Reibungen

Ihm waren die Augen aufgegangen über die Verkehrtheit der Welt, aber er

besass nicht die Kraft, das Dunkel zu durchdringen, um zu sehen, worin

die Ursache zu dieser Verkehrtheit lag; darum verzweifelte er, wurde,

was man „zerrissen“ nennt. Da verliebte er sich in ein Mädchen, das sich

mit einem andern verheiratete. Er beklagte sich seinen Freunden und

Freundinnen gegenüber, aber die lachten nur über ihn. So ging er allein,

„unverstanden“, seinen Weg ein Stück weiter. Er gehörte zur

„Gesellschaft“ und nahm an deren Vergnügungen teil, weil die ihn

zerstreuten; im Grunde aber verachtete er diese Vergnügungen, und das

verbarg er nicht.

Eines Abends war er auf einem Ball. Er tanzte mit einem jungen Mädchen

von ungewöhnlicher Schönheit und von lebhaften Zügen. Als der Walzer zu

Ende war, stellte er sie an eine Wand. Er musste mit ihr sprechen,

wusste aber nicht, was er sagen sollte. Schliesslich brach das Mädchen

das Schweigen und sagte mit einem harten Lächeln:

– Sie tanzen wohl sehr gern, Herr Baron?

– Nein, durchaus nicht! antwortete er. Und Sie?

– Ich kenne nichts Alberneres, antwortete sie.

Er hatte seinen Mann, oder richtiger, seine Frau gefunden.

– Warum tanzen Sie denn? fragte er.

– Aus demselben Grunde wie Sie, sagte sie.

– Kennen Sie denn meine Gedanken? fragte er.

– Das ist doch nicht schwer: von Menschen, die dasselbe denken, kennt

doch immer der eine die Gedanken des andern.

– Hm! Sie sind ein sonderbares Mädchen; glauben Sie an die Liebe?

– Nein!

– Ich auch nicht! Aber man muss sich jedenfalls verheiraten.

– Ja, ich fange an es zu glauben!

– Würden Sie sich mit mir verheiraten?

– Warum nicht? Wir werden uns wenigstens nicht schlagen!

– Pfui! Aber wie können Sie das wissen?

– Weil wir derselben Meinung sind!

– Ja, aber das kann etwas einförmig werden! Wir haben ja über nichts zu

sprechen, denn der eine kennt ja die Gedanken des andern.

– Ja, aber noch einförmiger wäre es, unverheiratet zu bleiben,

unverstanden zu sein!

– Das ist wahr! Wollen Sie Bedenkzeit haben?

– Ja, bis zum Kotillon!

– Nicht länger?

– Warum länger?

Er führte sie in den Salon und verliess sie. Darauf trank er einige Glas

Champagner. Beim Souper beobachtete er sie. Sie liess sich von zwei

jungen Diplomaten servieren, schien sie aber zu verhöhnen und wie Diener

zu behandeln.

Als der Kotillon kam, ging er sofort zu ihr und überreichte sein Bukett.

– Angenommen? fragte er.

– Ja, antwortete sie.

Also waren sie verlobt.

Es ist eine rechte Ehe, sagte die Welt. Sie sind wie geschaffen für

einander. Dieselbe gesellschaftliche Stellung, das gleiche Vermögen und

dieselben „blasierten“ Ansichten über das Leben. Mit blasiert meinte die

Welt, dass sie nicht Bälle, Theater, Bazare und andere edle Vergnügungen

liebten, die dem Leben erst seinen Wert verliehen.

Sie waren wie zwei frisch gewaschene Schiefertafeln, ganz gleich jetzt,

aber ohne eine Ahnung, ob das Leben denselben Text auf beide schreiben

werde. Niemals fragten sie einander während der zärtlichen Stunden der

Verlobung: liebst du mich, denn sie wussten ja, dass sie einander nicht

liebten, da sie an die Liebe nicht glaubten. Sie sprachen wenig, aber

sie verstanden einander so gut.

Und so verheirateten sie sich.

Er war immer aufmerksam, immer höflich, und sie waren gute Freunde.

Das Kind wirkte nur insofern auf ihr Verhältnis ein, dass sie nun über

etwas zu sprechen hatten.

Beim Mann zeigte sich jetzt eine gewisse Lust zu Tätigkeit. Er fühlte

Verantwortung und, was mehr ist, er war der Untätigkeit müde. Er war

Rentier, aber er hatte keine Stellung im Dienst des Staates. Er sah sich

jetzt nach einer Beschäftigung um, welche die Leere in seinem Leben

ausfüllen konnte. Er hörte den ersten Morgenruf der erwachenden Geister,

und er fühlte es als eine Pflicht, an der grossen Forschungsarbeit nach

den Ursachen des menschlichen Elends teilzunehmen. Er studierte,

verfolgte die Politik und schrieb schliesslich in einer Zeitung ein

Gutachten über die Schulfrage. Daraufhin wurde er in die Schulkommission

gewählt. Jetzt aber musste er eingehende Studien treiben, denn die

Fragen sollten gründlich aufgeklärt werden.

Die Baronin lag auf dem Sofa und las Chateaubriand oder Musset. Sie

hatte alle Hoffnung auf Besserung der Menschheit aufgegeben, und dieses

Herumstöbern in allem Staub und Moder, den Jahrhunderte auf die

menschlichen Einrichtungen gelegt hatten, quälte sie. Doch sah sie, dass

sie nicht gleichen Schritt mit dem Mann hielt. Sie waren wie zwei Pferde

auf einem Wettrennen. Sie wurden gewogen, ehe sie starteten, und hatten

das gleiche Gewicht; sie hatten versprochen, auf der Laufbahn gleichen

Schritt zu halten; es war so gut berechnet, dass sie den Lauf zur selben

Zeit vollenden und auf ein Mal aus dem Wettstreit heraus gehen sollten.

