Erzählung

An einem sehr nebligen Oktober-Abend sprach sich in dem entlegensten

Vorort einer norddeutschen großen Handelsstadt die unheimliche Kunde

herum, der Apotheker des Ortes sei auf der Eisenbahn während der

Rückfahrt aus der Stadt von einem Raubmörder erschossen worden.

Es war das ungefähr um dieselbe Zeit, als in einem Vorort der

deutschen Reichshauptstadt Berlin ein aus dem Zuchthaus entlassener

Schustergeselle die ganze zeitunglesende Menschheit zu unvergeßlichem

Gelächter bewegte, indem er kraft einer abgetragenen preußischen

Offiziersuniform nebst dazu passender Körperhaltung den versammelten

Magistratspersonen die hirnberückende Vorstellung eingab -- oder,

wie die gebildeten Deutschen sich damals ausdrückten, suggerierte

-- er solle auf allerhöchsteignen Befehl Seiner Majestät des

Kaisers den obrigkeitlichen Geldschrank ausräumen. Auch in jener

norddeutschen Villenkolonie war über den musterhaften Gaunerstreich

dieses sogenannten Hauptmanns von Köpenick, bei aller damals üblichen

Ehrfurcht vor der Würde und Weisheit der Staatsvertreter, noch

am Tage des Mordes reichlich gelacht worden; nun aber geriet die

Einwohnerschaft, die größtenteils aus begüterten Kaufleuten und

gutgestellten Beamten bestand, in eine zunehmende Ernsthaftigkeit.

Fast alle mußten sie täglich zur Stadt fahren, um ihren Geschäften

nachzugehen; jeder von ihnen sagte sich also, es hätte ihm nach

erfüllter Berufspflicht, während er als gebildeter Bürger eines

gesitteten Staatswesens auf dem besteuerten Bahnwagenpolster

in den wohlverdienten Genuß einer Zeitung oder eines kleinen

Schlummers versunken saß, genau desgleichen ergehen können wie

dem bemitleidenswerten Apotheker, ja es könnte vielleicht sogar

noch geschehen. Denn der Gemordete wurde begraben, ohne daß von

dem Raubmörder auch nur die geringste Spur entdeckt war; und

wochenlang setzten die städtischen Waffenhändler erstaunliche

Mengen von Taschenrevolvern, Stockdegen, Schlagringen und andern

Verteidigungswerkzeugen an die erregte Bevölkerung der sämtlichen

umliegenden Ortschaften ab, während zugleich bei der Bahnverwaltung die

verschiedensten dringlichen Sicherheitsvorschläge zum Umbau des ganzen

Wagenparks einliefen, und bei der Polizeidirektion die mannigfachsten

Verdachtsanzeigen, die immer weniger zur Ergreifung des Mörders und

immer mehr zur Erregung der Bürgerschaft beitrugen.

