Sie war hässlich und darum wurde sie von den rohen jungen Männern, die
eine schöne Seele unter einem hässlichen Äussern nicht zu schätzen
wissen, übersehen. Aber sie war reich, und sie wusste, dass die Männer
dem Geld der Frauen nachjagen; ob deshalb, weil alles Geld von den
Männern erworben ist und diese daher das Kapital für ihr Geschlecht
beanspruchen, oder aus anderen Gründen, das machte sie sich nicht klar.
Da sie reich war, lernte sie allerhand, und da sie den Männern grosses
Misstrauen und tiefe Verachtung zeigte, galt sie für eine begabte Dame.
Sie war zwanzig Jahre alt geworden. Die Mutter lebte noch, und sie
wollte nicht fünf Jahre warten, bis sie über ihr Vermögen verfügen
konnte. So wurden ihre Freundinnen eines Tages mit ihrer Verlobungskarte
überrascht.
– Sie verheiratet sich, um einen Mann zu bekommen, sagten die einen.
– Sie verheiratet sich, um einen Bedienten zu haben und die Freiheit zu
geniessen, sagten die andern.
– Wie dumm von ihr, sich zu verheiraten, sagten die dritten; sie weiss
nicht, dass sie dann erst unmündig wird.
– Seid nicht bange, sagten wieder andere: sie wird mündig, obwohl sie
sich verheiratet.
Wie sah er aus? Wer war er? Wo hatte sie ihn gefunden?
Er war ein junger Advokat, von weiblichem Aussehen, mit hohen Hüften,
von schüchternem Wesen. Er war der einzige Sohn und von einer Mutter und
einer Tante erzogen. Er hatte immer eine grosse Furcht vor jungen
Mädchen gehabt und hasste die Leutnants, weil sie männlich auftraten und
auf Bällen und Gesellschaften immer bevorzugt wurden. So war er.
Sie trafen sich auf einem Ball im Kurhaus. Er war spät gekommen und es
waren keine Damen mehr für ihn übrig. Die jungen Mädchen antworteten ihr
fröhliches, triumphierendes nein, wenn er kam, um sie aufzufordern; sie
winkten ihm mit ihren Tanzkarten ab, als wollten sie eine zudringliche
Fliege verscheuchen.
Verletzt, gedemütigt ging er hinaus und setzte sich auf die Veranda, um
zu rauchen. Der Mond stand über den Linden des Parkes, und der Reseda
duftete auf den Beeten. Durch die Fenster sah er, wie Paar nach Paar im
Tanzsaal vorbeirauschte, während die wollüstigen Rhythmen des Walzers
ihn beben liessen: das war das ohnmächtige Verlangen des Krüppels.
– Sitzen Sie hier allein, um zu schwärmen? hörte er eine Stimme ihn
ansprechen. Und tanzen nicht?
– Warum tanzen Sie denn nicht, mein Fräulein, sagte er und sah auf.
– Weil ich hässlich bin und niemand mich haben will, antwortete sie.
Er betrachtete sie. Sie waren alte Bekannte, aber er hatte sich ihre
Züge noch nie genauer angesehen. Sie war ausgesucht gekleidet, und ihre
Augen drückten in diesem Augenblick einen solchen Schmerz aus, den
Schmerz der Verzweiflung und der fruchtlosen Empörung gegen eine
ungerechte Natur, dass er eine lebhafte Sympathie für sie empfand.
– Auch mich will niemand haben, sagte er. Aber die Leutnants haben ja
Recht. In der natürlichen Auslese haben ja die Stärkeren und die
Schöneren Recht. Sehen Sie nur ihre Schultern und Epauletts ...
– Pfui, wie Sie sprechen!
– Verzeihen Sie! Aber man wird bitter, wenn man einen ungleichen Kampf
zu kämpfen hat! Wollen Sie vielleicht mit mir tanzen?
– Aus Barmherzigkeit?
– Ja, gegen mich!
Er warf seine Zigarre fort.
– Haben Sie empfunden, was es heisst, vom Schicksal gezeichnet,
verworfen zu sein? Haben Sie empfunden, was es heisst, immer der Letzte
zu sein? fing er wieder mit Wärme an.
– Ob ich das empfunden habe? Aber die Letzten bleiben nicht immer die
Letzten, fügte sie mit Nachdruck hinzu. Andere Eigenschaften als nur
Schönheit haben im Leben Wert.
– Welche Eigenschaften schätzen Sie denn bei einem Mann am höchsten?
– Güte, antwortete sie bestimmt. Denn diese Eigenschaft ist so selten
bei einem Mann.
– Güte und Schwäche pflegen ja zusammen zu gehen, und die Frau liebt
doch die Stärke beim Mann.
– Welche Frauen? Die rohe Kraft hat ihre Zeit gehabt, und da wir in der
Zivilisation weiter gekommen sind, müssten wir doch so viel Verstand
besitzen, dass wir die Muskelkraft und die Roheit nicht höher als das
gute Herz stellen.
– Wir müssten! Ja, und doch! Sehen Sie nur den Tanz an!
– Die wahre Männlichkeit liegt für mich im Adel des Gefühls und in der
Intelligenz des Herzens.
– Sie würden also einen Mann, den die ganze Welt schwach, feige nennt
...
– Was kümmere ich mich um die Welt! Und um das, was die Welt sagt!
– Wissen Sie, Sie sind ein ungewöhnliches Mädchen, sagte der Advokat,
immer mehr interessiert.
