Von Bethlehem komm ich zu Haus
und hab mein Sach gerichtet aus:
Viele tausend Mann hab ich erschlagen,
trotz dem, der mir ein Wort kann sagen.
Die Kinder schrien jämmerich,
bei mir war kein Verschonen nich.
Im _Schlaupitzer Spiel_ (Weinhold Seite 106) spricht _Joseph_:
Gotts Pudrament, Gotts Schwefel und Pech.
Im _Wiesaer Spiel_ bricht der große Ruprecht los:
Hopp, hopp, Gotts Perlemann, Gotts Schwefel und Pech.
Fast übereinstimmend schließen unsere _erzgebirgischen Spiele_ mit dem
Gesang der Liedstrophe:
Heut schleußt er wieder auf die Tür
zu seinem Paradeis,
der Cherub steht nicht mehr dafür,
dem Herrn sei Lob und Preis.
Dieses Lied führt _Weinhold_ (Seite 124 Anmerkung) in einer ganz
köstlichen Verballhornung an:
Jetzt schleicht er wieder aus der Tür
der fromme Paradeis.
(fehlt)
Gott sei Lob und Preis.
Daß aber auch süddeutsche Klänge, wie halbverloren, in unsere Spiele
hineintönen, zeigt die Uebereinstimmung des Anfangs des Ernstthaler
Spiels mit dem eines Paradeisspiels, das Weinhold (Seite 302) aus
Vordernberg in Obersteier mitteilt. Dort heißt es:
Ich trat herein ganz abends spat
ein glückselgen Abend geb euch Gott,
ein glückselgen Abend, ein fröhliche Zeit,
gleich wie uns Gott vom Himmel zeit.
Naturgemäß waren auch die zugewanderten Bergleute die ersten Regisseure
und Darsteller der Spiele. Man darf wohl annehmen, daß zunächst die
religiöse Begeisterung die Triebfeder des ganzen Tuns gewesen ist.
Dies spricht dafür, daß zunächst das Gotteshaus als Schauplatz der
Aufführungen in Frage kam. Diese im Gotteshause aufgeführten Spiele
sind die _Christmetten_, Ueberbleibsel jener alten geistlichen
Mysterien. Die Christmetten waren in ganz Sachsen verbreitet.
Sie wurden in den Kirchen mit aller Pracht gefeiert. Die heilige
Erzählung wandelte man, in ihren einzelnen Abschnitten, dramatisch
um. Anfangs waren nur die Geistlichen die Darsteller, später gingen
die Rollen nach und nach in den Besitz von Leuten aus dem Volke
über. Die schon angedeuteten Uebelstände führten endlich dazu, sie
durch Reskripte der Landesregierung aus der Kirche zu verbannen. Die
bei den Landtagen im Jahre 1805 und 1811 von den Landständen »~in
Consistorialibus~ angebrachten Anliegen und Beschwerden« betreffen
auch die »sogen. Christmetten.« 1805 beantragten Ritterschaft und
Städte, »die Christmetten wegen des dabei gewöhnlichen Unfugs durch
ein Landesgesetz abzustellen.« Der König[6] war zunächst nicht
für eine völlige Beseitigung der alten Sitte, er ordnete nur an,
daß bei fernerer Beibehaltung der Metten allem Unfug auf wirksame
Weise gesteuert werden möchte. Es wurden nun Berichte von den
Superindenturen des Landes eingezogen, um über die Art und Weise der
Kirchenspiele Klarheit zu erhalten. Nach den gewonnenen Unterlagen
konnte das Konsistorium zu Leipzig am 27. November 1811 an den König
berichten, »daß die Christmetten weniger als eine religiöse Feier und
Vorbereitung auf das Weihnachtsfest anzusehen seien, vielmehr als eine
Art Volksbelustigung, weshalb die Christmetten ohne allen Nachteil
abgeschafft werden können.«
Der König entschied jedoch mittels Reskriptes vom 21. August 1812,
»daß an denjenigen Orten, wo Christmetten seither stattgefunden
haben, selbige auch noch fernerhin beibehalten werden mögen, hingegen
an denjenigen Orten, wo sie abgeschafft worden sind, es bei deren
Abstellung bewenden solle.«[7]
Trotzdem ließen sich die althergebrachten Feiern nicht aus den Kirchen
verdrängen. Viele Gemeinden hielten zäh daran fest. Dies gab u. a.
