Es war zur Zeit der Walderdbeeren, als er sie in der Pfarre zum ersten
Male sah. Er hatte schon viele Mädchen gesehen, als er _sie_ aber sah,
da wusste er: das ist sie! Aber er wagte es nicht, etwas zu sagen, und
sie lächelte über ihn, denn er war nur Gymnasiast noch.
Aber er kam wieder als Student. Und da fasste er sie um den Leib und
küsste sie, und er sah Raketen stieben, hörte Glocken läuten und
Jagdhörner klingen, fühlte die Erde unter seinen Füssen beben.
Sie war ein Weib von vierzehn Jahren. Ihre Brüste standen schwellend
hoch, als warteten sie auf kleine gierige Mäuler und kleine zugreifende
Fäuste; ihr Gang war fest, auf elastischen Waden und wiegenden Hüften,
als könne sie jeden Augenblick ein Kind unter ihrem Herzen tragen. Ihr
Haar war gelb und zart wie geklärter Honig und stand immer wie
Sprühregen um ihre Stirn. Das Auge brannte und die Haut war weich wie
ein Handschuh.
Sie waren verlobt und küssten sich wie Vögel im Garten unter der Linde,
im Wald, und das Leben lag wie eine sonnige, ungemähte Wiese vor ihnen.
Aber er musste erst sein Examen machen, das Bergexamen, und das dauerte,
die Reise ins Ausland mitgerechnet, zehn Jahre! Zehn Jahre!
So fuhr er nach der Universität. Im Sommer kam er wieder nach der
Pfarre, und sie war noch ebenso schön. Drei Male kam er wieder, aber
beim vierten Mal war sie blass. Sie hatte kleine rote Streifen in den
Nasenwinkeln und der Busen war eingesunken. Als der Sommer zum sechsten
Male kam, nahm sie Eisen. Im siebenten fuhr sie nach einem Badeort. Im
achten hatte sie Zahnschmerzen und war nervös. Das Haar hatte seinen
Glanz verloren, die Stimme war scharf, die Nase hatte schwarze
Pünktchen, der Busen war fort, der Gang war schleppend und die Wangen
waren hohl. Im Winter bekam sie Nervenfieber und musste sich das Haar
abschneiden lassen. Als es wieder wuchs, wurde es aschgrau. Er hatte
sich in eine blonde Vierzehnjährige verliebt, eine Brünette konnte er
nicht leiden, und er heiratete eine aschgraue Vierundzwanzigjährige, die
als Braut den Hals nicht bloss tragen wollte.
Aber er liebte sie doch. Seine Liebe war nicht mehr so stürmisch wie
früher, sondern beständig und ruhig. Und in der kleinen Bergstadt war
nichts, was ihr Glück störte.
Sie gebar zwei Knaben hinter einander, aber der Mann wollte so gern ein
Mädchen haben. Und dann kam ein kleines blondes Mädchen.
Das wurde der Augapfel des Vaters. Es wuchs heran und ward der Mutter
ähnlich. Es wurde sieben Jahre und mit acht war es ganz so, wie die
Mutter einmal gewesen. Und der Vater beschäftigte sich in seinen freien
Stunden nur noch mit seiner Tochter.
Die Mutter hatte durch die häusliche Arbeit grobe Hände bekommen. Die
Nase war wurmstichig und die Schläfen ausgehöhlt. Ihre Gestalt war von
der Gewohnheit, sich über den Herd zu beugen, etwas geneigt. Und Vater
und Mutter trafen sich nur bei den Mahlzeiten und nachts. Sie weinten
nicht, aber es war doch nicht mehr so wie früher.
Aber die Tochter, das war des Vaters Freude. Man hätte beinahe sagen
können, er sei in sie verliebt. Es war, als sehe er in ihr die wieder
auferstandene Mutter, und als solle sein erster Anblick, der so schnell
verschwunden war, wiederkommen. Er war beinahe schüchtern ihr gegenüber
und ging nie in ihr Zimmer, wenn sie sich anzog. Er vergötterte sie.
