teilt Mosen nur einige Verse des Wirtes mit, die in unserem Schlußspiel
am Anfang des Krippenspiels, Nr. 5, gesprochen werden.
Das Neudorfer Spiel.
Im Jahre 1860 lernte Gustav Mosen bei seinen Forschungen nach
Christspielen in Neudorf einen 90jährigen Greis kennen, einen gewissen
Oeser, der das ganze Neudorfer Spiel im Gedächtnis hatte. Kantor
Türke in Neudorf hat Mosen das Spiel aufgeschrieben, und -- was noch
bedeutsamer ist -- auch die Weisen der Lieder mit, sodaß auf diese
Weise einige köstliche Gesänge überliefert worden sind. Das Spiel
enthält einige Szenen, die in den Resten der anderen Engelscharen nicht
erkennbar sind. Zunächst singt der Chor in der Hausflur den 1. Vers des
Liedes: »Vom Himmel kam der Engel Schar.« Während dieses Gesanges kniet
der Engel Gabriel auf der Türschwelle. Hierauf erhebt er sich, tritt
mit feierlichen Schritten in das Zimmer und spricht:
In diesem Hause sei des höchsten Gottes Friede,
den angemeldet hat in einem neuen Liede
der Engel aller Schar in dieser frohen Nacht,
die uns der Völker Heil und Licht zuweggebracht.
Zu des Augustus Zeit ist uns ein Sohn gegeben,
der uns gebähnet hat den Weg zum Himmel eben.
Ihr Leute, höret zu, was von dem Kinde sagt
ein jeder unter uns, und seid ganz unverzagt.
Die Schar kommt herein und _Joseph_ spricht:
Mein Herz ist voll lauter Not.
Maria, die schöne Braut,
ist mir zum ehelichen Weibe anvertraut;
allein man sagt jetzt allerorten,
sie wär, ich weiß nicht wie, schwanger worden.
Nun werd ich mir den Vorsatz fassen,
um sie bald heimlich zu verlassen.
Nun wird mir mein Herz so schwer!
Ich will mich ein wenig ducken hieher.
Er legt seinen Kopf auf den Tisch, als ob er schliefe. Jetzt tritt der
_Engel Gabriel_ zu ihm und sagt:
Joseph, du frommer Mann,
Fürcht dich nicht, daß ich zu dir komm'!
Du sollst deiner Gemahlin dich nicht schämen,
sollst sie frei öffentlich zu dir nehmen;
dem das in ihr geboren ist,
ist nicht geschehn durch Menschenlist,
noch von eines Mannes Fleisch und Blut,
sondern von dem heiligen Geiste gut.
Sie wird gebären ein Söhnelein,
das sollst du heißen Jesulein.
_Joseph_ _(erwachend)_.
Was? Wie? Ist denn niemand allhier?
Wer hat jetzund geredet mit mir?
Ist es ein Traum? Wird er mir wahr,
so komm ich doch aus der Gefahr.
Nun werd ich mit Freuden ihr Mann,
ich will ihr dienen, womit ich kann,
sie soll mein liebes Eheweib sein.
Nun komm, Maria, du bist doch mein.
_Maria._
Joseph, mein lieber Mann,
das hat dir der Engel kundgetan,
daß deine falsche List fürwahr
hat müssen werden offenbar.
Im Chore werden nun zwei Strophen des Liedes: »Fürstensohn aus Davids
Stamm« gesungen. Der nächste Teil, das Herbergsspiel, entspricht ganz
dem Wiesaer. Dann folgt das reizende Lied: »Bethlehem uns wundert
alle«, das auch in unserer Zusammenstellung aufgenommen worden ist. Nun
folgt das Hirtenspiel:
_1. Hirt._
Wie wird es denn so licht? Ach, Bruder, ach, es blitzt!
_2. Hirt._
Vor Angst und Bangigkeit mein ganzer Leib so schwitzt.
_1. Hirt._
Ei, ei, es läßt nicht nach; mir wird sehr angst und bang.
_2. Hirt._
Das Herze bebt vor Furcht; ich warte da nicht lang.
_1. Hirt._
Ei, wer nur laufen könnt! Ich wollte gerne gehn.
_2. Hirt._
Ich kann vor Angst kaum mehr auf meinen Füßen stehn.
Der Engel erscheint. Nach seiner Verkündigung singt die ganze Schar:
Der Engel verkündiget herzliche Freude
den Hirten im Felde bei nächtlicher Weide.
Glückselige Leute, ach fürchtet euch nicht
vor diesem euch plötzlich erscheinenden Licht.