– Durchaus nicht ungewöhnlich! Aber Ihr Männer seid so gewohnt, die
Frauen für eine Art von Spielpuppen zu halten ...
– Welche Männer? Ich, mein Fräulein, habe seit der Kindheit zu der Frau
aufgesehen als einer höheren Offenbarung der Gattung Mensch, und von dem
Tage, an dem eine Frau mich liebte und ich sie wieder liebte, würde ich
ihr Sklave sein.
Adele sah ihn lange und tief an. Dann sagte sie:
– Sie sind ein ungewöhnlicher Mann.
Nachdem die Beiden einander für ungewöhnliche Spezies der schlechten
Gattung Mensch erklärt und sich über die Eitelkeit des Tanzvergnügens
ausgelassen hatten, stellten sie Betrachtungen über die Melancholie des
Mondes an. Dann gingen sie in den Tanzsaal, um an der Française
teilzunehmen.
Adele tanzte ausgezeichnet, und der Advokat gewann sich ihr Herz
vollständig, weil er wie ein „unschuldiges Mädchen“ tanze.
Nach der Française setzten sie sich wieder auf die Veranda.
– Was ist die Liebe? fragte Adele und sah den Mond an, als wolle sie
eine Antwort vom Himmel haben.
– Die Sympathie der Seelen, flüsterte er mit einer Stimme, als komme sie
vom Wind.
– Aber die Sympathie kann leicht in Antipathie umschlagen, wie es schon
vorgekommen ist, fuhr Adele fort.
– Dann war es nicht die rechte Sympathie! Es gibt Materialisten, die
sagen, die Liebe würde nicht vorhanden sein, wenn es nicht zwei
Geschlechter gebe; und sie wagen zu behaupten, dass die sinnliche Liebe
länger dauert als die andere. Ist es nicht niedrig, tierisch, in der
Geliebten nur das Geschlecht zu sehen.
– Sprechen Sie nicht von den Materialisten.
– Doch, ich muss von ihnen sprechen, damit Sie verstehen, wie hoch ich
meine Liebe zu einer Frau stelle, wenn ich eine lieben würde. Sie
brauchte nicht schön zu sein; Schönheit vergeht. Ich würde einen guten
Kameraden in ihr sehen, einen Freund. Ich würde mich nie schüchtern vor
ihr fühlen wie vor einem Mädchen. Ich würde direkt auf sie losgehen, wie
ich auf Sie losgehe und sagen: Wollen Sie meine Freundin fürs Leben
werden? Und das würde ich sagen, ohne die Verlegenheit zu empfinden, die
ein Freier fühlen muss, wenn er sich der, die er liebt, erklärt, weil
seine Gedanken nicht rein sind.
Adele sah mit Entzücken auf den jungen Mann, der ihre Hand ergriffen
hatte.
– Sie sind eine ideale Natur, sagte sie, und Sie haben mir aus dem
Herzen gesprochen. Sie bitten um meine Freundschaft, wenn ich Sie recht
verstehe. Sie sollen sie haben, erst aber eine Prüfung. Wollen Sie
zeigen, dass Sie eine Demütigung erleiden können, für die, welche Sie
gern haben.
– Ob ich will? Sprechen Sie, und ich gehorche!
Adele nahm ihr Halsband aus getriebenem Gold ab, an dem ein Medaillon
hing.
– Tragen Sie dies als ein Wahrzeichen unserer Freundschaft.
– Ich werde es tragen, sagte er etwas unsicher; aber man wird vielleicht
sagen, dass wir verlobt sind.
– Und das fürchten Sie?
– Nein, wenn du es willst! Willst du?
– Ja, Axel! ich will es; denn die Welt erlaubt keine Freundschaft
zwischen Mann und Weib; die Welt ist so erbärmlich, dass sie nicht an
ein reines Verhältnis zwischen Personen verschiedenen Geschlechts
glaubt.
Und er trug seine Kette.
Die Welt, die unter vier Augen sehr materialistisch ist, sagte wie die
Freundinnen:
– Sie verheiratet sich, um sich zu verheiraten; er, um sie zu besitzen.
Die Welt machte auch hässliche Anspielungen, er nehme sie ums Geld, da
er selber erklärte, etwas so Niedriges wie Liebe existiere nicht
zwischen ihnen; Freundschaft zwinge ja niemand, dieselbe Schlafstube zu
benutzen, wie Verheiratete zu tun pflegen.
Sie verheirateten sich. Die Welt hatte einen Wink bekommen, sie würden
wie Geschwister leben, und die Welt wartete mit einem boshaften Grinsen
ab, wie die grosse Reform, welche die Ehe umschaffen sollte, ablaufen
würde.
Die Neuvermählten reisten ins Ausland.
Als die Neuvermählten zurückkehrten, war die Frau blass und schlechter
Laune. Sie begann sofort Reitstunden zu nehmen. Die Welt witterte Unrat
und wartete. Der Mann sah aus, als habe er etwas Hässliches begangen und
schäme sich. Es wurde schliesslich festgestellt.
– Sie haben im „Geschwisterbett“ geschlafen, sagte die Welt.
– Es wird wohl ein Geschwisterkind sein, sagten die Freundinnen.
– Und ohne Liebe? Aber das ist ja – Ja, was ist es?
– Verbotene Verwandtschaft! sagten die Materialisten.
– Es ist eine geistige Ehe.
– Oder Blutschande, sagte ein Anarchist.
An der Tatsache war nichts zu ändern, aber die Sympathie der Seelen
begann abzunehmen. Die verhasste Wirklichkeit brach ein, um sich zu
rächen.
