Sein Vater starb ihm früh, und seitdem war er in den Händen einer
Mutter, zweier Schwestern und einiger Tanten. Einen Bruder hatte er
nicht. Sie lebten auf einem Besitztum in der schwedischen Provinz
Södermanland und hatten keine Nachbarn, mit denen sie verkehren
„konnten.“ Im Alter von sieben Jahren erhielt er, zusammen mit den
Schwestern, eine Gouvernante, und gleichzeitig wurde eine Cousine ins
Haus aufgenommen.
Er schlief im selben Zimmer wie die Schwestern, spielte deren Spiele,
badete mit ihnen, und niemand dachte daran, dass er von anderem
Geschlecht sei als die Mädchen. Die älteren Schwestern nahmen ihn auch
bald in die Hand und wurden seine Schulmeister und Tyrannen.
Er war ein recht kräftiger Junge, aber der Zärtlichkeit so vieler
überlassen, wurde er allmählich verzärtelt und hilflos.
Einmal machte er einen Versuch, mit den Jungen der Instleute zu spielen.
Sie gingen in den Wald, kletterten auf die Bäume, plünderten die
Vogelnester, warfen Steine nach Eichhörnchen. Frithiof war glücklich,
als sei er aus einem Gefängnis entlassen, und kam nicht zum Mittagessen
zurück. Die Jungen pflückten Blaubeeren und badeten im See. Es war der
erste Tag seines Lebens, an dem er lustig gewesen.
Als er gegen Abend zurückkam, war grosse Aufregung im Hause. Die Mutter
war unruhig und betrübt, zeigte aber ohne Verstellung ihre Freude, ihn
wieder zu Hause zu haben; doch die unverheiratete Tante Agathe, die
ältere Schwester der Mutter, die Herrin im Hause war, wütete. Es sei ein
Verbrechen, wenn man ihn _nicht_ züchtige. Frithiof begriff nicht, worin
das Verbrechen bestand, aber Tante sagte, Ungehorsam sei ein Verbrechen.
Frithiof wendete ein, man habe ihm nie verboten, mit den Kindern der
Instleute zu spielen. Das habe man allerdings nicht, denn das sei
überhaupt nicht in Frage gekommen. Die Tante blieb bei ihrem Vorsatz und
vor den Augen der Mutter nahm sie den Jungen auf ihr Zimmer, um ihn
durchzuhauen. Er war acht Jahre alt und schon ziemlich gross.
Als die Tante sein Hosenbund anfasste, um ihm die Hosen abzuknöpfen,
überlief ihn ein Fieberschauer; der Atem blieb ihm im Hals stecken und
das Herz klopfte. Er schrie nicht, aber er starrte entsetzt die alte
Frau an, die ihn beinahe liebkosend hat, gehorsam zu sein und keinen
Widerstand zu leisten. Als sie aber seinen Körper entblösste, überfiel
ihn ein Gefühl von Scham und Wut: er sprang vom Sofa auf und schlug um
sich. Etwas Unreines, etwas Dunkles, Widriges schien von dieser Frau
auszugehen, und die Scham seines Geschlechts erhob sich wie gegen einen
Feind.
Aber die Tante wurde wütend, warf sich über ihn, legte ihn über einen
Stuhl, riss sein Hemd auf und schlug ihn. Zuerst schrie er aus Wut, denn
den Schmerz fühlte er nicht, strampelte konvulsivisch mit den Füssen, um
loszukommen; dann wurde er plötzlich still und schwieg.
Als die Alte aufhörte, blieb er liegen.
– Steh auf, sagte sie mit gebrochener Stimme.
Er stand auf und sah sie an. Sie war blass auf der einen Backe und rot
auf der andern. Die Augen leuchteten von einem dunkeln Feuer und sie
zitterte am ganzen Körper. Der Junge sah sie an, als sei sie ein böses
Tier, und lächelte überlegen, als fühle er sich in der Verachtung, die
sie ihm einflösste, hoch über ihr. Dann schleuderte er ihr ein einziges
trotziges verächtliches „Teufelin“ ins Gesicht, einen Ausdruck, den er
eben von den Kindern der Instleute gelernt hatte. Dann nahm er seine
Kleider und lief hinaus; hinunter zur Mutter, die weinend im Esssaal
sass.