Heut singen die Engel, heut lachet der Himmel,
heut jauchzet und springet das Erdengetümmel.
_1. Hirt._
Ach, Bruder, wie schlug mir die Furcht in alle Glieder,
da sich des Himmels Glanz ließ in den Wolken nieder.
Das macht der Engel Wort, daß alle Furcht vergeht,
und nun mein ganzer Sinn nach diesem Kinde steht.
Der zweite Hirt stimmt bei. Die nächste Szene, die Anbetung der Hirten,
ist in unser Schlußspiel aufgenommen, ebenso das überaus liebliche
Wiegenlied »Kommet her zu dieser Krippe.«
Merkwürdigerweise folgt nun das Bescherungsspiel. Der heilige Christ
fragt nach dem Wohlverhalten der Kinder. Raphael und Nikolaus klagen
sie an, Petrus bittet für die Kinder.
_Knecht Ruprecht_ poltert:
Die bösen Kinder sind und bleiben alle mein,
drum nehm ich sie mit und steck sie in meinen großen langen
Sack hinein.
Nach dem Gesang des alten Liedes: »Da Christus geboren war« ermahnt
nun der heilige Christ die Kinder und Petrus stellt das Examen an. Der
Vers: »Heut schleußt er wieder auf die Tür« und eine Ansprache des
heiligen Christ beschließen auch dieses Spiel.
Beim Hinausgehen spricht _Ruprecht_ noch:
Ich wünsche euch viel tausend guten Morgen,
Der Himmel mag für euch und eure Jungfern sorgen.
Im Anschluß an die Wiedergabe des Spiels gedenkt Mosen noch des »alten
Oeser«, der nicht allein die Niederschrift der Neudorfer Engelschar
ermöglichte, sondern durch seine Erzählungen den Gelehrten überhaupt
veranlaßte, im Erzgebirge nach solchen Spielen zu suchen. Die Frucht
dieser Studien, das fortwährend erwähnte Mosensche Buch, ist die
hauptsächlichste Fundgrube für dies alte Volksgut, deshalb möchten
alle, die überhaupt an solcher Volksdichtung Freude haben, sich des
»alten Oeser« und des liebenswürdigen Gustav Mosen gern erinnern.
Das Lengefelder Spiel.
Das Mosensche Buch hat vielleicht auch den, um die Erforschung des
geistigen Lebens unserer Erzgebirgler, hochverdienten Dr. Alfred Müller
in Auerbach zu seinen Forschungen veranlaßt. Die hauptsächlichste
Frucht seiner Studien ist meiner Meinung nach die Aufzeichnung des
sogenannten Lengefelder Spiels, das auch in Marienberg zu Haus
gewesen sein soll. Es ist zuerst veröffentlicht in dem Aufsatze »Ein
altertümlicher Christumzug« von Dr. Alfred Müller in Nr. 12, Jahrgang
19 des Glückauf. Hier treten außer den gewohnten Personen auch noch
Moses und der Tod auf. Den Beginn bildet das Hirtenspiel.
Die beiden Hirten klagen über die große Kälte und ihre erbärmliche Lage:
»Wenn Kieselstä Toler wärn
un Dukaten in dr Mistpfütz lägn«
wollte sich Märten eine neue Pelzmütze kaufen, und Daniel klagt gar
über den Geiz seiner Frau. In diese sehr profanen Erörterungen tritt
plötzlich ein _Engel_:
»Gelobet seist du Jesus Christ,
der du Mensch geboren bist!
Und wie es schon vorher bekannt,
die Hirten waren von Gott gesandt,
zu verkündigen das, was geschehn!
Zu Davids Stadt in Bethlehem
der heilge Christ geboren ist;
des soll sich freuen ein jeder Christ.
Er bringt mit sich viel schöne Gaben
für Mädchen und für junge Knaben.
Ich soll nun bereiten den neuen Thron;
drauf soll er sich setzen mit seiner Ehrenkron,
komm rein du schöner heilger Christ,
weil dir schon alles bereitet ist.«
Stimmt ein, ihr lieben Engelein,
lobt Gott und singet fein.
Nun wird eine Choralstrophe gesungen, z. B. »Vom Himmel hoch.« Nun
setzt sich der heilge Christ auf einen Stuhl und die Schar ordnet sich
um ihn. Links stehen die drei »Hellen«, d. i. die drei Engel und der
Tod, rechts stehen die drei »Schwarzen«, Moses, Andreas und Petrus, die
einen schwarzen Talar tragen. Petrus trägt einen Schlüssel, Andreas
ein kleines Szepter, Moses eine Gesetztafel. Der Ruprecht oder Ruppas
trägt als besonderen Schmuck eine Maske, an deren Stirn sich ein langes
Horn befindet; vielleicht eine Erinnerung an den Teufel, sodaß in dem
Spiel tatsächlich der Tod und der Teufel auftreten. Der _Ruprecht_ ist
auch hier grob:
Potz Schwefel und potz Pech!