Der Advokat übte seinen Beruf aus, und die Frau liess ihren Beruf von
einer Amme und einer Magd ausüben. Daher hatte sie keine Beschäftigung.
Die Beschäftigungslosigkeit gab ihren Gedanken Gelegenheit, sich zu
entwickeln, und sie begann über ihre Stellung nachzudenken. Sie fand sie
nicht befriedigend. War es eine Tätigkeit für eine begabte Frau, nichts
zu tun?
Der Mann wagte ein Mal eine Bemerkung, sie sei doch nicht gezwungen,
nichts zu tun! Aber er wiederholte sie nie mehr.
– Sie habe keine Tätigkeit.
– Nein, beschäftigungslos sein sei keine Tätigkeit. Warum gebe sie dem
Kind nicht die Brust.
– Die Brust geben? Sie wolle etwas haben, an dem sie verdiene.
– Sei sie denn geizig? Sie habe ja mehr, als sie verbrauche; warum
sollte sie denn Geld verdienen?
– Um es ihm gleich zu tun.
– Gleich könnten sie nie werden, denn sie werde immer eine Stellung
einnehmen, die er nie erreichen könne. Die Natur habe es so
eingerichtet, das die Frau Mutter werde, der Mann aber nicht.
– Das sei dumm!
– Es hätte ja auch umgekehrt sein können, aber das wäre ebenso schlimm
gewesen.
– Ja, aber dieses Leben werde unerträglich. Sie könne nicht nur für die
Familie leben, sie wolle auch für andere leben.
– Sie solle nur erst mit der Familie anfangen; später könne man immer
noch an die andern denken.
Das Gespräch hätte Ewigkeiten dauern können, aber eine gute Stunde
dauerte es doch.
Der Advokat war natürlich fast den ganzen Tag fort, und wenn er nach
Haus kam, hatte er Sprechstunde. Dann wollte Adele verzweifeln. Er
schloss sich mit andern Frauen ein, und die machten ihm vertrauliche
Mitteilungen, die er ihr nicht weiter erzählen durfte. Immer standen
Geheimnisse zwischen ihnen, und sie fühlte, dass er ihr überlegen war.
Ein dumpfer Hass begann bei ihr zu wachsen, ein Hass gegen das
Ungerechte in diesem Verhältnis; sie suchte nach einem Mittel, um ihn
hinunter zu ziehen. Hinunter musste er, damit sie beide auf gleiche Höhe
kamen.
Eines Tages machte sie den Vorschlag, eine Heilanstalt zu gründen. Er
riet ab, weil er mit seiner Praxis genug zu tun habe. Dann aber dachte
er, es wäre gut, wenn sie eine Beschäftigung bekomme; dann würde sie
ruhiger werden.
Sie bekam ihre Anstalt, und er trat mit ihr in die Direktion ein.
Sie sass nun in der Direktion und herrschte. Als sie ein halbes Jahr
regiert hatte, fühlte sie sich so bewandert in der ärztlichen Kunst,
dass sie auf eigene Hand Ratschläge gab und Auskünfte erteilte.
– Das sei keine Kunst, meinte sie!
Einmal hatte der Arzt der Anstalt einen Irrtum begangen, und seitdem
besass sie kein Vertrauen mehr zu ihm. Die Folge war, dass sie eines
Tages im Gefühl ihrer natürlichen Oberhoheit, als er abwesend war,
selber ein Rezept schrieb. Das Rezept wurde ausgefertigt, auch vom
Patienten eingenommen, jedoch mit tödlichem Ausgang.
Man musste sofort nach einer andern Stadt ziehen. Damit aber war das
Gleichgewicht gestört. Noch mehr wurde es gestört durch einen neuen
Erben, der zur Welt kam. Auch hatte sich das Gerücht von dem fatalen
Ereignis verbreitet.
Traurig und unschön war das Verhältnis zwischen den Gatten geworden,
denn die Liebe war ja nicht vorhanden gewesen. Der gesunde starke
Naturtrieb, der nicht überlegt, fehlte; so blieb nur ein unangenehmes
Konkubinat übrig, das auf den unsicheren Berechnungen der
selbstsüchtigen Freundschaft beruhte.
Was jetzt in ihrem brennenden Kopf vorging, nachdem sie entdeckt hatte,
welchen Irrtum sie begangen, als sie etwas angeblich Höheres suchte,
davon sprach sie nicht, aber der Mann musste es fühlen.
Ihre Gesundheit begann schwächer zu werden, sie verlor den Appetit und
wollte nicht ausgehen. Sie magerte ab und fing an zu husten. Der Mann
liess sie mehrere Male untersuchen, aber der Arzt konnte die Ursache der
Krankheit nicht finden. Schliesslich gewöhnte er sich so an das ständige
Klagen, dass er nicht mehr darauf achtete.
– Es ist unangenehm, eine kranke Frau zu haben, sagte sie.
Er gab es innerlich zu, dass es kein Vergnügen sei; wenn er sie aber
geliebt hätte, würde er das nie empfunden noch zugegeben haben.
Sie nahm so ab, dass es zu merken war, und er musste schliesslich ihren
Entschluss, zu dem berühmten Professor zu reisen, gutheissen.
Adele reiste zu dem Professor.
– Wie lange sind Sie krank gewesen? fragte er.
– Ich bin nie recht gesund gewesen, seit ich das Land verlassen habe,
denn auf dem Lande bin ich aufgewachsen.
– Sie fühlen sich also in der Stadt nicht wohl?