Er wollte sich bei ihr beklagen, sie wagte ihn aber nicht zu trösten. Da
ging er in die Küche hinunter, wo die Mädchen ihm Rosinen zu essen
gaben.
Von diesem Tag an durfte er nicht mehr im Zimmer der Schwestern
schlafen, sondern wurde von der Mutter mit in ihre Schlafstube genommen.
Er fand es dort dumpf und langweilig, und wenn die Mutter in ihrer
Zärtlichkeit mehrere Male in der Nacht aufstand, um ihn zuzudecken,
wurde er in seinem Schlaf gestört und antwortete zornig auf ihre Fragen,
ob es ihm gut gehe.
Er durfte niemals ausgehen, ohne dass ihn jemand anzog, und er hatte so
viele wollene Halstücher, dass er nicht wusste, welches er nehmen
sollte. Schlich er sich hinaus, so wurde sofort durchs Fenster gerufen,
er solle hinaufkommen und etwas überziehen.
Die Spiele der Schwestern fingen an ihn zu quälen. Federballwerfen
genügte seinen starken Armen nicht mehr: die wollten Steine werfen. Bei
dem kleinlichen Krocketspiel, das weder Muskelanstrengung noch Verstand
verlangt, sich herumzuzanken, reizte seine Nerven.
Dann hatte er die Gouvernante auf dem Nacken. Sie sprach ihn französisch
an, während er schwedisch antwortete. Ein dumpfer Hass gegen das ganze
Dasein und seine Umgebung begann zu keimen.
Er sah auch bald eine Geringschätzung in der ungenierten Art, die man
sich in seiner Gegenwart erlaubte, und alle wurden ihm schliesslich
zuwider. Die Einzige, die auf seine Gefühle etwas Rücksicht nahm, war
die Mutter; so hatte sie einen grossen Schirm um sein Bett stellen
lassen.
Seine Zuflucht wurde schliesslich die Küche und die Mädchenstube; dort
fand er immer Zustimmung. Zuweilen bekam er dort jedoch Dinge zu hören,
welche die Neugier eines Knaben hätten reizen können, aber für ihn gab
es keine Geheimnisse. So war er einmal zufällig an die Badestelle der
Mädchen gekommen. Die Gouvernante hatte geschrieen, aber er verstand
nicht warum und fing mit den Mädchen, die nackt im Wasser standen oder
lagen, zu plaudern an. Ihre Nacktheit machte gar keinen Eindruck auf
ihn.
Er wuchs auf und wurde ein Jüngling. Nun musste man einen Inspektor
halten, der ihn die Landwirtschaft lehrte, denn er war ja dazu bestimmt,
einmal das Gut zu übernehmen. Man nahm einen alten Mann, der gläubig
gesinnt war. Dessen Gesellschaft war nicht gerade dazu angetan, den
Jüngling zu beleben, aber sie war immer noch besser, als er sie bisher
gehabt hatte. Er sah die Dinge von neuen Gesichtspunkten und war tätig.
Aber der Inspektor erhielt täglich und stündlich so viel Instruktionen
von den Damen, dass er schliesslich deren Sprachrohr wurde.
Mit sechzehn Jahren wurde Frithiof konfirmiert, bekam eine goldene Uhr
und durfte jetzt reiten; aber mit der Flinte in den Wald zu gehen, was
sein Traum war, das erlaubte man ihm nicht. Er hatte allerdings keine
Schläge mehr von seiner Erzfeindin zu fürchten, aber er hatte Angst vor
den Tränen der Mutter. Er blieb immer das Kind, und die Gewohnheit, das
Urteil der andern zu respektieren, konnte er nicht los werden.