Wie kommen wir alle hier zurecht?
Und wenn das meine Mutter wüßt,
daß ich hier wär, würde sie lachen,
daß ihr der Pelz würde krachen.
Ich will einschlagen die Kreuz und die Quer;
ich will schlagen,
daß man sie muß in Säcken naustragen.
Die _Engel_ weisen ihn zurecht:
Du unverschämter stolzer Tropf,
juckt dir der alte Drachenkopf,
daß du so plötzlich tust fallen ein,
wo Gott und seine lieben Englein sein?
Den Streit endet der _heilge Christ_:
Einen schön' guten Abend will Gott euch geben,
Gesundheit und ein langes Leben.
Ich bin gekommen zu dieser Frist,
ich bin genannt »der heilige Christ!«
Ich bin vom Himmel auf Erden gekommen
und hab mir das Schauen vorgenommen;
ich will sehen, ob die Kindelein
fromm und fleißig gewesen sein.
Von welchen ich solches hör und vernehm,
die sollen mich finden bequem;
ich will sie erfreuen durch mein Geschenk,
auf daß sie sollen sein mein eingedenk.
Von denen ich aber werd anders hören,
die sollen meinen Zorn verspüren.
Drum, Andreas, du Diener mein,
examinier mir die Kindelein.
_Andreas_ will nicht, die Englein seien besser informiert, doch bekennt
er:
Es mangelt nicht an Sünden groß;
die Welt treibt Böses ohn Unterlaß!
Der Erzengel _Michael_ wird noch deutlicher:
An Herren, Frauen und Gesind
sich oftmals großer Mangel findt;
dein göttlich Wort wird sehr veracht',
ein jeder auf sein Vorteil tracht.
Da nimmt _der Tod_ das Wort. Er ist sehr überlegen und temperamentvoll.
Seine Worte stehen in unserem Schlußspiel in der Kindermordszene.
Nach ihm kommt _Moses_:
Ich bin Moses, arm und elend geboren;
ein Mann von Gott bin ich auserkoren.
Ich hab die Kinder Israel geführt
aus dem Diensthaus Pharao,
aus der Fremdlinge Heer
und trocken durch das Rote Meer.
Auf dem Berg Sinai, da schrie ich zu Gott,
da empfing ich die heiligen zehn Gebot,
da schrieb mirs Gott auf zwei steinerne Tafeln,
daß ichs dem Menschengeschlecht hervor sollte tragen.
_1. Engel._
Hör an, du Diener Moses von Gott,
sag an, wie lauten die heiligen zehn Gebot!
Wie lautet das erste Gebot?
_Moses._
Du sollst auf der ganzen Erden
nur einen einz'gen Gott anbeten.
_1. Engel._
Wie lautet das zweite Gebot?
_Moses._
Du sollst nicht führen in Unehren
den Namen Gottes mit Fluchen und Schwören.
Jedes Gebot wird durch ein kurzes Reimchen erläutert; zum Teil in recht
passender Weise:
Du sollst nicht töten zürniglich,
nicht hassen noch selbst rächen dich.
oder:
Dein Eh' sollst du bewahren rein,
auf daß dein Herz kein andern mein.
Zuletzt fragt der _heilge Christ_ den Tod:
Hör an, du Tod,
haben auch die Leute gehalten die zehn Gebot?
Der unerbittliche _Tod_ sagt unter Beifallsbezeugungen Ruprechts:
Nicht eins, Herr, ich vernein,
sie haben gehalten nicht eins.
Mit dem ersten Gebot
habens getrieben nur Spott;
es ist auch nicht dabei geblieben,
sie haben Abgötterei getrieben.
Zum andern habens geführt in Unehren
den Namen Gottes mit Fluchen und Schwören;
es ist auch nicht dabei geblieben,
sie haben Zauberei getrieben.
Zum dritten habens gesündigt greulich,
haben den Feiertag nicht gehalten heilig,
haben sich lassen den Teufel belehren,
haben nicht einmal auf die Predigt wollen hören.
Zum vierten haben Vater und Mutter nicht wollen ehren,
haben sich kein Bubenstück lassen wehren:
So die Eltern was wider ihre Kinder wollten sagen,
haben sie sie wollen zum Haus nausjagen.