Eines Morgens blieb sie im Bett liegen und wollte nicht aufstehen. Mama
glaubte, sie habe Faulfieber, Papa aber schickte nach dem Arzt. Der
Mordengel war auf Besuch gekommen; es war Diphtheritis. Entweder der
Vater oder die Mutter musste mit den andern Kindern fliehen. Der Vater
wollte nicht. Die Mutter musste mit den andern Kindern aus der Stadt
ziehen, und der Vater blieb bei der Kranken. Und da lag sie jetzt! Man
räucherte mit Schwefel, dass die Vergoldung der Bilderrahmen schwarz
wurde, und die Silbersachen auf dem Toilettentisch auch! Der Vater war
ausser sich, wenn er durch die leeren Zimmer ging; und wenn er nachts
allein in dem grossen Bett lag, war es ihm, als sei er Witwer. Er kaufte
dem Kinde Spielsachen und es lächelte, wenn er am Bettrande Kasper
spielte, und es fragte nach Mama und den Geschwistern.
Und der Vater musste hingehen und von der Strasse aus der Mutter zum
Fenster hinauf zunicken und den Kindern Kusshände zuwerfen. Und die
Mutter telegraphierte mit blauen und roten Papierbogen durch die
Fensterscheiben.
Aber eines Tages wollte das Mädchen den Kasper nicht mehr sehen, und es
lächelte nicht mehr. Auch konnte es nicht mehr sprechen. Der Tod kam,
kam mit seinen langen knochigen Armen und erstickte das Kind. Es war ein
harter Kampf.
Da kam die Mutter! Und sie hatte Gewissensbisse, dass sie ihr Kind
verlassen. Und es war grosser Jammer und grosse Not.
Als der Arzt das Kind obduzieren wollte, liess es der Vater nicht zu.
Sie sollten ihr mit den Messern nichts zuleide tun; denn für ihn sei sie
nicht tot. Aber es musste geschehen. Und da wollte er den Arzt schlagen
und ihn beissen.
Als sie aber in die Erde kam, baute er ein Grabmal und ging das ganze
Jahr hindurch jeden einzigen Tag dorthin. Das zweite Jahr weniger oft.
Die Arbeit war schwer und die Zeit knapp. Die Jahre begannen sich
fühlbar zu machen, die Schritte wurden weniger leicht, und die Trauer
verwuchs. Zuweilen schämte er sich, dass er nicht mehr so viel trauere;
dann aber vergass er es.
Er bekam noch zwei Töchter; das war aber nicht dasselbe; sie, die von
hinnen gegangen, konnte nicht ersetzt werden.
Das Leben war hart, die Vergoldung war unmerklich von der jungen Frau
abgegangen, die einmal wie – wie kein anderes Weib auf der Erde gewesen
war. Die Vergoldung war abgegangen von der einmal so blanken und
strahlenden Häuslichkeit. Die Kinder hatten Beulen in die
Hochzeitsgeschenke der Mutter gemacht, das Bett verdorben, die
Stuhlbeine angetreten. Die Polsterung kam aus den Sofas heraus, und das
Klavier war seit Jahren nicht geöffnet werden. Der Gesang war verstummt
vorm Kindergeschrei, und die Stimmen waren rauh geworden. Die Koseworte
hatte man mit den Kinderkleidern abgelegt, die Liebkosungen waren
Massage geworden. Man fing an, alt und müde zu werden. Papa lag nicht
mehr vor Mama auf den Knien, sondern sass in seinem abgenutzten
Lehnstuhl und liess sich von Mama die Streichhölzchen holen, wenn er
seine Pfeife anstecken wollte. Man war alt geworden!
Da starb die Mama, als der Papa fünfzig Jahre alt war. Da aber tauchte
es wieder auf, all das Alte. Als ihre gebrochene Gestalt, die der
Todeskampf hässlich gemacht hatte, in die Erde gegraben wurde, stand die
Erinnerung an die junge Vierzehnjährige wieder auf. Da betrauerte er
diese, die er vor so langer Zeit verloren hatte, und mit der Sehnsucht
kam die Reue. Aber er war nie schlecht gegen die alte Mama gewesen; und
die Vierzehnjährige vom Pfarrhaus, die er nie bekommen, denn er kriegte
ja nur die bleichsüchtige Vierundzwanzigjährige, die hatte er verehrt,
vor der hatte er gekniet, der war er treu gewesen. Und wenn er
aufrichtig war, so war es sie, nach der er sich jetzt sehnte; doch hatte
der alten Mama gutes Essen und unermüdliche Fürsorge auch einen Anteil
an der Sehnsucht, aber auf eine andere Art.
Jetzt aber wurde er intimer mit den Kindern. Einige waren aus dem Nest
geflogen, andere aber noch zu Hause.
