– Ottilie, Ottilie ... Eine Ration Handspake müsste sie haben! Die Hexe
in die Schanze schicken und die zweite Backschaft auf sie loslassen, bei
geschlossenen Luken. Man weiss wohl, was eine alte Jungfer nötig hat!
– Aber was ist dir denn, alter Pall? fragte der Arzt.
– Plato! Plato! Zum Teufel mit Plato. Ja, wenn man sechs Monate auf See
ist, dann ist es Plato! Dann wird man ethisch! Ethisch? Ich wette einen
Marlspieker gegen einen Doppelhaken: bekäme Ottilie ihr warmes Essen, so
würde sie nicht mehr von Plato sprechen!
– Aber was ist denn?
– Nichts. Hörst du! Du bist ja Arzt! Wie ist es eigentlich mit den
Frauenzimmern? Was? Ist es nicht gefährlich, lange unverheiratet zu
bleiben? Werden sie nicht etwas ... kikeriki, so auf einen Hals? Was?
Der Arzt sprach seine Ansicht aus und beklagte, dass nicht alle Weibchen
befruchtet werden können.
– In der Natur lebt das Männchen meist in Polygamie, denn das kann es in
den meisten Fällen tun, da Essen für die Jungen vorhanden ist (die
Raubtiere ausgenommen): in der Natur gibt es solche Abnormitäten wie
unverheiratete Weibchen nicht. Aber in der Kultur, wo es ein Glück ist,
wenn man Brot genug hat, da ist es gewöhnlich, zumal es mehr Frauen als
Männer gibt. Man müsste daher freundlich gegen unverheiratete Mädchen
sein, denn ihr Los ist traurig.
– Freundlich? Das ist leicht gesagt; wenn sie aber selber nicht
freundlich sind!
Und alles kam aus ihm heraus, sogar, dass er eine Theaterkritik
geschrieben.
– Ach, man schreibt so viel dummes Zeug, sagte der Arzt und legte den
Deckel auf die Grogkanne. Schliesslich entscheidet doch die Wissenschaft
die grossen Fragen! Die Wissenschaft!
Als der Kapitän, nachdem er sechs Monate fort gewesen und einen nicht
sehr angenehmen Briefwechsel mit seiner Frau geführt (sie hatte seine
Kritik scharf mitgenommen), schliesslich in Dalarö ans Land stieg, wurde
er von seiner Frau, allen Kindern, zwei Mägden und Ottilie empfangen.
Seine Frau war zärtlich, aber nicht herzlich. Sie reichte ihm ihre Stirn
zum Kuss. Ottilie war lang wie ein Stag und hatte sich das Haar
abgeschnitten: im Nacken sah sie aus wie ein Schwabber. Das Souper war
langweilig und es gab nur Tee. Die Barkasse wurde mit Kindern gestaut,
und der Kapitän bekam eine Bodenkammer. O wie anders war das als früher!
Der alte Pall sah alt aus, und verdutzt war er auch.
– Das ist ja die reine Hölle, dachte er, verheiratet zu sein und keine
Frau zu haben!
Am nächsten Morgen wollte er mit seiner Frau segeln. Aber Ottilie
vertrug die See nicht. Sie hatte eine schlechte Dampferfahrt hinter
sich. Und übrigens sei es Sonntag. Sonntag? Da haben wirs! Aber sie
wollten statt dessen spazieren gehen. Sie hätten wohl viel mit einander
zu besprechen! Ja freilich, sie hatten sich viel zu sagen. Aber Ottilie
sollte nicht dabei sein!
Sie gingen Arm in Arm aus. Aber sie sprachen nicht viel; und was gesagt
wurde, waren mehr Worte, um die Gedanken zu verbergen, als durch Worte
ausgedrückte Gedanken.
Sie kamen an dem kleinen Cholerakirchhof vorbei und schlugen den Weg
nach dem Schweizer Tal ein. Eine schwache Brise rauschte in den Fichten,
und durch die dunkeln Zweige leuchtete das blaue Meer.
Sie setzte sich auf einen Stein. Er setzte sich ihr zu Füssen. Jetzt
geht es los, dachte er. Und es ging los.
