Die Ansicht, daß unsere Kirche bei uns so wenig Autorität und Bedeutung

hat, weil unsere Geistlichkeit nicht weltgewandt genug ist und es nicht

versteht, sich in der Gesellschaft zu bewegen, ist genau so töricht, wie

die Behauptung, unsere Geistlichkeit werde durch die Satzungen unserer

Kirche an jeder Berührung mit dem Leben gehindert und durch die

Regierung in ihrem Handeln beschränkt. Freilich sind unserer

Geistlichkeit bei ihrem Verkehr mit der Welt und mit den Menschen

strenge und wohlberechtigte Schranken gezogen. Glauben Sie mir, es wäre

nicht gut, wenn unsere Geistlichen häufiger mit uns zusammenkämen, an

unseren täglichen Zusammenkünften und Vergnügungen teilnähmen oder sich

in unsere Familienangelegenheiten mischen würden. Der Geistliche ist

vielen Versuchungen ausgesetzt, in weit höherem Maße als wir: er würde

sicher zu all jenen Intrigen im Schoße der Familien kommen, die man

den römisch-katholischen Priestern zum Vorwurf macht. Die

römisch-katholischen Geistlichen sind gerade deshalb so verderbt und

korrumpiert, weil sie zu weltlich geworden sind. Unsere Geistlichkeit

hat zwei Gebiete, auf denen sie sich betätigen kann und auf denen sie

mit uns zusammentrifft: die Beichte und die Predigt. Auf diesen beiden

Gebieten, auf deren erstem sich nur ein- bis zweimal jährlich

Gelegenheit zur Betätigung bietet, während man sich auf dem zweiten

jeden Sonntag treffen kann, läßt sich sehr viel leisten. Und wenn der

Priester es nur verstände, angesichts des vielen Häßlichen und Bösen,

das er im Menschen findet, bis zum richtigen Zeitpunkt zu schweigen und

sich's gründlich zu überlegen, wie er sich ausdrücken, wie er so zu den

Menschen reden solle, daß jedes seiner Worte ihnen tief zu Herzen

dringt, so wird er bei der Beichte und in der Predigt so starke mächtige

Worte dafür finden, wie ihm dies in seinen täglichen Unterhaltungen mit

uns nie gelingen würde. Er muß von einem erhöhten Platz zu dem mitten im

Weltgetriebe stehenden Menschen reden, damit der Mensch den Eindruck

gewinne, daß nicht ein Priester vor ihm stehe, sondern Gott selbst, der

sie alle beide hört, und daß von Seiner unsichtbaren Gegenwart ein Hauch

ausgeht, der beide mit ehrfürchtigem Schaudern erfüllt. Nein, es ist

sogar gut, daß unsere Geistlichkeit sich in einer gewissen Entfernung

von uns hält. Es ist gut, daß sie sich sogar durch ihre Kleidung, die

keinerlei Wandlungen und Launen unserer törichten Mode unterworfen ist,

von uns unterscheidet. Diese Kleidung ist schön, groß und würdig. Das

ist kein sinnloses, aus dem achtzehnten Jahrhundert übernommenes Rokoko,

das ist nicht die aus buntem Flitter zusammengesetzte, nichtssagende

Kleidung der römisch-katholischen Priester. Diese Kleidung hat einen

tiefen Sinn: sie ist ein Abbild, sie gleicht jener Kleidung, die der

_Heiland selbst_ getragen hat. Der Geistliche soll auch in seiner

Kleidung ein ewiges Erinnerungszeichen an _Den_ mit sich führen, dessen

Abbild er für uns sein soll, damit seine Seele sich auch nicht für einen

Augenblick vergessen und in den Genüssen, Zerstreuungen und den

nichtigen weltlichen Sorgen verlieren kann, denn von ihm wird tausendmal

strengere Rechenschaft gefordert werden, als von irgendeinem unter uns;

daher sollen die Geistlichen immer daran erinnert werden, daß sie

gleichsam andre, höhere Menschen sind. Nein, solange der Priester noch

jung ist, solange er das Leben noch nicht kennt, soll er überhaupt nur

bei der Beichte und bei der Predigt mit den Menschen zusammentreffen.