Zum fünften, dem hört, was ich werd weiter sagen:
Sie haben einander gar totgeschlagen;
habens nicht können tun mit den Händen,
habens wollen gleichsam mit der Zunge vollenden.
Zum sechsten habens die Ehe gebrochen.
Ach, Herr, laß nicht ungerochen!
Zum siebenten ist ihnen auch nicht verhohlen:
Sie haben einander Geld und Gut gestohlen;
haben sie's nicht können tun bei der Nacht,
habens mit falschen Artikeln an sich gebracht.
usw. bis zum Schluß,
daß Gott ein eifriger Gott ist,
und alle, die ihn hassen,
wird er nicht ungestraft lassen.
Das betrübt den _heiligen Christ_:
Ei, das ist böse Mär!
Warum sind wir gekommen her?
Mich reuts, daß wir auf diesem Plan
so schöne Gaben haben schon lan.
Weil sie nun so böse sein,
so wollen wir nach dem Himmel eiln.
Doch fordert er noch den Moses auf, zu examinieren. Dies geschieht, und
das Ergebnis ist so, daß Moses den Herrn bittet:
Ach, heilger Christ, sei nicht so hart!
Es ist ja wider deine Art.
Bist du nicht gütig, fromm und mild
und das rechte Liebesbild?
Willst du nun zum Himmel eilen
und die Gaben nicht austeilen?
Die Kinder lassen sich erbitten;
sie wollen lernen bessre Sitten
und sich hinfort zum neuen Jahr
recht richten nach der Eltern Lahr.
Trotz des Protestes Ruprechts gibt der _heilge Christ_ dieser Fürbitte
nach:
Wenn sie ferner wollen frömmer sein
und leben nach dem Willen mein,
ich wills versuchen, will wiederkehren,
auch meine Gebote freundlich lehren.
Ihr Kinder dürft euch nicht mehr fürchten;
mein Zorn ist ganz und gar geschlicht',
euch bin ich hold, will euch bescheren
und Gottesfurcht euch selber lehren.
Auch hier schließt der Liedvers: »Heut schleußt er wieder auf die Tür«
das Spiel. Der erste Engel spricht aber noch folgenden Epilog:
Gute Nacht, ihr lieben Kindelein!
Gehorchet euren Eltern fein,
so wird das liebe Jesulein
stets euer liebes Brüderlein sein.
Solches hab ich euch zuvor gesagt,
Vater, Mutter, Mädchen und auch Knaben.
Im Namen Gottes, Amen!
Das werde wahr!
Gott geb euch ein gutes neues Jahr!
Mit diesen Worten sind auch die Schatten, die der Tod über das Spiel
warf, verscheucht.
Das Thalheimer Spiel.
Im Hauptstaatsarchiv zu Dresden befindet sich unter III, 100 Fol. 1~e~
~sub~ + ein im Jahre 1873 vom Stollberger Amtsgericht eingeliefertes
Aktenstück aus dem Jahre 1805 ff, welches die Bezeichnung trägt:
»Die von einigen Bergleuten und Strumpfwürkern zu Thalheim begangene
strafwürdige Handlung bey Darstellung der Geschichte der Geburt Jesu
unter der Benennung des heil. Drey Königen- oder Engelscharspiel betr.«
Die Veranlassung der Einleitung der Untersuchung gab ein Manuskript
unter der Ueberschrift: »Traurige Begebenheit zur Sittengeschichte
unserer Zeiten.« Dieses war beim Schneeberger Wochenblatt eingegangen,
man hatte aber Bedenken getragen, es abzudrucken, da der Verfasser sich
nicht nennen wollte. Durch Vermittlung des Schneeberger Amts-Physikus
ging es aber schließlich an das Stollberger Amt, das für Thalheim
zuständig war, und das die Angelegenheit aufgriff.
