Der Familienversorger

Er erwacht am Morgen aus schweren Träumen von verfallenen Wechseln und

nicht geliefertem Manuskript. Der Angstschweiss klebt in seinem Haar,

und seine Wangen zittern, als er sich ankleidet. Aber er hört die Kinder

im Nebenzimmer zwitschern, und er wäscht seinen heissen Kopf mit kaltem

Wasser. Er trinkt seinen Kaffee, den er selber kocht, um das arme

Kindermädchen nicht so früh, nämlich um 8 Uhr, aufzujagen. Dann macht er

sein Bett, bürstet seine Kleider und setzt sich hin, um zu schreiben.

Das Fieber kommt, das Fieber, das Halluzinationen von Zimmern erzeugen

soll, die er nie gesehen, von Landschaften, die es nie gegeben, von

Menschen, die im Adressbuch nicht zu finden sind. Er ist am Schreibtisch

in einer Todesangst. Die Gedanken sollen klar, prägnant und malend sein,

die Handschrift leserlich, die Handlung soll vorwärts gehen, das

Interesse darf nicht nachlassen, die Bilder sollen schlagend sein, die

Reden und Gegenreden blitzend. Und dann grinsen ihm die Automaten des

Publikums entgegen, deren Gehirne er aufziehen, die Kritiker mit dem

Kneifer des Neides, die er überwinden, das bewölkte Gesicht des

Verlegers, das er aufheitern soll. Er sieht die Männer der Jury um den

schwarzen Tisch sitzen, auf dem die Bibel liegt; er hört die Türen des

Gefängnisses sich öffnen, in dem Freidenker das Verbrechen, freie

Gedanken für Trägen die gedacht zu haben, sühnen sollen; lauscht auf die

schleichenden Schritte des Hotelwirtes, der mit der Rechnung kommt ...

Währenddessen brennt das Fieber, und die Feder läuft, läuft ihren Weg,

ohne beim Anblick der Verleger oder Jurymänner zu zögern, und

hinterlässt rote Streifen wie von geronnenem Blut, die dann liegen

bleiben und schwarz werden.

Als er nach zwei Stunden aufsteht, hat er gerade noch so viel Kraft,

dass er bis an sein Bett kommt, auf das er niedersinkt. Dann liegt er

da, als ob der Tod ihn gepackt hätte. Das ist nicht der erquickende

Schlaf, sondern Betäubung. Es ist eine lange Ohnmacht, aber eine

bewusste, die von dem Entsetzen begleitet ist, dass die Kräfte fort

sind, die Nerven schlaff, das Gehirn leer ist.

Da läutet die Glocke des Hotelpensionates. Voilà le facteur! Die Post

ist gekommen!

Er fährt auf und schwankt hinaus. Empfängt eine Menge Postsachen. Da ist

eine Korrektur, die sofort gelesen werden muss; ein Buch von einem

jungen Schriftsteller, der um ein Urteil bittet; eine Zeitung mit einem

polemischen Artikel, der zu beantworten ist; ein Brief mit dem Ersuchen,

an einem Kalender mitzuarbeiten; schliesslich ein warnender Brief vom

Verleger. Das alles soll jetzt von einem Kraftlosen erledigt werden.

Das Kindermädchen ist inzwischen aufgestanden, hat die Kinder angezogen,

Kaffee getrunken, den das Hotel ihr gekocht, und Brötchen mit Honig

gegessen, die das Hotel ihr gestrichen hat. Dann geht sie im Grünen

spazieren.

Um ein Uhr läutet es zum Déjeuner. Alle Gäste versammeln sich um den

Esstisch. Auch er setzt sich; allein.

– Wo ist ihre Frau? wird von rechts und links gefragt.

– Das weiss ich nicht, antwortet er.

– Welches Untier! flüstern die Damen, die eben ihren Morgenrock

angezogen haben.

Dann kommt seine Frau. Die Bedienung wird ihretwegen unterbrochen, und

die Hungrigen, die pünktlich gekommen sind, müssen auf den zweiten Gang

warten.

Die Damen fragen seine Frau nach ihrem Befinden: ob sie gut geschlafen

habe, ob ihre Nerven in Ordnung sind. Niemand aber fragt den Mann nach

seinem Befinden. Das glauben sie im Voraus zu kennen.

– Er sieht aus wie ein Kadaver, sagt eine Dame.