Als er ein ganzes Jahr lang seine Freunde damit ermüdet hatte, dass er
ihnen das Leben seiner verstorbenen Frau erzählte, geschah etwas
Merkwürdiges. Er sah ein junges Mädchen, eine blonde Achtzehnjährige,
die seiner Frau, wie sie mit vierzehn Jahren gewesen, glich. Er nahm es
wie einen Wink des freigebigen Himmels, der ihm also endlich sie, die
erste, geben wolle. Er verliebte sich in sie, weil sie der ersten glich.
Und er verheiratete sich wieder. Jetzt hatte er sie endlich bekommen.
Die Kinder aber, besonders die Mädchen, waren der jungen Stiefmutter
abgeneigt; sie schämten sich, sie anzusehen; sie fanden das Verhältnis
der Eltern unrein; glaubten, der Vater sei ihrer Mutter untreu geworden.
Und sie gingen aus dem Hause, in die Welt hinaus!
Er war glücklich! Aber er war noch stolzer darauf, dass ein junges
Mädchen ihn hatte haben wollen.
– Nur Nachmahd! sagten seine alten Freunde.
Nach einem Jahr bekam die Frau ein Kind. Papa war nicht mehr an
Kindergeschrei gewöhnt und wollte nachts schlafen. Zog in sein eigenes
Zimmer; seine Frau aber weinte. Er fand die Frauen etwas aufdringlich.
Und dann war sie eifersüchtig auf die erste Frau. Er war nämlich, als
sie verlobt waren, so dumm gewesen, ihr zu sagen, sie gleiche seiner
ersten Frau. Und dann hatte er sie deren Liebesbriefe lesen lassen. Als
sie jetzt oft allein war, erinnerte sie sich an alles. So wusste sie,
dass sie alle Kosenamen von der ersten geerbt, dass sie nur eine
Stellvertreterin sei. Das reizte sie, und sie machte alle möglichen
Dummheiten, um ihn für sich persönlich zu gewinnen. Das ermüdete ihn
aber. Und wenn er in der Einsamkeit Vergleiche anstellte, verlor die
neue Frau sehr. Sie war nicht so milde wie die andere; sie reizte seine
Nerven. Dazu kam die Sehnsucht nach den Kindern, die er aus ihrem
Elternhaus vertrieben. Dazu kamen schlechte Träume, denn er glaubte
seiner verstorbenen Frau untreu zu sein.
Es war nicht mehr gemütlich zu Hause. Es war dumm, was er getan, und es
wäre besser nicht geschehen.
Er fing an in den Ratskeller zu gehen. Da aber wurde die Frau böse. Er
habe sie betrogen. Er sei ein alter Mann, und er solle sich in Acht
nehmen. Ein so alter Mann dürfe seine junge Frau nicht allein lassen;
das könne gefährlich werden!
– Alt? Sei er alt? Er werde ihr zeigen, dass er nicht alt sei!
Und sie zogen wieder zusammen. Da aber wurde es sieben Male schlimmer.
Er wollte ihr nachts nicht wiegen helfen, und das Kind sollte in die
Kinderstube! Nein, mit dem Kind der _ersten_ Frau habe er es nicht so
gemacht.
Er musste sich quälen lassen.
Zwei Male hatte er geglaubt, den Vogel Phönix aus der Asche der
Vierzehnjährigen aufsteigen zu sehen, zuerst in der Tochter, dann in der
zweiten Frau; aber in seiner Erinnerung lebte nur die erste, die Kleine
aus dem Pfarrhof, die er zur Zeit der Walderdbeeren sah, die er unter
der Linde im Walde küsste, die er aber nie bekommen.
Doch jetzt, als seine Sonne im Untergehen war und die Tage kürzer
wurden, sah er in seinen dunkeln Stunden nur noch das Bild der „alten
Mama“, die freundlich gegen ihn und seine Kinder gewesen, die nie
zankte, die hässlich war, die in der Küche stand, die die Hosen der
Knaben und die Röcke der Mädchen flickte. Und da sein Siegesrausch
vorüber war und sein Auge klar sah, fragte er sich, ob nicht die „alte
Mama“ doch der rechte Vogel Phönix gewesen sei, der so schön und so
ruhig aus der Asche des vierzehnjährigen Goldvogels stieg; der seine
Eier legte und sich die Daunen für die Jungen aus der Brust rupfte, um
sie mit seinem Blut zu nähren, bis er starb.