Es ließ sich einstweilen nur ermitteln, daß auf der Böschung der

Vorortbahn unweit der letzten Haltestelle ein alter Kavallerie-Revolver

mit zwei abgeschossenen, zwei noch geladenen und zwei ungeladenen

Patronenkammern die Mordtat sowohl wie die Flucht des Täters

hinlänglich bezeichnete; auch fanden die Untersuchungsbeamten

in nächster Nähe des Mordwerkzeuges die goldene Uhr und Kette

des Apothekers, und in dem Bahnwagen hatte bei dem Gemordeten

seine entleerte Banknotentasche blutbefleckt auf dem Polster

gelegen. Augenscheinlich also war der Verbrecher nach der planvoll

durchgeführten Beraubung während der Fahrt aus dem Wagen gesprungen,

hatte die Tür wieder zugeschlagen, den Revolver im Sprunge fallen

gelassen und dabei in der Hast auch die Uhr verloren; oder er

hatte Uhr wie Revolver, um sich nicht später dadurch zu verraten,

absichtlich sofort aus der Hand geworfen. Eine Fußspur war aus dem

Graswuchs der Böschung nirgends zu erkennen gewesen, und in dem

dichten Nebel konnte der Täter sehr leicht noch an demselben Abend

nach dem Hafen der Handelsstadt auf offener Straße entkommen sein,

hatte sich erst wohl unterwegs an irgend einem Feldteich gesäubert

und war dann vermutlich mit falschen Papieren auf einem der vielen

Auslandschiffe als Kohlenschipper oder dergleichen schon nächster Tage

in See gegangen. Die meisten Umwohner wollten freilich aus allerlei

Meldungen entnehmen, er streife noch heimlich im Lande herum; und

da der massenhafte Vertrieb von Taschenwaffen jeder Art natürlich

etliche freche Burschen zu neuen Gewalttaten anreizte, so schob sie

der allgemeine Argwohn immer wieder auf den entschlüpften Raubmörder,

obgleich diese ungeübten Gelegenheitsräuber stets bald der Polizei

in die Hände fielen. Im übrigen blieben alle Nachforschungen, auch

Zeitungsaufrufe und Säulenanschläge, ob irgendwer im deutschen Reich

einen alten Kavallerie-Revolver kürzlich an irgendwen verkauft habe,

trotz ausgesetzter Belohnung erfolglos; man mußte leider den Schluß

ziehen, daß der Verbrecher die Waffe wohl schon in seiner militärischen

Dienstzeit irgendwie beiseite gebracht und für seine spätere Laufbahn

aufbewahrt hatte.

Was die Bevölkerung ganz besonders erregte, war der sehr viel

Gesprächsstoff bietende Umstand, daß der erschossene Apotheker,

trotzdem ihm der eine Schuß die Schläfe durchbohrt, der andre die

Schädeldecke zerschlagen hatte, noch lebend, wenn auch bereits

bewußtlos in dem Bahnwagen aufgefunden ward. Die ärztliche Leichenschau

ergab, daß die Bewußtlosigkeit wahrscheinlich erst einige Minuten

nach der Verwundung unter heftigen Schmerzen eingetreten war; und

jedermann suchte sich nun zu vergegenwärtigen, was für Gedanken dem

Unglückseligen in seinen letzten Augenblicken durch das zerfetzte

Gehirn gestürmt sein mochten. Dies umso angelegentlicher, als der

Entseelte bei Lebzeiten in der Ausübung seines Berufes fast jedem

einzigen Ortsinsassen mehr oder minder nahe gekommen und auch

als Persönlichkeit weit beliebt war: ein sanfter, schmiegsamer,

schlanker Herr mit einem blonden Christuskopf und -- was bei seiner

Aufgeklärtheit manchem verwunderlich erschien -- von förmlich

gottgläubiger Frömmigkeit. So legten denn alle Nachdenklichen sich

selbst und Andern die Frage vor, wie wohl das Gottvertrauen des

Apothekers die letzte kurze Bewußtseinsfrist nach dieser gräßlichen

Lebenserfahrung innerst bestanden haben möge, zumal da bekannt geworden

war, daß die Witwe beim ersten Anblick des Toten nur die verzweifelten

Worte herausgebracht hatte: „es gibt keinen Gott, es gibt keinen

Gott!“ Auch daß sie den ziemlich hohen Betrag von 150000 Mark, auf

den der knapp vierzigjährige Mann erst unlängst sein Leben versichert

hatte, und welchen ihr die Versicherungsgesellschaft unverzüglich

überwies, mit keinerlei Regung des Trostes entgegennahm, sondern

vor Schluchzen kaum zu quittieren vermochte, gab der gemütvollen

Bürgerschaft zu vielen teilnehmenden Reden Anlaß. Das menschliche

Mitgefühl der Bevölkerung erstreckte sich so weit in die Runde, daß der

Friedhofsgärtner nach der Beerdigung reichliche vierzehn Tage brauchte,

um die Gräber und Beete wieder zurecht zu machen, die unter dem nicht

zu hemmenden Andrang von Leidtragenden jeden Alters und Standes,

einheimischen und auswärtigen, zertreten oder zerrauft worden waren.

Und noch mehrere Wochen nach dem Ereignis konnte man in der ganzen

Gegend keiner gebildeten Unterhaltung beiwohnen, die nicht schließlich

zu der Erörterung führte, ob dem verewigten Apotheker, falls es ein

Fortleben über das Grab hinaus gäbe, die Nichtentdeckung seines

irdischen Mörders als ein völlig sachgemäßes Verfahren der himmlischen

Gerechtigkeit einleuchten würde.