– Wohl? Wer kümmert sich darum, ob ich mich wohl fühle oder nicht,
antwortete sie und machte ein Märtyrergesicht.
– Glauben Sie, dass die Landluft Ihnen gut bekommen würde? fragte der
Professor.
– Ich glaube, es ist das einzige, was mich retten könnte, wenn ich
aufrichtig sein soll.
– Dann ziehen Sie doch aufs Land!
– Aber mein Mann kann doch nicht meinetwegen seinen Beruf aufgeben.
– Er ist ja reich verheiratet, und Advokaten haben wir genug.
– Sie meinen also, Herr Professor, dass wir aufs Land ziehen müssen?
– Ja, wenn Sie glauben, dass es Ihnen nützen wird. Ich sehe keine andere
Krankheit als sogenannte Nervosität und glaube, die Landluft würde Ihnen
gut bekommen.
Adele kam niedergeschlagen nach Haus.
– Nun?
– Der Professor habe sie zum Tode verurteilt, wenn sie in der Stadt
bleibe.
Der Advokat geriet ausser sich. Da er aber nicht verbergen konnte, dass
er hauptsächlich deshalb ausser sich war, weil er seine Praxis aufgeben
musste, erhielt sie einen sicheren Beweis, dass er sich nicht im
geringsten um das Leben seiner Frau kümmere.
– Er glaube nicht, dass ihr Leben auf dem Spiel stehe? Verstehe der
Professor das nicht besser als er? Wolle er sie sterben lassen?
Das wollte er wirklich nicht, und darum wurde ein Landgut gekauft. Ein
Inspektor sollte es verwalten.
Da ein Landrat und ein Amtsvorsteher vorhanden waren, hatte der Advokat
keine Beschäftigung. Die Tage wurden ihm endlos lang, und er führte kein
angenehmes Dasein. Da seine Einkünfte mit seiner Praxis aufgehört
hatten, musste er von den Zinsen seiner Frau leben. Das erste halbe Jahr
las er und spielte Fortuna. Im zweiten Halbjahr hörte er mit dem Lesen
auf, da er keinen Zweck darin sah. Im dritten fing er an zu sticken.
Aber seine Frau warf sich sofort auf die Landwirtschaft, ging selber mit
bis zu den Knien gerafften Röcken in den Stall, kam schmutzig ins Haus,
roch nach der Kuh. Sie fühlte sich wohl und kommandierte die Leute
herum, das es eine Lust war, denn sie war auf dem Lande aufgewachsen und
verstand sich darauf.
Als sich ihr Mann über Beschäftigungslosigkeit beklagte, antwortete sie:
– Such dir doch etwas. In einem Hause braucht man nicht
beschäftigungslos zu sein.
Er wollte mit der Tätigkeit ausser dem Hause kommen, aber er hütete
sich.
Er ass, schlief, ging spazieren. Kam er in die Scheune oder in den
Stall, war er immer im Wege und bekam Schelte von seiner Frau.
Als er eines Tages mehr als gewöhnlich geklagt und gleichzeitig die
Kinder von den Mädchen ohne Aufsicht gelassen waren, sagte seine Frau:
– Sieh nach den Kindern, da hast du etwas zu tun.
Er sah zu ihr auf, ob es ihr Ernst sei.
Ja, warum sollte er nicht nach seinen eigenen Kindern sehen können? Sei
das so merkwürdig?
Er dachte genau nach und fand wirklich nichts Merkwürdiges dabei.
So ging er täglich mit den Kindern spazieren.
Eines Morgens, als sie ausgehen wollten, waren die Kinder nicht
angezogen. Der Advokat wurde böse und ging zu seiner Frau, da er sich
vor den Mägden fürchtete.
– Warum sind die Kinder nicht angezogen? fragte er.
– Weil Marie etwas anderes zu tun hat! Zieh du sie doch an, du hast ja
nichts zu tun. Es ist doch keine Schande, seine eigenen Kinder
anzuziehen?
Er überlegte eine Weile, konnte aber nicht sehen, dass es eine Schande
sei. Er zog sie also an.
Eines Morgens machte es ihm Spass, allein auszugehen und die Flinte
mitzunehmen, obwohl er niemals schoss.
Als er nach Haus kam, empfing seine Frau ihn.
– Warum bist du heute nicht mit den Kindern spazieren gegangen? sagte
sie mit scharfer vorwurfsvoller Stimme.
– Weil es mir heute keinen Spass machte!
– Spass machte? Macht es mir Spass, den ganzen Tag in Stall und Scheune
zu arbeiten? _Etwas_ Nützliches kann man wohl für sich tun, ohne dass es
einem Spass macht.
– Für sich? Für sein Essen, meinst du vielleicht.
– Für was es auch sei, meine ich. Und ich finde wirklich, ein alter Mann
wie du sollte sich schämen, auf einem Sofa zu liegen und nichts zu tun.
Er schämte sich wirklich, und jetzt wurde er als Kindermädchen
angestellt. Pünktlich tat er seine Pflicht. Er fand nichts Unrichtiges
darin, aber er litt darunter. Es sei etwas verkehrt, meinte er, aber
seine Frau verstand immer, es nach der rechten Seite zu kehren.
Die Frau sass im Kontor und empfing Inspektor und Grossknecht; sie stand
im Speicher und wog ab für die Instleute. Alle, die auf den Hof kamen,
wollten die Frau sprechen, aber niemand den Herrn.