Jetzt aber war der Mann ihr schon eine Pferdelänge voraus. Beeilte sie

sich nicht, musste sie zurückbleiben.

So geschah es auch! Im nächsten Jahr wurde er Budgetkontrolleur des

Reichstages. Er blieb zwei Monate auf Reisen fort. Jetzt fühlte die

Baronin, dass sie ihn liebte; sie fühlte es, weil sie fürchtete, den zu

verlieren, der sie so für sich eingenommen hatte.

Als er zurückkam, war sie Feuer und Flamme; er aber hatte den Kopf voll

von dem, was er während der Reise gesehen und gehört. Er sah wohl ein,

dass der Augenblick der Trennung gekommen sei, aber er wollte sie

aufschieben, sie verhindern, wenn es möglich war. Er zeigte ihr in

grossen lebenden Bildern, wie diese kolossale Riesenmaschine, die Staat

heisst, eingerichtet ist; suchte den Gang der Räder zu erklären, die

Mannigfaltigkeit der Übertragungen, die Regulatoren und Sperrhaken,

schlechte Pendel und unsichere Ventile.

Eine Weile folgte sie ihm, dann aber ermüdete sie. Ihre Inferiorität,

ihre Wertlosigkeit fühlend, warf sie sich auf die Erziehung des Kindes;

als Muster einer Mutter wollte sie zeigen, dass sie doch einen Wert

besass. Aber der Mann wusste diesen Wert nicht zu schätzen. Er hatte

sich mit einem guten Kameraden verheiratet, und nun hatte er eine gute

Bonne. Wer konnte das ändern? Wer konnte alles voraussehen?

Das Haus war jetzt voller Abgeordneter, und die Herren sprachen über

Politik beim Essen. Die Frau beschränkte sich darauf, nachzusehen, dass

tadellos serviert wurde. Der Baron dachte allerdings immer daran, neben

die Wirtin junge Leute zu setzen, die über Theater und Musik mit ihr

sprachen; aber die Baronin antwortete immer mit Kindererziehung. Beim

Nachtisch vergass man nie, auf das Wohl der Wirtin zu trinken, floh dann

aber Hals über Kopf ins Zimmer des Mannes, um dort zu rauchen und die

Politik fortzusetzen. Die Baronin ging dann in die Kinderstube und

fühlte mit Bitterkeit, dass er ihr jetzt so weit voraus war, dass sie

ihn nie mehr einholen konnte.

Er arbeitete abends viel zu Hause und schrieb bis tief in die Nacht,

schloss sich aber immer ein. Wenn er dann seine Frau verweint sah,

fühlte er einen Stich im Herzen, aber sie hatten ja einander nichts zu

sagen.

Zuweilen aber, wenn die Arbeit ihn ekelte, wenn er fühlte, wie seine

eigene Persönlichkeit immer ärmer wurde, empfand er eine Leere, eine

Sehnsucht nach etwas Warmem, Intimem, von dem er ein Mal in seiner

Jugend geträumt hatte. Aber jedes Gefühl der Art verbot er sich als

Untreue, und er hatte eine tiefe Vorstellung von der Pflicht gegen seine

Frau.

Um ihr das Leben etwas erträglicher zu machen, schlug er ihr vor, sie

möge eine Kusine, von der sie immer gesprochen und die er nie gesehen,

einladen, bei ihnen den Winter zu verbringen.

Das war lange der Wunsch der Baronin gewesen, als er jetzt aber erfüllt

werden sollte, wollte sie nicht. Sie wollte es bestimmt nicht. Der Mann

verlangte Gründe; sie konnte aber keine angeben. Das reizte seine

Neugier, und schliesslich gestand sie, ihr sei bange vor der Kusine: die

werde ihr ihren Mann nehmen, er werde sich in sie verlieben.

– Das muss ja ein sonderbares Mädchen sein, das müssen wir sehen.

Die Baronin weinte und warnte, aber der Baron lachte, und die Kusine

kam.

Es war eines Mittags. Der Baron kam wie gewöhnlich müde nach Haus, hatte

die Kusine wie seine Neugier nach ihr vergessen. Sie setzten sich zu

Tisch. Der Baron fragte die Kusine, ob sie Theater liebe. Nein, das tue

sie nicht. Sie liebe mehr die Wirklichkeit als deren Scheinbild. Sie

habe zu Hause eine Schule für Lumpen eingerichtet und einen Verein für

freigelassene Gefangene gegründet. Aha! Der Baron studierte gerade das

Gefängniswesen. Die Kusine konnte ihm manche Auskunft geben. Und bis das

Essen zu Ende war, wurde über Gefängniswesen gesprochen. Schliesslich

hatte die Kusine versprochen, die Frage in einer kleinen Schrift zu

behandeln, die der Baron durchsehen und ausarbeiten wollte.

Alles was die Baronin vorausgesehen, traf ein. Der Herr Baron schloss

eine geistige Ehe mit der Kusine, und die Frau war verlassen. Aber die

Kusine war auch schön, und wenn sie sich am Schreibtisch über den Baron

beugte, empfand er ein warmes Behagen daran, ihren weichen Arm an seiner

Schulter zu fühlen und ihren heissen Atem auf seiner Wange zu spüren.

Und sie sprachen nicht immer vom Gefängniswesen. Sie sprachen auch von

Liebe. Sie glaubte an die Liebe der Seelen und sie erklärte so deutlich,

wie sie konnte, eine Ehe ohne die Liebe der Seelen sei Prostitution. Der

Baron hatte die Entwicklung der neuen Ansichten über die Liebe nicht

mitgemacht und fand, es sei eine harte Rede, aber doch wohl nicht ganz

unbegründet.

