Reformversuch

Sie hatte mit Ekel gesehen, wie die Mädchen zu Haushälterinnen für ihre

künftigen Männer erzogen wurden. Darum hatte sie eine Fertigkeit

gelernt, die sie unter allen Verhältnissen des Lebens ernähren konnte.

Sie machte Blumen.

Er hatte mit Schmerz gesehen, wie die Mädchen darauf warteten, von ihren

künftigen Männern versorgt zu werden; er wollte sich mit einer freien,

selbstständigen Frau verheiraten, die sich selber ernähren konnte; dann

würde er in ihr eine Seinesgleichen sehen und eine Kameradin fürs Leben

haben, keine Haushälterin.

Und das Schicksal wollte, dass sie sich trafen. Er war Maler, und sie

machte, wie gesagt, Blumen, und in Paris hatten sie diese neuen Ideen

bekommen.

Es war eine stilvolle Ehe. Sie hatten sich in Passy drei Zimmer

gemietet. Das Atelier lag in der Mitte, sein Zimmer auf der einen Seite,

ihr Zimmer auf der andern. Ein gemeinsames Bett wollten sie nicht haben;

das sei eine Schweinerei, die durchaus kein Gegenstück in der Natur

besitze und nur Übertreibung und Ausschweifung veranlasse. Und sich im

selben Zimmer entkleiden! Nein, jeder sein eigenes Zimmer; und dann

einen gemeinsamen neutralen Raum, das Atelier. Keine Dienstboten; denn

die Küche wollten sie gemeinsam besorgen. Nur eine alte Frau, die

morgens und abends kam.

Es war gut ausgerechnet, und es war ganz richtig gedacht.

– Wenn ihr aber Kinder bekommt? wandte der Zweifler ein.

– Wir werden keine Kinder bekommen!

Gut! Sie würden keine Kinder bekommen!

Es war entzückend! Er ging morgens auf den Markt und kaufte ein. Darauf

kochte er den Kaffee. Sie machte die Betten und räumte die Zimmer auf.

Dann setzten sie sich an die Arbeit.

Wenn sie müde wurden, plauderten sie eine Weile, gaben einander einen

guten Rat, lachten und waren sehr lustig.

Wenn der Mittag kam, machte er Feuer in der Küche, während sie das

Gemüse wusch. Er kochte Rindfleisch in der Brühe, während sie zum

Kaufmann hinunterlief; dann deckte sie, während er das Essen auftischte.

Aber wie Geschwister lebten sie nicht. Sie sagten sich abends gute

Nacht, und jedes ging in sein Zimmer. Dann aber klopfte es an ihre Tür

und sie rief: herein! Doch das Bett war eng und es kam nie zu

Ausschweifungen, sondern jedes erwachte morgens im eigenen Bett. Und

dann klopfte er an die Wand:

– Guten Morgen, mein Mädchen! Wie steht es heute?

– Danke, gut; und dir?

Es war immer etwas Neues, wenn sie sich morgens trafen, und es wurde nie

alt.

Abends gingen sie oft zusammen aus und trafen mit Landsleuten zusammen.

Und sie wurde nicht geniert von Tabaksrauch, und sie genierte auch

selber nicht.

Das sei das Ideal einer Ehe, meinten die andern, ein so glückliches Paar

hätten sie noch nicht gesehen.

Aber das Mädchen hatte Eltern, die weit entfernt wohnten. Und die

schrieben und fragten unaufhörlich, ob Luise noch nicht guter Hoffnung

sei, denn sie sehnten sich nach einem Enkelkind. Luise solle daran

denken, dass die Ehe der Kinder und nicht der Eltern wegen da sei. Das

hielt Luise für eine altmodische Ansicht. Da fragte die Mama, ob man

denn mit den neuen Ideen die Absicht habe, das Menschengeschlecht

auszurotten. Daran habe Luise nicht gedacht, und darum kümmere sie sich

auch nicht. Sie sei glücklich und ihr Mann auch, und jetzt habe die Welt

endlich eine glückliche Ehe gesehen, und darum sei die Welt neidisch.

Aber angenehm lebten sie. Keiner war der Herr des andern, und zur Kasse

schossen sie zusammen. Das eine Mal verdiente er mehr, das andere Mal

sie, aber das wurde unter einander ausgeglichen.

Und wenn sie Geburtstag hatten! Da erwachte sie davon, dass die

Aufwartefrau hereinkam mit einem Blumenstrauss und einem Briefchen, auf

das Blumen gemalt waren und in dem zu lesen stand:

– Der Frau Blumenknospe gratuliert ihr Anstreicher und ladet sie zu

einem feinen kleinen Frühstück ein – und zwar sofort!

Und dann klopfte es an seine Tür und dann – herein! Und sie assen

Frühstück auf dem Bett, auf seinem Bett; und die Aufwartefrau arbeitete

dann den ganzen Vormittag. Es war entzückend.

Und nie ward es etwas Altes. Denn es dauerte zwei Jahre. Und alle

Weissager weissagten falsch.

So müsste die Ehe sein!

Dann aber geschah es, dass die Frau krank wurde. Sie glaubte, es seien

die Tapeten; er aber vermutete Bakterien. Ja, es waren bestimmt

Bakterien!

Aber es war auch etwas in Unordnung. Es war nicht so, wie es sein

sollte. Es war bestimmt eine Erkältung. Und dann wurde sie so stark.

Sollte es vielleicht ein Gewächs sein, von dem man soviel las? Ja, es

war bestimmt ein Gewächs. Sie ging zu einem Arzt. Als sie nach Haus kam,

weinte sie. Es war wirklich ein kleines Gewächs, aber eins, das zu

seiner Zeit ans Tageslicht kommen werde, um Blume zu werden und Frucht

anzusetzen.

Der Mann weinte nicht. Er fand Stil darin, und dann ging der Lümmel in

die Kneipe und prahlte noch damit. Aber die Frau weinte wieder. Wie

würde jetzt ihre Stellung zu ihm werden? Mit Arbeit könne sie jetzt bald

nichts mehr verdienen, und dann müsse sie sein Brot essen. Und dann

müssten sie sich eine Magd halten. Huh, diese Mägde!

Alle Vorsorge, aller Vorbedacht, alle Voraussicht waren an dem

Unvermeidlichen gescheitert.

Aber die Schwiegermutter schrieb begeisterte Gratulationsbriefe und

wiederholte immer wieder, die Ehe sei von Gott der Kinder wegen

gestiftet, das Vergnügen der Eltern sei nur Nebensache.

Hugo beteuerte, sie brauche niemals daran zu denken, dass sie nichts

verdiene! Trage sie nicht mit ihrer Arbeit für sein Kind genug zum

Haushalt bei? Sei das nicht auch Geldeswert? Geld sei doch nur Arbeit!

Also bezahle sie ja auch ihr Teil.

Doch sie konnte es lange nicht verschmerzen, dass sie sein Brot essen

musste. Als aber das Kind kam, vergass sie alles. Und sie war seine Frau

und Kameradin wie früher, aber sie war ausserdem die Mutter seines

Kindes, und er fand, das sei das Beste von allem.

Heiraten: Zwanzig Ehegeschichten · 第 11 / 26 题