Novelle aus dem Innern eines Misanthropen

Jan Goderath war sein Name; und er war stolz auf den Namen. Er

hatte ihn wieder zu Ehren gebracht, als kein Mensch mehr dem alten

Handelshaus traute. Und nun ging er hier durch die fremde Stadt, die

ihn plötzlich an jene Leidenszeit mahnte, und konnte sich seinen

Trübsinn nicht deuten; die ganze Stadt schien in Trauer versunken.

Freilich: ein Volksmann war gestorben: ein ehrlicher Mann, selbst

seine Feinde mußten das zugeben. Und standhaft war er gestorben,

nach qualvoller Kehlkopfkrankheit, vor der Zeit: ein Opfer seiner

Beredsamkeit. Aber was ging denn +ihn+, den reichen Weltmann Jan

Goderath, den unabhängigen Handelsherrn, der ausgediente Volksfreund

an! und noch dazu ein Italiäner! Dies Volk war ihm doch eigentlich

ein Greuel. Was hatte er mit einem Narren gemein, den seine Schmerzen

begeistert hatten, wie andere Narren auch! Wie konnten ihn, den

Menschenkenner aus Hamburg, die Trauermienen des Pöbels in dieser

fremden Stadt ergreifen?

Und erst dies Genua selbst, ~la superba~, wie diese Söhnchen

glorreicher Väter ihr Marmornest noch immer nannten: was war in die

bankrotten Wichte auf einmal für ein Geist gefahren? Er besah sich die

Vorübergehenden; das stechende Vormittagslicht behagte ihm plötzlich.

War das dieselbe träge, schamlos geschwätzige Menge, die ihn noch

gestern verdrossen hatte? Alle gingen sie schleichend wie sonst,

fast noch schleichender, ohne ihr zweckloses Gliedergefuchtel, und

Keiner kam ihm träge vor. Der enge Corso wimmelte wie immer dicht von

Menschenköpfen, durch die sich nur selten ein Fuhrwerk schob; aber

die Kutscher schrieen heut nicht, jede Stimme klang verhalten, wie

durch die grauen Paläste gedämpft, und die Gesichter schienen sich den

stolzen Mauern anzupassen, die düster in den blauen Himmel grenzten.

Selbst wenn ein schönes Weib vorüberkam, lief ihr kein hündischer Blick

aus lüstern schwarzen Augen nach; in allen diesen Augen glomm ein

traumhafter Ernst -- was war das nur?!

Schon unten am Hafen war ihm aufgefallen, daß heut die Arbeit ohne Lärm

und Flüche und Gelächter vor sich ging; sogar die Maultiertreiber in

den Steinbrüchen schlugen weniger roh auf ihr bepacktes Viehzeug los.

Doch das, nun ja, das waren Arbeitsleute; denen mochte der gestorbene

Gleichheitsmensch wohl wirklich etwas bedeutet haben. Aber hier,

im Innern der Stadt, was hatten diese flunkernden Kaufleute, diese

Tagediebe und Weiberknechte, mit dem Mann des Volkes zu tun! Und was

erst all die Fremden hier! Was gab dem dürren Franzosen dort, mit

der Orangenblüte im Knopfloch, solchen feierlichen Ausdruck, daß die

beiden Säulen des alten Portals, vor dem er zufällig wartete, wie sein

natürlicher Rahmen wirkten, trotz seines modischen Reisehutes. Tat das

der Tod?

Nein; dazu war dies Volk von Beichtkindern zu leichtherzig. Erst

vorige Woche hatte er in Pisa einen hohen, weit beliebten Beamten

zu Grabe bringen sehen: die ganze Stadt war auf den Beinen gewesen,

sämtliche Glocken läuteten, acht Barfüßermönche trugen den Katafalk,

all ihre Ordensbrüder schritten voraus und goldverbrämte violette

Priester, dazwischen Jungfraun in weißen Kleidern und Kinder mit grünen

Kränzen im Haar, alle mit großen brennenden Kerzen, Chorknaben sangen

Litaneien, zwei Väter Jesu führten die gebrochene Witwe, die Frauen

des Gefolges weinten laut -- und eine Stunde später war von dem ganzen

Straßenschauspiel auch nicht ein Hauch mehr zu spüren gewesen. Und die

Pisaner standen doch im Ruf der Gründlichkeit, er selber hatte sich

bei ihnen wohlgefühlt, es mußte da wohl vor Jahrhunderten germanisches

Erobererblut in die Bevölkerung gedrungen sein.