Er fragte lange danach, und als er endlich seinen müden Kopf auf das
Kissen legte, um nicht mehr aufzustehen, da war er davon überzeugt.
„Romeo und Julia“
Der Mann kam eines Abends mit einem Notenheft nach Haus und sagte zu
seiner Frau:
– Nach dem Essen wollen wir vierhändig spielen.
– Was hast du da für ein neues Stück? fragte die Frau.
– Ich habe „Romeo und Julia“ gekauft. Kennst du das?
– Ja, gewiss kenne ich das, antwortete sie, aber ich weiss nicht, ob ich
es je habe aufführen sehen.
– Oh, es ist herrlich! Ich denke daran wie an einen Jugendtraum, aber
ich habe es nicht mehr als einmal gehört, und das war vor zwanzig
Jahren.
Nach dem Abendessen, nachdem die Kinder zu Bett gebracht waren und es
still im Hause geworden, zündete der Mann die Lichter auf dem Pianino
an. Er liest auf dem fein lithographierten Titelblatt: „Romeo und
Julia.“
– Dies ist Gounods schönste Komposition, sagt er, und ich glaube nicht,
dass sie allzu schwer ist.
Seine Frau übernimmt wie gewöhnlich die erste Stimme, und so beginnt
man. D-dur, Vier-Viertel-Takt, Allegro giusto.
– Das ist schön, nicht wahr? sagt der Mann nach dem Schluss der
Ouvertüre.
– Oh ja, gibt die Frau zu, wenn auch etwas widerstrebend.
– Lass uns nun das Marziale nehmen, sagt der Mann, das ist etwas ganz
Feines. Ich erinnere mich noch an die prächtigen Chöre des königlichen
Theaters.
Der Marsch beginnt.
– Nun, ist es nicht prächtig? sagt der Mann triumphierend, als habe er
„Romeo und Julia“ selber geschrieben.
– Ich finde, es klingt wie Messingmusik, antwortete seine Frau.
Die Ehre und der gute Geschmack des Mannes stehen auf dem Spiel, und er
sucht nach der Mondscheinarie im vierten Akt. Nach langem Suchen stösst
er auf eine Arie für Sopran; die muss wohl die rechte sein.
Und er beginnt von neuem:
– Tram-tramtram, tram-tramtram, so klingt es im Bass, der sehr leicht
ist.
– Weisst du, meint die Frau, als es zu Ende ist, die Musik ist sehr
mässig.
Der Mann ist ganz niedergeschlagen und gibt zu, dass es wie ein
Leierkasten klingt.
– Das habe ich schon die ganze Zeit gefunden, bekennt die Frau.
– Ich finde auch, es klingt so altmodisch. Dass Gounod so schnell
veraltet ist, bemerkt er ganz kleinlaut. Willst du weiter spielen? Lass
uns die Cavatina und das Terzett durchnehmen; ich erinnere mich
besonders an die Sängerin, die war göttlich.
Nach diesem Stück sieht der Mann wirklich betrübt aus und legt das Heft
fort, als wolle er die Tür hinter der Vergangenheit schliessen.
– Wollen wir nicht ein Glas Bier trinken? fragt er.
Sie setzen sich an den Tisch und trinken ein Glas Bier.
– Es ist doch merkwürdig, beginnt der Mann, ich hätte nicht geglaubt,
dass wir so alt geworden sind, denn wir sind wirklich mit „Romeo und
Julia“ um die Wette gealtert. Es sind zwanzig Jahre her, seit ich die
Oper zum ersten Mal hörte. Ich war eben Student geworden, hatte Freunde
und die Zukunft lächelte mir hell und froh entgegen. Seit kurzer Zeit
machte ich mit einem keimenden Schnurrbart und der Studentenmütze Staat,
und besonders der Abend ist mir in Erinnerung, an dem Fritz, Philipp und
ich in die Oper gingen. Einige Jahre früher hatten wir die Bekanntschaft
des „Faust“ gemacht, waren also grosse Bewunderer Gounods. Doch „Romeo“
übertraf noch unsere Erwartungen, und wir wurden von der Musik ganz
hingerissen. Jetzt sind meine beiden Freunde tot. Fritz, der zu den
höchsten Stellen hinaufstrebte, starb als Sekretär; Philipp als Kandidat
der Medizin; und ich, der Minister werden wollte, musste mich
schliesslich damit begnügen, Regimentsauditor zu sein. Wie die Jahre
verschwunden sind, ohne dass wir es gemerkt haben! Zwar habe ich
gesehen, dass die Runzeln um meine Augen deutlicher geworden sind, und
dass das Haar an den Schläfen ergraut ist, doch dass wir bereits so weit
auf dem Weg zum Kirchhof gekommen sind, das hätte ich nicht geglaubt.