– Hast du über unsere Ehe nachgedacht, begann sie.
– Nein, sagte er, als habe er seine Parade schon ausgedacht, ich habe
sie nur empfunden! Ich glaube nämlich, die Liebe ist Gefühlssache: man
segelt auf Landkennung und läuft in den Hafen; greift man aber zu
Kompass und Karte, so stösst man auf Grund.
– Ja, aber unsere Ehe ist nichts anderes gewesen als ein Puppenheim.
– Verzeih, das ist eine Lüge. Du hast nie einen Wechsel gefälscht; du
hast niemals einem syphilitischen Doktor, von dem du Geld gegen
Sicherheit in natura leihen wolltest, deine Strümpfe gezeigt; du bist
niemals so romantisch stupid gewesen, zu erwarten, dein Mann würde sich
eines Verbrechens wegen anzeigen, das seine Frau aus Dummheit begangen
und das kein Verbrechen wurde, weil kein Ankläger da war; und du hast
mich nie belogen! Ich habe dich ebenso ehrlich behandelt, wie Helmer
seine Frau behandelte, als er sie zur Vertrauten seiner Seele machte,
sie über die Geschäfte der Bank mitsprechen liess; duldete, dass sie
sich in die Besetzung einer Stelle einmischte! Wir sind also Mann und
Weib nach allen Begriffen gewesen, sowohl altmodischen wie neumodischen!
– Ja, aber ich bin deine Haushälterin gewesen!
– Verzeih, das ist eine Lüge! Du hast niemals in der Küche gegessen, du
hast keinen Lohn erhalten, niemals über Ausgaben Rechnung legen müssen,
niemals Schelte gekriegt, weil dies und jenes nicht richtig war! Und
hältst du meine Arbeit: holen und brassen, Tau fieren und „präsentiert“
schreien, Heringe auszählen und Schnäpse ausmessen, Erbsen wiegen und
Mehl prüfen – hältst du das für ehrenvoller als: nach Mägden sehen und
auf den Markt gehen, Kinder ernähren und Kinder erziehen!
– Nein, aber du wirst dafür bezahlt! Du bist dein eigener Herr! Du bist
ein Mann!
– Mein liebes Kind! Willst du einen Lohn von mir haben? Willst du meine
wirkliche Haushälterin werden? Dass ich ein Mann bin, das ist ein
Zufall, denn das soll erst im sechsten Monat entschieden werden! Das ist
traurig, denn es ist jetzt ein Verbrechen geworden, Mann zu sein; es ist
aber kein Fehler. Und der Teufel hole den, der die beiden Hälften der
Menschheit gegen einander erhoben hat! Der hat viel zu verantworten. Bin
ich der Herr? Herrschen wir nicht beide? Tue ich etwas Wichtiges, ohne
dich um Rat zu fragen? Was? Aber du, du erziehst deine Kinder nach
deinem Kopf! Erinnerst du dich nicht, dass ich das Wiegen abschaffen
wollte, weil es die Kinder zum Schlaf berauscht. Da durftest du
herrschen! Ein ander Mal habe ich geherrscht, das nächste Mal wieder du!
Einen Mittelweg gibt es nicht, denn zwischen Wiegen und Nichtwiegen gibt
es kein Mittelding! Es ist doch ganz gut gegangen bis jetzt! Du hast
mich für Ottilie verlassen!
– Ottilie! Immer Ottilie! Hast du nicht selber sie zu mir geschickt?
– Nicht gerade sie! Jetzt aber herrscht sie jedenfalls!
– Von allem, was ich liebe, willst du mich trennen!
– Ist Ottilie alles? Es sieht beinahe so aus!
– Aber ich kann sie jetzt nicht fortschicken, da ich sie engagiert habe,
damit sie Pädagogik und Latein mit den Mädchen treibt!
– Latein! Ablativus! Herr Jesus, sollen die Mädchen auch damit verdorben
werden?
– Ja, sie sollen ebensoviel wissen, wie ein Mann weiss, wenn sie sich
einmal verheiraten: dann wird es eine rechte Ehe geben.