Und heut nun, hier in Genua, wo jedes wälsche Unkraut sich sonst

brüstete, schon seit dem frühen Morgen diese Stille. Ihm war, als

ginge er in einem Strom von Wallfahrern. Was hatte all die Menschen

so seltsam in sich gekehrt? Der tote Volksmensch war doch nicht

einmal mit Pomp bestattet worden. Kein Mönch noch Priester war dem

schmucklosen Holzsarg vorausgezogen; sechs barhäuptige Arbeiter hatten

ihn getragen, keine Träne war geflossen, und keine Glocke läutete.

Oder wars etwa grade Das? War dieser ungewohnte stumme Eindruck den

Schwätzern auf die Seelen gefallen? Dieser farblose Eindruck: der Zug

der hundert schwarzgekleideten Männer, wie sie paarweis, alle mit

bloßen Köpfen, die Hüte in der Faust, finster und wortlos hinter der

Bahre hergeschritten waren, unter dem schwülblauen Himmel. Selbst einen

Offizier der Kriegsmarine hatte er da die Mütze lüften sehn.

Und hatte nicht er selber, Jan Goderath, sich da sagen müssen, daß

es doch Ahnen dieser Männer waren, die hier die schlichte Straße von

Palästen, mit dieser strengen Wucht der Außenwände, dieser ruhigen

Kühnheit innen, einst hatten bauen können! Er trat hinein in eines

der machtvollen Treppenhäuser. Wenn jetzt durch diesen Säulenhof,

in dem die starre Hitze brütete, ein Mann im Arbeitskittel käme, er

würde den Hut vor ihm abnehmen. Was war ihm nur?! Ihn konnte doch der

Eindruck von ein paar Dutzend Leidtragenden nicht aus dem Gleichgewicht

bringen! +Die+ Zeit lag doch wohl hinter ihm; er war doch über die

Dreißig hinaus. Gewiß: der Eindruck war schön gewesen, schön und ernst,

vielleicht auch edel. Das brauchte ihn doch aber nicht in seiner Ruhe

zu stören; er hatte sie sich schwer genug verdient. Was ging denn ihn

das wälsche Elend an! dem war ja doch nicht zu steuern. Was ging ihn

überhaupt das Leid der Menschen an? Als ob es ohne Leid Glück geben

könnte. Das blieb doch in alle Ewigkeit so.

Er trat wieder auf die Straße. Und wieder fühlte er aus allen Augen

das stille Flimmern auf sich wirken. Oder störte ihn etwa nur das

Licht, das von dem heißen Marmorpflaster prallte? Er ging hinüber

in den schmalen Schattenstreifen; es war, als ginge er durch ein

Gespinnst, das all die dunkeln Köpfe verband. Und keiner sah doch

traurig aus. Es schwebte nur wie eine Andacht zwischen ihnen; als

horchten sie auf etwas Fernes, Klares. Das konnte doch der Tod nicht

machen? Das konnte doch nicht Ehrfurcht sein? Was galt denn dort dem

Fuchsgesicht, was dort den beiden Professoren der Gestorbene mit seinem

unklaren Zukunftstraum! Was war das für ein Zwangsgefühl, das diese

ganze Stadt erfüllte? und ihn mit! Er war doch schon ganz anderer

Stimmungen Herr geworden, die ihn viel näher betroffen hatten: damals,

als sich sein Bruder vergiftete -- der hatte auch so rührende Augen wie

diese braunen Halunken hier. Ja, damals war ihm der Vater am Herzschlag

gestorben, und Er allein hatte alles gerettet.

Er bog in den Platz vor dem Postgebäude; hier staute sich die

Menschenmasse. Die Stimmung war noch seltsamer hier. Die grelle

Hitze machte alle Mienen noch gespannter; bis unter die Arkaden des

Gebäudes schien diese hohe Spannung zu schweben. Selbst der verkleidete

Messerhändler, dem sonst sein kriechendes Lächeln so feil wie seine

Dolche war, ging heut in seinem blaugestickten Dalmatinermantel wie

ein verbannter Fürst umher. Man hörte kaum ein deutliches Wort. Jeder

schien sich, wenn er sprach, auf etwas Anderes zu besinnen, etwas

Vergessenes, Heimliches. Was war das nur? Hier all die Müßiggänger

hatten doch den Toten nicht geliebt! Und Er, Jan Goderath senior:

