Fruchtbarkeit

Er war Hilfsarbeiter im Handelsamt mit zwölfhundert Kronen Gehalt. Er

hatte ein junges Mädchen ohne Mitgift geheiratet; aus Liebe, wie er

selber erklärte; um nicht mehr auf Bällen und Strassen umherlaufen zu

müssen, wie seine Freunde meinten. Jedenfalls war das Zusammenleben des

Paares anfangs glücklich.

– Wie billig es ist, als Verheiratete zu leben, rief er eines Tages aus,

nachdem die Hochzeit überstanden war. Die selbe Summe, die kaum

verschlug, als man Junggeselle war, reicht jetzt für Mann und Frau. Die

Ehe ist doch eine ausgezeichnete Erfindung. Man hat alles zwischen

seinen vier Wänden: Wohnung, Kneipe, Café – alles. Keine Speisekarte

mehr, kein Trinkgeld, kein neugieriger Portier, wenn man morgens mit

seiner Frau ausgeht.

Das Leben lächelte ihm, seine Kräfte wuchsen und er arbeitete wie ein

ganzer Mann. Noch nie hatte er sich so voll überströmender Lebenskraft

gefühlt; des Morgens sprang er elastisch und bei allerbester Laune aus

dem Bett; er war verjüngt.

Als zwei Monate verstrichen waren, noch ehe sich die Langeweile

eingefunden hatte, teilte ihm die Frau gewisse Hoffnungen mit. Neue

Freude, neue Sorgen, aber so angenehm zu tragen! Es war notwendig,

sofort die Einkünfte zu vermehren, um den unbekannten Weltbürger würdig

empfangen zu können. Er ging hin und verschaffte sich eine Übersetzung.

Niedliche Kinderkleidchen lagen auf den Möbeln umher, im Flur stand die

Wiege und wartete, und das Kindchen kam gesund auf die Welt der Sorgen.

Der Vater war entzückt. Doch konnte er sich einer gewissen Angst nicht

erwehren, wenn er an die Zukunft dachte. Ausgaben und Einkünfte wollten

sich nicht die Wage halten. Es war nichts anderes zu machen, als sich in

der Kleidung etwas einzuschränken. Der Gehrock begann in den Nähten zu

glänzen, die Hemdbrust wurde unter einer grossen Krawatte verborgen, die

Hosen bekamen Fransen. Die Diener im Amt verachteten ihn allerdings

wegen dieser schäbigen Kleidung.

Ausserdem sah er sich gezwungen, seinen Arbeitstag zu verlängern.

– Jetzt muss man aber Schluss machen mit diesen kleinen Dingern, sagte

er sich. Doch wie soll man das anfangen?

Das wusste er nicht.

* * * * *

Drei Monate später bereitete seine Frau ihn in gewählten Worten darauf

vor, dass sich seine Vaterfreude bald verdoppeln werde. Sehr freuen tat

er sich über diese Mitteilung nicht. Aber es kam jetzt darauf an, den

einmal eingeschlagenen Weg zu Ende zu gehen, wenn sich auch die Ehe als

eine durchaus nicht billige Sache erwies.

– Es ist wahr, dachte er und sah heiterer aus, der Jüngere erbt die

Windeln des Älteren! Auf diese Weise kostet er nichts. Übrigens leben

werden sie schon, sie ebenso gut wie andere.

Er wurde Vater zum zweiten Mal.

– Du gehst ja tüchtig ins Zeug, liess sich ein Kamerad hören, der

verheiratet war, aber nur ein Kind hatte.

– Was soll man machen?

– Man muss verständig sein!

– Verständig? Hör mal, mein guter Freund, man verheiratet sich doch, um

... ich meine, nicht nur um ... aber jedenfalls auch um ... Wir sind

eben verheiratet, und da ist die Sache doch klar.

– Durchaus nicht. Etwas anderes, Freund: wenn du die Mittel erhalten

willst, ein frisch gestärktes Hemd zu tragen, und dir an Beförderung

liegt, so ist es durchaus notwendig, dass du Hosen ohne Fransen hast und

einen Hut, der nicht in Rotbraun übergeht.