Und das tut er auch.

– Er ist sicher lasterhaft, sagt eine andere Dame.

Das aber ist er nicht.

Er spricht nicht bei Tisch, denn er hat diesen Damen nichts zu sagen.

Aber seine Frau spricht an seiner Stelle.

Und er würgt sein Essen hinunter, während seine Ohren die Freude haben,

alles Erbärmliche rühmen und alles Gute schmähen zu hören.

Als sie vom Tisch aufstehen, bittet er seine Frau um einige Worte.

– Willst du so gut sein, Luise mit meinem Rock zum Schneider zu

schicken; eine Naht ist aufgegangen, und ich habe keine Zeit, selber zu

gehen.

Sie antwortet nichts; statt aber Luise zu schicken, nimmt sie selber den

Rock auf den Arm und geht ins Dorf hinunter, wo der Schneider wohnt.

Im Garten trifft sie einige emanzipierte Damen, die sie fragen, wohin

sie gehe.

Sie antwortet so ehrlich wie möglich, dass sie für ihren Mann zum

Schneider gehe.

– Er schickt sie zum Schneider! Und sie lässt sich als wie eine Magd

behandeln.

– Und jetzt liegt er auf dem Bett und hält Mittagsschlaf. Ein netter

Mann!

Er hält wirklich Mittagsschlaf, denn er ist blutarm.

Um drei Uhr läutet der Postbote wieder, und jetzt soll er einen Brief

aus Berlin deutsch, einen aus Paris französisch, einen aus London

englisch beantworten.

Dann fragt seine Frau, die vom Schneider zurückgekommen ist und einen

Cognac getrunken hat, ob er mit den Kindern einen Ausflug machen will.

Nein, er müsse Briefe schreiben.

Als er mit den Briefen fertig ist, steht er auf, um vor dem Essen einen

Spaziergang zu machen. Er möchte jetzt gern einen haben, mit dem er

sprechen könnte. Aber er ist allein. Er geht hinunter zu den Kindern.

Das fette Mädchen sitzt auf einem Gartensofa und liest Frau Lefflers

„Wahre Frauen“, die sie von seiner Frau geliehen hat. Die Kinder

langweilen sich und wollen weiter gehen, wollen sich bewegen.

– Warum gehen Sie mit den Kindern nicht spazieren, Luise, fragte er.

– Die gnädige Frau hat gesagt, es sei zu warm.

Die Frau hat gesagt!

Er nimmt die Kinder mit und geht nach der Landstrasse; dann aber sieht

er, dass sie nicht gewaschen sind und zerrissene Stiefel haben. Er kehrt

um.

– Warum haben die Kinder zerrissene Stiefel? fragt er Luise.

– Die gnädige Frau hat gesagt ...

Die Frau hat gesagt!

Er geht allein spazieren.

Es wird sieben Uhr und das Essen beginnt. Die jungen Damen sind noch

nicht nach Haus gekommen. Man hat die ersten beiden Gänge serviert, als

sie kommen; lärmend, lachend und rot im Gesicht.

Seine Frau und ihre Freundin sind besonders aufgeräumt und riechen nach

Cognac.

– Womit hast du dich unterhalten, Väterchen, fragt sie ihren Mann.

– Ich bin mit den Kindern spazieren gegangen, sagt er.

– Ist denn Luise nicht zu Hause gewesen?

– Doch, aber sie hatte keine Zeit.

– Das ist doch nicht zu viel verlangt von einem Mann, das er sich um

seine eigenen Kinder bekümmert, sagt die Freundin.

– Nein, sicher nicht, antwortet der Mann. Und darum habe ich Luise

zurecht gewiesen, dass sie die Kinder schmutzig und zerrissen gehen

lässt.

– Immer kriegt man Schelte, wenn man nach Haus kommt, sagt die Frau. Nie

kann man ein Vergnügen haben, ohne dass man getadelt wird.

Und eine kleine zerdrückte Träne stiehlt sich aus dem geröteten Auge.

Der Mann wird von der Freundin und den andern Damen mit wütenden Blicken

betrachtet.

Man bereitet einen Angriff vor, und die Freundin wetzt ihre Zunge.

– Haben die Herrschaften Luthers Ansicht über das Recht der Frau

gelesen? beginnt sie.

– Was ist das für ein Recht? fragt seine Frau.