Was war nun eigentlich geschehen? Lassen wir das interessante
Schriftstück folgen:
»Traurige Beyträge zur Sittengeschichte unserer Zeiten: Thalheim bei
Stollberg i. Erzgeb. Mit welchem Vergnügen liest man in Sachsen die
so schönen öfters herauskommenden Landes-Befehle, welche alle die
Hoffnungen erwecken, daß durch diese, jene Ueberbleibsel roher Zeiten,
jene Finsternis, aus unserem Vaterlande verschwinden müssen. Welcher
Wunsch könnte nun von einem Jeden, dem Vaterlandswohl am Herzen liegt,
herzlicher und inniger seyn, als: daß nun auch über diese Befehle
gewacht, auf Befolgung derselben gehalten werden möchte; welches
aber leider! nicht immer der Fall ist. Von vielen Polizey-Aufsehern
kann man wohl eigentlich sagen: ein gut Theil schlafen -- oder mit
sehenden Augen sehen sie nicht -- mit hörenden Ohren hören sie nicht
-- denn ich fand diese Wahrheit in Thalheim mehr als begründet; da
beinahe jede gesetzwidrige Handlung, jede Thorheit, von den dasigen
Polizey-Aufsehern gebilliget wird. Ich theile Ihnen, Freunde des
Vaterlandes, hier eine solche schädliche und abgeschmackte Thorheit
mit, welche ich bey einer Durchreise durch Thalheim kennen lernte.
Was mir zuerst auffiel, da ich den Ort betrat, war eine Frau, die
sich Brod und Erdäpfel erbettelte. Da ich mich bey ihr erkundigte,
ob viel Arme hier wären, versetzte sie: »Kein Dorf im ganzen Gebirge
kann mehr Hilfsbedürftige zählen, als Thalheim; beinahe jede Hütte
ist eine Wohnung der Armuth und des Elends, wo die mehrsten Menschen
mit bleichen, halbhungrigen und halbbekleideten Körpern, hinter dem
Wollrade nach Hülfe und Brod seufzen.« Von dieser Erzählung ganz bewegt
und in tiefes Mitleid gegen die Armen dieses Ortes versunken, ging
ich, ohne auf etwas zu sehen und zu hören, weiter. Allein, da ich in
die Mitte des Dorfes kam, wurde ich von dem Wohlstande Thalheims ganz
anders belehrt. Hier sah ich eine Schar zusammengelaufener Narren, die
mit Goldpapier und Flittergold behangen und beklebt waren und ein noch
größerer Trupp Müßiggänger machte den Beschluß, daß man in Gefahr kam,
erdrückt zu werden. Ein ziemlich bejahrter Mann, dem ich begegnete,
der mir diesen tumultarischen Aufzug erklärte, was er zu bedeuten
habe, sagte: Diese zusammengelaufene Rotte wären theils leichte
Strumpfwirker, die nicht arbeiten wollten und theils einige Bergleute,
die in der Weihnachts- und Neujahrszeit in hiesiger Gegend, in
ärgerlicher und läppischer Verkleidung umherzögen, stellten den Kasper,
Melchior und Balthasar, den Joseph, die Maria, die Hirten, Engel,
Herodes pp. vor, sangen Lieder plumper Versart, und führten in den
Häusern eine Art von Komödie auf, von der Geburt des Menschenerlösers
und anderen religiösen Gegenständen, die sie nur schändeten und
lächerlich machten, in denen sie vor der Puppe, welche die sogenannte
Maria bei sich führte, niederfielen und wunderliche Vorstellungen
machten.« Um über die schöne Art der Poesie urtheilen zu können, folgt
hier ein Pröbchen davon, so viel ich aus der Erzählung des alten Mannes
gemerkt habe:
_Marie_ singt z. B.
Joseph mein! lieber Joseph mein!
zünd mir an ein Feuerlein,
und koch dem Kind ein Breyelein.
_Joseph_ antwortet:
Maria, Maria, das will ich gerne thun,
dieweil nun schläft der liebe Suhn;
will ich dir machen ein Feuerlein,
und will kochen dem Kind ein Breyelein.
Den Brey koch ich und bück mich hart,
darzu verbrenn ich mir den Bart. pp.
Mitleidig dacht ich bey mir, wie weit ist diese Classe von Menschen
von dem wolthuenden Lichte der Aufklärung zurück! Ich fragte nach dem
Prediger des Ortes, ob er mit diesem Unfug zufrieden sey: »o nein!«
sagte der Alte, »dieser hat zu verschiedenen Malen öffentlich diesen
Müßiggängern ihre schändliche und abgeschmackte Bettelei vorgehalten.
