwellende Mund

wurde dunkler. Das war ihr Hexengesicht; das sechste, das ich an ihr

unterschied.

Ich ging mit ihr hinüber. Auf einem künstlichen Hügel stand ein

seltsames Häuschen hinter dem Zaun. Es war stets unbewohnt, ich kannte

es schon. In der hellen Dämmerung sah es noch spukhafter aus.

Zwei riesige Platanen streckten ihre noch kahlen Äste wie

Leichenknochen über das flache Dach. Die Wände waren fahl und fleckig.

Links wiegte ein verkrümmter Lebensbaum sein finstres Laub. Mitten

aus der Vorderwand schob sich ein rundes Spitztürmchen vor, das an

chinesische Hüte erinnerte; die Tür war verschlossen. Um die kleinen

Bogenfenster krochen Borten aus gotischem Schnörkelwerk; die Scheiben

waren so schwarz wie die Pupillen meiner Begleiterin. Zwischen der

rechten Ecke des Hauses und dem Stamm der einen Platane ging die

gelbrote Sonne unter.

„Hier möcht ich manchmal wohnen“, sagte die schöne Frau. In diesem

Augenblick kam langsam über den Hügelrücken, grade wie aus der Sonne

heraus, eine große gelbrote Katze und setzte sich vor die verschlossene

Tür.

Das Bild verstimmte mich, so tief voll Stimmung es war. Die

schwarzbraunen Augen des Viehes erinnerten mich unbestimmt an

eine Kindesmörderin aus einem Wachsfigurenkabinett. Die Sonne war

verschwunden; das Fell sah nun noch gelber aus, fast seidig. Sie

starrte blinzelnd herunter auf uns; mich fröstelte. Ich klatschte in

die Hände; sie lief weg.

Die schöne Frau war zusammengefahren und sah mich etwas unwillig an.

„Ich liebe Hauskatzen nicht“, sagte ich rauh. Sie nickte stumm und

nahm hingebend meinen Arm. Wir wandten uns zur Heimkehr, aber der böse

Eindruck verließ mich nicht. Je zärtlicher sie mit mir sprach, umso

verstimmter wurde ich. Ich schob es auf den Karfreitag. Immerfort durch

unser Geflüster hörte ich Jesu Trostwort an den gekreuzigten Mörder:

Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.

Fast verlegen küßte ich sie zum Abschied, und sagte lachend: „Auf

Wiedersehen, Magdalena.“ Sie machte ihr Jungfraungesicht.

Die Nacht drauf träumte mir -- (mein Bruder Ernst hielt nämlich Träume

ebenfalls für Erlebnisse) -- ich sähe aus dem Fenster und schräg mir

gegenüber stünde das seltsame Häuschen. In den schwarzen Scheiben

glomm das Sternlicht. Plötzlich wurden sie blendend hell. Das ganze

Haus stand erleuchtet bis in den löchrigen Schornstein hinauf. Fenster

und Türflügel klappten auf; und aus Allem, was offen war, Luken und

Löchern, vom Dach herab und von den Wänden, sprangen unzählige schwarze

Katzen und stoben lautlos in die vier Winde. Zuletzt kam langsam eine

große rötlich-gelbe aus der Tür, starrte blinzelnd nach mir her, und

verlor sich gleichfalls in die Finsternis. Dann schloß das Haus sich

ebenso lautlos und war mit Einem Schlag wieder dunkel.

Der Morgen kam. Ich saß mit meiner Frau beim Kaffee; wir besprachen

unsre Trennung. „Wenn du mit Bestimmtheit fühlst“, sagte sie mit ihrer

treuen Stimme, „daß die Andre für dein Glück geschaffener ist als ich,

darf ich dich nicht halten“ -- da ging die Flurglocke.

Das Dienstmädchen meldete, ein fremdes Fräulein wünsche mich zu

sprechen; ich ging ins Nebenzimmer. Eine große junge Dame trat mir

entgegen; ich erschrak. Sie war ganz in gelbrote Seide gekleidet, ihr

schwarzes Haar bedeckte ein Strohhut mit einem Zweig von künstlichen

Ahornblüten; sie hatte alle Züge der schönen Frau, nur nicht so

sarazenisch, gleichsam zahmer. Ich stand sprachlos.

War sie’s doch vielleicht? Nein! Gestern war sie verreist. Und jeder

Gesichtszug war mir doch fremd. Und eine Schwester hatte sie nicht.

Die Dame lächelte kindlich; ihre tausend Sommersprossen schillerten.

„Sie kennen mich wohl nicht“, fragte sie leise; ich verneinte

beklommen. „Ich bin die gelbe Katze“, sagte sie schnurrig; mich

fröstelte. Dann fiel mir ein: vielleicht ein Vexierscherz der schönen

Frau -- sie hatte Bekanntschaft in Bühnenkreisen. Die Dame blinzelte,

und zwischen ihre Brauen trat ein queres Fältchen; „ich soll Sie

abholen“, flüsterte sie.

Aus ihren Augen sah ein schlangenhafter Glanz, der mich bestrickte.

Gleich? fragte ich. „Gleich!“ Wir gingen.