– Sich einen andern Mann zu suchen, wenn ihr Mann ihr nicht passt.

Pause.

– Das ist eine gefährliche Lehre für die Frauen, sagt der Mann. Denn

daraus folgt, dass auch der Mann ein Recht hat, sich eine andere Frau zu

suchen, wenn seine Frau ihm nicht passt. Dieser letzte Fall kommt viel

häufiger vor.

– Das verstehe ich nicht, sagt seine Frau.

– Das braucht weder Luthers noch meine Schuld zu sein, antwortet der

Mann. Ebenso wenig wie es die Schuld des Mannes zu sein braucht, dass er

nicht für seine Frau passt. Er kann nämlich für eine andere ganz

ausgezeichnet passen.

Unter Todesschweigen steht man vom Tisch auf.

Der Mann geht auf sein Zimmer. Seine Frau und ihre Freundin setzen sich

in den Pavillon.

– Welche Brutalität, sagt die Freundin. Und du, die feinfühlige,

intelligente Frau, willst die Magd dieses rohen Egoisten sein!

– Er hat mich nie verstanden, seufzt die Frau.

Ihre Selbstzufriedenheit, dass sie diese vernichtenden Worte sagen kann,

ist zu gross, als dass sie in ihrem Innern die Antwort hörte, die ihr

Mann ihr so oft gegeben hat:

– Bist du so tief, dass ich, der ich einen guten Kopf habe, dich nicht

verstehen sollte? Hast du nie daran gedacht, dass es vielleicht deine

Oberflächlichkeit ist, die macht, dass du mich nicht verstehst!

Auf seinem Zimmer sitzt er, allein. Er leidet, als habe er seine Mutter

geschlagen. Aber sie hat ihn ja zuerst geschlagen; sie hat ihn Jahre

lang geschlagen, und er hat bisher noch nie zurückgeschlagen.

Diese rohe, herzlose, cynische Frau, der er seine ganze Seele hat geben

wollen, mit all ihren Gedanken, mit all ihren feinen Gefühlen, hat seine

Überlegenheit empfunden und darum ihn erniedrigt, ihn in den Schmutz

gezogen, ihn bei den Haaren gerissen, ihn geschmäht. War es da ein

Verbrechen von ihm, dass er ein Mal zurückgeschlagen, als sie ihn

öffentlich verhöhnt? Ja, er fühlte sich so schuldig, als habe er seinen

besten Freund ermordet.

Der warme Sommerabend kommt mit seiner Dämmerung, und der Mond geht auf.

Vom Salon ist Gesang zu hören. Er geht in den Garten hinunter und setzt

sich unter den Walnussbaum. Allein! Und mit den Akkorden des Klaviers

verschmilzt das Lied:

Oft wenn die Nacht den Schleier

Über das Erdgewimmel

Und um die Meere zog,

Hatten wir unsre Feier,

Während vom Sternenhimmel

Helle des Mondes flog.

Jetzt aber still ich weinen

Tränen der Sehnsucht muss,

Denn du wirst nie mehr erscheinen,

Frühling der Liebe mit deinem Kuss.

Er ging durch den Garten und sah durchs Fenster. Dort sass sie, sein

Poem, das er sich gedichtet hatte. Und sie sang mit Tränen in der

Stimme. Die Damen auf den Sofas sahen mit bedeutungsvollen Blicken

einander an.

Aber hinter den Lorbeerbüschen sassen auf einem Gartensofa zwei Herren,

die rauchten und flüsterten. Er hörte:

– Das ist nur Cognac.

– Ja, sie soll trinken.

– Und dem Mann schieben sie die Schuld zu.

– Das ist schändlich. Sie lernte schon in Julians Atelier trinken. Du

weisst, sie wollte Malerin werden, konnte es aber nicht. Und als sie von

der Ausstellung zurückgewiesen wurde, warf sie sich auf diesen armen

Kerl und verbarg ihre Niederlage hinter einer Heirat.

– Ja, ich habe es gehört. Und sie hat ihn so lange gequält, bis er nur

noch ein Schatten ist. Sie begannen mit einem eigenen Haushalt, und

obwohl sie in Paris zwei Mägde hatte, nannte sie sich seine Magd. Obwohl

sie allein im Haus zu bestimmen hatte, nannte sie sich seine Sklavin.