– Aber, liebes Kind, alle Ehemänner können doch nicht Latein! Ich kann
ja nicht mehr als ein einziges Wort Latein, und das ist Ablativus! Und
wir sind doch glücklich! Übrigens ist man ja dabei, Latein auch für die
Männer, als überflüssig, abzuschaffen! Könnt ihr aus dem Beispiel nichts
lernen? Ist es nicht genug, dass das männliche Geschlecht verdorben ist;
will man nun auch noch das weibliche verderben? Ottilie, Ottilie, warum
hast du mir das getan?
– Von dieser Sache will ich nicht mehr sprechen. Aber unsere Liebe,
Wilhelm, ist nicht gewesen, wie sie hätte sein müssen. Sie ist sinnlich
gewesen!
– Aber, liebes Herz, wie hätten wir denn Kinder bekommen sollen, wenn
unsere Liebe nicht auch sinnlich gewesen wäre. Aber sie ist nicht nur
sinnlich gewesen!
– Kann etwas auf ein Mal schwarz und weiss sein? Das möchte ich fragen.
Antworte darauf!
– Ja, das kann es; dein Sonnenschirm ist aussen schwarz, aber inwendig
weiss.
– Sophist!
– Hör mal, mein geliebtes Kind, sprich mit deiner eignen Zunge und
deinem eignen Herzen, und nicht mit Ottiliens Büchern! Nimm deinen
Verstand gefangen und werde du selbst, meine geliebte, kleine Frau!
– Dein, dein Eigentum, das du mit deiner Arbeit kaufst!
– Ebenso wie ich dein Mann bin, den keine andere Frau ansehen darf, wenn
sie ihre Augen im Kopf behalten will; und den du geschenkt erhalten
hast, nein, zum Ersatz dafür, dass er dich bekam! Ist das nicht partie
égale!
– Aber wir haben unser Leben im Spiel verbracht! Haben wir etwa höhere
Interessen gehabt, Wilhelm?
– Ja, wir haben die höchsten Interessen gehabt, Gurli; wir haben nicht
immer gespielt, denn wir haben auch ernste Stunden durchgemacht! Wir
haben die höchsten Interessen gehabt, die man haben kann; denn wir haben
dem künftigen Geschlecht Leben gegeben; wir haben tapfer gestrebt und
gearbeitet, du nicht am wenigsten, für die Kleinen, die gross werden
sollen. Bist du nicht ihretwegen vier Male dem Tod nahe gewesen? Hast du
nicht den Schlaf der Nacht verachtet, um sie zu wiegen; die Vergnügungen
des Tages, um sie zu pflegen? Könnten wir nicht eine Wohnung von sechs
Zimmern in der Hauptstrasse und einen Diener haben, wenn wir nicht die
Kinder besässen? Könntest du nicht Seide und Perlen tragen, Gulla? Und
ich alter Pall brauchte nicht Elsternnester in den Knien zu haben, wenn
wir die Kinder nicht auf die Welt gesetzt hätten! Sind wir solche
Puppen? Sind wir denn so selbstsüchtig, wie alte Jungfern behaupten? Die
oft Männer verschmäht haben, weil sie nicht für sie passten! Warum
bleiben so viele Mädchen unverheiratet? Sie wissen doch alle damit zu
prahlen, dass sie Angebote gehabt haben, wollen aber doch gern Märtyrer
sein! Höhere Interessen! Latein lernen! Sich für einen wohltätigen Zweck
halbnackt kleiden und die Kinder in nassen Windeln liegen lassen! Ich
glaube, ich habe höhere Interessen als Ottilie, wenn ich starke und
frohe Kinder haben will, die einmal im Leben das ausrichten sollen, was
wir nicht gekonnt haben! Aber mit Latein geht es nicht! Leb’ wohl,
Gurli! Ich muss auf Wache! Kommst du mit?
Sie blieb sitzen und antwortete nicht. Er ging; mit schweren Schritten,
so schweren. Und das blaue Meer wurde dunkel, und die Sonne schien nicht
mehr.
