An einem sehr warmen Frühlingsabend saßen in einem japanischen Hotel
vier europäische Gäste beisammen: ein Konsul mit seiner jungen Gattin,
ein ihm vom Klub her befreundeter Baron, und ein zu Studienzwecken
hergereister Doktor der Naturwissenschaften, der sich über diese
Freundschaft allerlei stille Gedanken machte und daher laut über etwas
Anderes sprach.
„Mein verehrter Herr Doktor,“ entgegnete nun der Baron und schlug mit
seinem Stock an sein rechtes Bein, so daß es einen harten Klang von
sich gab, „ich möchte Ihre Philosophie, mit der Sie uns soeben erbaut
haben, nicht auf die Feuerprobe stellen. Den Lohn, den die edle Tat in
sich selbst tragen soll, den trägt doch wohl höchstens der Täter in
sich selbst. Und wenn er sich keines Spiegels bedient: woraus sieht er,
daß seine Tat edel war? Vielleicht war sie eitel Narretei. Der Spiegel
aber mag noch so heimlich hängen, er bedeutet immer das Auge der Welt.“
Der Angeredete blickte absichtsvoll unter den Sonnenschirm seiner
Nachbarin und fragte angelegentlichst: „Sind Sie auch so unfrei,
gnädige Frau? Brauchen Sie immer ein fremdes Auge, um selbst zu fühlen,
wie schön Sie sind?“
Die junge Frau errötete langsam, während der Baron sein
schwarzgerändertes Einglas unter seine sandelholzrote Braue klemmte und
mit seinen onyxschwarzen Pupillen schamlos auf ihren Gatten starrte,
der statt ihrer lachend erwiderte: „Aber Doktor, Sie sind ja der reine
Buddhist. Es wird Zeit, daß Sie nach Europa zurückgehn. Wenn Sie erst
glücklicher Ehemann sind, werden Sie anders über die Damen denken.“
Der junge Naturforscher sagte „Nie!“ mit einer beteuernden
Handbewegung. Die schöne Frau ließ ein schüchternes „Bravo“ hören.
Der Baron klopfte wieder an sein Bein, hob die juwelengeschmückte
Linke, tupfte an seinen schwarzgefärbten, amerikanisch gestutzten
Schnurrbart, um ein Gähnen zu unterdrücken, betastete noch sein rotes
Haupthaar und versetzte kameradschaftlich: „Lieber Konsul, wozu den
Doktor bekehren. Lassen wir ihm seine Lebensweisheit; wir sind beide
wenig älter als er. Vielleicht ist sein männliches Selbstgefühl die
naturnotwendige Vorbedingung zur Verübung edler Taten; ebenso wie
das weibliche zur Begehung einer glücklichen Ehe. Ganz im Ernst,
meine Gnädigste!“ Er zeigte seine weißen Zähne, die zu blank und zu
regelmäßig waren, als daß sie hätten echt sein können.
Die Dame äußerte unbefangen: „Sie sind ein schlimmer Schmeichler, mein
Freund“ -- konnte aber doch nicht verhindern, daß ihr wieder eine
Röte aufstieg. Ihr Gatte gab dem Baron sein Lächeln zurück: „Es kommt
immer drauf an, wer den Spiegel hält!“ Und der junge Gelehrte sprach
mit Selbstüberwindung: „Auch sind wir ja nicht hierhergekommen, um
moralische Disputationen zu pflegen. Der Buddha dort drüben belächelt
uns +alle+.“
Die vier so zusammen Plaudernden saßen auf der freien Terrasse des erst
vor kurzem gebauten Hotels; es lag in der Nähe des Tempeldörfchens
Mijama. Andere Gruppen von Reisenden saßen an den Nebentischen, unter
den großen bunten Papierschirmen, die man noch immer aufgespannt hielt,
obgleich die Sonne schon hinter den Bergen war. Vor der Terrasse
standen in weitem Bogen die leeren Rikscha-Wägelchen, zwischen deren
zwei Rädern die halbnackten Kulis lagen, als ob sie am Boden Kühlung
suchten vor dem ungewöhnlich schwülen Aprilabend.
Man war von Kioto herkarriolt, um das Fest der Kirschblüte anzusehen,
das am nächsten Tage hier stattfinden sollte, und zugleich den
berühmten Daibutsu zu betrachten, eine riesige alte Buddha-Statue aus
ehemals vergoldeter Bronce, die auf dem Tempelhügel des Dörfchens
ragte. Über der Waldung von blühenden Kirschbaumhainen, die sich rings
um den heiligen Ort hochbauschte, thronte der göttliche Koloß an dem
bleigrauen Horizont wie aus einem schimmernden Wolkenkissen.