Aber die Kusine hatte auch andere Eigenschaften, die unschätzbar waren

für eine richtige geistige Ehe. Sie vertrug Tabak und konnte Zigaretten

rauchen. Daher konnte sie nach dem Diner mit den Herren ins Rauchzimmer

gehen, um über Politik mitzusprechen. Dann war sie entzückend.

Von kleinen Gewissensbissen geplagt, konnte der Baron dann aufstehen,

für einen Augenblick zu seiner Frau in die Kinderstube gehen, sie und

das Kind küssen und fragen, wie es ihnen gehe. Und die Baronin war

dankbar, aber sie war nicht glücklich. Der Baron kehrte dann in

brillanter Laune zur Gesellschaft zurück, als habe er eine Pflicht

erfüllt. Oft allerdings verstimmte es ihn, dass seine Frau, als _seine_

Frau, nicht dabei sein konnte; und er fühlte sich von dieser Last

bedrückt.

Als der Frühling kam, fuhr die Kusine nicht nach Haus, sondern

begleitete das Ehepaar in einen Badeort. Dort führte sie für die Armen

kleine Schauspiele auf, und sie und der Baron spielten gegen einander,

natürlich Liebhaber und Liebhaberin. Das hatte die ganz natürliche

Folge, dass die Flamme aufloderte. Aber es war nur geistiges Feuer.

Gemeinsame Interessen, dieselben Ansichten, und vielleicht ähnliche

Naturen.

Die Baronin hatte Zeit genug gehabt, um über ihre Stellung nachzudenken.

Eines Tages sagte sie dem Mann, da es zwischen ihnen aus sei, so sei es

das Beste, sich zu trennen. Das wollte er denn doch nicht, und

Verzweiflung ergriff ihn. Die Kusine sollte nach Haus reisen und seine

Frau sollte sehen, dass er ein Mann von Ehre sei.

Die Kusine reiste ab. Aber der Briefwechsel begann. Die Baronin musste

alle Briefe lesen. Sie wollte es nicht, aber der Baron verlangte es.

Bald aber gab er nach und las seine Briefe allein.

Schliesslich kam die Kusine zurück! Da brach es los! Der Baron hatte

entdeckt, dass er nicht mehr ohne sie leben könne! Was war zu tun?

Trennung? Das wäre der Tod! Fortsetzen? Unmöglich! Die Ehe auflösen, die

der Baron jetzt nur noch für eine Prostitution hielt, und sich mit

einander verheiraten? Ja, das war das einzig Ehrliche, wenn es auch

schmerzhaft war.

Das aber wollte die Kusine nicht! Es sollte nicht heissen, sie habe

einen Mann von seiner Frau gelockt; und der Skandal, der Skandal!

– Aber es sei unehrlich, wenn er seiner Frau nicht alles sage; es sei

unehrlich, weiter zu gehen; man wisse nicht, wie weit es gehen könne.

– Was? Was meine er? Wie weit könne es gehen?

– Das könne man nicht wissen!

– Oh, wie schändlich! Was er von ihr denke?

– Dass sie ein Weib sei!

Und er fiel auf die Knie und betete sie an und erklärte, der Teufel möge

ihr Gefängniswesen und ihre Schulen für Lumpen holen, er wisse nicht, ob

sie die oder die sei, aber er wisse, dass er sie liebe.

Da verachtete sie ihn und reiste Hals über Kopf nach Paris.

Er reiste ihr augenblicklich nach. Von Hamburg schrieb er einen Brief an

seine Frau. Erklärte, sie hätten einen Irrtum begangen, und es sei

unmoralisch, den nicht zu berichtigen. Bat um Scheidung.

Sie liessen sich scheiden.

* * * * *

Ein Jahr später war der Baron mit der Kusine verheiratet. Sie bekamen

ein Kind. Aber das störte ihr Glück nicht, im Gegenteil. Wieviel neue

Ideen hier draussen keimten, wieviel starke Winde hier draussen wehten!

Er veranlasste sie, ein Buch über „Junge Verbrecher“ zu schreiben. Das

wurde von der Kritik heruntergemacht. Da ward sie wütend, und schwur,

nie wieder zu schreiben. Er nahm sich die Freiheit, sie zu fragen, ob

sie schreibe, um gelobt zu werden; ob sie ehrgeizig sei. – Sie

antwortete mit der Frage, weshalb er denn schreibe! – So entstand ein

kleiner Wortwechsel. – Es sei ja nur erfrischend, einmal eine andere

Ansicht zu hören als immer die eigene. – Immer die eigene? Was solle das

heissen? Habe sie nicht _ihre_ Ansichten? – Sie setzte jetzt ihren Stolz

darin, zu zeigen, dass sie eigene Ansichten besitze, und die mussten

darum immer von denen des Mannes verschieden sein, damit kein Irrtum

vorkam. – Da erklärte er, sie könne Ansichten haben, welche sie wolle,

wenn sie ihn nur liebe. – Liebe? Was sei denn das! Er sei ja ein Tier

wie alle andern Männer, und er sei falsch gegen sie gewesen. Nicht ihre

Seele liebe er, sondern ihren Körper. – Nein, beide, sie ganz und gar! –

O, wie falsch er gewesen! – Nein, nicht falsch, sondern der Raub eines

Selbstbetrugs sei er gewesen, als er glaubte, nur ihre Seele zu lieben.

Sie hatten sich müde gegangen auf dem Boulevard und mussten sich vor

einem Café niedersetzen. Sie steckte sich eine Zigarette an. Da trat der

Kellner heran und sagte recht unhöflich, man dürfe hier nicht rauchen.