– Pall, Pall, wohin soll dies führen, seufzte er, als er über den
Zauntritt am Kirchhof stieg; ich wünschte, ich läge dort unter einem
Holzkreuz, dort zwischen den Baumwurzeln; aber ich hätte sicher keine
Ruhe, wenn ich dort allein läge! Gurli! Gurli!
* * * * *
– Jetzt gehts ganz verkehrt, Schwiegermutter, sagte der Kapitän eines
Tages im Herbst, als er die Alte besuchte.
– Was ist denn los, lieber Willy?
– Sie waren gestern bei uns zu Hause. Vorgestern waren sie bei der
Prinzessin. Und da wurde die kleine Alice elend. Das war natürlich Pech,
und ich wagte nicht Gurli holen zu lassen, denn dann hätte sie geglaubt,
es sei beabsichtigt. Oh! Wenn das Vertrauen einmal erschüttert ist, so
... Ich war in diesen Tagen beim Korpsintendant und fragte, ob man nach
schwedischem Gesetz das Recht habe, die Freundinnen seiner Frau tot zu
rauchen. Nein, das habe man nicht. Und hätte man das Recht, so wagte man
es nicht, denn dann sei es ganz aus. Wenn es nur ein Liebhaber wäre: den
könnte man beim Kragen nehmen und hinauswerfen. Was soll ich tun?
– Ja ja, das ist ein schwerer Fall, lieber Willy, aber wir werden schon
auf etwas kommen. Du kannst doch nicht wie ein Unverheirateter leben!
– Nein, das sage ich auch!
– Ich sagte ihr in diesen Tagen derb: wenn sie nicht nett sei, würde ihr
Mann einfach Mädchen besuchen!
– Und was antwortete sie?
– Sie antwortete: das könne er, denn über seinen Körper verfüge jeder
selbst.
– Sie also auch? Das ist eine schöne Lehre! Ich kriege graue Haare,
Schwiegermutter!
– Eine alte gute Art ist, sie eifersüchtig zu machen. Das pflegt die
Radikalkur zu sein, denn dann kommt die Liebe wieder zum Vorschein, wenn
sie noch da ist.
– Sie ist noch da!
– Sicher! Denn die Liebe stirbt nicht Knall und Fall; sie kann nur im
Lauf der Jahre verbraucht werden, _wenn_ sie’s kann. Mach Ottilie den
Hof, dann werden wir weiter sehen!
– Den Hof machen? Ihr?
– Versuchs! Kannst du nicht etwas, das sie interessiert?
– Doch, gewiss! Sie sind jetzt gerade bei der Statistik angekommen!
Gefallene Frauen, ansteckende Krankheiten! Wenn man das Gespräch auf die
Mathematik bringen könnte! Die verstehe ich!
– Siehst du! Beginn mit der Mathematik, geh dazu über, ihr den Schal
umzulegen und ihr die Überschuhe zuzuknöpfen. Bring sie abends nach
Haus. Trink mit ihr und küss sie, wenn Gurli es sieht. Ist es nötig, so
sei zudringlich. Oh, sie wird nicht böse werden, das kannst du mir
glauben. Und dann viel Mathematik, so viel, dass Gurli still dasitzen
und schweigend zuhören muss. In acht Tagen komm wieder und erzähle mir
den Verlauf!
Der Kapitän ging nach Haus, las die letzten Broschüren über die
Unsittlichkeit und ging dann ans Werk.
Acht Tage später sass er heiter und vergnügt bei seiner Schwiegermutter
und trank ein gutes Glas Sherry. Er war direkt fröhlich.
– Erzähle, erzähle, sagte die Alte und schob die Brille in die Höhe.
– Es war eine harte Arbeit, die ersten Tage, denn sie misstraute mir.
Sie glaubte, ich triebe meinen Scherz mit ihr. Dann aber sprach ich
davon, welch unerhörten Einfluss die Wahrscheinlichkeitsrechnung in
Amerika auf die Sittlichkeitstatistik gehabt habe. Sie habe ganz einfach
Epoche gemacht. Das wusste sie nicht und das reizte sie. Ich nahm ein
Beispiel und zeigte mit Zahlen und Buchstaben, dass man mit einer
gewissen Wahrscheinlichkeit berechnen könne, wie viele Frauen fallen.