„Vorzüglich gelegenes Hotel“, bemerkte der Konsul mit Kennermiene;
„wird sicher bald in Mode kommen.“
„Auch für Staffage ist schon gesorgt“, warf der Baron nachlässig hin
und wies auf eine Schaar einheimische Pilger, die mit ihren großen
Strohtellerhüten und schilfgeflochtenen Wettermänteln hinter den
Rikschas kauerten; augenscheinlich durften sie dort übernachten.
Der Konsul lachte weltkundig, während der Doktor nicht umhin konnte,
seine Nachbarin stirnrunzelnd anzuschauen. Er hatte den Ausflug
vorgeschlagen, hoffte endlich diesem holden Geschöpf, das für den
spaßhaft lauten Gatten offenbar viel zu zartfühlend war, im Freien
etwas vertrauter zu werden, und nun ließ der Baron mit seiner
Spitzfindigkeit keinen herzlichen Ton aufkommen.
Sie schob jetzt ihren Schirm beiseite, und er wollte ihr behilflich
sein. Aber der Baron hatte schon einem Diener gewinkt, und der
klappte hurtig das bunte Ding zusammen, ehe ein Andrer den Arm danach
ausstrecken konnte. „Die Luft ist so drückend,“ erklärte sie, „wie
unter einer Taucherglocke. Hoffentlich gibt es kein Gewitter morgen.“
„Gnädige lieben doch sonst den Aufruhr der Elemente“, sagte der Baron
mit starren Pupillen. Sie schien etwas entgegnen zu wollen, blickte
aber unsicher weg, errötete wieder und erhob sich. Der Doktor,
ebenfalls aufstehend, suchte nach einem Beruhigungswort, brachte aber
zu seiner Verwunderung nur heraus: „Vielleicht liegt ein Erdbeben in
der Luft.“
Während der Konsul ihn lachend belehrte, daß Erdbeben in dieser
Jahreszeit, was er natürlich selbst schon wußte, so selten seien wie
glückliche Ehen, machte auch der Baron Anstalten, sich aus seinem
Korbstuhl zu erheben. Das geschah, indem er zuerst sein rechtes Bein
in einen rechten Winkel rückte, dann das linke dicht daneben setzte,
den schwarzen Stock fest auf den Boden stemmte und mit einem Ruck sich
emporschnellte; dabei zuckte flüchtig ein verbissener Schmerz durch
sein schönes bleiches Gesicht, aber zugleich verzog er die knappen,
himbeerrot geschminkten Lippen zu einem überlegenen Lächeln, das
gleichsam Leidlosigkeit atmete.
Es war auffällig, wie er durch dies Lächeln dem großen Buddha ähnelte,
der über der ganzen Landschaft thronte. Auch hatte der Doktor verlauten
hören, die Mutter des sonderbaren Herrn sei ein vornehmes Hindufräulein
gewesen, eine Radschah-Tochter oder dergleichen. Doch wurde ihm dadurch
nicht eben klarer, was diesen Krüppel so anziehend machte, der seine
notgedrungene Künstlichkeit noch künstlicher aufzustutzen beliebte.
Man wußte nicht recht, ob nur sein eines Bein oder beide nachgemacht
waren; er bewegte sie gleicherweise wie ein paar feine Ersatzstücke.
Und da er die rechte Hand stets behandschuht trug, selbst beim Essen
und Billardspielen, mußte wohl irgend etwas auch daran nicht natürlich
beschaffen sein.
Es liefen allerlei Gerüchte um, woher er so verunstaltet wäre. Manche
erzählten, er habe als Jüngling ein auf der Straße spielendes Kind vor
einem durchgegangenen Pferd gerettet und sei dabei selbst überfahren
worden; vielleicht deshalb vorhin sein leiser Spott über den Lohn
der edlen Tat. Andere sprachen von einer Tigerjagd und einem wütend
gewordenen Elefanten. Seine Freunde scherzten wie er selber über diese
wilden Geschichten, und der Konsul hatte einmal, wenn auch nicht in
seiner Gegenwart, die schnurrige Frage aufgeworfen, was für echte
Glieder wohl an ihm blieben, wenn er abends ins Bett stiege.