Liebe -- fast hätte er laut losgelacht -- mit +dem+ Gefühl war er

doch gründlich fertig! das hatte sein Bruder ihm abgewöhnt. Er atmete

schwer auf; was lag ihm an dem kehlkopfkranken Zukunftsapostel! was an

dem ganzen Gemurmel hier! Wenn er die Augen etwas schlösse, würde die

Stimmung vorüber sein. Nein, selbstverständlich: nur noch beklemmender

kam sie dadurch zu Gefühl: ihm war, als stünde er in seiner Vaterstadt,

verloren wie ein Blinder, inmitten einer großen Kirchgängerschaar. Er

mochte das nicht länger ausstehn. Ein Glück, daß ihn der deutsche Maler

erwartete! Das Brustbild sollte heut fertig werden; so beim Modellstehn

würde er sein Gleichgewicht schon wiederfinden. Er nahm die Richtung in

die obere Stadt.

Denn ja, das Gleichgewicht: das war das Höchste: die starke Vernunft.

Die hatte ihn gemäßigt damals, in seinem Wutanfall, als er fast seinen

Bruder erschlagen hätte, den toten Schuft, der ihn mit zum Betrüger

machen wollte, der Lüderjan! Ja, er war stärker als seine Liebe; er

hatte die Probe bestanden. Wie kam er nur darauf, heut sein Gefühl zu

befragen? War etwa das Gefühl zu schwach gewesen, wenn die Vernunft so

stark war damals? Das war doch dann kein Gleichgewicht! sonst wäre doch

Eintracht in seiner Seele. Ein Jahr lang war er nun gereist und glaubte

alles verwunden zu haben, und ein paar hundert flüsternde Menschen

konnten ihn aus der Fassung bringen? eine Heerde, die sich selbst nicht

begriff! Er fuhr sich heftig über die Stirn. Nun: dank der Kunst --

er mußte lächeln -- jetzt war er bald heraus aus dem Geräusch. Hier

schlichen nur noch Vereinzelte; wie bloße Schatten sahen sie aus; es

schien sie alle etwas nach unten zu rufen.

Er stieg die breite Treppenstraße zu dem oberen Corso hinauf. Er spürte

die Apenninenluft schon, trotz der sengenden Sonne. Es war doch ein

Wunderwerk von Stadt, schier ebenbürtig der reichen Natur. Welche

ungeheure Arbeit sprach allein aus den Grundmauern, auf denen sie

rings die Bergterrassen emporklomm, aus den Hunderten von steinernen

Stufen hier, den Quadern der Umwallung dort im Zickzack um den Corso,

aus all den Brücken über die Felsenspalten, und oben aus dem Zug der

Festungsblockwerke, der altersgrau den kahlen Höhenkamm krönte: Das war

Alles Menschenwerk! -- Ihm fiel die Inschrift ein, die er heut Morgen

am Hafen unten gelesen hatte, an dem Palaste, den einst das genuesische

Volk dem greisen Doria schenkte: „~ut, maximo labore jam fesso corde,

otio digno quiesceret~.“ Er übersetzte sich das schlechte Latein:

„damit er, nun sein Herz von der gewaltigen Arbeit ermüdet ist, in

würdiger Muße ausruhen könne.“ Ein Schauer überlief ihn: hier rings auf

all den Bergabhängen, die ihn im Halbkreis umarmten, ragte die Arbeit

von Hunderttausenden.

Er wandte sich und sah hinunter auf die Stadt. Wie sich da Hohes und

Niederes einte -- Paläste und Straßenfluchten, die flachen Dächer und

die Türme, Gärten und riesige Wohnhäusermassen -- im wogenden Weißglanz

des Mittags. Dort lag die Villa Negro, mit ihrem Park von Lorbeern

und Myrten, Zypressen, Palmen, Zitronenbäumen, mit allen Blumen des

Orients und jedem Laubholz des Nordens -- so lieblich hatte sie ihm nie

gedeucht. Er glaubte das Geplätscher ihrer Springbrunnen, die kleinen

Wasserstürze der Grotten zu vernehmen, und ihr zu Füßen das Gewirr der

Gassenschluchten, in Zirkellinien um sie her, dies Spinnennetz, dem er

soeben entronnen war. Wie sich das nun zusammenschloß, Altes und Neues,

unter der glutblauen Himmelsglocke! Jeder dunkle Fleck, selbst die

verwitterten Kirchenkuppeln, schien ihm verklärt, bis ins Gewimmel des

Hafens hinab. Wie Alles zu ihm herzustreben schien, tief her, fern her:

die Menschheit unten, Leuchtturm und Schiffe, das silberweiße blendende

Meer -- er mußte die Augen schließen.