* * * * *
Frithiof wuchs heran und wurde zwanzig Jahre alt. Eines Tages stand er
in der Küche und sah zu, wie die Köchin Barsche schuppte. Sie war ein
junges hübsches Mädchen von feiner Gesichtsfarbe. Er fing an mit ihr zu
scherzen, steckte ihr schliesslich seine Hand in den Rücken.
– Seien Sie doch artig, Herr Frithiof, sagte das Mädchen.
– Ich bin ja artig, sagte er und wurde zudringlich.
– Wenn die gnädige Frau kommt!
– Nun und?
In diesem Augenblick ging seine Mutter an der offenen Küchentür vorbei,
bog aber sofort ab und ging hinaus auf den Hof.
Frithiof fand die Situation peinlich und verschwand auf sein Zimmer.
Sie hatten einen neuen Gärtner bekommen. In ihrer Weisheit hatten die
Damen einen verheirateten genommen, damit er nicht hinter den Mägden
herlaufe. Das Unglück aber wollte, dass der Gärtner so lange verheiratet
gewesen war, dass die Frucht seiner Ehe in der lieblichen Gestalt einer
Tochter hatte reifen können.
Herr Frithiof entdeckte bald die schöne Blume unter den andern Rosen des
Gartens. Alles, was sich bei ihm an Wohlwollen gegen _die_ Hälfte der
Menschheit, zu der er nicht gehörte, angesammelt hatte, begann sich
jetzt diesem jungen Mädchen gegenüber, das verhältnismässig fein
gewachsen war und etwas Erziehung erhalten hatte, zu äussern.
Er ging oft in den Garten und plauderte lange mit ihr, wenn sie an einem
Beet arbeitete oder Blumen pflückte. Sie aber verhielt sich ablehnend
gegen ihn; doch wuchs dadurch seine Neigung nur noch mehr.
Eines Tages ritt er durch den Wald und hatte wieder wie gewöhnlich
Hallucinationen von ihrer Gestalt, die für ihn die Natur des
Vollkommenen angenommen. Er war krank vor Sehnsucht, allein in ihrer
Nähe zu sein, ohne fürchten zu müssen, dass jemand darüber unwillig
werde. Dieses Glück hatte für seine erhitzte Einbildung so
ungeheuerliche Proportionen angenommen, dass er ohne sie nicht mehr
leben wollte.
Das Pferd ging Schritt vor Schritt mit losen Zügeln den Pfad dahin,
während der Reiter auf seinem Rücken in Gedanken versank. Plötzlich sah
er etwas Helles zwischen den Bäumen schimmern, und hervor trat das
Mädchen des Gärtners. Herr Frithiof stieg ab und grüsste. Dann gingen
sie zusammen weiter und plauderten, während er das Pferd hinter sich
herzog. Er sprach in dunkeln Worten von seiner Liebe zu ihr; sie aber
wies jeden Antrag zurück.
– Warum sollen wir von dem Unmöglichen sprechen, sagte sie.
– Was ist unmöglich? rief er aus.
– Für mich als armes Mädchen ist es unmöglich, die Frau eines reichen
und feinen Herrn zu werden.
Die Bemerkung war richtig, und Herr Frithiof fühlte sich geschlagen.
Seine Liebe war grenzenlos, aber er sah keine Möglichkeit, seine Hindin
durch die Koppel zu führen, die Haus und Hof bewachte; die würde sie
sicher in Stücke reissen.
Nach diesem Gespräch überliess er sich einer stillen Verzweiflung.
Im Herbst zog der Gärtner fort, ohne dass man erfuhr, warum. Herr
Frithiof war sechs Wochen lang untröstlich, denn er hatte seine erste
und einzige Liebe verloren: nie würde er wieder lieben.
* * * * *
So verging der Herbst. Um die Weihnachtszeit liess sich der neue
Kreisarzt in der Nachbarschaft nieder. Er hatte erwachsene Kinder, und
da die Tanten immer krank waren, fingen sie an mit der Familie zu
verkehren. Unter den erwachsenen Kindern befand sich auch ein Mädchen.