Der Baron verlangte eine Erklärung. Der Kellner antwortete, es sei ein

besseres Café, das seine Gäste nicht verscheuchen wolle, indem es

„solche Damen“ hereinlasse.

Sie standen auf, bezahlten und gingen. Der Baron war zornig, der jungen

Baronin kamen die Tränen. – Da habe man die Macht des Vorurteils!

Rauchen sei für den Mann eine Dummheit, denn es sei dumm zu rauchen,

aber für die Frau sei es ein Verbrechen! Wer es könnte, möge dieses

Vorurteil aufheben! Und wer es wolle! Der Baron wollte nicht, dass seine

Frau das erste Opfer werde, mit der dürftigen Ehre, mit dem Vorurteil

gebrochen zu haben. Denn etwas anderes sei es ja nicht. In Russland

rauchten ja die Damen der Gesellschaft zwischen den Gerichten der

grossen Diners. Die Sitten änderten sich mit den Breitengraden. Und doch

seien diese Kleinigkeiten nicht bedeutungslos im Leben, denn das Leben

bestehe aus Kleinigkeiten. Hätten Männer und Frauen dieselben schlechten

Gewohnheiten, könnten sie leichter mit einander verkehren, einander

kennen lernen und eher gleichen Schritt mit einander halten als jetzt!

Hätten sie dieselbe Erziehung, so würden sie dieselben Interessen haben

und während des ganzen Lebens nicht aus einander kommen.

Der Baron hielt inne, als habe er etwas Dummes gesagt. Aber sie hörte

nicht zu, denn ihre Gedanken waren nicht bei der Beschimpfung stehen

geblieben.

– Sie sei von einem Kellner beschimpft, aus der besseren Gesellschaft

gewiesen worden. Dahinter liege etwas! Bestimmt! Man habe sie erkannt!

Sicher, denn sie habe es schon früher bemerkt!

– Was habe sie bemerkt?

– Dass man sie in Restaurants mit Geringschätzung behandle. Die Menschen

hielten sie nicht für Eheleute, weil sie Arm in Arm gingen und höflich

gegen einander seien. Lange habe sie das mit sich herumgetragen, nun

aber vermöchte sie es nicht mehr. Aber das sei nichts gegen das, was sie

von Hause hören müsse!

– Was habe sie denn von Hause gehört, das sie ihm nicht mitgeteilt?

– Oh, was für Dinge! Was für Briefe! Und die anonymen erst!

– Nun, und er? Man behandle ihn wie einen Verbrecher! Und er habe doch

kein Verbrechen begangen! Er habe alle gesetzlichen Forderungen

beobachtet und nicht die Ehe gebrochen. Er habe das Land verlassen, wie

das Gesetz vorschreibt; das königliche Konsistorium habe sein

Scheidungsgesuch bewilligt; die Geistlichkeit, die heilige Kirche habe

ihn auf gestempeltem Papier von seinem ersten Eheversprechen entbunden;

er habe es also nicht gebrochen! Man könne ja ein ganzes Volk von dem

Treueid lösen, den es seinem Monarchen gegeben, wenn ein Land erobert

wird: warum anerkenne die Gesellschaft denn nicht die Entbindung von

einem Versprechen? Habe die Gesellschaft nicht selber dem Konsistorium

das Recht gegeben, die Ehe aufzulösen? Wie könne sich denn die

Gesellschaft als Richter über ihr eigenes Gesetz stellen? Die

Gesellschaft liege also im Streit mit sich selber! Er werde wie ein

Verbrecher behandelt! Habe nicht der Sekretär der Gesandtschaft, sein

alter Freund, als er ihm seine Karte und die seiner Frau gesandt, ihm

bloss eine Karte zurückgeschickt! Werde er nicht bei allen öffentlichen

Austeilungen von Karten übergangen!

– Oh, sie habe noch Schlimmeres ertragen müssen. Eine von ihren

Freundinnen in Paris habe ihr die Tür geschlossen, und mehrere hätten

sich auf der Strasse abgewandt, als sie ihnen begegnet sei.

Nur der weiss, wo der Schuh drückt, der ihn anhat! Sie hatten jetzt die

Schuhe an, richtige spanische Stiefel, und sie fühlten sich in Fehde mit

der Gesellschaft. Die Vornehmen hatten sie desavouiert! Die Vornehmen!

Diese Gemeinde von Halbkretins, die insgeheim wie Hunde leben, einander

aber ehren, solange es nicht zum Skandal kommt; das heisst so lange man

so ehrlich ist, den Vertrag zu kündigen, die Verfallzeit abzuwarten und

die vom Gesetz gewährte Freiheit wiederzugewinnen. Und diese vornehme

Gesellschaft sass da in ihrer Lasterhaftigkeit und teilte soziales

Ansehen aus, nach einer Skala, auf der die Ehrlichkeit tief unter Null

steht. Die Gesellschaft war also ein Gewebe von Lüge! Dass man das nicht

längst gesehen! Jetzt aber musste man das schöne Gebäude untersuchen, um

nachzusehen, wie es mit dessen Fundament bestellt sei.

Sie waren lange nicht so einig gewesen, wie jetzt, als sie nach Haus

kamen. Die Baronin blieb nun zu Hause bei ihrem Kind, und sie erwartete

bald ihr zweites. Dieser Kampf war für sie zu schwer, und sie war schon

müde geworden! Sie hatte alles satt! In einem elegant möblierten und

warmen Zimmer über freigelassene Gefangene schreiben und ihnen aus

gehöriger Entfernung eine gut behandschuhte Hand reichen, das billigte

die Gesellschaft; aber einer Frau, die sich mit einem freigelassenen

Ehemann verheiratet, die Hand reichen, das wollte die Gesellschaft

nicht. Warum nicht? Die Antwort lag nicht nahe.