Das setzte sie in Erstaunen. Jetzt sah ich, dass sie neugierig wurde und
sich einen Trumpf für die nächste Sitzung verschaffen wollte. Gurli
freute sich, dass Ottilie und ich Freunde wurden, und sie brachte uns
direkt zusammen. Sie stiess uns in mein Zimmer und schloss die Tür; und
dort sassen wir und rechneten den ganzen Nachmittag. Sie war glücklich,
die Hexe, denn sie fühlte, dass sie etwas durch mich gewann, und in drei
Stunden waren wir Freunde. Beim Souper fand meine Frau, Ottilie und ich
seien so alte Bekannte, dass wir uns duzen müssten. Ich holte meinen
alten guten Sherry hervor, um das grosse Ereignis zu feiern. Und dann
küsste ich sie mitten auf den Mund, Gott verzeihe mir meine Sünden.
Gurli sah etwas verdutzt aus, wurde aber nicht böse. Sie war lauter
Glück. Der Sherry war stark und Ottilie war schwach. Ich half ihr mit
dem Mantel und brachte sie nach Haus. Drückte ihren Arm unterwegs und
erklärte ihr die ganze Sternkarte. Ah! Sie war hingerissen! Sie habe
immer die Sterne geliebt, aber nie lernen können, wie sie heissen. Die
armen Frauen dürften eben nichts lernen. Sie schwärmte ordentlich und
wir trennten uns als die allerbesten Freunde, die einander so lange, so
lange verkannt hatten.
Am nächsten Tag noch mehr Mathematik. Wir sassen dabei bis zum Souper.
Gurli kam einige Male herein und nickte uns zu. Aber bei Tisch wurde nur
Mathematik und Sterne gesprochen, und Gurli sass still dabei und musste
zuhören. Dann brachte ich sie nach Haus. Aber auf dem Rückweg traf ich
einen befreundeten Kapitän. Wir schlüpften ins Grand Hotel und tranken
ein Glas Punsch. Erst um ein Uhr kam ich heim.
Gurli sass auf.
– Wo bist du so lange gewesen, Wilhelm? sagte sie.
Da fuhr der Teufel in meine Seele und ich antwortete:
– Wir haben unterwegs so lange geplaudert, dass ich ganz vergass, was
die Uhr war.
_Die_ Schraube zog an.
– Ich finde es nicht recht passend, nachts mit einer jungen Dame
herumzulaufen, sagte sie.
Ich stellte mich verlegen und stammelte hervor:
– Wenn man so viel zu besprechen hat, so weiss man nicht immer, was
passend ist.
– Wovon habt ihr denn gesprochen, sagte Gurli und machte ein Gesicht.
– Ich kann mich wirklich nicht mehr daran erinnern.
Das ist gut marschiert, mein Junge, sagte die Alte. Weiter, weiter.
Am dritten Tag, fuhr der Kapitän fort, kam Gurli mit einer Arbeit herein
und blieb, bis die Mathematik zu Ende war. Das Souper war nicht ganz so
fröhlich, aber um so astronomischer. Half der Hexe bei den Überschuhen,
was einen tiefen Eindruck auf Gurli machte! Als Ottilie ging, bot sie
ihr nur die Backe zum Kuss. Unterwegs drückte ich ihr den Arm und sprach
von der Sympathie der Seelen, und von den Sternen als der Heimat der
Seelen. Trank Punsch im Grand Hotel und kam um zwei Uhr nach Haus. Gurli
sass noch auf; ich sah es, aber ich ging direkt in mein Zimmer, als
Junggeselle, der ich war, und Gurli schämte sich, nachzukommen und zu
fragen.
Am nächsten Tag Astronomie. Gurli erklärte, sie habe grosse Lust, dabei
zu sein; Ottilie aber sagte, sie seien schon zu tief in den Stoff
eingedrungen, sie werde Gurli später die Anfangsgründe mitteilen. Gurli
war gereizt und ging. Viel Sherry zum Souper. Als Ottilie für das Essen
dankte, fasste ich sie um die Taille und küsste sie. Gurli ward bleich.