Wir gingen schweigsam die Treppen hinunter; vor der Tür stand ein

Wagen. Wir fuhren durch zahllose Straßen, ebenso schweigsam; sie schien

mich garnicht zu beachten. Die Straßen wurden enger, die Häuser immer

höher, die Gegend mir unbekannt. Einmal nickte sie flüchtig; da sah ich

eine schwarze Katze durch einen Torweg haschen. Einmal strich sie sich

ihr wirres Haar mit ihrem gelben Handschuh glatt. Endlich hielt der

Wagen; ich folgte ihr willenlos.

Wir gingen durch einen dumpfigen Hof, dann mehrere eiserne Stiegen

empor, und durch viele halbdunkle Gänge. Ein wahres Labyrinth von

Haus; die Luft roch modrig. Vor einer pechschwarzen Flurtür machte sie

Halt und drückte auf etwas Unsichtbares. Die Tür sprang auf, ich stand

geblendet. Eine stechende Lichtpracht schlug mir entgegen, wie von

tausend Kronleuchtern her.

Als ich zu mir kam, stand ich in einem Saal, der unabsehbar schien;

vor mir, hinter mir, nach allen Seiten Spiegelwände. Und mitten durch

den Saal, der Länge nach, von allen Seiten widergespiegelt, stand eine

endlose Reihe von lautlos sich drehenden schwarzgekleideten Damen und

lautlos hopsenden mausegrauen Herren, wie nach dem Rhythmus einer

übersinnlichen Tanzmusik.

Keine der Damen -- (hieraus entnahm ich, daß mein Bruder Ernst noch

immer träumte) -- hatte blos Einen Herrn, die meisten zwei, manche

auch drei; einige schienen ein Dutzend zu haben, falls mich die

Spiegel nicht täuschten. Alle trugen sie, so lustbar sie sich drehten,

einen sonderbar hilflosen Trübsinn zur Schau, fast wie Automaten; die

mittelste hielt ein weinendes Kind im Arm.

Immer wenn sich eine der Damen dem einen ihrer Herren etwas tiefer

hinbog, tat dieser einen besonders hohen Hops, sodaß die mausegrauen

Frackschöße, die sonst bis auf den Boden schlappten, die Luft

durchschwänzelten. Dann warfen ihm die andern Herren, zumal die dicken,

wütende Blicke zu; aber die Dame lächelte kindlich, dann wurden selbst

die dicksten wieder sanft.

Mir fing an schwindlig zu werden; ich sah mich um nach meiner gelben

Führerin. Ein Schauder beschlich mich: alle ihre Sommersprossen waren

verschwunden. Die Pupillen hexenhaft groß, stand sie wie die Fürstin

dieses Tanzspiels da und schüttelte die bachantischen Locken. Ihr Haar

war aufgegangen, der Strohhut lag am Boden. In der Rechten hatte sie

den falschen Ahornblütenzweig und schwang ihn wie ein Szepter. Das

Gesicht war dunkelbraun, die schwungvolle Nase schien verbogen. Sie

nickte mir zu.

In diesem Augenblick sprang hinter ihr die Spiegeltür von neuem

auf; und stumm herein, in mausegrauem Frack, die Schöße zwischen

den Fingerspitzen, grad auf mich los, kam der Gatte der schönen

Frau gehopst. Ich wollte schon laut herauslachen, da seh ich in

der Spiegeltür, die langsam wieder zugeht, entsetzt mich selbst im

mausegrauen Frack, und plötzlich fang ich auch mit zu hopsen an.

Ich ringe verzweifelt nach Stillstand. Ich werfe der schönen Frau

die ernstesten Blicke zu. Vergebens. Je tiefer sie mir in die Augen

blinzelt, umso höher hopse ich.

Ich suche dem Gatten näher zu kommen. Ich will ihn aufreizen, mich zu

packen. Er sieht mich spöttisch an und hopst.

Ich will ihm beweisen -- ich hopse. Ich will ihm zeigen -- er hopst.

Ich will ihn zu Boden schlagen -- wir hopsen.

Ich will der schönen Frau zu Füßen stürzen. Ich will sie beschwören,

gnädig zu sein. Ich will und will, und kann es nicht --: ihre braune

Haut wird häßlich gelb, ihr Haar scheint mähnenhaft gesträubt und

tiefer in die Stirn gewachsen, ihr Blick wird stechend, der Ausdruck

des üppigen Mundes hilflos: sie hat ihr Dienstmädchengesicht.

Ich schreie schmerzhaft auf -- und bin wach.

Neben mir am Bett stand meine Frau mit unserm Töchterchen und strich

mir durchs Haar. „Vater“, sagte die Kleine bedächtig: „du hast so

furchtbar komisch im Schlaf ausgesehn.“ Ich küßte beiden die Hände.

Seit diesem Morgen -- so schloß mein Bruder Ernst sein seltsames

Schreiben -- ist mir die gelbe Katze nicht mehr gefährlich. Bald darauf

starb er in einem Duell; er hatte der Dame Lebwohl sagen wollen, und

die Wände hatten Ohren gehabt. Er starb durch die zitternde Hand des

Herrn Gemahls; er, der vortreffliche Schütze. Nichts wirkt bestimmender

als das Unbestimmte.

Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3) · 第 40 / 272 题