Und wenn er sich schon einmal in eine Unterhaltung mit einem von ihnen

einläßt, so sollen dies nur die Weisesten und Erfahrensten unter ihnen

sein, die ihn die Seele und das Herz des Menschen kennen lehren, und die

ihm das Leben in seiner wahren Gestalt und in seinem wahren Lichte und

nicht in dem Lichte, in dem es einem unerfahrenen Menschen erscheint,

darstellen können. Der Priester muß auch Zeit für sich selbst haben, er

muß an sich selbst arbeiten können. Er muß sich ein Beispiel an unserem

Heiland nehmen, der lange Zeit in der Wüste weilte und erst, nachdem er

sich durch ein vierzigtägiges Fasten darauf vorbereitet hatte, zu den

Menschen hinausging, um ihnen seine Lehre zu bringen. Einzelne kluge

Köpfe sind bei uns auf den Einfall gekommen, man müsse sich in der Welt

herumbewegen, um sie kennen zu lernen. Das ist grundfalsch. Diese

Ansicht wird durch alle Weltleute widerlegt, die sich ihr ganzes Leben

lang in der Welt bewegen und doch die hohlsten und leersten Menschen

sind. Nicht inmitten der Welt selbst wird man für die Welt erzogen,

sondern fernab von ihr in tiefer innerster Selbstbetrachtung, in der

Erforschung der eigenen Seele, denn dort liegen die Gesetze aller Dinge

verborgen: suche zuvor den Schlüssel zu deiner eigenen Seele; hast du

_ihn_ erst gefunden, so wirst du mit diesem Schlüssel auch die Seelen

aller anderen aufschließen.

X

Über das Lyrische bei unseren Poeten

An W. A. Schukowski

Laß uns von dem Aufsatz sprechen, über den das Todesurteil gefällt ist,

d. h. von dem Aufsatz, der die Überschrift: »_Über das Lyrische bei

unseren Poeten_« trägt. Vor allem: Dank für das Todesurteil! So ward ich

denn bereits zum zweitenmal von dir gerettet, du mein wahrhafter Lehrer

und Erzieher! Schon im vergangenen Jahre hat deine Hand mir Halt

geboten, als ich eben im Begriff war, Pletnjew für seinen »Sowremennik«

meine Betrachtungen über unsere russischen Dichter zu senden; und nun

hast du eine neue Frucht meines Unverstandes der Vernichtung

preisgegeben. Du bist der einzige, der mir noch Einhalt gebietet,

während mich die andern alle anfeuern und ermuntern; weiß ich doch

selbst nicht wozu. Wieviel Torheiten hätte ich schon begangen, wenn ich

nur auf meine andern Freunde gehört hätte! So, da hast du meinen

Dankhymnus: und nun zu dem Aufsatz selbst. Ich werde schamrot, wenn ich

daran denke, wie dumm ich noch immer bin, wie ich so gar nicht verstehe,

von gescheiteren Dingen zu reden. Am törichtesten aber geraten meine

Gedanken und Betrachtungen über die Literaten. Hier kommt alles, was ich

schreibe, besonders geschwollen, dunkel und unverständlich heraus. Ich

bin nicht imstande, meine eigenen Gedanken auszudrücken und

niederzuschreiben, die ich doch nicht nur im Geiste vor mir sehe,

sondern auch mit dem Herzen erahne und erfühle. Der Kern meines

Aufsatzes ist vernünftig und richtig, und doch habe ich mich so

ausgedrückt, daß jeder meiner Ausdrücke zum Widerspruch herausfordert.