Da geschah es an einem schönen Nachmittag, daß ein Gemüsehändler

des Ortes, der seine Mistbeete für den Winter herrichtete, durch

eine Gartenhecke hindurch ein sonderbares Gespräch mit anhörte, das

zwischen dem Eigentümer des Nachbarhäuschens und dessen einzigem

Freunde stattfand. Dieser Nachbar war allen Leuten ein Rätsel. Als

früherer Eisenbahnschaffner hatte er infolge einer Zugentgleisung eine

leichte Kopfverletzung erlitten, von der ihm, wenn sein Gebaren nicht

trog, eine dauernde Geistesstörung verblieben war, zwar keine richtig

irrsinnige, aber die ihn nach Meinung der Ärzte doch dienstunfähig

erscheinen ließ; und so hatte er vor Gericht erlangt, daß ihm die

Bahnverwaltung den Abschied nebst angemessenem Sühnegeld und -- bis

sein Geist vielleicht wieder dienstfähig würde -- auch Ruhegehalt

bewilligen mußte. Nun tat er von Morgens bis Abends nichts weiter,

als daß er vor seinem dürftigen Häuschen, für dessen Erwerbung das

Sühnegeld draufgegangen war, in verbiesterter Weise hin und her

schritt. Zu jeder Tages- und Jahreszeit, bei schlechter wie guter

Witterung, marschierte er da in dem schmalen Raum zwischen Hauswand

und Straßenhecke wie ein Wolf im Käfig auf und ab, mit verwildertem

buschigem rotbraunem Bart, beide Fäuste in die Taschen vergraben,

die Mütze tief ins Gesicht gedrückt und scheu die Vorübergehenden

musternd, manchmal mit mißtrauisch zugekniffenen, manchmal mit

feindselig aufgerissenen Augen; sodaß die Leute im Ort schließlich

sagten, wenn er nicht wirklich geisteskrank sei, müsse er es bei

dieser Art Übung allmählich bis zur Vollkommenheit lernen. Außer zu

seinen Mahlzeiten und sonstigen häuslichen Geschäften, die seine Frau

nicht für ihn verrichten konnte, wies sein öffentlicher Lebenswandel

nur dann eine Unterbrechung auf, wenn in der Nachbarschaft irgend ein

Todesfall vorkam oder auch blos zu erwarten stand. Dann verschwand

er sofort aus dem Straßengärtchen, schloß sich Tagelang in seine

Schlafkammer ein oder trollte während der Leichenzeit, wie ein von

bösen Geistern Verfolgter, in den dichten Haidegehölzen herum, die an

den Friedhof angrenzten. Deswegen hatte ein Lehrer der Ortsschule, der

sich in seinen Mußestunden mit Abhandlungen über Gespenstersagen und

Schauermärchen beschäftigte, einmal am Biertisch im Scherz geäußert,

der rätselhafte rotbärtige Kerl werde sich noch als Werwolf entpuppen;

und dieses hingeworfene Wort war als Spitzname an ihm hängen geblieben

und dermaßen gang und gäbe geworden, daß kein Kind sich allein in die

Haide wagte, aus Furcht, vielleicht von dem wilden Mann überfallen und

abgewürgt zu werden.