Der Baron stand mitten im Leben. Besuchte die Kammern, war auf

Versammlungen und überall hörte er wilde Ausbrüche gegen die

Gesellschaft. Er las Zeitungen und Zeitschriften, verfolgte die

Literatur, machte Studien. Seiner Frau drohte dasselbe Schicksal wie der

ersten: zurückzubleiben! Seltsam aber war es! Sie konnte nicht allen

Einzelheiten seiner Untersuchungen folgen, sie missbilligte vieles in

den neuen Lehren, aber sie fühlte, dass er recht habe und für eine gute

Sache wirke. Er wusste immer, dass er zu Hause eine Zustimmung fand, die

nicht müde wurde; eine Freundin, die ihm wohl wollte. Ihr gemeinsames

Schicksal trieb sie zusammen wie erschrockene Tauben, wenn das Gewitter

heraufzieht. Das Weibliche bei ihr, das jetzt so wenig geachtet wird,

und das doch nur eine Erinnerung an die Mutter ist, an die Naturkraft,

die das Weib mitbekommen hat, brach nun hervor. Es fiel wie die Wärme

eines abendlichen Feuers über die Kinder, wie Sonnenschein über den

Mann, wie Friede über die Häuslichkeit. Er wunderte sich oft, dass er

diesen Kameraden nicht vermisste, mit dem er früher über alles hatte

sprechen können; er entdeckte, dass seine Gedanken an Stärke gewannen,

seit er sie nicht mehr sofort ausplauderte; und er glaubte mehr an dem

stillen Beifall, dem freundlichen Nicken, der teilnehmenden Hilfe

gewonnen zu haben. Er fühlte sich stärker als früher, seine Ansichten

wurden weniger kontrolliert; er war jetzt einsam, aber nicht so einsam

wie früher, denn damals stiess er oft auf Widersprüche, die nur Zweifel

erregten.

* * * * *

Es war Weihnachtsabend in Paris. In ihrem kleinen Châlet am Cours la

Reine war die Aufräumung beendet und ein grosser Tannenbaum war aus dem

Wald von Saint-Germain geholt. Der Baron und die Baronin wollten nach

dem Frühstück zusammen ausgehen, um Weihnachtsgeschenke für die Kinder

einzukaufen. Der Baron war etwas gedankenvoll, denn er hatte eben eine

kleine Schrift „Ist die Oberklasse die Gesellschaft“ erscheinen lassen.

Sie sassen am Kaffeetisch in dem schönen Speisesaal, und die Türen bis

zur Kinderstube standen offen. Sie hörten, wie die Amme mit den Kleinen

spielte, und die Baronin lächelte vor Glück und Zufriedenheit. Sie war

so mild geworden, und ihre Freude war ruhig. Da schrie eins von den

Kindern, und sie stand vom Tisch auf, um nachzusehen, warum es schreie.

Im selben Augenblick kam der Diener in den Speisesaal und brachte die

Post. Der Baron öffnete zwei Drucksachen. Die erste war eine „grosse,

angesehene“ Zeitung. Er schlug sie auf und sah sofort eine Überschrift

in fetten Buchstaben: „Ein Frevler!“ Und dann las er einige Zeilen: „Die

Weihnacht ist gekommen! Dieses Fest, das allen reinen Herzen lieb ist.

Dieses Fest, das von allen christlichen Völkern heilig gehalten wird, an

dem Friede und Versöhnung über die ganze Menschheit herrschen, an dem

sogar der Mörder sein Messer in die Tasche steckt und der Dieb das

heilige Besitzrecht achtet; dieses Fest, das besonders in den nordischen

Ländern sowohl die historischen Voraussetzungen besitzt wie von uraltem

Herkommen ist usw. Und da kommt, wie der Gestank aus einer Kloake, ein

Individuum, das sich nicht gescheut hat, die heiligsten Bande zu

brechen, und speit seine Bosheit gegen die geachteten Mitglieder der

Gesellschaft aus; eine Bosheit, die von der kleinlichsten Rache diktiert

wird ...“ Er legte die Zeitung zusammen und steckte sie in die Tasche

seines Schlafrocks. Dann riss er die zweite Drucksache auf. Das war eine

Karikatur über ihn und seine Frau. Er liess die Zeitung den gleichen Weg

gehen wie die erste, musste sich aber beeilen, denn seine Frau trat ein.

Er beendete das Frühstück und eilte in sein Zimmer, um sich zum Ausgehen

anzukleiden. Dann gingen sie.

Die Sonne schien auf die bereiften Platanen der Champs Elysées, und der

Concordiaplatz öffnete sich wie eine grosse Oase von Sonnenlicht mitten

in der Steinwüste. Er hatte ihren Arm unter seinem, es war ihm aber, als

stütze sie ihn. Sie sprach davon, was sie den Kindern kaufen sollten,

und er antwortete, so gut er konnte. Schliesslich unterbrach er auf ein

Mal das Gespräch und fragte, ohne eine Veranlassung dazu zu haben:

– Weisst du, was für ein Unterschied zwischen Strafe und Rache ist?

– Nein, darüber habe ich nicht nachgedacht.

– Ich möchte wissen, ob es nicht dieser ist: wenn sich ein anonymer

Zeitungsschreiber rächt, dann ist es Strafe; wenn aber ein namhafter

Nichtzeitungsschreiber straft, dann ist es Rache! Tragen wir uns ein

unter die neuen Propheten!

Sie bat ihn, doch das Weihnachtsfest nicht zu stören, indem er von

Zeitungen spreche.

– Dieses Fest, wiederholte er für sich, an dem Friede und Versöhnung ...