Ich muß es noch einmal wiederholen: in der Lyrik unserer Dichter liegt

etwas, was kein Poet einer andern Nation besitzt -- es ist dies jenes

Etwas, das an die Bibel gemahnt, -- jene höhere Art Lyrik, die nichts

gemein hat mit leidenschaftlicher Schwärmerei und nur der sichere

Aufschwung im Lichte des Verstandes, der höchste Triumph geistiger

Nüchternheit ist. Ich will hier nicht einmal von Lomonossow und

Dershawin reden, selbst bei Puschkin tritt einem diese strenge Lyrik

überall da entgegen, wo er einen großen Gegenstand behandelt. Denke nur

an solche Gedichte wie: An einen Kirchenfürsten, der Prophet, oder sogar

an jene geheimnisvolle Flucht aus der Stadt, die erst nach seinem Tode

veröffentlicht wurde. Aber nimm einmal die Gedichte von Jasykow und du

wirst sehen, daß er stets unendlich hoch über die Leidenschaft, ja sogar

über sich selbst hinauswächst, wenn er an etwas Höheres rührt. Ich

möchte hier eines seiner Jugendgedichte »Der Genius« als Beispiel

anführen. Es ist übrigens nicht lang.

Einst stürmte der Prophet, der hohe,

Mit Blitz und Donner himmelwärts,

Und eine mächt'ge Feuerlohe

Erfüllte da Elisas Herz.

Es reckte sich sein Geist empor;

Ein heiliges Gefühl erblühte

In ihm, der vor Begeistrung glühte,

Und Gottes Stimme lauscht' sein Ohr.

So wird der Genius mit Beben

Sich eigner Größe froh bewußt,

Sieht er den Bruder aufwärts streben

Mit Donnerlaut aus Erdendust.

Und hehrer Wundertat entgegen

Die Kräfte reifen neu erwacht,

Und seiner Werke hoher Segen

Strahlt sternengleich durch Weltennacht.

Welch leuchtende Klarheit und welche strenge, erhabene Größe! Ich suchte

das dadurch zu erklären, daß unsere Dichter jeden großen Gegenstand in

seinem richtigen Zusammenhang mit dem höchsten Quell aller Lyrik, mit

Gott sehen, die einen bewußt, die andern unbewußt, weil die russische

Seele, wie sich das aus dem russischen Wesen selbst ergibt, dies aus

irgendeinem Grunde ganz von selbst fühlt. Ich sagte, daß es vorzüglich

zwei Gegenstände sind, die unsere Dichter zu dieser, der biblischen so

nahestehenden Art der Lyrik begeistert haben. Der erste ist --

_Rußland_. Bei dem bloßen Klang dieses Namens erhellt sich plötzlich das

Auge unseres Poeten, erweitert sich sein Horizont, wird alles um ihn

herum größer und weiter, wächst er selbst gewissermaßen zu höherer Würde

und Größe empor, und erhebt er sich hoch über den gewöhnlichen Menschen.

Das ist mehr als bloße Liebe zum Vaterland. Demgegenüber erschiene die

Vaterlandsliebe fast wie ekle Prahlerei. Ein Beweis dafür sind unsere

Hurrapatrioten. [Ihre übrigens meist ganz aufrichtigen Lobhymnen können

einem Rußland beinahe verleiden.] Wenn dagegen ein Dershawin von Rußland

spricht -- dann fühlt man eine übernatürliche Kraft durch seine Adern

rinnen, man ist gleichsam ganz erfüllt von der Größe Rußlands. Die

Vaterlandsliebe allein hätte -- gar nicht erst zu reden von Dershawin --

nicht einmal einem Jasykow die Kraft dieses großen, feierlichen

Ausdrucks verliehen, der sich jedesmal einstellt, wenn er von Rußland

redet. So zum Beispiel in den folgenden Versen, wo er darstellt, wie

Stephan Batorius gegen Rußland in den Krieg zieht.

Schon rüstet Stephan sich zur Schlacht,

Schon eilt er, seine ganze Macht

Zu einer Heerschar zu verdichten,

Um, wenn er Pskow den Tod gebracht,

Rußland für immer zu vernichten!

Doch du, o heil'ges Vaterland,

Du hehre Liebe unsrer Ahnen,

Du riss'st das Schwert aus seiner Hand.

Nicht siegten diesmal seine Fahnen.