Es dauerte nicht lange, bis Herr Frithiof sterblich in sie verliebt war.
Er schämte sich zuerst, dass er der ersten untreu werde, bekehrte sich
aber schnell zu der Ansicht, die Liebe müsse etwas Unpersönliches sein,
da sie ihren Gegenstand wechseln könne; es schien eine Vollmacht zu
sein, die auf den Inhaber ausgestellt ist.
Sobald diese neue Neigung von seinen Wächterinnen gewittert wurde, bat
die Mutter ihren Sohn um ein Gespräch unter vier Augen.
– Du bist jetzt in den Jahren, begann sie, in denen sich ein Mann nach
einer Frau umzusehen pflegt.
– Das ist bereits geschehen, liebe Mama, sagte er.
– Ich fürchte, du hast dich übereilt, sagte sie. Das Mädchen, das du
gewählt haben willst, besitzt nicht die moralischen Grundsätze, die ein
gebildeter Mann verlangen muss.
– Was? Amaliens moralische Grundsätze! Wer hat etwas gegen die zu sagen?
– Ich will nichts Böses von ihr sagen, aber ihr Vater ist, wie du
weisst, ein Freidenker ...
– Es freut mich, dass ich mit einem Mann verwandt werde, der frei denkt,
ohne auf Interessen Rücksicht zu nehmen.
– Lassen wir ihn; aber, Frithiof, du hast ältere Verpflichtungen.
– Was? Sollte ...
– Ja, du hast mit Luises Herz gespielt ...
– Meinst du die Cousine?
– Ja! Habt ihr euch nicht seit der Kindheit als ein künftiges Paar
betrachtet? Glaubst du nicht, dass sie ihre Hoffnung und ihre Zukunft
auf dich gesetzt hat?
– Ihr, ihr habt mit uns gespielt, habt uns zusammen gehetzt, nicht ich!
antwortete der Sohn.
– Aber denk doch an deine alte Mutter und deine Schwestern, Frithiof.
Willst du in dieses Haus, das immer unser aller Heim gewesen ist, ein
wildfremdes Mädchen bringen, das das Recht besitzt, über uns zu
befehlen.
– Das ist also der Grund! Luise ist zur Herrin auserkoren!
– Niemand ist auserkoren, aber eine Mutter hat immer das Recht, die
künftige Frau ihres Sohnes auszuwählen, und niemand kann das so gut wie
sie. Zweifelst du an meinen guten Absichten? Sag, kannst du deine eigene
Mutter in Verdacht haben, dass sie dir schaden will?
– Nein, das kann ich nicht, aber ich – liebe Luise nicht; ich habe sie
gern wie eine Schwester, aber ...
– Lieben? Ach die Liebe ist ein so unbeständiges Ding. Auf die kann man
sich nicht verlassen, die verschwindet wieder, aber Freundschaft,
Übereinstimmung in Ansichten und Gewohnheiten, gemeinsame Interessen,
genaue Bekanntschaft mit einander bilden die beste Garantien für das
eheliche Glück. Luise ist ein tüchtiges Mädchen, häuslich und
ordentlich, und sie wird dein Heim so glücklich machen, wie du es nur
wünschen kannst.
Frithiof sah keine andere Aussicht, für dieses Mal noch loszukommen, als
dadurch, dass er um Bedenkzeit bat.
Inzwischen wurden die Damen auf einmal so gesund, dass sie keinen Arzt
mehr nötig hatten. Der Doktor machte doch noch einen Besuch, wurde aber
wie ein Einbrecher empfangen, der Schlösser und Riegel auskundschaften
wollte. Er war ein scharfsichtiger Mann und sah sofort, wie es bestellt
war. Frithiof machte einen Gegenbesuch, wurde aber als falscher Angeber
aufgenommen. Damit war es aus mit dem Verkehr.
* * * * *
Frithiof wurde mündig.