Sie gingen durch die Arkaden der Rivolistrasse, bogen in die Boulevards

ab und kauften ein. Im Grand-Hôtel essen sie. Sie war in sonniger Laune

und suchte ihn zu erheitern. Er aber blieb gedankenvoll. Schliesslich

warf er die Frage auf:

– Wie kann man ein böses Gewissen haben, wenn man recht gehandelt hat?

Das wusste sie nicht.

– Kommt es daher, dass die Oberklasse uns dazu erzogen hat, ein böses

Gewissen zu haben, jedes Mal wenn wir uns gegen sie erheben?

Wahrscheinlich! Warum hat der nicht das Recht, die Ungerechtigkeit

anzugreifen, der von der Ungerechtigkeit gekränkt worden ist? Weil nur

der, der gekränkt worden ist, angreifen wird, und die Oberklasse nicht

angegriffen werden will. Warum habe ich die Oberklasse früher, als ich

zu ihr gehörte, nicht angegriffen? Weil ich damals natürlich nicht

wusste, was sie ist! Man muss sich von einem Bild entfernen, um den

richtigen Gesichtspunkt zu finden!

– Am Weihnachtsabend spricht man nicht von solchen Dingen.

– Es ist wahr, es ist Weihnachten, „dieses Fest ...“

Und sie fuhren nach Haus. Der Tannenbaum wurde angesteckt, und Friede

und Glück strahlten von ihm aus; aber die dunklen Tannenzweige rochen

nach Begräbnis und sahen düster aus, düster wie das Gesicht des Barons.

Dann aber kam die Amme mit den Kleinen. Da klärte er sich auf, denn,

dachte er, wenn sie herangewachsen sind, dann werden sie in Freude

ernten, was wir in Tränen gesäet haben; dann werden sie nur ein böses

Gewissen haben, wenn sie sich gegen die Gesetze der Natur vergehen;

werden nicht wie wir jetzt von Grillen geritten werden, die mit dem

Rohrstock eingebläut, mit Pfaffengeschichten eingetrichtert, von der

Oberklasse zum Nutzen der Oberklasse verfasst sind.

Die Baronin setzte sich an den Flügel, als die Mädchen von der Küche und

der Diener hereinkamen. Und sie spielte alte wehmütige Tänze, über die

sich der Nordländer freut, und die Leute tanzten mit den Kindern, sahen

aber nicht fröhlich aus. Es war wie der schuldige Teil eines

öffentlichen Gottesdienstes.

Dann erhielten die Kinder und die Leute ihre Weihnachtsgeschenke. Und

dann mussten die Kinder schlafen gehen.

Die Baronin ging in den Salon und setzte sich in einen Sessel. Der Baron

setzte sich auf einen Schemel ihr zu Füssen. Darauf liess er seinen Kopf

auf ihre Knie sinken. O, der war so schwer, so schwer! Und sie

streichelte ihm die Stirn, sagte aber nichts.

– Was! Er weine?

– Ja, das tue er!

Sie hatte noch nie einen Mann weinen sehen. Das war furchtbar! Die ganze

kräftige Gestalt schlotterte, aber er schluchzte nicht, und kein Laut

war von ihm zu hören.

– Warum er weine?

– Er sei so unglücklich!

– Unglücklich mit ihr?

– Nein, nein, nicht mit ihr, aber doch unglücklich!

– Sei man garstig gegen ihn gewesen?

– O, ja!

– Könne er davon sprechen?

– Nein! Er wolle nur bei ihr sitzen! Wie er ein Mal, vor langer Zeit,

bei seiner Mutter gesessen!

Sie plauderte mit ihm, wie mit einem Kind! Sie küsste seine Augenlider

und trocknete ihm das Gesicht mit ihrem Taschentuch. Sie fühlte sich so

stolz, so seltsam stark, und sie weinte nicht. Als er sie so sah, fasste

er wieder Mut.

– Dass er so schwach sein könne! Es sei doch furchtbar, dass es in der

Tat so schwer sei, diese fabrizierten Ansichten der Gegner zu ertragen.

Glaubten denn seine Feinde selber, was sie sagten?

– Schrecklicher Gedanke, aber das täten sie wohl. Man sehe ja Steine in

Kiefern festwachsen, warum nicht Ansichten in Gehirnen. Aber sie glaube

doch, dass er recht habe, dass er das Gute wolle?

– Ja, das glaube sie! Aber er dürfe nicht böse werden: vermisse er nicht

sein Kind, das erste?

– Doch gewiss, aber dem sei ja nicht zu helfen. Wenigstens jetzt noch

nicht! Aber er und die andern, die für die Zukunft arbeiteten, müssten

auch dafür eine Hilfe finden! Noch wisse er nicht wie, aber stärkere

Köpfe als seiner, und viele zusammen, würden wohl einmal diese Frage,

die jetzt unlösbar erscheine, lösen.

– Ja, das müssten sie!

– Aber ihre Ehe? Sei das noch eine rechte Ehe, da er ihr seinen Kummer

nicht sagen wolle? Sei das nicht auch Pro ...?

– Nein, das sei eine rechte Ehe, denn sie liebten einander; das hätten

er und seine erste Frau nicht getan! Sie liebten doch einander? Könne

sie das leugnen?

– Nein, lieber Geliebter, das könne sie nicht!

– Nun, dann sei es eine rechte Ehe, von Gott, von der Natur!