Und der Verständige flüsterte ihm verständige Worte ins Ohr.

So war denn der arme Ehemann, der es so gut zu haben glaubte, auf halbe

Kost gesetzt.

Jetzt begannen die Wirrungen.

Zuerst waren die Nerven überreizt, die Nächte schlaflos, die Arbeit am

Tage schlecht. Dann kam der Arzt. Drei Kronen für jedes Rezept. Und was

für ein Rezept! Er müsse sich der Arbeit enthalten. Er habe zu viel

gearbeitet, sein Gehirn sei überanstrengt. Aber nichts tun, das wäre ja

der Tod für sie alle! Und arbeiten, das sollte auch der Tod sein!

Und er arbeitete!

Eines Tages, als er auf dem Amt sass, und sich über die endlosen

Zahlenreihen beugte, bekam er einen Schwindel und sank zu Boden.

Ein Besuch bei einem Arzt, der Spezialist war – achtzehn Kronen. Neue

Verordnung: Urlaub infolge von Kränklichkeit, eine ordentliche Reittour

jeden Morgen, zum Frühstück Beefsteak mit einem Glas Portwein.

Reiten und Portwein!

Was aber schlimmer war, eine gewisse Kälte gegen die geliebte Frau stieg

in ihm auf; woher sie kam, wusste er nicht. Er hatte Furcht, sich ihr zu

nähern, und zu gleicher Zeit fühlte er ein Verlangen nach ihr; er liebte

sie, liebte sie noch immer, aber dieses Gefühl war mit einer gewissen

Bitterkeit gemischt.

– Du magerst ab, sagte ein Kamerad.

– Ja, ich glaube wirklich, ich bin mager geworden, erwiderte der arme

Ehemann.

– Du spielst ein falsches Spiel, alter Junge!

– Ich begreife nicht!

– Ein verheirateter Mann mit Halbtrauer! Nimm dich in Acht, mein Freund!

– Ich verstehe wahrhaftig nicht ein Wort von dem, was du sagst.

– Gegen den Wind fahren, geht auf die Dauer nicht. Nein, brasse nur

voll, du, und du wirst sehen, dass alles wieder gut wird. Glaub mir, ich

kenne das. Die Anspielung verstehst du doch!

Er liess die guten Ratschläge vorläufig liegen, wohl wissend, dass sich

die Einkünfte nicht im Verhältnis zu den Kindern vermehren, aber

überzeugt, dass er jetzt die Wurzel zu seiner Krankheit gefunden hatte.

* * * * *

Der Sommer war gekommen. Die Familie war aufs Land gezogen. An einem

schönen Abend waren die Gatten allein spazieren gegangen, an dem steilen

Seeufer entlang, das von eben grün gewordenen Erlen beschattet wurde.

Sie setzten sich ins Gras, still und niedergeschlagen. Er war finster

und mutlos; düstere Gedanken arbeiteten in seinem schmerzenden Gehirn.

Das Leben kam ihm wie ein Abgrund vor, der sich öffnete, um sie alle zu

verschlingen, alle, die er so liebte.

Sie begannen davon zu sprechen, dass er bald seine Stellung verlieren

werde; sein Chef hatte es nämlich übel aufgenommen, dass er neuen Urlaub

verlangt. Er beklagte sich über das Betragen der Kameraden, er fühlte

sich von allen verlassen; besonders aber leide er darunter, dass sie

seiner müde sei.

Nein, keineswegs, sie liebe ihn noch immer ebenso sehr wie in den

glücklichen Tagen, als sie sich eben verlobt! Könne er daran zweifeln?

Nein, aber er habe so viel gelitten, dass er nicht Herr seiner Gedanken

sei.

Und er drückte seine glühende Wange an ihre, legte seinen Arm um ihren

Leib und bedeckte ihre Augen mit heissen Küssen.