Jetzt begann man Sturm zu laufen. Die Tanten krochen vor ihm und zeigten
dem neuen Herrn ihre Unentbehrlichkeit, indem sie ihn wie ein
unverständiges Kind behandelten. Die Schwestern zeigten sich
mütterlicher als je, und Luise begann Toilette zu machen. Sie schnürte
sich und brannte sich das Haar. Sie war durchaus kein hässliches
Mädchen, aber sie hatte einen kalten Blick und eine scharfe Zunge.
Für Frithiof war sie gleichgültig, geschlechtslos; er hatte nie das
Mädchen in ihr gesehen. Jetzt aber, nachdem die Mutter von ihr
gesprochen, fühlte er sich verlegen in ihrer Nähe, besonders da sie zu
kleben anfing. Er traf sie überall, auf der Treppe, im Garten, sogar im
Stall. Eines Morgens, als er noch zu Bett lag, kam sie auf sein Zimmer,
um Stecknadeln zu holen; sie trug einen Frisiermantel und spielte die
Schüchterne.
Sie begann ihm widrig zu werden, aber doch beschäftigte sie seine
Gedanken.
Inzwischen erneuerte die Mutter ihre Gespräche mit dem Sohn, und Tanten
und Schwestern spielten unaufhörlich auf die erwartete Hochzeit an.
Das Leben wurde dem jungen Mann unerträglich. Er sah keinen Ausweg aus
diesem Netz. Luise war wohl etwas anderes für ihn geworden als die
Schwester und die Kameradin, aber sie war ihm darum nicht lieber
geworden; doch indem er an die Möglichkeit einer ehelichen Verbindung
dachte, war sie für ihn schliesslich zum Weib geworden, zwar zu einem
unsympathischen, aber doch zu einem Weib. Die Heirat bedeutete immerhin
eine Veränderung seiner Stellung und vielleicht eine Rettung aus der
Knechtschaft. Er bekam im ganzen Kirchspiel kein anderes Mädchen zu
sehen, und sie war vielleicht ebenso gut oder ebenso schlecht wie eine
andere.
Schliesslich ging er zur Mutter und sagte ihr, unter welchen Bedingungen
er sich mit Luise verheiraten wolle: eigener Haushalt im Flügelgebäude
und eigener Tisch; auch solle die Mutter für ihn freien, denn das könne
er nicht über sich gewinnen.
Der Kompromiss wurde angenommen, und man führte Luise herein, um
Frithiofs Umarmung und schüchternen Kuss zu empfangen. Sie weinten alle
beide; warum sie weinten, wussten sie nicht; aber sie schämten sich vor
einander den ganzen Tag über bis zum Abend.
Dann war alles wie vorher zwischen ihnen, aber die Mütterlichkeit der
Tanten und Schwestern kannte jetzt keine Grenzen mehr. Sie richteten den
Flügel ein, stellten die Möbel auf, verteilten die Zimmer, bestimmten
alles. Frithiof wurde nicht gefragt.
Dann begann man die Hochzeit zu rüsten. Alte Verwandte, die in der
Provinz begraben waren, wurden aufgesucht und als Trauzeugen geladen.
Die Hochzeit fand statt.
Am Morgen nach der Hochzeit war Herr Frithiof früh auf den Beinen. Er
verliess die Schlafstube so schnell wie möglich, indem er vorgab, eine
wichtige Arbeit auf dem Felde verrichten zu müssen. Luise, die noch
schläfrig war, hatte nichts dagegen einzuwenden; aber gerade als er
gehen wollte, sagte sie:
– Du vergisst doch nicht, dass um elf Uhr Frühstück ist.
Das sagte sie wie einen Befehl.
Er ging in sein Zimmer, zog Jagdrock und Wasserstiefel an und nahm seine
Flinte, die er in einem Schrank versteckt hielt. Dann ging er in den
Wald.
Es war ein schöner Oktobermorgen mit Rauhreif. Er ging sehr schnell, als
fürchte er, zurückgerufen zu werden, oder als fliehe er vor etwas. Die
frische Waldluft wirkte wie ein Bad. Er fühlte sich frei, und es war das
erste Mal, dass er seine Freiheit benutzte, um mit der Flinte
auszugehen. Aber diese körperliche Freiheit war nur vorübergehend.