Ob der Werwolf selbst merkte oder ahnte, was über ihn gemunkelt

wurde, das wußte wohl nicht einmal seine Frau; denn zu Gesprächen

neigte er nicht, sondern gab auf Anreden entweder garnichts oder

höchstens ein unwirsches Knurren zurück. Nur ein kleiner krötiger

buckliger Flickschneider, mit dem sich sonst niemand recht einlassen

mochte, hatte sich an ihn angenistet und verstand ihm zuweilen

ein paar Worte oder gar ein Schmunzeln abzugewinnen. Das passierte

allerdings selten genug, und blos an besonders schönen Tagen; denn

des Flickschneiders elenden Knochenbau flog beim leichtesten Lüftchen

das Zipperlein an, und außerdem war er so schwach auf den Beinen, daß

er dem unermüdlichen Werwolf kaum ein halbes Stündchen lang Schritt

halten konnte. Geschah es aber, dann schien sich dieser voll tiefen

Behagens daran zu weiden, wie das kleine klägliche Klümpchen Unglück

mit seinem bartlosen Unkengesicht und seiner keuchenden Kläfferstimme

da neben ihm hin und her hampelte, und wie die Leute das seltsame

Freundespaar verstohlen von ferne besichtigten. An einem solchen

schönen Nachmittag also -- es war ein ungewöhnlich milder November --

vernahm der erwähnte Gemüsehändler, hinter der Gartenhecke knieend,

wie der Flickschneider plötzlich den Werwolf fragte, ob er nicht

früher, vor seinem Eisenbahndienst, Sergeant oder so’was gewesen

sei. Und als der mißtrauisch antwortete, er könne sich nicht mehr an

alles erinnern, zog der Andre ein Zeitungsblatt aus dem Rock, das den

berüchtigten Kavallerie-Revolver in größengetreuer Abbildung zeigte,

und fragte mit pfiffiger Miene weiter, ob er sich hieran vielleicht

erinnern könne; worauf der Werwolf erst wie entgeistert stillstand,

dann in ein schreckliches Toben und Schluchzen ausbrach und den Krüppel

wahrscheinlich entzweigemacht hätte, wäre nicht die Frau aus dem

Hause dazwischengestürzt und auch der Gemüsehändler zu Hilfe geeilt.

Natürlich meldete dieser den Vorgang ohne Aufschub der Polizei, und am

andern Morgen wurde der Unhold von zwei Gendarmen zur Stadt befördert

und ins Untersuchungsgefängnis gesteckt.

Beim Verhör erklärte zunächst der Flickschneider mit untertänigstem

Selbstgefühl, daß er sich feierlich dagegen verwahren müsse, als Freund

des Verhafteten zu gelten. Er sei ein unbescholtener Staatsbürger und

habe sich mit dem verdächtigen Menschen lediglich deshalb abgegeben,

um heimlich dabei herauszustudieren, ob derselbe in Wirklichkeit

verrückt sei oder blos immerfort so tue. Die verfängliche Frage nach

dem Revolver habe er eigentlich nur gestellt, weil einem solchen

heimtückischen Müßiggänger doch alles zuzutrauen sei. Er wolle

keineswegs die Behauptung aufstellen, daß der Werwolf den Apotheker

umgebracht habe; es bleibe ja immerhin die Möglichkeit, daß derselbe

den greulichen Wutanfall aus reinem Ärger über die Frage gekrigt

oder auch blos geheuchelt habe. Aber er möchte doch nicht verfehlen,

die Aufmerksamkeit der hohen Behörde auf den bedenklichen Umstand

hinzulenken, daß der Verhaftete am Tage des Mordes schon seit dem

Mittag verschwunden gewesen und erst wieder am Tage nach dem Begräbnis

vor seiner Haustür erschienen sei. Wenn sich also derselbe nach alledem

vor dem hohen Gerichtshof als schuldig erweisen sollte, so möchte er

-- und bei diesen Worten blies sich des Flickschneiders Busenwölbung

wie ein Truthahn vor dem ebenfalls verhörten Gemüsehändler auf -- ganz

ergebenst befürworten, daß er allein den vollen Anspruch auf die für

die Entdeckung des Mörders ausgesetzte Belohnung erheben dürfe. Der

Beschuldigte saß währenddem mit gänzlich verstocktem Gesichtsausdruck

da; nur als sein Verschwinden zur Rede kam, geriet er in merkliche

Unruhe, und sein zusammengebissener Mund schien wieder mit inneren

Tränen zu kämpfen. Doch bewirkte seine Vernehmung nichts weiter, als

daß er hartnäckig leugnete oder zumeist blos den Kopf schüttelte,

beständig die Augenbrauen runzelnd, wie wenn er die Sache nicht recht

begriffe. Und da seine Frau nur in einem fort aussagte, sie könne

sich hoch und teuer verschwören, daß sie nie einen solchen oder

andern Revolver an ihrem Mann beobachtet habe, so mußte das lebhafte

Rechtsbedürfnis der aufs stärkste gespannten Zeitungsleser einstweilen

damit zufrieden sein, sich in neue entrüstete Leitartikel über die

öffentliche Unsicherheit im allgemeinen, wie über den unheimlichen

Werwolf und sein jahrelang freies Herumgerenne im besonderen zu

vertiefen.