Sie vernachlässigte das Haus, die Mägde plünderten es, und er sah den

Ruin kommen, ohne etwas bestimmen zu dürfen. Wenn er einen Vorschlag zur

Rettung machte, widersetzte sie sich; sagte er schwarz, wollte sie weiss

haben. Dadurch hat sie seinen Willen gebrochen und seine ganze

Intelligenz erschüttert. Dann gingen sie in ein Pensionat, damit sie

keinen Haushalt zu führen brauche und sich ihrer Kunst widmen könne.

Jetzt, da sie weder zu kochen, noch sonst etwas zu tun hat, rührt sie

keinen Pinsel an, sondern amüsiert sich mit ihrer Freundin. Sie hat ihn

auch von seiner Arbeit ablenken und durch Trinken erniedrigen wollen;

das ist ihr aber nicht gelungen: darum hasst sie ihn, denn er ist ihr

moralisch überlegen.

– Aber als Mann muss er doch ein Tropf sein, antwortet der andere.

– Ja, in dem Punkt freilich, aber das sind wir leider alle in dem Punkt.

Er ist noch nach zwölf langen Jahren in sie verliebt. Aber das

schlimmste ist, dass er, der früher so stark war, dessen Worte in Kammer

und Zeitung gefürchtet wurden, jetzt anfängt schlaff zu werden. Ich

sprach heute Vormittag mit ihm, und er ist zum mindesten krank.

– Ja, man sagt, seine Frau habe ihn ins Irrenhaus bringen wollen, und

ihre Freundin habe sie in diesem Bemühen unterstützt.

– Und er sitzt da und arbeitet sich ab, damit sie sich amüsieren kann.

– Weisst du, warum sie ihn am meisten verachtet? Weil er sie nicht so

versorgen kann, wie sie versorgt werden möchte. Ein Mann, der seine Frau

nicht versorgen kann, ce n’est pas grande chose, sagte sie kürzlich beim

Mittagstisch. Und ich habe gute Gründe zu der Annahme, dass sie einmal

darauf gerechnet hat, er werde sie als Malerin in die Höhe schreiben.

Unglücklicher Weise verboten ihm seine politischen Ansichten, mit den

tonangebenden Zeitungen zu tun zu haben; auch verkehrte er nicht in

Künstlerkreisen, da er andere Interessen hatte.

– Sie wollte ihn also benutzen; als er sich aber nicht benutzen liess,

wurde er verworfen. Zum Familienversorger scheint er aber noch gut genug

zu sein.

Jetzt aber still ich weinen

Tränen der Sehnsucht muss,

klang es aus dem Salon.

– Puff, erklang es hinter dem Walnussbaum. Zweige knackten und der Sand

knirschte.

Die Herren sprangen auf.

Auf dem Weg lag eine gut gekleidete Leiche, deren Kopf an ein Stuhlbein

stiess.

Der Gesang verstummte, und die Damen stürzten hinaus.

Die Freundin goss ihr kölnisches Wasser auf den Toten.

– Pfui, eine Leiche, sagte sie, fuhr zurück und hielt sich die Nase zu,

als sie sah, dass es keine Ohnmacht war.

Der ältere der beiden Männer, der sich zu dem Toten niedergebeugt hatte,

hob den Kopf und sagte:

– Still, Weiber!

– Welche Brutalität, sagte die Freundin.

Die Frau des Toten fiel in Ohnmacht, wurde aber von den Armen der

Freundin aufgefangen und von den Damen zärtlich gepflegt.

– Holt den Arzt, schrie der ältere Herr. Lauft!

Niemand rührte sich, sondern alle scharten sich um die ohnmächtige Frau.

– Seiner Frau einen solchen Kummer zu machen! Solch ein Mann, solch ein

Mann, jammerte die Freundin.

– Nicht einen Gedanken an den Sterbenden, aber alles für die

Ohnmächtige. Giesst ihr einen Cognac hinunter, dann lebt sie wieder auf!

– Der elende Mann hat sein Los verdient, erklärte die Freundin.

– Nein, er hat allerdings ein besseres Los verdient als lebend in eure

Hände zu fallen. Schämt euch, Weiber, und Respekt vor dem

Familienversorger!

Er stand auf und liess die Hand des Toten los.

– Es ist aus! sagte er.

Und es war aus.

Heiraten: Zwanzig Ehegeschichten · 第 23 / 26 题