Die Mücken tanzten ihren Hochzeitstanz über der Birke, ohne sich um die

Tausende von Jungen zu kümmern, die ihre erlaubte Lust zur Welt bringen

würde; im Schilf laichten die Hechte, sorglos Millionen ihrer Brut

absetzend; die Schwalben küssten sich am hellen Tage, auf ihrem Flug

durchaus nicht ängstlich vor den Folgen solcher unregelmässiger

Liebesverbindungen.

Auf ein Mal sprang er auf und reckte sich, als habe er in einem langen

Schlaf schwer geträumt, und atmete in tiefen Zügen die warme Luft ein.

– Was ist dir? flüsterte seine Frau, indem sie tief errötete.

– Ich weiss nicht. Das aber weiss ich, dass ich lebe, das ich wieder

atme!

Und strahlend, mit heiterem Gesicht und glänzenden Augen, streckte er

seine starken Arme nach ihr aus, hob sie in die Höhe wie ein Kind und

drückte einen Kuss auf ihre Stirn. Seine Wadenmuskeln schwollen wie bei

einem antiken Gott, der Rumpf richtete sich elastisch wie ein junger

Baum, und berauscht von Glück und Lebenskraft, trug er seine liebe Last

bis zum Fusssteig, wo er sie niedersetzte.

– Du verhebst dich, Geliebter, sagte sie abwehrend, indem sie sich

vergebens aus seinen Armen loszumachen suchte.

– Ach nein! Ich könnte dich bis ans Ende der Welt tragen, und ich werde

euch alle tragen, so viele ihr auch seid und (fügte er hinzu) so viele

ihr auch werdet!

Und voller Freude gingen sie Arm in Arm nach Haus.

– Wenn alles zusammenkommt, Geliebte, muss man zugeben, dass es doch

sehr leicht ist, über jenen Abgrund zu springen, der Körper und Seele

trennt.

– Wie du sprichst!

– Hätte ich das nur früher gewusst, so wäre ich weniger unglücklich

gewesen. O diese Idealisten!

Und sie traten in ihre Häuslichkeit.

Die alte gute Zeit beginnt aufs neue, und die bessere neue scheint von

Dauer zu sein. Der Mann geht wieder in sein Bureau. Die Gatten erleben

noch einmal den Liebesfrühling. Einen Doktor braucht man nicht mehr, und

immer ist man bester Laune.

* * * * *

Nach der dritten Taufe findet der Mann die Sache bedenklich und beginnt

wieder das falsche Spiel, mit den gleichen Folgen wie früher: Doktor,

Urlaub, Reiten, Portwein! Man muss ein Ende machen. Und jedes Mal zeigt

sich ein Fehlbetrag im Budget.

Als aber schliesslich sein ganzes Nervensystem aus den Fugen geriet,

musste er der Natur ihren Lauf lassen. Und sofort stieg die Ausgabe und

sank die Einnahme.

Allerdings war er nicht arm, aber reich auch nicht.

– Um die Wahrheit zu sagen, liebe Alte, es wird wieder genau dieselbe

Geschichte wie früher, sagte er.

– Beinahe, lieber Freund, antwortete die arme Frau, die ausser ihren

Mutterpflichten alle Arbeiten einer Magd zu besorgen hatte.

Nach dem vierten Kindbett wurde es ihr zu schwer, und man war gezwungen,

ein Kindermädchen zu halten.

– Jetzt muss es genug sein, gestand der trostlose Gatte. Hier machen wir

Punkt.

Die Armut grinste sie an. Das Fundament, auf dem das Haus gebaut war,

begann zu sinken.

Und mit dreissig Jahren, dem reifen Alter, da alle Blumen befruchtet

werden müssten, sahen die jungen Gatten sich auf ein schändliches

Zölibat angewiesen. Der Mann wurde mürrisch, sein Gesicht färbte sich

aschgrau und sein Blick erlosch. Die reiche Schönheit der Frau welkte,

ihr kräftiger Busen fiel ein; dazu hatte sie alle Leiden einer Mutter

auszustehen, die ihre Kinder blutarm und schlecht gekleidet sieht.

Eines Tages stand sie am Herd und briet Hering, als eine Frau aus der

Nachbarschaft kam, um mit ihr zu plaudern.

– Wie geht es ihnen, begann sie.