Ein heulender Pfiff riß sie ihm auf. Im Tal zur Linken kam ein Bahnzug

aus dem Tunnel herausgedampft, der hier im Bogen unter der Stadt

herumlief; er schätzte, daß er grad drüber stand. Wenn jetzt die Erde

sich öffnete, würde er in den Schienenschacht stürzen, die Mauern des

Corsos über ihn her. Auch +un+sichtbar die Arbeit von Tausenden!

Vielleicht mit von den Männern, die heute den Toten getragen hatten.

Wenn nun die Männer ihr Werk zerstören wollten? Was hinderte die

Tausende? -- Ein paar Dutzend Fäßchen Dynamit, planvoll den Tunnel

entlang verteilt, würden die Stadt in den Hafen schleudern, samt

Festung, Zuchthaus, Irrenhaus. Er hörte die wankenden Felsen schon

donnern, die See auftosen und Orkane heulen. Die Dächer der Paläste

bäumten sich, Kirchtürme flogen durch die Luft, die Kuppeln platzten,

und die Gärten tanzten. In brandgelben Kurven schossen Marmorstatuen

ins kochende Meer, Gemäldegalerieen flammten auf, Schiffstrümmer,

Bibliotheken. Durch den verfinsterten Himmel, durch Qualm und Feuer

und Wolken von Schutt, scholl das Geschrei zerberstender Bürgerbäuche;

und oben über dem Rachegericht, auf den umrauchten Höhen des Apennins,

standen die Tausende, mit heißen Augen der Märtyrer denkend, die sich

da mitgeopfert hatten -- standen zu neuer Zukunft bereit.

Er wischte sich den Schweiß von den Backen. Was war ihm nur! Sah er

bei hellem Tag schon Gespenster, wie die Dorfschäfer hinter Hamburg?

Was war das für ein Zwangsgefühl? Die Männer unten hatten doch nicht

drohend ausgesehen; eher bittend; als ob sie etwas zu erringen suchten.

Was hatte Er damit zu tun! er reckte sich. Ja, diese seltsam suchenden

Augen; er nickte und schritt weiter, jetzt war er bald am Ziel.

Merkwürdig: auch der Maler hatte manchmal diese Augen: halb bettelnd,

halb fordernd, der arme Teufel. Nur daß sie grau waren, nordseegrau,

wie seine eigenen Augen grau; und doch wie Hundeaugen. Ja: wie ein

Schweißhund vor der Jagd: heißhungrig, scheu. Und diese schräge

Verbrecherstirn! der filzbraune Spitzbart! die kurzen Beine! Der

Mensch war ihm doch eigentlich widerlich. Der paßte unter dies wälsche

Gesindel: halb Lazzarone, halb Genie.

Warum hatte er ihn blos ausgesucht? warum sich von ihm malen lassen?

von diesem Schächer der Kunst! Wie er ihn immer anstarrte: als wollt

er die Seele ihm aus dem Leibe pinseln -- und dann wars nichts als

Stückwerk. Was hatte ihn hingeführt zu dem Menschen?! Etwa daß er

aus Hamburg war? aus seiner Vaterstadt? -- Pah: Heimweh! lächerlich!

Kinderkrankheit! -- Oder daß er mit seinem Bruder befreundet gewesen?

Nun, das vielleicht; er wollte sich wohl absichtlich prüfen. Denn vor

zwei Jahren hatten sie Drei da oben hinter Hamburg gestanden, auf den

Elbhöhen draußen, bei Sonnenuntergang, die Aussicht über den Strom zu

Füßen. Der strömte so breit, als wenn das Meer schon anfinge dort.

Und der Maler hatte sich abgewandt, die rauchenden Dörfer jenseits

anstarrend, die in der Abendglut zu brennen schienen; denn Er, er

machte in Bruderliebe, Jan Goderath senior Nachfolger -- er hatte dem

Schwächling noch einmal geglaubt, sie waren ja doch Ein Fleisch und

Blut -- zwei Tage bevor er es kennen lernte, verachten lernte, dies

Fleisch und Blut, die ganze menschliche Sippschaft. Was ging ihn jetzt

der Mensch noch an! Der hatte wohl gar um alles gewußt, vielleicht die

Wechsel gar fälschen helfen. Nun: morgen würde er weiterreisen, ob nun

das Bild heut fertig wurde oder nicht.