Bisher hatte er wenigstens sein Schlafzimmer für sich gehabt. Über seine
Gedanken am Tage und seine Träume bei Nacht hatte er geherrscht. Das war
aus. Besonders quälte ihn der Gedanke, das gemeinsame Schlafzimmer sei
etwas Garstiges. Jede Scham wurde wie eine Maske abgeworfen, jedes
Feingefühl abgelegt, jede Illusion von dem „hohen Ursprung“ des Menschen
zerstört; nur das Tier vor sich zu haben, war zu viel für ihn, da er ja
von Idealisten erzogen war. Nie hätte er geglaubt, dass die Heuchelei
des Zusammenlebens so gross sein könne, und dass nur die Furcht vor den
Folgen der Kern des unsagbar Weiblichen sei. Wenn es aber die Tochter
des Arztes oder des Gärtners gewesen wäre? Dann wäre die Einsamkeit mit
ihr eine Seligkeit gewesen, während sie jetzt bedrückte und unschön war;
dann hätte die rohe Begierde, eine Neugier und ein Bedürfnis zu
befriedigen, die Form eines Rausches angenommen, der wie der Rausch mehr
seelisch als körperlich war.
Er streifte durch den Wald, ohne ein Ziel zu haben, ohne zu wissen, was
er schiessen solle; er empfand nur eine dunkle Lust, die Flinte knallen
zu hören und ein Tier fallen zu sehen; aber er erblickte nichts. Die
Vögel waren schon fortgezogen. Nur ein Eichhörnchen hüpfte auf einem
Kiefernstamm herum und guckte ihn mit seinen Glotzaugen an. Er warf die
Flinte an die Backe und drückte ab; aber das schnelle Tier war schon auf
der andern Seite des Stammes, als die Hagelkörner einschlugen. Doch
machte der Knall einen angenehmen Eindruck auf seine Nerven.
Er verliess den Fusssteig und ging in den Niederwald. Wo er einen Pilz
aufragen sah, trat er ihn entzwei. Er war in einer rechten
Zerstörungslaune. Er sehnte sich danach, eine Schlange zu sehen, um sie
zu zertreten oder einen Schuss auf sie abzugeben.
Dann aber überkam ihn der Gedanke, dass er heim müsse, und dass es sein
Hochzeitsmorgen sei. Die Vorstellung, welche zudringlichen Blicke er
auszuhalten haben werde, wirkte so stark auf ihn, als solle er für ein
Verbrechen entlarvt werden, ein Verbrechen gegen die Sitte und, was mehr
war, gegen die Natur. Er wäre am liebsten aus der Welt geflohen, aber
wie sollte er das anfangen?
Schliesslich wurden die Gedanken müde, immer dieselben Kreise zu ziehen,
und er hatte zuletzt nur noch die eine Empfindung, dass er hungrig sei.
Er ging daher nach Haus, um Frühstück zu essen.
Als er auf den Hof kam, standen alle Hochzeitsgäste, die übernachtet
hatten, auf der Treppe des Vorbaus und begrüssten ihn mit scherzhaften
Hurrarufen. Mit unsicheren Schritten ging er über den Hof und hörte mit
schlecht verborgenen Gefühlen die scherzhaften Fragen der Gäste nach
seinem Befinden an. Er riss sich von ihnen los und eilte ins Haus, ohne
zu bemerken, dass seine Frau in der Gruppe stand und darauf wartete,
dass er sie begrüsse.
Am Frühstückstisch machte er eine Folter durch, die er glaubte nie
wieder vergessen zu können: die Stichelreden der Gäste stachen ihn und
die Liebkosungen seiner Frau brannten ihn. Sein Freudentag war der
widrigste, den er erlebt hatte.
* * * * *
Als einige Monate vergangen waren, hatte sich die junge Frau als Herrin
im Hause eingerichtet, unter dem Beistand von Tanten und Schwestern.