– Ja, mein Freund, wir sind alt geworden; das kannst du an unseren
Kindern sehen. Und auch an mir siehst dus, wenn du auch davon schweigst.
– Ach wie kannst du so etwas sagen!
– Das weiss ich sehr wohl, mein Lieber, fuhr die Frau in wehmütigem Ton
fort; ich weiss wohl, dass ich anfange hässlich zu werden, dass mein
Haar dünner wird und dass ich bald meine Vorderzähne ziehen lassen muss
...
– Aber bedenke doch, dass jetzt nichts mehr dauert, – unterbricht sie
der Mann. Es scheint heutzutage mit dem Altwerden viel geschwinder zu
gehen als früher. Im Haus meines Vaters wurden noch Haydn und Mozart
gespielt, obgleich sie tot waren, lange ehe er geboren wurde. Und jetzt
– jetzt ist Gounod bereits alt! Es ist betrübend, seinem Jugendideal auf
die Weise wieder zu begegnen! Und wie schauerlich ist es, zu fühlen,
dass man alt geworden ist!
Er steht auf und setzt sich wieder ans Pianino; er nimmt das Notenheft
und blättert darin, wie wenn er in einer Schreibtischlade nach
Jugenderinnerungen, Haarlocken, getrockneten Blumen und Bandenden,
suche. Seine Augen starren auf die schwarzen Noten, die wie kleine Vögel
aussehen, die an einem Stahldrahtgitter auf und nieder klettern; er
versucht, in ihnen auf Frühlingstöne, Liebeslockungen, jubelnde Triller
aus den rosenroten Tagen der ersten Liebe zu lauschen. Doch alles blickt
ihm so fremd entgegen, als sei die Erinnerung an die Blütezeit der
Jugend mit Unkraut überwachsen. Ja, so ist es; die Saiten sind mit Staub
bedeckt, der Resonanzboden ist eingetrocknet, der Filz abgenützt.
Ein Seufzer hallt durchs Zimmer, schwer wie aus einer hohlen Brust, und
dann wird es ganz still.
Plötzlich hört man den Mann sagen:
– Aber sonderbar ist es doch, dass der herrliche Prolog in diesem
Klavierauszug fehlt. Es war, wie ich mich bestimmt erinnere, ein Prolog
mit Harfenbegleitung und ein Chor, der so lautete.
Er trällert leise die Melodie, die wie ein Bach aus einer Bergeskluft
hervorsprudelt; der eine Ton gibt den andern, sein Gesicht klärt sich
auf, der Mund lächelt, die Runzeln glätten sich und die Hände fallen auf
die Tasten nieder, die kräftig, jugendlich und schmeichelnd die
herrlichen Töne wiedergeben, und mit starker klangvoller Stimme singt er
die Basspartie.
Seine Gattin ist aus ihren schwermütigen Gedanken erwacht, sie lauscht
mit tränendem Auge und fragt verwundert:
– Was ist das?
– Romeo und Julia! Unser Romeo und unsere Julia!
Und er springt vom Stuhl auf und legt das Notenheft vor die erstaunte
junge Frau.
– Siehst du! Dies war der Romeo unserer Oheime und Tanten, das war –
lies nur – Bellini! Oh! Wir sind also noch nicht alt!
Die Frau blickt auf das dichte, noch glänzende Haar des dreissigjährigen
Mannes, auf seine glatte Stirn und seine feurigen Augen. Und sie sagt
freudestrahlend:
– Ja, du siehst aus wie ein Fünfundzwanzigjähriger!
– Und du? Du siehst aus wie ein junges Mädchen. Dass wir uns von dem
alten Bellini so haben anführen lassen. Ich dachte gleich, dass etwas
nicht stimme.
– Nein, lieber Freund, das habe ich zuerst gedacht.
– Wahrscheinlich, weil du jünger bist als ich.
– Nein, du ...
Und Mann und Frau sitzen da und streiten scherzend darüber, wer von
ihnen älter sei, ganz wie ein Paar Kinder, und sie wundern sich, wie sie
früher Runzeln und graue Haare haben entdecken können, wo keine da sind.