Auf einem Spaziergang kam er eines Tages auf eine Wiese, auf der Vieh
weidete. Er wollte den Kindern die Kühe zeigen, und führte sie behutsam
an die weidende Herde heran. Plötzlich guckte ein schwarzer Kopf über
die Rücken der andern Tiere und sah unter schwachem Brüllen den Besuch
an.
Der Advokat nahm die Kinder auf den Arm und lief, so schnell er konnte,
bis an den Zaun zurück. Dort angelangt, warf er die Kinder über den Zaun
und wollte selber hinüberspringen, blieb aber hängen. Da er einige
Frauen drüben erblickte, schrie er ihnen, so laut er konnte, entgegen:
– Der Stier, der Stier!
Aber die Frauen lachten und hoben die Kinder auf, die im Graben übel
zugerichtet waren.
– Sehen Sie den Stier nicht! schrie er.
– Nein, es ist kein Stier, sagte die älteste Frau. Der wurde vor
vierzehn Tagen geschlachtet.
Er kam beschämt und böse nach Haus. Beklagte sich bei seiner Frau über
die Leute. Sie lachte nur.
Als die beiden Gatten am Nachmittag allein im Saal sassen, klopfte es an
die Tür.
– Herein! rief sie.
Eine Frau, die dem Abenteuer mit dem Stier beigewohnt hatte, trat ein
und hielt in der Hand das Halsband des Advokaten.
– Das gehört sicher der gnädigen Frau, sagte sie zögernd.
Adele sah zuerst das Weib an, dann ihren Mann, der mit aufgerissenen
Augen seine Kette betrachtete.
– Nein, das gehört dem Herrn! sagte sie und nahm der Frau das Halsband
ab. Hab Dank! Der Herr gibt dir wohl Finderlohn.
Der sass blass und unbeweglich da.
– Ich habe kein Geld, wende dich an meine Frau, sagte er und nahm das
Halsband.
Seine Frau holte eine Krone aus ihrer grossen Geldtasche und reichte es
dem Weibe, das sich entfernte, augenscheinlich, ohne etwas zu begreifen.
– Das hättest du mir doch ersparen können! sagte er schmerzlich.
– Bist du nicht Manns genug, für deine Worte und Handlungen einzutreten?
Schämst du dich, ein Geschenk von mir zu tragen, während ich deine
trage? Eine Memme bist du! Und das will ein Mann sein!
Seit diesem Tag war der Friede des Mannes aus. Wohin er kam, kicherten
Gesichter, und Mägde wie Knechte konnten hinter den Ecken „Der Stier!
Der Stier!“ rufen, wenn er vorbeiging.
* * * * *
Die Frau wollte nach einer Auktion reisen und acht Tage fortbleiben. Der
Mann sollte während der Zeit ein Auge auf die Leute haben.
Am ersten Tag kam die Köchin und bat um Geld für Zucker und Kaffee. Er
gab es ihr. Drei Tage später kam sie wieder und verlangte noch einmal
Geld für Zucker und Kaffee. Er drückte sein Erstaunen aus, dass das
erste Geld schon verbraucht sei.
– Ich esse es nicht allein auf, sagte die Köchin. Und die gnädige Frau
hat nie etwas auszusetzen.
Er gab ihr das Geld. Aber neugierig, ob er wirklich Unrecht habe, schlug
er das Haushaltungsbuch auf und begann zu addieren.
Er erhielt eine merkwürdige Summe bei den beiden Posten. Als er für
einen Monat alle Pfunde zusammenzählte, ergaben sie ein Liespfund.
Er setzte seine Forschungen fort und kam überall zu ähnlichen
Resultaten. Er ging zum Hauptbuch über und fand ausser den hohen Ziffern
auch dumme Fehler beim Addieren. Augenscheinlich konnte seine Frau weder
benannte Zahlen noch Dezimalbrüche. Diese unerhörte Betrügerei der
Dienstboten musste jedenfalls zum Untergang des Hauses führen.
Seine Frau kam nach Haus. Er musste den Auktionsbericht bis zum Ende
anhören. Darauf räusperte er sich und dachte anzufangen, aber seine Frau
nahm den Faden selber auf:
– Nun, wie bist du mit den Mägden fertig geworden?
– Ich bin sehr gut mit ihnen fertig geworden, aber sie sind bestimmt
nicht ehrlich.
– Sie sind nicht ehrlich?
– Nein, zum Beispiel sind die Posten für Zucker und Kaffee zu gross.
– Wie weisst du das?
– Ich habe es im Haushaltungsbuch gesehen.
– Was, du schnüffelst in meinen Büchern.
– Schnüffelst? Nein, es machte mir Spass, nachzuforschen ...
– Was hast du damit zu schaffen?
– Und ich fand, dass du Bücher führst, ohne benannte Zahlen noch Brüche
zu können.
– Was? Kann ich das nicht?
– Nein, das kannst du nicht! Und darum ist das ganze Haus unterminiert.
Deine Buchführung ist Humbug, meine Alte, das ist sie!
– Wen geht es etwas an, wie meine Bücher aussehen?
– Das Gesetz bestraft falsche Buchführung; wenn nicht dich, so mich.
– Das Gesetz? Ich pfeife auf das Gesetz!
– Ja, das glaube ich, aber fassen tut es uns doch, das heisst mich. Und
deshalb will ich künftighin die Bücher selber führen.
– Wir können einen Buchhalter nehmen!
– Nein, das ist nicht nötig! Ich habe ja sonst nichts zu tun.
Und dabei blieb es.