Zur Zeit trug er wiegesagt tiefrotes Haar und einen kurzen schwarzen
Schnurrbart; vor etwa einem halben Jahr, als der Doktor ihn kennen
lernte, hatte er die Farben umgekehrt getragen. Man munkelte, daß
er sich wie ein Perser den Schädel kahl rasieren ließe und zwölf
verschiedene Perücken benutzte, vom harten Gelbrot bis zum weichsten
Schwarzrot, für jeden Monat eine andre. Sicher echt war, außer seinen
Juwelen, nur der steinige Glanz seiner schwarzen Augen, der jedes
Mitleid weit von sich wies, und der metallische Klang seiner Stimme,
der an die schwere Verhaltenheit des deutschen Waldhorns erinnerte.
„Der Buddha macht schon Nachttoilette“, sagte er plötzlich zu der Frau
Konsul, nach dem Koloß am Horizont hindeutend. Der hockte auf seiner
weißen Blütenwolke, wie mit einem golddurchwirkten dunklen Florhemd
angetan, und sein verwittert lächelndes Antlitz schien von himmlischen
Ahnungen umschimmert. „Wir wollen auch bald zur Ruhe gehn“, antwortete
die schöne Frau, nur halb einen Seufzer unterdrückend, der den Doktor
ebenso sehr entzückte, wie der Witz des Barons ihn verdroß.
Sie traten in die Hotelhalle und begaben sich an den Fahrstuhl, der
sie ins erste Stockwerk befördern sollte. Der Baron mit der Dame nahm
den Vortritt; vier hatten nicht Platz in dem schmalen Kasten. Als der
Doktor neben dem Konsul nachfuhr, bemerkte dieser mit seinem üblichen
Lachen: „Famoser Knabe, der Herr von Hinkebein! Gewöhnt meiner Frau die
Romantik ab!“
Oben stand der Baron bereits im Begriff, sich von ihr zu verabschieden;
in dem elektrischen Licht des Korridors sahen seine Augen noch
verhärteter aus, und die ihren noch schmelzender. „Gute Nacht! Auf
schönes Wiedersehn!“ sagte er mit der verhaltenen Stimme und zog ihre
Hand an seine Lippen; sie nickte, wie schon halb im Traum.
Der Doktor wollte auch etwas Zartes sagen; aber der Baron kam ihm
wieder dazwischen. „Gute Nacht, Doktor!“ intonierte er schärfer, ihm
die behandschuhte Rechte hinstreckend; „und träumen Sie von edlen
Taten!“ Der junge Gelehrte konnte nur spöttisch erwidern: „Leider bin
ich kein Joseph, Baron!“ Und unter dem Lachen des Konsuls suchte er,
etwas verstimmt, sein Zimmer auf.
Mitten in der Nacht erwachte er schreckhaft, trotzdem er sonst ein
gesunder Schläfer war. Ihm hatte geträumt, die schöne Frau habe von
fern um Hilfe gerufen, sodaß er aus dem Bett springen wollte; aber am
Fußende stand der Baron und hielt ihn an beiden Beinen gepackt, um sie
ihm aus dem Leibe zu ziehen.
Während er noch darüber nachsann und seine Glieder erleichtert dehnte,
fühlte er unversehens ein Schwanken, als läge er in einer Kajüte. Er
hielt es noch immer für Traumnachwirkung, aber da knackte und knarrte
es in den Wänden, als wollte das Haus aus den Fugen gehen, und zugleich
kam von der Terrasse her ein verworrenes Geschrei vieler Stimmen, sodaß
er nun wirklich vom Bett aufsprang.
Also doch ein Erdbeben! dachte er mit einer gewissen Genugtuung, indem
er die Beleuchtung andrehte. Er hatte noch keinem beigewohnt und war
jetzt einigermaßen erstaunt, daß er von seinem Schreck nichts mehr
spürte, auch nichts von der fiebrigen Unruhe, die nach den meisten
Beschreibungen mit einem solchen Erlebnis verbunden sein sollte.
Freilich wußte er, daß bei Neulingen die Angst am gelindesten auftreten
sollte, und daß das Hotel bebensicher gebaut war; aber immerhin, er
konnte zufrieden sein mit seinem wissenschaftlich gestählten Gemüt.
Er warf sich rasch in die Kleider, nahm seine Reisetasche und eilte die
nächste Treppe hinab; sämtliche Korridore waren erleuchtet, und in den
Dielen knackte es wieder. Die Terrasse lag jetzt menschenleer; aber im
Halbdunkel bei den Rikschas schob sich ein zappliges Getümmel, Gäste
und Kulis durcheinander. Nur die Pilger knieten oder kauerten abseits,
laut ihre Rosenkränze abbetend und nach dem Buddha hinüberstarrend,
dessen lächelndes Antlitz wie trunken glühte. In dem Tempeldorf schien
ein Brand ausgebrochen; eine riesige rauchige Flammengarbe stand
hellrot über den Kirschblütenwipfeln, und dumpfe Gongtöne dröhnten her.