Unnatürliche Auslese

oder

Die Entstehung der Rasse

Der Baron hatte mit grossem und edlem Verdruss im „Lebenssklaven“

gelesen, dass die Kinder der Oberklasse untergehen würden, wenn sie

nicht die Muttermilch von den Kindern der Unterklasse nähmen. Er hatte

Darwin gelesen und zu verstehen geglaubt, durch die Auslese seien

adelige Kinder eine höhere Entwicklungsstufe der Gattung Mensch. Durch

die Lehre von der Erblichkeit aber hatte er einen Widerwillen gegen den

Gebrauch von Ammen gefasst: indem Blut der Unterklasse in adelige Adern

fliesst, könnten ja gewisse Begriffe, Vorstellungen, Intentionen

eingepflanzt werden. Er hatte also den Grundsatz angenommen, seine Frau

solle selber säugen; wenn ihre Milch nicht reiche, solle das Kind mit

der Flasche genährt werden. Die Milch von den Kühen zu nehmen, war wohl

sein Recht, wenn die Kühe sein eigenes Heu frassen, ohne das sie

verhungern würden oder gar nicht geboren wären.

Das Kind kam zur Welt. Es war ein Sohn! Der Vater war etwas unruhig

gewesen, bis die Schwangerschaft festgestellt wurde, denn er selber war

ein armer Teufel, aber seine Frau war sehr reich, und er konnte nur in

Genuss ihres Reichtums kommen, wenn die Ehe mit einem gesetzlichen Erben

gesegnet wurde, nach dem Erbgesetz Kap. 00, § 00. Die Freude war daher

gross und ungeheuchelt. Der Sohn war ein kleines durchsichtiges

Vollblutwesen mit blauen Adern auf der Hautfläche. Aber das Blut war

trotzdem dünn. Die Mutter hatte die Figur eines Engels, war mit

ausgewählter Nahrung aufgezogen, durch Pelzwerk gegen die ungünstigen

Einflüsse des Klimas geschützt worden, und von dieser vornehmen Blässe,

die das Weib von Rasse andeutet.

Sie gab ihrem Kinde selber die Brust. Man brauchte also nicht Bäuerinnen

zu melken, um die Ehre des Lebens zu geniessen. Das waren alles Fabeln.

Das Kind sog und schrie vierzehn Tage. Da alle Kinder schreien, hatte

das nichts zu bedeuten. Aber das Kind magerte ab. Es magerte ganz

schrecklich ab. Der Arzt wurde gerufen. In geheimer Konsultation mit dem

Mann erklärte er offen, das Kind werde sterben, wenn die Mutter es

weiter säuge, denn teils sei sie zu nervös, teils habe sie nichts zu

geben. Ja, er machte eine quantitative Analyse der Milch und zeigte mit

Gleichungen, das Kind werde verhungern, wenn man auf diese Weise

fortfahre.

Was sei zu tun, denn sterben dürfe das Kind nicht? Amme oder Flasche.

Die Amme kam nicht in Frage, unter keiner Bedingung. Wir wollen es mit

der Flasche versuchen! Der Arzt verordnete jedoch eine Amme.

Die beste holländische Kuh, welche die goldene Medaille des Kreises

erhalten hatte, wurde isoliert und mit Heu gefüttert; mit trocknem Heu

von der Hochwiese. Der Arzt analysierte die Milch, und alles war gut. Es

war so einfach mit der Flasche! Dass man nicht schon längst daran

gedacht hatte! Und man brauchte keine Amme, diese Haustyrannin, der man

schmeicheln, dieses Faultier, das man mästen musste; und obendrein

konnte sie noch eine ansteckende Krankheit haben!

Aber das Kind magerte trotzdem ab und schrie immer noch. Schrie Nacht

und Tag! Es hatte ganz deutlich Magenschmerzen. Eine neue Kuh und eine

neue Analyse. Die Milch wurde mit Karlsbader Wasser (echtem Sprudel)

verdünnt, aber das Kind schrie doch noch.

– Hier ist weiter nichts zu machen, als eine Amme zu nehmen, erklärte

der Arzt.

– Nein, das wolle man nicht. Man wolle andern Kindern nicht die Milch

fortnehmen, das sei unnatürlich, und man sei nicht sicher vor der

„Erblichkeit“.

Als der Baron von Natur und Unnatur sprechen wollte, konnte der Arzt den

Baron darüber aufklären, wenn man die Natur wirken lasse, so würden alle

adeligen Familien aussterben und ihr Grundbesitz an die Krone fallen. So

weise habe die Natur es eingerichtet, und die Kultur des Menschen sei

nur ein törichter Kampf gegen die Natur, in dem der Mensch schliesslich

untergehen müsse. Die Rasse des Herrn Baron sei zum Untergang

verurteilt; das zeige sich darin, dass seine Frau nicht genügend Nahrung

für die Frucht ihres Leibes habe; um leben zu können, müsse man also die

Milch von andern Weibchen rauben oder kaufen. Die Rasse lebe also bis in

die geringste Einzelheit von Raub.

– Sei das auch Raub, wenn man die Milch kaufe? Sie kaufe!

– Ja, denn das Geld, mit dem man die Muttermilch des Volkes kaufe, sei

ja das Produkt einer Arbeit. Und wessen Arbeit? Des Volkes! Denn der

Adel arbeite ja nicht.

– Aber der Doktor sei ja Sozialist!

– Nein, er sei Darwinist. Übrigens könne man ihn seinetwegen ruhig

Sozialist nennen, das sei ihm ganz einerlei!

– Ja, aber raube man, wenn man kaufe? Das sei doch zu streng!

– Ja, wenn man mit Geld kaufe, das man nicht erarbeitet.

– Mit dem Körper also erarbeitet?

– Ja!

– Dann sei ja der Doktor auch ein Räuber!

– Gewiss! Das könne ihn aber nicht davon abhalten, die Wahrheit zu

sagen! Ob der Baron sich nicht an den reuigen Räuber erinnere, der so

wahr gesprochen?

Das Gespräch wurde abgekürzt, und der Baron liess den Professor kommen.

Der nannte den Baron einen Mörder, weil er nicht längst für eine Amme

gesorgt habe!