Indessen ergab der Fortgang der Nachforschungen, daß der Beschuldigte

um die Zeit, als Revolver des vielgenannten Systems in der Armee

geführt wurden, tatsächlich Sergeant gewesen war, und zwar bei der

reitenden Artillerie; auch daß er sich wirklich zur Stunde des Mordes

nicht in seiner Behausung befunden hatte. Vor allem aber gelang es

dem Flickschneider, der inzwischen zusehends in der Achtung der

teilnahmvollen Bürgerschaft stieg und von Tag zu Tag mehr Zuspruch

gewann, durch eifrige Umfragen festzustellen, daß die Frau des

Verhafteten schon seit Jahren bei sämtlichen Krämern und Händlern des

Ortes, bei Schlachtern, Bäckern und Handwerksleuten, beträchtliche

kleine Schulden gemacht und ihren Mann für sein lumpiges Ruhegehalt

und seine schuftige Faullenzerei -- das waren ihre eigenen Worte --

einmal laut vor den Nachbarn ausgeschimpft hatte; und außerdem war sie

am Tag vor dem Raubmord in der Familie des Apothekers beim Aufscheuern

mitbeschäftigt gewesen, sodaß sie von dessen Bahnfahrt zur Stadt wohl

irgend etwas vorausgehört und dem Werwolf hinterbracht haben konnte. Es

zweifelte demnach niemand mehr, daß dieser sein kärgliches Gnadenbrot,

sei es mit, sei es ohne Wissen der Frau, durch den blutigen Handstreich

hatte aufbessern wollen und die geraubten Banknoten noch irgendwo

verborgen hielt; geteilter Meinung war man einzig darüber, ob er den

ruchlosen Entschluß aus echtem Irrsinn gefaßt haben mochte oder immer

nur wieder in der Berechnung, daß sich bei standhaft geheuchelter

Geistesstörung jede Schandtat ungestraft ausführen lasse.

Zur großen Befriedigung sämtlicher Wohlgesinnten schien durch die

nächste Gerichtsverhandlung, die eine öffentliche war, die letztbesagte

Meinung bestätigt zu werden; denn als dem Verhafteten all jene

Einzelheiten seiner verdächtigen Lebensführung der Reihe nach

vorgehalten wurden, war deutlich zu sehn, wie der handfeste Mann aus

seiner gewohnten Halsstarrigkeit allmählich gleichsam herausstrauchelte

und schließlich einen hilflosen Blick auf den freundlich lächelnden

Staatsanwalt warf. Und als dieser den Blick -- was in damaliger Zeit

ganz erstaunlich an einem Staatsanwalt war -- ohne Strenge erwiderte,

vielmehr den erschütterten Angeklagten mit herzgewinnender Stimme

fragte, ob er nicht endlich sein Gewissen erleichtern und durch ein

mutiges Geständnis vor Gott und den Menschen reinigen wolle, da

übermannte den Werwolf ein solches Weinen, daß die meisten Damen im

Zuschauerraum, sogar auch die Witwe des Apothekers, nicht anders

konnten und laut mitweinten. Das alles aber machte ihn dermaßen wirr,

daß er vor fassungslosem Stammeln kein klares Wort zu entgegnen wußte,

sondern nur krampfhaft, während die Tränen ihm in den zitternden

Bart niederrollten, bald Ja und bald Nein aus der Kehle würgte,

bald mit zerknirschten Geberden nickte, bald widerspenstig den Kopf

schüttelte. Mehr war aus ihm nicht herauszubringen; und also mußte

er, bis sein Gewissen zum vollen Geständnis gereift sein würde, oder

bis andere sichere Anzeichen für seine Schuld zutage kämen, in die

Untersuchungshaft zurückgeführt werden.