– Danke, so ziemlich! Und Ihnen?

– Ach, ich bin recht schwächlich! Es ist nichts los mit der Ehe, wenn

man beständig auf seiner Hut sein muss.

– Glauben Sie, Sie sind die einzige?

– Was?

– Wissen Sie, was er zu mir gesagt hat? Man muss das Zugvieh schonen!

Und ich leide, das können Sie mir glauben! Schön ist es nicht,

verheiratet zu sein! Er oder sie muss es fühlen. Das kommt auf eins

heraus.

– Oder alle beide!

– Man scheint nichts dabei machen zu können.

– Aber die Gelehrten, die sich auf Staatskosten den Bauch mästen?

– Die Gelehrten, ja, die haben an so viel anderes zu denken, und

übrigens ist es ja unpassend, über solche Dinge zu schreiben: man könnte

sie nicht laut vorlesen.

– Aber das wäre doch die Hauptsache.

Und dann teilten die beiden Frauen einander ihre bitteren Erfahrungen

mit.

* * * * *

Im nächsten Sommer muss man in der Stadt bleiben, im Erdgeschoss einer

Gasse hausen, von dem man die Aussicht auf einen Rinnstein geniesst, der

so stinkt, dass man nicht die Fenster zu öffnen wagt.

Die Frau arbeitet mit der Nadel im selben Zimmer, in dem die Kinder

spielen; der Mann, der aus seiner Stellung verabschiedet ist, weil er

keinen sauberen Anzug mehr besitzt, schreibt ab in einem Zimmer nebenan

und brummt über den Lärm, den die Kinder machen. Man wirft einander

harte Worte durch die Tür.

Es ist Pfingsten. Der Mann liegt am Nachmittag auf dem zerlumpten

Ledersofa und betrachtet durch die Scheibe ein Fenster auf der andern

Seite der Gasse. Er sieht dort ein Mädchen, das in schlechtem Ruf steht,

wie sie sich für die Abendpromenade schmückt. Neben ihrem Spiegel liegen

ein Fliederzweig und zwei Apfelsinen. Ohne sich an neugierige Blicke zu

kehren, schnürt sie ihr Mieder über ihren festen Busen zu.

– Das ist kein schlechtes Leben, sagt der zu Zölibat Verurteilte sich,

indem er plötzlich auflodert. Man lebt nur einmal hier auf der Welt, und

leben muss man, wie es auch gehen mag.

Da kommt seine Frau ins Zimmer und erblickt den Gegenstand seiner

Beobachtungen. Es flammt in ihrem Auge auf; der letzte Funke einer

ausgebrannten Liebe glimmt unter der Asche und nimmt die Form einer

vorübergehenden Eifersucht an.

– Wollen wir nicht die Kinder nehmen und in den Tiergarten gehen? fragt

sie.

– Um unser Elend auszustellen? Nein, danke!

– Aber hier drinnen ist heiss. Ich werde die Rollgardinen

herunterlassen.

– Dann öffne lieber ein Fenster!

Er errät die Gedanken seiner Frau und steht auf, um es selber zu tun.

Dort draussen am Rand des Bürgersteigs sitzen seine vier Kleinen, dicht

neben Ablaufröhren. Sie haben die Füsse in dem trocknen Rinnstein und

spielen mit Apfelsinenschalen, die sie aus dem Strassenkehricht

hervorgesucht haben. Er fühlt einen Stich im Herzen und das Schluchzen

kommt ihm in den Hals. Aber die Armut hat ihn so abgestumpft, dass er

untätig stehen bleibt und die Arme kreuzt.

Plötzlich quellen zwei Schlammströme aus den Röhren hervor,

überschwemmen den Rinnstein und begiessen die Füsse der Kinder, die

aufschreien, von dem Gestank halb erstickt.

– Zieh die Kinder zum Ausgehen an, aber beeile dich, ruft er, den die

herzzerreissende Szene ganz verzagt gemacht hat.

Der Vater schob den Korbwagen, in dem das Kleinste lag, während die

Mutter die andern an der Hand führte.