Frithiof blieb immer der Jüngste und Unverständigste. Man fragte ihn um
Rat, befolgte seine Ratschläge aber nicht; man sorgte immer noch für
ihn, als sei er noch ein Kind. Dass er mit seiner Frau allein ass,
erwies sich bald als unmöglich, denn er schwieg eigensinnig; Luise hielt
es nicht aus, sondern musste einen Blitzableiter haben: eine Schwester
zog in den Flügel.
Mehrere Male machte Frithiof den Versuch, sich zu emanzipieren, wurde
aber immer von der Übermacht zurückgeschlagen; ihrer waren zu viele, und
sie redeten so lange auf ihn ein, bis er in den Wald floh.
Die Abende wurden jetzt ein Schrecken für ihn. Er hasste die
Schlafstube, ging dahin wie zum Richtplatz. Er wurde scheu und blieb für
sich allein.
Sie waren ein Jahr verheiratet gewesen, ohne ein Kind zu bekommen, als
die Mutter ihn eines Tages beiseite nahm, um mit ihm zu sprechen.
– Würdest du nicht erfreut sein, wenn du einen Sohn bekämst, fragte sie.
– Gewiss, antwortete er.
– Du bist nicht nett gegen deine Frau, sagte die Mutter so milde wie
möglich.
Da brauste er auf.
– Was? Was? Habt ihr etwas auszusetzen? Verlangt man, dass ich
tagewerken soll? Hm! Luise ist ganz anders, als ihr glaubt! Aber wen
geht das etwas an? Formuliere die Anklage so, dass ich darauf antworten
kann.
Nein, dazu hatte die Mutter keine Lust!
Er entdeckte jetzt in seiner Einsamkeit, dass der Inspektor ein junger
Mann sei, der gern Karten spielte und gern trank. Er suchte dessen
Gesellschaft und vertrieb sich die Abende auf dessen Zimmer; kam spät in
die Schlafstube, so spät wie möglich.
Eines Abends lag seine Frau noch wach und wartete auf ihn.
– Wo bist du gewesen? fragte sie scharf und bestimmt.
– Das geht dich nichts an, antwortete er.
– Es ist nicht angenehm, auf die Weise verheiratet zu sein. Wenn wir
wenigstens ein Kind hätten.
– Das ist nicht meine Schuld!
– Meine auch nicht.
Und nun entspann sich ein Streit darüber, wessen Schuld es sei, und der
dauerte zwei Jahre.
Da keiner den einfachen Ausweg einschlagen wollte, den sachverständigen
Arzt zu fragen, kam es zu dem gewöhnlichen Ergebnis: der Mann wurde
lächerlich und die Frau tragisch. Eine kinderlose Frau sei heilig, denn
„Gottes“ Fluch ruhe aus unbekannten Gründen auf ihr. Dass „Gott“ sich so
weit herablassen werde, einen Mann in den Bann zu tun, das konnten sich
die Frauen nicht vorstellen.
Aber Herr Frithiof fühlte deutlich, dass ein Fluch auf seinem Dasein
lag, denn es war düster und ungesund. Die Natur hatte zwei Geschlechter
geschaffen, die einander unter gewissen Verhältnissen als Freunde
suchen, aber unter andern Verhältnissen als Feinde auftreten. Er hatte
das andere Geschlecht als Feind getroffen, und zwar als übermächtigen
Feind.
Eines Tages fragte eine der Schwestern, während sie mit einer Näharbeit
beschäftigt war, wie zufällig Frithiof, was das Wort Kapaun bedeute.
Er antwortete nicht, sah sie scharf an, fand aber, dass sie nicht
Bescheid wusste, sondern wahrscheinlich gelauscht hatte und ihre Neugier
nicht unterdrücken konnte.
Jetzt war sein Leben vergiftet. Er war lächerlich. Und er wurde
misstrauisch. Alles, was er hörte und sah, brachte er in Zusammenhang
mit dieser Beschuldigung. Schliesslich geriet er ausser sich und
verführte ein Dienstmädchen.
Mit dem erwünschten Erfolg! Er wurde Vater!