Während sich nun die Bevölkerung zwar im Grunde bereits beruhigt

fühlte, aber sich umso gründlicher der immer noch schwebenden

Sorge annahm, ob der Gerichtshof den Verbrecher füglich zum Tode

verurteilen dürfe oder blos lebenslänglich ins Irrenhaus sperren,

ward der sittlichen Spannung der Gemüter durch zwei fast unglaublich

widerspruchsvolle, jedoch polizeilich verbürgte Zeitungsberichte ein

wahrhaft erschreckliches Ziel gesetzt. Der erste Bericht verkündigte

nämlich, daß sich der Werwolf frühmorgens nach jener Verhandlung an

einem abgerissenen Hemdärmelstreifen in seiner Haftzelle erhängt und

auf die Kalkwand der Zelle die Worte gekritzelt hatte: „Ich kann nicht

mehr. Ich weiß nicht mehr. Gerechter Himmel, es gibt einen Gott.“

Wohingegen der zweite Bericht besagte, daß der Staatsanwalt am selben

Vormittag von dem Anwalt der Apothekerswitwe einen langen Eilbrief

empfangen hatte, demzufolge der Werwolf nicht der Mörder, sondern

ihr Gatte ein Selbstmörder war. Und zwar wußte die schwergeprüfte

Dame dies schon seit dem ersten Anblick der Leiche, da ihr zugleich

von den Untersuchungsbeamten der Kavallerie-Revolver gezeigt und

von ihr als Eigentum des Toten, aus seinem -- wie man es damals

nannte -- freiwilligen Militärjahr her, an einem Rostfleck erkannt

worden war. Um indessen -- so legte ihr Anwalt dar -- den guten

Ruf des Dahingegangenen, sowohl den moralischen wie besonders den

christlichen, ihrer ehelichen Pflicht gemäß nach Kräften aufrecht

zu erhalten, habe sie voller Selbstverleugnung so lange wie möglich

zu schweigen versucht und deshalb auch die Versicherungssumme ohne

Widerspruch hingenommen, zumal ihr Anrecht nach dem Vertragswortlaut

als unanfechtbar gelten könne. Da aber nunmehr ein Unschuldiger für

die blutige Tat scheine büßen zu sollen, und da inzwischen auch durch

die Versicherungsgesellschaft bedauerlicherweise ermittelt worden,

daß der Dahingegangene sein Vermögen in Börsenspekulationen verspielt

und demnach vermutlich die Ermordung nur zu dem Zweck veranstaltet

habe, seine Familie vor dem Bankrott zu retten, so glaube Klientin die

traurige Wahrheit nicht länger unterdrücken zu dürfen. Dieselbe gebe

der Hoffnung Raum, daß, möge ihr Gatte auch schwer gefehlt haben, das

allgemein menschliche Mitgefühl doch seinen furchtbaren Opfertod als

genügende Sühne anerkennen und nicht noch seine Namenserben denselben

entgelten lassen werde. Welcher Hoffnung dann in der Tat sowohl

der freundliche Staatsanwalt wie die gemütvolle Bürgerschaft aufs

offenherzigste entsprach, besonders als man noch erfuhr, daß sich die

wohlgesinnte Witwe mit der Versicherungsgesellschaft gütlich geeinigt

und ein Drittel der empfangenen Summe in aller Stille zurückgezahlt

hatte.

Für den erhängten Werwolf freilich war ihr Bekenntnis leider Gottes

einige Poststunden zu spät gekommen. Aber zum Glück war vorauszusehen,

daß sich die Witwen der beiden Selbstmörder, da die zweite die erste

gerechterweise auf Entschädigung verklagen konnte, im stillen ebenfalls

gütlich einigen mußten. Auch blieb ja immerhin unentschieden, ob sich

der Werwolf nicht doch vielleicht, als er an jenem Tag seine Wohnung

verließ, mit der sträflichen Absicht getragen hatte, den Andern

meuchlings auszurauben; und jedenfalls ließ sich gewissermaßen eine

Art höherer Gerechtigkeit in dem sonst peinlichen Umstand entdecken,

daß dieser auf Staatskosten lebende Heuchler, dessen schlechtes

Gewissen ihm nicht einmal den ruhigen Genuß seiner Rente erlaubte,

sich kurzerhand selbst gerichtet hatte. Viel erschrecklicher war

dem gebildeten Teil der überraschten Bevölkerung die ungeheure

Verstellungskraft, die den sanften gottgläubigen Apotheker bis zur

letzten Minute befähigt hatte, den Schein des Raubmordes herzustellen

und Revolver nebst Uhr noch im Todeskampf aus dem Bahnwagenfenster

herauszuschleudern. Doch am allerbedenklichsten war die Ungewißheit und

bot jedem gründlichen Zeitungsleser noch auf lange Zeit reichlichen

Gesprächsstoff, ob der Werwolf nun doch zuguterletzt, laut seiner

rätselhaften Wandinschrift, in wirklichen Irrsinn verfallen sei und

sich, dem freundlichen Staatsanwalt folgend, für den Mörder gehalten

habe. Den Feinden der bürgerlichen Ordnung natürlich erschien das als

ausgemachte Gewißheit; ja, ein ruchloser Schriftsteller jener Zeit

nannte es gradezu einen Staatsfall und ein fast noch musterhafteres

Beispiel von hirnberückender Eingebung -- oder, wie die gebildeten

Deutschen sich damals ausdrückten, Suggestion -- als das des berühmten

Hauptmanns von Köpenick.

Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3) · 第 31 / 272 题