Sie kamen nach dem Klarakirchhof, ihrem gewöhnlichen Zufluchtsort,

dessen dunkelstämmige Linden üppig grünten, als sei der Boden von den

dort beerdigten Leichen gedüngt.

Es läutete zum Abendgottesdienst. Armenhäuslerinnen gingen in Scharen in

die Kirche, um sich auf die Stühle zu setzen, die ihre reichen

Eigentümer leer gelassen; die hatten ihre Seele beim Hauptgottesdienst

erquickt und schaukelten jetzt auf ihren Equipagen im königlichen

Tiergarten. Die Kinder kletterten auf den flachen Gräbern herum, die mit

Wappenschilden und Inschriften geschmückt waren.

Die Gatten setzten sich auf eine Bank und stellten den Kinderwagen, in

dem das Kleinste lag und an der Flasche sog, neben sich. Halb vom Gras

eines nahen Grabes verborgen, gaben sich zwei Hunde beim Klang der

heiligen Glocken ihren Frühlingsgefühlen hin.

Ein junges elegantes Ehepaar, das ein kleines in Samt und Seide

gekleidetes Mädchen an der Hand führte, kam vorbei. Der arme

Reinschreiber hob die Augen zu dem jungen Stutzer und erkannte einen

früheren Kameraden aus dem Handelsamt, der ihn aber nicht grüsste. Ein

Gefühl bitteren Neides packte ihn so heftig, dass er sich mehr von

diesem „unedlen“ Gefühl gedemütigt fühlte als von seiner beklagenswerten

Lage. Grollte er dem andern, weil der jetzt eine Stelle bekleidete, nach

der er selber gestrebt? Sicher nicht. Aber sein Neid konnte ja die

Kehrseite seines Rechtsgefühls sein, und sein Leiden war um so tiefer,

weil es von einer ganzen enterbten Klasse geteilt wurde. Er war

überzeugt, dass die Armenhäuslerinnen, die das Joch der kommunalen

Wohltätigkeit trugen, seine Frau beneideten; und es war ganz sicher,

dass viele von diesen Herrschaften, die hier in ihren mit Wappenschilden

geschmückten Gräbern ruhten, ihn um seine Kinder beneidet hätten, wenn

sie selber gestorben waren, ohne einen Erben für das Majorat zu

hinterlassen. Allerdings hat das Leben seine Mängel, aber warum sollen

die fetten Bissen denen zufallen, die es schon gut haben? Und wie kommt

es, dass der Gewinn immer bei denen bleibt, welche die grosse Lotterie

eingerichtet haben? Die Enterbten müssen sich mit der Messe begnügen,

nämlich der des Abendgottesdienstes; für sie ist die Moral bestimmt und

die Tugenden, die von den andern verachtet werden, denn die Pforten des

Himmels springen gegen klingende Bezahlung für sie auf. Aber der gute

und gerechte Gott, der die Gaben so schlecht verteilt hat? Besser wäre

es in der Tat, ohne einen schlechten Gott zu leben, der obendrein so

aufrichtig gewesen war, einzugestehen, „der Wind wehe, wohin er (der

Wind) will“; damit habe er ja bekannt, dass er sich nicht mit unseren

Angelegenheiten befasse. Aber ohne Kirche kein Trost unter den jetzigen

Verhältnissen! Aber warum gerade Trost? Besser, sich so einzurichten,

dass man keinen Trost nötig hat. Nicht wahr?

In diesen Gedanken wurde er von seiner ältesten Tochter unterbrochen,

die ein Lindenblatt als Sonnenschirm für ihre Puppe haben wollte. Der

Vater war kaum auf die Bank gestiegen, um einen Zweig abzubrechen, als

ein Schutzmann ihm in barschem Ton zurief, man dürfe die Bäume nicht

anrühren. Neue Demütigung! Gleichzeitig ersuchte ihn der Schutzmann, die

Kinder nicht auf die Grabsteine steigen zu lassen, denn das sei nach der

Kirchhofsordnung verboten.

– Das Beste ist wohl, wir gehen nach Haus, rief der Vater vernichtet

aus. Wie viel Mühe man sich um die Toten macht und wie wenig um die

Lebenden!