* * * * *
Seit aber der Mann den Platz am Pult einnahm und die Leute zu _ihm_
kamen, verloren Landwirtschaft und Viehzucht ihr Interesse für die Frau.
Eine heftige Reaktion trat ein, und sie sah bald weder nach Kühen noch
nach Kälbern, sondern blieb im Hause sitzen. Da hockte sie, und neue
Gedanken gärten in ihrem Gehirn.
Der Mann dagegen erwachte zu einem neuen Leben. Er warf sich auf die
Landwirtschaft und rüttelte die Leute auf. Jetzt hatte er die Oberhand.
Er schaltete und waltete, bestellte und bezahlte.
Eines Tages kam seine Frau aufs Kontor und bat um tausend Kronen für ein
Klavier.
– Was denkst du? sagte der Mann. Jetzt, wo der Stall umgebaut werden
soll! Dazu haben wir nicht die Mittel.
– Was soll das heissen, antwortete sie. Haben wir nicht die Mittel?
Reicht mein Geld nicht.
– Dein Geld?
– Ja, meins, das ich in die Ehe gebracht habe.
– Das ist durch die Ehe Eigentum der Familie geworden.
– Das heisst deins.
– Nein, der Familie. Die Familie ist eine kleine Gemeinde, die einzige,
die ein gemeinschaftliches Eigentum hat, mit dem Mann als Verwalter, in
den gewöhnlichen Fällen.
– Warum soll er Verwalter sein und nicht die Frau?
– Weil er mehr Zeit hat, da er keine Kinder gebiert.
– Warum können nicht beide Verwalter sein?
– Aus denselben Gründen, aus denen eine Aktiengesellschaft nur einen
geschäftsführenden Direktor hat. Würde die Frau auch verwalten, so
würden es die Kinder ebenfalls wollen, da es auch ihr Eigentum ist.
– Das ist nur Spitzfindigkeit. Ich finde es hart, dass ich noch um
Erlaubnis bitten soll, ob ich mir für mein eigenes Geld ein Klavier
kaufen darf.
– Es ist nicht mehr dein Geld.
– Ist es denn deins?
– Nein, auch nicht meins, sondern das der Familie. Du musst auch nicht
so falsch sein, und mich „um Erlaubnis bitten“; die Klugheit gebietet
nur, dass du den Verwalter fragst, ob der Stand des Vermögens eine
grosse Luxusausgabe zulässt.
– Ist ein Klavier denn ein Luxus?
– Ein neues Klavier, wenn man ein altes hat, kann Luxus sein. Nun ist
der Stand des Vermögens schlecht, daher erlaubt _der_ nicht, dass du
jetzt ein neues Klavier kaufst, obwohl _ich_ natürlich nichts dagegen
haben kann noch will.
– Durch eine Ausgabe von tausend Kronen ruiniert man sich nicht.
– Doch man kann den Grund zu seinem Ruin legen, wenn man zur Unzeit für
tausend Kronen Schulden macht.
– Das heisst, du weigerst dich also, mir ein neues Klavier zu kaufen?
– Nein, das will ich nicht sagen. Der unsichere Stand des Vermögens ...
– Wann, wann wird der Tag kommen, an dem die Frau ihr Vermögen selbst
verwaltet und nicht mehr wie eine Bettlerin zu ihrem Mann zu kommen
braucht?
– Wenn sie selber arbeitet. Ein Mann, dein Vater, hat dein Vermögen
erarbeitet. Männer sind es, die alles Vermögen erarbeitet haben; darum,
siehst du, ist es gerecht gewesen, dass die Schwester weniger erbt als
der Bruder, zumal der Bruder mit der Pflicht, eine Frau zu ernähren,
geboren wird, während die Schwester keinen Mann zu ernähren braucht.
Verstehst du?
– Das ist also Gerechtigkeit: ungleich teilen! Ist es gerecht, ungleich
zu teilen? Kannst du das bei deinem guten Kopf wirklich behaupten? Soll
man nicht immer in gleiche Teile teilen?
– Nein, nicht immer. Man soll verhältnismässig oder nach Verdienst
teilen. Der Faule, der im Gras liegt und zusieht, wie der Maurer baut,
soll weniger haben als der Maurer.
– So, du sagst, ich sei faul!
– Hm! Es ist am besten, nichts zu sagen. Als ich aber auf dem Sofa lag
und las, hieltst du mich für sehr faul, und ich will mich erinnern, dass
du auch etwas ähnliches gesagt hast und zwar recht deutlich.
– Was soll ich denn tun?
– Geh mit den Kindern spazieren!
– Ich passe nicht für Kinder.
– Aber ich musste passen. Hör mal: eine Frau, die sagt, sie passe nicht
für Kinder, ist keine Frau. Ein Mann ist sie auch nicht! Was ist sie
denn?
– Pfui, pfui, dass du so von der Mutter deiner Kinder sprichst!
– Was sagt man von dem Mann, der nicht nach Frauen sieht? Sagt man nicht
etwas sehr Hässliches von ihm?
– Ich will nichts mehr hören.
Und darum verliess sie das Zimmer und schloss sich ein.
Sie wurde krank. Der Arzt, der allmächtige, der die Körper übernommen,
nachdem der Pastor die Seelen verloren, erklärte Landluft und Einsamkeit
für ungesund.
Man musste also wieder in die Stadt ziehen, damit sich die Frau ärztlich
behandeln lassen konnte.
Die Stadt hatte einen sehr guten Einfluss auf den Gesundheitszustand der
Frau, und die Rinnsteinluft gab ihren Wangen Farbe.