Unser Polizey-Aufseher, der Lehnrichter, ließ doch trotz der Rüge des
Herrn Pastors nicht blos im Dorfe --, sondern sogar zu verschiedenen
Malen dieses Gaukelspiel bei sich -- in seinem Zechenhause
aufführen --!«
Mit einem nochmaligen Händedruck und einem Seufzer über seines Ortes
Obrigkeit, schied der Mann von mir und ich verließ das Dorf mit einem
Herzen voll Mitleid. Auf meiner Rückreise nahm ich den Weg wieder durch
Thalheim und erkundigte mich noch einmal nach diesem Gesindel, ob es
noch immer ihre erbauliche Arlequinade so unverschämt, unter den Augen
eines hochlöblichen Amts fortspielen dürfe[14]. Aber leider: nicht ein
heiliger Weihnachtsabend -- nicht der 1. Feiertag -- kein Sonnabend
noch Sonntag ist verschont worden. Das Schauspiel hatte sich vielmehr
fast auf alle hiesige benachbarte Orte verbreitet, nur Jahnsdorf und
Gornsdorf sollen sich rühmlichst ausgezeichnet haben; besonders am
ersteren Ort haben sie diese Obskuranten in Verhaft nehmen wollen.
Auch von den Einwohnern zu Thalheim bewies der größte Theil an diesem
lächerlichen Schauspiel seinen größten Mißfallen; nur Wenige nahmen an
diesem Unfug Antheil.
Dem Urtheile eines jeden Unbefangenen sey es anheimgestellt, ob
dergleichen Aufzüge, ich will nicht sagen unseren Zeiten angemessen;
sondern überhaupt einer wahren Religiosität beförderlich sind? Der
Pöbel belustigt sich freilich an dergleichen Spektakel-Scenen: aber zu
seiner sittlichen Besserung tragen sie nichts bey; sie schaden vielmehr
der Guten Sache und geben den Leichtsinnigen Gelegenheit zu Spottungen
über die Religion selbst.«
Die einzelnen Beteiligten wurden vernommen. Man ersieht aus den Akten,
daß der Hauptbeteiligte ein gewisser Unger war, der das Spiel auswendig
kannte und seinen Mitspielern diktierte. Der ganze Prozeß hat die eine
segensreiche Folge gehabt, daß das ganze Spiel zu den Akten genommen
wurde und uns auf diese Weise erhalten geblieben ist.
Es mag hier folgen:
_Kleiner Engel._
(Im weißen Hemde, an den Armen und am Körper mit rotseidenen Bändern
geschmückt, auf dem Kopfe eine Papierkrone, in der Hand ein hölzernes,
mit Silberpapier beklebtes Schwert tragend.)
Vorsichtige Künste lieben Herren und Frauen,
wie sie allhier versammelt seyn, zu hören und zu beschauen,
was dies für ein Spiel mag seyn, --
nicht Silber, Gold oder Geld
welches liebt die ganze Welt,
sondern das liebe Jesulein
das wollen wir fürtragen,
wie Herodes mit List
gedacht nach dem Kindlein Jesus Christ,
es zu töten.
Wir bitten, seyn Sie feyn still,
wir wollen agieren unser Spiel.
~Puer natus in Bethlehem, unde gaudet etc.~
Drei Könige aus Saba kommen dâhar
Gold, Weyrauch, Myrrhen brachten sie dar.
Alleluja:
(gehet ab).
_Joseph_ (im grauen Rock, mit Schurzfell angetan, einen Zimmermann
darstellend, eigentümlich hustend) kommt zum Wirt:
Ach, gutes Glück mein,
wir möchten gern beherbergt seyn.
_Wirt_:
Ey was -- für solche schlechte Nation --
geht ihr von mir, packt euch davon,
ihr seht mir aus für solche Gäst
die ihr selbst nicht viel habt zum Best,
ich schaff mir solche Vögel an,
die ich tapfer rupfen kann
auf das ich eins für zwey kann schreiben
damit ich auch ein Wirt mag bleiben.
_Joseph_:
Ach, lieber Herr, behalt uns heut,
wir sind zwar arm, doch ehrliche Leut.
_Wirt_:
Es ist weder Platz noch Raum allhier,
ich kann euch geben kein Quartier.
Wollt ihr aber damit zufrieden seyn,
so gehet in diesen Stall hinein.
Da liegt ein wenig Stroh und Heu,
auf daß mirs nicht zu weit ausstreuh!
_Maria_:
Ist das Plätzchen noch so klein,
so wollen wir damit zufrieden seyn.
_Der 1. König._
Ich will mich einmal sehen um,
wie das Gestirne läuft herum,
das ich wahrhaftig schreiben kann,
was sich das Jahr hat zugetran --
Man sagt, es sey ein neuer König geboren,
dieser König ist gewiß geboren schon
ach! schön bist du und glänzest hell --
Glück zu, ihr drey weisen Gesell!
_Der 1. Schäfer_ (im weißen Gewand in gelben Hosen, runder Mütze, wie
ein Schachthut geformt, die mit Goldpapier besetzt war und mit einem
grünen Stab in der Hand):
Wir armen Schäfersleut sind wohl hier auf Erden
von der geringsten Art, die kaum genannt mag werden.