Veranlassung zu einem heftigen Artikel eines anonymen Verfassers, im
»Gemeinnützigen Erzgebirgischen Anzeiger für alle Stände« (3. Stück,
Schneeberg, den 14. Januar 1815, Seite 15).
Nachdem erst die weise Verordnung des »Kirchenrathes«, die
Christmettenfeier betreffend, gepriesen worden ist, heißt es weiter:
»Man hätte nun glauben sollen, daß der zeitherige Mettenunfug die
Farcen mit den als Engel und Hirten verkleideten Kindern wie durch
einen Zauberschlag vernichtet sein würden. Aber nein! Dieser Unfug
dauert in vielen Ortschaften des Erzgebirges und Vogtlandes noch
immer fort. Engel im weißen bebänderten Gewande, mit Sonnen und Welten
tragenden Kronen, das flammende Schwert in der Rechten haltend und
Hirten mit Tasche und Stab machen ihre mystischen Herumzüge in der
Kirche, singen von der Kanzel und Altar ihre Lieder, leiern ihre
Weihnachtssprüche ab und machen ihre englischen Tänze um den Altar
herum. Bald erblickt man sie auf der obersten Emporkirche bald an den
Stufen des Altars. Auch sogar ein Wiegenlied wird gesungen. Die dem
Volke so gefälligen Schulmeister halten die Kirchenuhren zurück, damit
die Feier durch die Finsternis der Nacht begünstigt wird. Alles dieses
und die volle Erleuchtung der Kirche verbreitet einen so mystischen und
magischen Zauber, daß das tollsinnliche Volk ganz entzückt ist. Zwei
Stunden läuft es in der Nacht, um nur die lieben Engelchen zu sehen
und zu hören. Man trägt die Säuglinge auf den Armen in die Kirche.
Jede Familie kommt mit ihren Kinderchen gezogen. Auf die Predigt hört
niemand. Das Getöse der großen Volksmenge, das durch das Aufschreien
der vielen Kinderchen noch vermehrt wird, läßt auch nichts davon
vernehmen. So saugen schon kleine Kinder durch die Anschauung die
grobkörperlichsten Vorstellungen vom Geisterreiche ein, die bei dem
gemeinen Manne das ganze Leben hindurch nicht wieder zu vertilgen sind.«
Der Verfasser war wohl in den Reihen der Geistlichen zu suchen, die
in dem ganzen Treiben eine Konkurrenz des Predigtgottesdienstes
erblickten. Auch dem obersten Kirchenrat zu Dresden war eine anonyme
Zuschrift zugegangen. Dies veranlaßte einen neuen Befehl am 25.
Januar 1815 an die Superintendenturen zu Zwickau, Annaberg, Plauen
und Oelsnitz, Erkundigungen einzuziehen, welche Bewandtnis es mit der
Darstellung der Engel und Hirten überhaupt habe und inwiefern die
Geistlichen und Schullehrer beteiligt seien. Die nun erfolgten Berichte
sind nicht uninteressant. In Grünhain und Breitenbrunn waren zwar die
Schulmädchen mit weißen Kleidern und Kränzen auf dem Kopfe erschienen;
jede andere Verkleidung war unterblieben, weshalb die Pfarrherrn
keinerlei Grund gehabt hätten, die Feier zu verbieten.
Das Programm der Metten in Bernsbach war allerdings reichhaltiger.
Die Gemeinde hatte zum Eingang das Lied »Vom Himmel hoch« gesungen.
Dann kam eine Kirchenmusik, nach der das sogenannte ~Quem pastores
landavere~ von den Schulknaben gesungen worden war. Dann hatte ein
Knabe unter Orgelbegleitung die Weissagung des Jesaias von der Kanzel
gesungen. Dieser Knabe war weiß gekleidet und trug eine Krone auf dem
Kopf. Hierauf hatte der Ortspfarrer gepredigt. Zum Schluß versammelten
sich die Knaben in den Sonntagsanzügen und die Mädchen in weißen
Kleidern auf dem Altarplatz, hier haben sie Reden, Gespräche und
Gesänge gehalten, die die heilge Geburtsgeschichte zum Inhalt hatten.
Pfarrer, Schulchor und Gerichte versehen ausdrücklich, daß der ganze
Gottesdienst nichts Unziemliches enthalten habe. Prachtvoller wurden
die Christmetten in Beyerfeld gefeiert.