Der Baron musste seine Frau überreden. Er musste seine ganze frühere

Beweisführung aufheben und die einfache Tatsache betonen: die Liebe zu

seinem Kind (verglichen mit dem Erbgesetz).

Aber wo sollte man eine Amme hernehmen? An die Stadt brauchte man erst

garnicht zu denken, denn da waren alle Menschen verdorben! Nein, ein

Mädchen vom Lande musste es sein. Aber die Baronin wollte kein Mädchen

haben, denn ein Mädchen, das ein Kind habe, sei ja ein unsittliches

Geschöpf: da könne ja der Sohn eine erbliche Anlage bekommen.

Der Arzt sagte, alle Ammen seien Mädchen, und wenn der junge Baron die

Anlage, zu Mädchen zu gehen, erben werde, so sei er ein tüchtigen Kerl,

und solche Anlagen müsse man pflegen. Eine Bauernfrau bekomme man

bestimmt nicht, denn wer Grund und Boden habe, wolle auch seine Kinder

selber besitzen.

– Aber wenn man ein Mädchen mit einem Knecht verheirate.

– Dann müsse man neun Monate warten.

– Aber wenn man ein Mädchen verheirate, das schon ein Kind habe?

– Das sei eine Idee!

Der Baron wusste wohl von einem Mädchen, das ein Kind von drei Monaten

hatte. Er wusste es nur allzu gut, denn seine Verlobungszeit hatte drei

Jahre gedauert und der Arzt hatte ihm schliesslich „verordnen“ müssen,

untreu zu sein.

Er ging selber zu ihr und fragte sie. Sie solle einen eigenen Hof

bekommen, wenn sie sich mit dem Knecht Anders verheirate und Amme im

Herrnhaus werde. Nun, es war klar, dass sie das lieber wollte, als

allein die Schande tragen.

Am nächsten Sonntag sollten sie zum ersten, zweiten und dritten Mal

aufgeboten werden, und Anders sollte auf zwei Monate nach Haus reisen.

Der Baron sah ihr Kind mit einem seltsamen Gefühl von Neid. Es war ein

grosses, starkes Ding. Schön war es nicht, aber sicher würde es sich

durch viele Familienglieder fortpflanzen können. Das Kind war zum Leben

geboren, aber es wurde nicht sein Los.

Anna weinte, als es ins Waisenhaus gebracht wurde, aber das gute Essen

im Herrnhaus, denn sie ass vom Essen der Herrschaft und bekam Porter und

Wein, so viel sie wollte, tröstete sie allmählich. Auch durfte sie

ausfahren in der grossen Kalesche, auf deren Kutschbock ein Bedienter

sass. Und dann konnte sie „Tausendundeine Nacht“ lesen. Noch nie in

ihrem Leben war sie so gepflegt worden.

Aber nach zwei Monaten kam Anders zurück. Er war bei seinen Eltern auf

Besuch gewesen. Hatte gegessen, getrunken und sich ausgeruht. Er nahm

den Hof in Besitz, verlangte aber nach seiner Anna. Könnte sie nicht

wenigstens bei ihm vorsprechen? Nein, das wollte die Baronin nicht.

Keinerlei Geschichten!

Anna begann abzunehmen und der kleine Baron schrie. Der Arzt wurde um

Rat gefragt.

– Man lasse sie zusammen, sagte er.

– Wenn das aber schädlich ist?

– Im Gegenteil!

Aber Anders sollte erst „analysiert“ werden.

Das wollte Anders nicht. Anders erhielt einige Schafe und dann wurde er

analysiert.

Der kleine Baron schrie nicht mehr.

Da aber kam die Nachricht vom Waisenhaus, Annas Junge sei an

Diphtheritis gestorben. Anna bekam Milchversetzung und der kleine Baron

schrie ganz schrecklich.

Anna musste verabschiedet und zu Anders geschickt werden, und man musste

eine neue Amme annehmen. Anders freute sich, endlich richtig verheiratet

zu sein, aber Anna hatte feine Gewohnheiten angenommen. Sie konnte nicht

mehr brasilianischen Kaffee trinken, sondern musste Java haben. Und ihre

Gesundheit verbot ihr, sechs Mal in der Woche Fisch zu essen. Sie konnte

die Erde nicht graben, und darum wurde das Brot knapp.

Nach einem Jahr hätte Anders den Hof aufgeben müssen; doch der Baron war

ihm gewogen, und er durfte als Kätner bleiben.

Anna tagewerkte auf dem Herrnhof und sah oft den kleinen Baron; er aber

erkannte sie nicht wieder, und das war gut. Aber er hatte doch an ihrer

Brust gelegen. Und sie hatte sein Leben gerettet und dafür das ihres

eigenen Kindes gegeben. Doch sie war fruchtbar und bekam mehrere Söhne,

die Kätner, Bahnarbeiter wurden; einer wurde Zuchthäusler.

Aber der alte Baron sah mit Unruhe den Tag kommen, an dem der junge

Baron sich verheiraten und einen Erben zeugen würde. Stark sah er nicht

aus! Er wäre sehr viel ruhiger gewesen, wenn der andere kleine Baron,

der im Waisenhaus starb, auf dem Herrnhof gesessen hätte. Und als er den

„Lebenssklaven“ noch ein Mal las, musste er eingestehen, dass die

Oberklasse von der Gnade der Unterklasse lebt; und als er Darwin noch

ein Mal las, konnte er nicht leugnen, dass die Auslese, so wie sie jetzt

war, alles andere als natürlich sei. Aber das war nun einmal so, und das

konnte man nicht ändern, der Doktor und die Sozialisten mochten sagen,

was sie wollten.

Heiraten: Zwanzig Ehegeschichten · 第 10 / 26 题