Der Advokat suchte sich Praxis, und die Gatten hatten Ableiter für ihre
Naturen, die sich nicht versöhnen konnten.
Seine Magd
oder
Debet und Kredit
Mr. Blackwood war Werkdirektor in Brooklyn und hatte sich mit Miss
Danckward verheiratet, die in die Ehe eine Mitgift moderner Anschauungen
brachte. Um seine geliebte Frau nicht als seine Magd sehen zu müssen,
hatte Mr. Blackwood sich mit ihr in einem Boardinghouse in Pension
gegeben.
Die Frau, die nichts zu tun hatte, verbrachte den Tag mit Musik und
Billardspiel und die halbe Nacht mit Gesprächen über die Frauenfrage und
Grogtrinken.
Der Mann hatte 5000 Dollar Gehalt; die lieferte er regelmässig an seine
Frau ab, damit die sie verwalte. Sie hatte 500 Dollar Nadelgeld, über
die sie selbst verfügte.
Da kam ein Kind. Ein Kindermädchen wurde angestellt, das mit 100 Dollar
den kostbaren Beruf der Mutter übernahm.
Es kamen noch zwei Kinder.
Und die Kinder wuchsen heran, und die beiden ältesten begannen in die
Schule zu gehen. Aber die Frau langweilte sich und hatte nichts zu tun.
Eines Tages kam sie angeheitert zum Frühstückstisch.
Der Mann nahm sich die Freiheit, sie daran zu erinnern, das sei
unpassend.
Sie wurde hysterisch und legte sich zu Bett, und alle Freundinnen des
Hauses warteten ihr mit Blumen auf.
– Warum trinkst du, fragte der Mann so zärtlich wie er nur konnte. Hast
du einen Kummer?
– Soll ich keinen Kummer haben, wo mein Leben verfehlt ist?
– Wieso verfehlt? Du hast drei Kinder geboren und könntest deinen Tag
dazu anwenden, sie zu erziehen.
– Ich eigne mich nicht für Kinder.
– Dann solltest du es lernen, mit Kindern umzugehen. Das ist eine Arbeit
für die Gesellschaft und eine ehrenvolle Lebensaufgabe, ehrenvoller als
Leiter einer Werft zu sein.
– Ja, wenn ich frei wäre.
– Du bist freier als ich. Ich stehe unter deiner Administration. Du
bestimmst von meinen Einkünften die Ausgaben. Du hast 500 Dollar
Nadelgeld, über die du frei verfügen kannst, aber ich habe kein
Nadelgeld. Ich muss aus der Kasse, das heisst von dir betteln, wenn ich
Tabak kaufen will. Bist du also nicht freier als ich?
Sie antwortete nicht, versuchte aber zu denken.
Das Resultat war, dass sie einen eigenen Haushalt haben müssten. Und sie
richteten einen eigenen Haushalt ein.
– Teure Freundin, schrieb Mrs. Blackwood einige Zeit nachher an ihre
Freundin, ich leide und bin todmüde. Aber ich will bis ans Ende leiden,
denn das Leben hat einer unglücklichen Frau, die für nichts zu leben
hat, nichts mehr zu bieten. Ich will der Welt zeigen, dass ich nicht die
bin, die von der Gnade ihres Mannes lebt, und darum will ich mich – tot
arbeiten ...
Sie stand am ersten Tag um neun Uhr auf und brachte das Zimmer ihres
Mannes in Ordnung. Dann verabschiedete sie die Köchin und ging um elf
Uhr fort, um einzukaufen.
Als der Mann um ein Uhr nach Haus kam, um Frühstück zu essen, war das
Essen nicht fertig. Das war die Schuld der Magd.
Die Frau war furchtbar müde und weinte. Der Mann hatte nicht das Herz,
sich zu beklagen. Und er ass ein verbranntes Kotelett und ging wieder.
Aber er sagte noch:
– Arbeite dich nicht ab, mein Kind!
Abends war die Frau so müde, dass sie einen Teil der Arbeit lassen und
um zehn Uhr zu Bett gehen musste.
Am nächsten Tage, als Mr. Blackwood ihr guten Morgen sagte, war er
erstaunt über die gesunde Farbe, die seine Frau hatte.
– Hast du gut geschlafen? fragte er.
– Wie so?
– Ich finde, du siehst so gesund aus.
– Sehe – ich – gesund – aus?
– Ja! Etwas Beschäftigung scheint dir gut zu tun.
– Etwas? Nennst du das etwas? Ich möchte wissen, was du dann viel
nennst?
– Nun nun, ich meinte es nicht böse.
– Doch, du meintest, ich arbeite zu wenig. Und doch habe ich wie eine
Magd dein Zimmer aufgeräumt und wie eine Köchin am Herd gestanden.
Vielleicht leugnest du auch, dass ich deine Magd bin?
Als der Mann ging, sagte er zum Mädchen:
– Sie müssen um sieben Uhr aufstehen und mein Zimmer aufräumen. Meine
Frau soll nicht Ihre Arbeit tun!
Am Abend kam Mr. Blackwood fröhlich nach Haus; aber seine Frau war böse.
– Warum darf ich dein Zimmer nicht aufräumen? fragte sie.
– Weil ich nicht will, dass du meine Magd bist.
– Warum willst du das denn nicht?
– Weil es mich quält!
– Aber es quält dich nicht, dass ich dein Essen koche und nach deinen
Kindern sehe?
Jetzt wurde er nachdenklich.