Im Sommer über liegen wir wohl auf dem freyen Feld.
Haben wenig Brot und auch dazu kein Heller Geld,
im Winter aber müssen wir viel Kält und Frost ausstehen,
und dürfen überdies noch keine Nacht zu Bette gehen.
Der Wolf schleicht um die Schafe bald nieder bald auf
drum heißt es, ihr Schäfersleut, habt fleißig Acht darauf!
_Der 2. Schäfer._
Ich lasse nicht alle Hoffnung schwinden,
dieweil wir nun von unsern Sünden
so Gott es will durch wahre Buß bekehren
so wird er uns viel Guts bescheren.
Halt an, halt an, was hör ich klingen
und fröhlich in den Lüften singen?
Dies ist das liebe Engelein,
dies, dies wird der rechte Bote seyn.
_Der 1. Schäfer._
Auf, auf Gespann, die Nacht ist schon vergangen,
wir wolln mit Freuden wieder einen neuen Tag anfangen,
dieweil wir nun die Pflicht der Ruh genossen,
so wolln wir säumen nicht, doch längst schon unverdrossen
des Höchsten Ruhm erhebe sich
mit Danken und mit Beten.
Allein, was seh doch,
die dort herzu uns treten?
Weil dann die Furcht mit Schrecken gar kein Ende nimmt,
schaut her, der helle Glanz, der jetzt herzu uns kimmt.
_Der kleine Engel._
Hört ihr Hirten, fürcht euch nicht,
eine große Freud, die ich euch bericht
denn euch ist heut der Heiland geboren
welcher ist Christus auserkoren.
_Der 1. Schäfer._
Nun hört doch, ihr lieben Gespann mein,
zu uns Hirten ist kommen ein Engelein.
Hat uns verkündet von einem schönen Kindelein
welches liegt in einem Krippelein,
dies, dies soll der Heiland seyn.
_Der 2. Schäfer._
Nun, wohlan, so laßt uns gahn,
um diese Dinge recht erfahren,
dieweil uns Gott der Herr hat solches kund gethan,
unser Vieh wird er indessen wohl bewahren.
_Alle drei Schäfer singen_:
Nun laßt uns gehen zum Krippelein,
beschaun wie diese Geschichte sey,
denn weil so viel tausend Engelein
singen von dem schönen Kindelein.
_Der 1. König._
Ich, König Kaspar aus Hustiz,
ich besitze zwar großen Verstand und Witz,
wie das ich aber seh gewiß,
daß der Stern erschienen is (t).
_Der 2. König._
Ich, König Melchor aus Griechewitz,
ich besitze zwar großen Verstand und Witz
wie das ich aber seh gewiß,
daß der Stern erschienen is.
_Der Mohrenkönig_ (grüne Jacke, rotes mit Goldpapier besetztes
Schurzfell, einen Degen an der Seite und eine Krone auf dem Haupt):
Ich bin der Schwarze aus Mohrenland,
ich, König Palzar aus Orient werd ich genannt,
ich sags euch frey nach meinem schlechten Verstand gewiß,
daß der Stern erschienen is.
_Der 4. Schäfer._
Ihr Brüder, haben wir auch dem Kindlein etwas mitzubringen?
_Der 3. Schäfer._
Ach, ich wüßte nichts von unserm armen Hirtenleben,
daß wir dem Kindlein könnten geben,
doch wolln wir singen ein schönes Liedelein
zu Ehren dem schönen Kindelein.
_Alle Schäfer singen_:
~In dulci jubilo~, nun singet und seid froh
unsers Herzens Wonne liegt in ~praesepio~ etc.
_Der 1. Schäfer._
Nimm an, du schönes Kindelein
von uns das schöne Liedelein
das wir jetzt gesungen haben
du wollest uns nicht unbelohnet haben.
_Der 2. Schäfer._
Ach mein herzliebes Jesulein,
mach dir ein so neues Bettelein,
zu ruhn (in) meines Herzensschrein,
das ich nimmermehr vergesse dein.
_Der 1. Schäfer._
Da liegst du, o schönes Kindelein,
das aller Welt soll Heiland seyn.
_Der 2. Schäfer._
Ist das nicht eine wunderbare Sache,
daß man den Heyland so schlecht und geringe achte.
_Alle Schäfer singend ab_:
Nun wir gehen von deiner Krippen etc.
_Der 2. König._
Lasset uns den Herodes fragen,
daß er uns tät diese Geschichte sagen.