Als ich ihr die Überschuhe zuknöpfte, griff ich mit der Hand zu, hm ...
Geniere dich nicht vor mir, Willy, sagte die Alte, ich bin eine alte
Frau!
– ... so hier um den Schenkel. Nicht so schlecht übrigens! Hm! Wirklich
nicht so übel! Als ich aber meinen Überrock anziehen wollte, da, hast du
nicht gesehen, stand das Mädchen da, um Ottilie nach Haus zu bringen.
Und Gurli entschuldigte mich: ich hätte mich gestern erkältet, und sie
fürchte die Nachtluft. Ottilie sah verlegen aus und küsste Gurli nicht,
als sie ging.
Am nächsten Tag wollte ich Ottilie astronomische Instrumente zeigen, um
zwölf in der Schule. Sie kam auch, war aber traurig. Sie war eben bei
Gurli gewesen, die sich unfreundlich gegen sie gezeigt habe. Den Grund
könne sie nicht verstehen. Als ich zum Mittagessen nach Haus kam, war
Gurli ganz verändert. Sie war kalt und stumm wie ein Fisch. Sie litt.
Ich sah es. Jetzt aber musste das Messer hinein.
– Was hast du zu Ottilie gesagt? Sie war so traurig! fing ich an.
– Was ich gesagt habe? Ja, ich habe ihr gesagt, sie sei kokett. Das habe
ich gesagt.
– Wie konntest du das sagen, sagte ich. Du bist doch nicht eifersüchtig!
– Ich eifersüchtig auf die! brach sie los.
– Ja, das wundert mich, denn eine so intelligente und verständige Person
kann es doch nicht auf den Mann einer andren abgesehen haben!
– Nein (jetzt kam es!), aber der Mann einer andern kann sich schlecht
gegen eine andere Frau betragen.
Huhuhu! Jetzt war es fertig. Ich verteidigte Ottilie, bis Gurli sie alte
Jungfer nannte, und ich fuhr fort, sie zu verteidigen. Und an diesem
Nachmittag kam Ottilie nicht. Sie schrieb einen kühlen Brief und
entschuldigte sich, aber sie sehe wohl, sie sei überflüssig. Ich
protestierte und wollte sie holen. Da aber wurde Gurli wild. Sie sehe
wohl, ich sei in diese Gurli verliebt, und sie (Gurli) sei mir nichts
mehr. Sie wisse wohl, dass sie eine Gans sei, dass sie nichts könne, zu
nichts tauge, und dass, huhuhu, die Mathematik ihr ganz unmöglich sei.
Ich schickte nach einem Schlitten und wir fuhren aus. In einem Gasthaus
am Meer tranken wir Glühwein und assen ein prächtiges Souper. Es war,
als sei wieder Hochzeit, und dann fuhren wir nach Haus.
– Und dann? fragte die Alte und sah über ihre Brille hinweg.
– Und dann? Hm! Gott verzeihe mir meine Sünden! Dann habe ich sie
verführt. Hol mich der Teufel, ich habe sie auf meinem Junggesellenbett
verführt. Es war ganz wie auf der Hochzeit. Was sagst du dazu,
Grossmutter?
– Da hast du recht getan! Und dann?
– Und dann? Seitdem ist es all right, und jetzt sprechen wir davon, wie
Kinder zu erziehen und Frauen von Aberglauben und Altjüngferlichkeit,
von Romantik und dem Teufel und seinem Ablativus zu befreien sind; aber
wir sprechen jetzt unter vier Augen, und da versteht man einander am
besten! Nicht wahr, Alte?
– Ja, lieber Willy, und jetzt werde ich euch wieder besuchen.
– Tu das, du! Da wirst du sehen, wie die Puppen tanzen und die Lerchen
und die Spechte singen und zwitschern; da wirst du sehen, wie die Freude
bis an die Decke reicht, denn dort wartet niemand auf das Wunderbare,
das nur in den Märchen zu finden ist. Da wirst du ein wirkliches
Puppenheim sehen!