So trat er in das Haus hinein. Hier war es kühl, die steinerne Stiege

frisch gespült; jetzt würde er gleich Ruhe haben. Wenn +der+

Mensch ahnen könnte, wie ihn der Pöbel entzwei gemacht hatte. Ja:

Gleichgewicht! die Eintracht zwischen Vernunft und Gefühl, wie zwischen

zwei gleich starken Herrschern: wenn Das zu malen wäre, wenn es das

gäbe, in einem einzigen Menschengesicht, in Einer Seele von Mann auf

Erden: +der+ sollte sein Freund sein! -- Da stand der Spitzbart

schon in der Türe; Bedientenseele! -- Und der also duzte ihn -- dem gab

er die Hand -- -- sie gingen vor die Staffelei. Er trocknete sich die

Stirn. „Hast du das Kinn nicht zu massig gezeichnet? Ich sehe ja aus

wie Bonaparte vor Moskau.“ Der Spitzbart, grinsend: „Mit dem hast du

auch manchmal Ähnlichkeit.“ Ach so! das sollte ihm wohl schmeicheln.

„Ich habe mit Niemandem Ähnlichkeit; der korsische Dickbauch ist nicht

mein Mann.“ Der Andre, kleinlaut: „Das Kinn ist gut. Laß nur die Augen

erst fertig sein; es liegt tatsächlich nur an den Augen.“ -- „So? Nun,

dann kann man wohl anfangen.“ -- „Ja.“

Er stieg auf das Trittbrett und lehnte sich an das Pfostengerüst. Der

dürftige Raum war drückend warm. Vom Apennin her tönte ein Hornsignal.

Sie sahen sich schweigend in die Augen; nur das Geräusch des Malens

war noch hörbar. Wie ihn der Mensch wieder anstarrte jetzt! Wie er

sich quälte für sein bißchen Brot! So quälten Hunderttausende sich! --

Hatte er etwa Mitleid mit ihm? der Reiche mit dem Armen? Er, Goderath

Nachfolger -- lächerlich! -- Er hatte doch damals kein Mitleid gehabt,

mit seinem eigenen Bruder nicht, als der um Geld nach Amerika bettelte.

Nun gar mit diesem wildfremden Stümper? -- „Habt ihr euch eigentlich

lieb gehabt?“ hörte er plötzlich wie fernher fragen. Was fiel dem

Menschen da drüben denn ein! „Ich spei auf die Liebe!“ er schrie es

fast. Warum denn nur? fragte etwas in ihm. -- „Entschuldige!“ hörte er.

Schweigen.

Und wieder starrten die Augen ihn an. Und wieder starrten sie

nordseegrau. Und in dem Grau war etwas Flackerndes. Was war das nur?

Das war ja unheimlich. Das war ja viele Meilen fern; wie ein Gespinnst

zwischen ihnen, ein flimmernder Strom, und jenseits brennende Dörfer.

Und über den Strom her kamen Tausende, barhäuptig, paarweis, auf ihn

zu: die trugen einen Toten. Und starrten ihn an mit Menschenaugen,

heißhungrig, scheu, halb bettelnd, halb fordernd. Als wäre etwas in

ihm, das sie suchten: etwas Vergessenes, Fernes, Klares. Und plötzlich

strahlte es auf in ihm, und strömte über, hin zu ihnen: ein Licht, ein

Meer, ein Nebelglanz. „Was +ist+ dir, Mensch?“ rief eine Stimme

-- er wankte, taumelte, verlor das Gleichgewicht. Und heiße Tränen

machten ihn blind, und blindlings wankte er in zwei Arme, und küßte den

Bart, der ihm soeben noch widerlich erschienen war; küßte ihn weinend

wie ein Kind, und lachte, und ermannte sich. O, das war mehr als

Vernunft und Gefühl! Das war +doch+ Liebe, nicht Mitleid, nein!

Das war die Liebe, leidlos ob Fleisch und Blut! die Eintracht und das

Gleichgewicht! Das war die Alles beseelende Liebe.

Die Kniee zitterten ihm, er mußte sich setzen. Er fühlte den kranken

Volksmann sterben, der Zukunft zu Liebe, vor der Zeit; er fühlte die

Sehnsucht der Tausende leben, wie Brüder zu werden, der Freiheit zu

Liebe; er fühlte die Opfer der Arbeit alle, dem Leben Aller, Aller

zu Liebe. Und Er? er hatte die Menschen verachtet; er, Goderath, der

Menschenkenner! -- Er reichte dem Maler die Hände hin: „Ich hab mich

versündigt an meinem Bruder“...

Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3) · 第 33 / 272 题