Unberührt von alldem saß bei dem vordersten Wagen, nur mit Hut und
Hemdchen bekleidet, ein kleines amerikanisches Mädchen, das mehrmals
die Hand auf die Erde legte, als ob es etwas fühlen wollte. „~Doesn’t
move~“, rief es schließlich enttäuscht seiner aufgeregten Mutter
zu, die sich mit einem Kuli zankte. Dem Doktor fiel ein, daß er in der
Eile seine Uhr oben hatte liegen lassen; zugleich aber schüttelte ihn
ein Erdstoß, von dem die ganze Terrasse wankte, und durch die Hausmauer
fuhr ein knirschender Riß.
Er stand noch prüfend und überlegend, ob er trotzdem zurücklaufen
sollte, als zwischen mehreren flüchtenden Gästen der Konsul aus der
Halle gerannt kam und ihn mit verstörtem Lachen begrüßte. Dem Doktor
fiel ein, daß er in der Eile auch noch garnicht an die Andern gedacht,
sie auch nirgends gesehen hatte, und aufgebracht schrie er den
Lachenden an: „Aber wo ist denn Ihre Frau?!“
„Ja! Wo?“ schrie dieser, noch sinnloser lachend. „Ich habe genug an ihr
Zimmer geklopft, und da sie keine Antwort gab, meint’ich natürlich, sie
sei schon unten.“
„Also zurück!“ schrie der Doktor nun, warf seine Reisetasche weg
und stürmte zur Treppe, wieder hinauf. Die Vorstellung, daß dies
entzückende Weib, das sich gestern Abend in rührender Müdigkeit kaum
noch aufrecht zu halten vermochte, vielleicht von einem plumpen Stück
Wand im Schlaf verstümmelt werden könnte, empörte ihn gegen den lauen
Gatten und gab seinen Schritten wilde Flügel. Atemlos stand er vor
ihrem verriegelten Zimmer, klopfte, horchte -- und klopfte stärker;
eine tolle Freude durchzuckte ihn, daß sie den Konsul ausgesperrt hatte.
Jetzt kam auch der herangekeucht, und sie klopften Beide an der Tür,
horchten, klopften und trommelten -- horchten nochmals: nichts rührte
sich drinnen. Auf einmal ruckte, krachte es allenthalben, und sie
hörten einen erstickten Angstruf. Der Doktor packte taumelnd den
Türgriff, der Konsul desgleichen: das Schloß sprang auf. Es war also
garnicht verriegelt gewesen; doch Bett und Zimmer waren -- leer.
Sie starrten einander verdutzt ins Gesicht, da kam eine neue Stoßwelle
nach, und wieder ein unterdrückter Angstschrei. Kein Zweifel, das
war +ihre+ Stimme; nur kam sie von jenseits des Korridors. In
diesem Augenblick fühlte der Doktor, wie sich vor Schreck seine Haare
sträubten: er sah die Gesichtshaut des Konsuls lakenweiß werden,
während er selbst bis über die Schlafen wie ein Junge errötete: die
Stimme kam aus dem Zimmer des Barons.
Der Konsul machte eine Grimasse, blickte plötzlich wie ein Rasender
um sich und stürzte nach dessen Tür hinüber; es schien, er wollte sie
einschlagen. Aber sie öffnete sich bereits, und er prallte mit offenem
Munde zurück. Auf der Schwelle erschien der Baron, prangend in seinem
vollen Schmuck, blos das rechte Bein fehlte in der Hose; hinter ihm
stand die schöne Frau, in ihrem langen Nachtgewand, die Augen von
reinstem Mitleid verklärt, und hielt mit zärtlichem Entsetzen zwischen
den aufgelösten Flechten sein Holzbein an ihrem verhüllten Busen.
Kerzengrad auf den Krückstock gestützt, trat er in den Korridor, ohne
mit einer Miene zu zucken. „Es wimmelt ja heute von edlen Taten!“ sagte
er und begann zu lächeln; „die Gnädige wollte mich auch schon retten.“
So sprechend reichte er mit starren Pupillen, während sie in
schwärmerischer Verschämtheit das Bein mit ihrem Haar zudeckte, dem
endlich wieder lachenden Konsul seine juwelenblitzende Linke. Und der
Doktor sah im Hintergrund durch das weitgeöffnete Zimmerfenster den
feuertrunken lächelnden Buddha über der Blütenwolke thronen.