_Die drei Könige singen_:
Jacob Stern, du Licht der Erden etc.
_Der Mohrenkönig_ kommt zum König Herodes:
Glück und Sieg nach stetem Frieden
Sey mir der König aus Judäa.
_König Herodes._
Meinen untertänigsten Dank sagt man den Herrn frey,
sie sind mir aber willkommen die Herren alle drey,
sie sollen mir aber Bescheid thun, wer sie seyn --
denn ihre Gestalt ist fremd, desto wichtiger muß ihre Sache seyn.
_Der Mohrenkönig._
König Herodes, wir sind in seiner Gewalt,
und demütigen uns für seiner Gestalt,
was aber unsere Verrichtung sey,
wir wolln fragen, wo der neugeborene König der Juden sey.
Denn, wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland, weit von fern,
und sind deswegen kommen an,
daß liebe Kind zu beten an.
_König Herodes._
Hu! ich weiß von keinem König nichts,
ich bin der König und kein andrer nicht.
Wäre mir ein neuer König geboren,
wäre mein ganzes Königreich verloren.
Ich will mir aber bald lassen fordern her
einen Schriftgelehrten, dieser soll ratschlagen
wo und in welcher Stadt zu finden ist ein solches Kind.
Hallo! mein Diener Laban, fordre mir alsbald einen Schriftgelehrten!
_Der Kriegsknecht._
Ganz gehorsam, ihre König Majestät.
(geht nach einem Winkel wo der Schriftgelehrte steht)
Der Schriftgelehrte soll alsbald zu Königs Majestät kommen!
_Schriftgelehrter_ (mit einer großen Brille nebst einem Buch, die Bibel
vorstellend, die er hin und her wirft, schwarz gekleidet):
O wey, o wey, wie geschieht mir --
ist etwas beim königlichen Hof vorgegangen?
_Kriegsknecht_:
Unfehlbar.
_Schriftgelehrter_ (kommt zu Herodes).
Ey Schalom, ey Schalom, mein lieber Herr König,
was ist ihr Bitten und Begehr,
daß sie mich haben lassen fordern hierher?
_König Herodes._
Hör, ein groß Wunder kommt mir für Ohren,
welches mir ist, ein neuer König geboren,
dieweil allda sind zur Hand
drei Könige aus dem Mohrenland.
Die fragen mich ohne alle Scheu,
wo der neugeborene König der Juden sey.
Drum sag und bericht in der That,
wo und welcher Stadt
zu finden ist ein solches Kind.
_Schriftgelehrter_:
Soviel ich weiß und befindlich ist,
so schreibt der Prophet Micho
im V. seiner Kapitel also:
und du Bethlehem in Ephrata
die du klein bist unter den Tausenden in Juda
aus dir soll mir der kommen,
der über mein Volk ein Herr sey, ein Herr sey.
_König Herodes._
Nun hört, ihr großen Herrn insgemein --
ihr sollt mir aber Bescheid tun, wo euch der Stern erschienen ist.
_Der 1. König._
Wo uns der Stern erschienen ist,
das sagen wir zu dieser Frist,
er ist uns erschienen im Morgenland,
drum haben wir uns gemacht auf den Weg bald.
_König Herodes._
Nun hört doch, ihr großen Herren insgemein,
ziehet nun hin nach Bethlehem fein;
und sucht fleißig bis daß ihrs find,
und wenn ihrs dann gefunden habt,
so kommt wieder her in diese Stadt,
und bericht mich auch fein geschwind,
daß ich auch komme und anbete das liebe Kind
und große Schätze gebe fein
und mit mir nehme aufs Schloß herein;
ich wollte wünschen, sie kämen glücklich an den Ort.
_Der 2. König._
So wir das liebe Kind werden treffen an,
so wolln wir ihre König Majestät kund und zu wissen thun.
_Die drei Könige singen_:
Kein Herodes kann uns sagen,
Wo sein Thron ist aufgestellt etc. --
(Sie kommen zu Joseph und fallen vor der Krippe nieder.)
_Der 1. König._
Nimm hin arabisch Gold
und sei dabei uns Heyden hold.
_Der 2. König._
Nimm hin den Weihrauch aus meiner Hand
den schreib ich dir zum Unterpfand.
_Der Mohrenkönig._
Da will ich dir die Myrrhe verehren
daß du uns wirst viel Freude bescheren.
_Joseph._
Habt Dank ihr Herren alle drey _(hustet bei einem jeden Wort
auf sonderbarer Art.)_
_Der 1. König._