Und sie gingen wieder nach Haus.

Der Mann setzte sich an seine Arbeit. Er hatte das Manuskript einer

akademischen Abhandlung über die Überbevölkerung abzuschreiben.

Er konnte nicht anders, als sich für den Inhalt zu interessieren, und

las daher das ganze Heft.

Der junge Autor, der zu der sogenannten ethischen oder Damenschule

gehörte, predigte gegen das Laster.

– Was für ein Laster? fragte sich der Abschreiber. Durch das wir alle

zur Welt kommen? Das bei der Trauung geboten wird durch die Worte:

„Vermehret euch und erfüllet die Erde!“

Und der junge Autor schrieb weiter: Ausser der Ehe sei die Vermehrung

ein unheilvolles Laster, weil die Kinder, die nicht die nötige Pflege

erhalten, ein trauriges Schicksal haben. In der Ehe dagegen sei es eine

Pflicht, seinen Neigungen freien Lauf zu lassen. Dafür spreche unter

anderm der Umstand, dass das Gesetz sogar das Ei des Weibes schützt, und

zwar mit Recht.

– Es gibt also, dachte der Abschreiber, eine Vorsehung für eheliche,

aber keine für uneheliche Kinder. Oh dieser junge Philosoph! Und das

Gesetz, das das Ei schützt! Mit welchem Recht machen sich denn die

kleinen mikroskopischen Dinger bei jedem Mondwechsel los? Man müsste

wirklich die Polizei holen, um über die heiligen Eier zu wachen!

Alle diese Albernheiten musste er mit seiner schönsten Handschrift ins

Reine schreiben.

Eine solche Menge Moral, aber nicht ein Wort der Aufklärung.

Der moralische oder richtiger der unmoralische Sinn des Gedankengangs

war: Es gibt einen Gott, der alle in der Ehe geborenen Kinder nährt und

kleidet; einen Gott im Himmel, wahrscheinlich, aber auf der Erde?

Allerdings soll er einmal auf die Erde niedergestiegen sein, um sich

kreuzigen zu lassen, nachdem er sich vergebens bemüht, Ordnung in die

verworrenen Geschäfte der Menschheit zu bringen: er wurde nicht damit

fertig.

Zum Schluss schrie sich der Philosoph heiser, der reichliche Vorrat an

Weizen sei ein unwiderlegbarer Beweis, dass es keine Überbevölkerung

gebe; dass die Lehre des Malthus falsch sei, und dazu verbrecherisch,

sowohl vor dem bürgerlichen Gesetz wie vor dem moralischen.

Und der arme Familienvater, der seit Jahren kein Weizenbrötchen gekostet

hatte, stand auf, um die Kinder anzutreiben, Roggenmehlgrütze und

bläuliche Milch hinunter zu würgen, mit denen sie den Magen füllten,

ohne sich satt zu fühlen.

Es war trostlos, nicht weil Wassergrütze das Schlimmste ist, sondern

weil der alte prächtige Humor verschwunden war; dieser Zauberer, der den

dunkeln Roggen in goldenen Weizen zu verwandeln weiss; die allmächtige

Liebe, die ihr Füllhorn ausschüttet, war nicht mehr da. Die Kinder waren

Lasten geworden, und die geliebte Frau ein versteckter Feind, der

heimlich verachtete und verachtet wurde.

Und die Quelle zu all diesem Unglück? Der Mangel an Brot! Und doch

stürzen jetzt die grossen Handelshäuser der neuen Welt unter der Last

des allzu reichlichen Vorrats von Getreide zusammen! Eine Welt der

Widersprüche! Die Art und Weise, nach der das Brot verteilt ist, muss

also mangelhaft sein.

Die Wissenschaft, welche die Stelle der Religion eingenommen hat, vermag

keine Antwort darauf zu geben; sie stellt nur die Tatsache fest und

lässt die Kinder vor Hunger sterben und die Eltern vor Durst.

Heiraten: Zwanzig Ehegeschichten · 第 17 / 26 题