Jetzt aber war Luise eine Märtyrerin und Frithiof ein Elender. An das
letzte kehrte er sich nicht, denn seine Ehre war gerettet; es galt
nämlich für eine Ehre, ohne Gebrechen zu sein, nicht für ein Glück.
Aber durch dieses Ereignis war Luises Eifersucht geweckt, und, seltsam,
eine Art Liebe zu ihrem Mann begann zu erwachen. Eine Liebe, die ihm
recht lästig wurde, denn sie äusserte sich in einem unermüdlichen
Bewachen und einer nervösen Zudringlichkeit; zuweilen mit einem
mütterlichen Wohlwollen, das keine Grenzen kannte. Sie wollte nachsehen,
ob die Flinte geladen sei; sie bat ihn auf Knien, sich beim Ausgehen
warm anzuziehen ... Im Hause war sie pedantisch, räumte und staubte den
ganzen Tag; liess jeden Sonnabend scheuern, klopfte Teppiche und lüftete
Kleider. Er hatte keine Ruhe mehr und konnte nie sicher sein, dass man
ihn nicht aus seinem Zimmer jagte, um es reinzumachen.
Seine Arbeit füllte seine Zeit nicht aus, denn der Hof wurde von den
Frauen verwaltet. Er begann Landwirtschaft zu studieren und wollte
Verbesserungen einführen, wurde aber daran gehindert. Als er allein zu
herrschen versuchte, machte man ihm jede Tätigkeit unmöglich.
Schliesslich wurde er müde. Er hatte längst zu sprechen aufgehört, weil
er immer sicher war, dass man ihm widersprach. Durch Mangel an
gleichdenkenden Kameraden und Unglücksgenossen wurde sein Verstand
allmählich stumpf; sein Nervensystem war ruiniert; er vernachlässigte
sein Aussehen und begann zu trinken.
Bald war er kaum noch zu Haus. Oft lag er betrunken im Gasthaus oder bei
Bauern. Er trank mit jedem und ohne aufzuhören. Es war ihm eine
Linderung, sein Gehirn durch Alkohol in Arbeit zu setzen, und dann
konnte er sprechen. Es war schwer zu entscheiden, ob er trank, um mit
jemand sprechen zu können, der nicht widersprach; oder ob er trank, um
zu trinken.
Um sich Geld zu schaffen, verkaufte er an die Bauern heimlich Vorrechte
oder Getreide, denn die Kassen wurden von den Frauen verwaltet.
Schliesslich brach er in seine eigene Kasse ein und stahl.
Man hatte jetzt immer einen kirchlich gesinnten Inspektor, denn der
letzte war wegen Trunksucht verabschiedet. Als man endlich, mit Hilfe
des Pastors, so weit gekommen war, dass dem Gastwirt der Verkauf von
Alkohol verboten wurde, begann Herr Frithiof mit den Knechten zu
trinken. Skandal folgte auf Skandal.
Herr Frithiof wurde schliesslich ein ausgebildeter Trinker, der die
Fallsucht bekam, wenn man ihm nicht etwas Starkes zu trinken gab.
Schliesslich musste er in eine Anstalt gebracht werden, um dort als
unheilbar zu bleiben.
In hellen Zwischenstunden, wenn er sein Leben überschauen konnte,
empfand er ein tiefes Mitleid mit allen jungen Mädchen, die an
ungeliebte Männer verheiratet werden; er fühlte es um so tiefer, als er
den ganzen Fluch, den die Vergewaltigung der Natur zur Folge hat, am
eigenen Leibe erfahren hatte; und er war doch nur ein Mann.
Er suchte die Ursache zu seinem Unglück in der Familie als
wirtschaftlicher Einrichtung; die verhindert ja, dass das Kind zur
rechten Zeit für ein selbständiges Leben als Individuum frei wird.
Seine Frau klagte er niemals an, denn sie war wohl ebenso unglücklich
wie er, ein Opfer derselben Missverhältnisse, die man mit dem Namen
Gesetz ehrt.