Während er mit der Trambahn nach Brooklyn fuhr, dachte er hin und her.
Als er abends heim kam, hatte er ein gut Stück gedacht.
– Hör mal, mein Kind, ich habe viel über deine Stellung im Hause
nachgedacht, und ich will natürlich nicht, dass du meine Magd sein
sollst. Ich habe daher so gedacht. Ich gebe mich bei dir in Pension und
bezahle für mich. Dann bist du Herrin im Hause und ich esse bei dir
gegen Bezahlung.
– Was meinst du? fragte seine Frau etwas unruhig.
– Wie ich sage. Wir nehmen an, du hältst ein Boardinghouse und ich gebe
mich bei dir in Pension. Wir nehmen es nur an.
– Gut! Was willst du bezahlen?
– Ich will natürlich so viel bezahlen, dass ich auf keinen Fall in
deiner Schuld stehe. Meine Stellung wird dadurch auch angenehmer, denn
ich erhalte dann nicht mehr alles aus Gnade.
– Aus Gnade?
– Ja, du setzest mir ein Essen vor, das nicht gargekocht ist, und
wiederholst unaufhörlich, du seist meine Magd, das heisst, du arbeitest
dich für mich ab.
– Wohinaus willst du?
– Sind drei Dollar täglich genug für meine Pension? Im Boardinghouse
bekomme ich sie für zwei.
– Drei Dollar müssen sehr gut reichen.
– Gut! Das sind jährlich rund 1000 Dollar. Sieh, hier hast du sie im
voraus!
Und er legte eine Rechnung auf den Tisch.
– Hier ist die Berechnung:
Miete 500 Dollar
Lohn des Kindermädchens 100 „
Lohn der Köchin 150 „
Unterhalt der Frau 500 „
Kleider der Frau 500 „
Unterhalt des Kindermädchens 300 „
Unterhalt der Köchin 300 „
Unterhalt der Kinder 700 „
Kleider der Kinder 500 „
Holz, Licht, Hilfe 500 „
––––––––––––
4050 Dollar
– Teile diese Summe mit zwei, da wir repartieren, so bleiben 2025 Dollar
übrig. Zieh meine 1000 ab und gib mir 1025 Dollar. Hast du sie bei dir,
um so besser.
– Repartieren? war das einzige Wort, das die Frau hervorbringen konnte.
Soll ich dich bezahlen?
– Ja, natürlich, wenn es gleich sein soll. Ich bezahle den halben
Unterhalt für dich und die Kinder. Oder willst du, dass ich alles
bezahle? Gut, dann bezahle ich also 4050 Dollar plus 1000 Dollar für
meine Pension. Aber ich bezahle besonders: Miete, Essen, Licht, Holz,
Bedienung. Was bekomme ich denn für meine Pension? Das Essen bereitet?
Das Essen bereitet für 4050 Dollar? Ziehe ich nun wirklich die Hälfte
ab, das heisst, was ich zu bezahlen schuldig bin, 2025 Dollar, so
bleiben 2025 für die Bereitung des Essens. Nun aber bezahle ich die
Köchin besonders für die Bereitung des Essens, wie kann ich da 2025 für
Bereitung des Essens bezahlen, und noch 1000 Dollar dazu?
– Das verstehe ich nicht!
– Ja, ich auch nicht. Aber das weiss ich, dass ich dir nichts schuldig
bin, wenn ich dir deinen ganzen Unterhalt, den ganzen Unterhalt deiner
Kinder, den ganzen Unterhalt deiner Mädchen bezahle; der Mädchen, die
deine Arbeit tun, die nach deiner Ansicht meiner gleichkommt oder sie
noch übertrifft. Auch wenn deine Arbeit mehr wert wäre, so hast du auch
500 Dollar extra, die von den Ausgaben des Hauses ausgenommen sind,
während ich nichts habe, das davon ausgeschlossen wäre.
– Ich wiederhole noch einmal, dass ich deine Berechnung nicht verstehe.
– Ich verstehe sie auch nicht! Vielleicht lassen wir deshalb diese
Pension. Das ist vielleicht das beste. Und stellen einfach das Debet und
Kredit des Hauses auf. Willst du dein Konto kennen lernen, hier hast du
es:
Mrs. Blackwood für Hilfe im Haus,
Mrs. Blackwoods Köchin und Kindermädchen geleistet:
Unterhalt mit Miete 1000 Dollar
Kleider 500 „
Vergnügungen 100 „
An Nadelgeld bar 500 „
Unterhalt für ihre Kinder 1200 „
Und Erziehung 600 „
Für die Mägde, die ihre Arbeit leisten 850 „
––––––––––––
4750 Dollar
Bezahlt: Mr. Blackwood, Werftleiter.
– Ah, es ist schändlich, seiner Frau mit Rechnungen zu kommen.
– Mit Gegenrechnungen! Und du brauchst auch die nicht zu bezahlen, denn
ich bezahle alle Rechnungen.
Die Frau knüllte das Papier zusammen.
– Soll ich auch die Erziehung deiner Kinder bezahlen?
– Nein, das will ich, und das tue ich, und ich bezahle die Erziehung
deiner Kinder auch! Aber du bezahlst nicht einen Cent für meine. Ist das
Gleichstellung? Aber ich will den Unterhalt meiner Kinder und meiner
Mägde abziehen: dann geniessest du noch 2100 Dollar für die Hilfe, die
du meinen Mägden im Haus leistest. Willst du noch mehr Berechnungen?
Sie wollte keine Berechnungen mehr, niemals mehr!