Diese nüchterne, ruhige Heldenkraft, die sich zuweilen sogar

unwillkürlich mit einer prophetischen Verherrlichung Rußlands verbindet,

entspringt daraus, daß der Gedanke unbewußt an die höchste Vorsehung

rührt, deren Walten so deutlich in den Schicksalen unseres Vaterlandes

zum Ausdruck kommt. -- Außer der Liebe aber ist hieran auch noch das

tiefe, innere Entsetzen über die Vorgänge beteiligt, die sich durch

Gottes Willen auf jenem Stück Erde abspielen sollten, jenem Stück Erde,

das dazu bestimmt war, unser Vaterland zu werden, sowie die Vorahnung

eines neuen, herrlichen Baus, der sich, zunächst noch nicht für alle

sichtbar, errichtet, dessen Wachsen nur der Dichter mit dem scharfen Ohr

der Poesie, das alles hört, oder ein solcher Seelenkenner, der schon im

_Samen_ die künftige Frucht erkennt, zu vernehmen vermag. Heute beginnen

allmählich auch die andern Menschen etwas davon zu erkennen, aber sie

drücken sich so unklar aus, daß ihre Worte Torheit zu sein scheinen. Du

hast unrecht, wenn du annimmst, daß die heutige Jugend, wenn sie vom

Slawentum träumt und prophetisch von Rußlands Zukunft spricht, einer

Modeströmung folgt. Sie verstehen es nicht, ihre Gedanken in ihren

Köpfen ausreifen zu lassen, und beeilen sich, sie der Welt zu verkünden,

ohne zu bemerken, daß ihre Gedanken noch törichte Kinder sind -- das ist

alles. Auch bei den Juden lehrten gleichzeitig vierhundert Propheten:

von diesen war gewöhnlich nur einer der Gesandte Gottes, dessen Reden in

das heilige Buch des jüdischen Volkes eingetragen wurden; alle andern

werden viel Unnützes und Überflüssiges zusammengeredet haben, trotzdem

aber haben wohl auch sie dunkel und unklar dasselbe vernommen, was die

Auserwählten klar und verständig auszusprechen wußten; sonst hätte das

Volk sie sicherlich gesteinigt. Warum sind denn weder Frankreich, noch

England, noch Deutschland von dieser Strömung ergriffen und prophezeien

und künden nicht von sich selbst, warum tut dies Rußland allein? Nun,

weil Rußland es deutlicher fühlt, wie Gottes Hand auf allem ruht, an

allem teilhat, was sich mit unserem Lande zuträgt, und weil es ein neues

Reich herannahen fühlt. Daher die biblischen Töne bei unseren Dichtern.

Daher kann solches bei den Dichtern anderer Nationen nicht vorkommen,

und wenn sie ihr Vaterland noch so innig lieben und dieser Liebe einen

noch so glühenden Ausdruck zu geben vermögen. Und hier darfst du nicht

mit mir streiten, mein herrlicher Freund.

Doch laß uns nun zu dem andern Gegenstande übergehen, an dem sich die

Lyrik unserer Dichter gleichfalls zu jenem hohen, lyrischen Schwunge

erhebt, von dem hier die Rede ist: laß uns der Liebe zum Zaren gedenken.

Die zahlreichen Hymnen und Oden auf unsere Zaren haben unserer Poesie

schon seit den Zeiten Lomonossows und Dershawins jene erhabene,

königliche Note verliehen. Daß diese Gefühle aufrichtig sind, darüber

brauchen wir wohl nicht erst zu sprechen. Nur Geister von kleinlichem,

nörgelndem Witz, der nur karger, blitzartiger, oberflächlicher Gedanken

und Erwägungen fähig ist, werden dahinter nichts wie Schmeichelei und

den Wunsch, einen Vorteil für sich herauszuschlagen, suchen, und werden

diese Behauptung auf ein paar unbedeutende und schlechte Oden jener

Dichter gründen. Der dagegen, der nicht nur geistreich, der mehr ist,

der Einsicht und Weisheit besitzt, wird bei jenen Oden Dershawins

verweilen, in denen er den weiten Kreis nützlicher, wohltätiger

Wirksamkeit vor dem Herrscher beschreibt, und wo der Dichter selbst mit

Tränen in den Augen zu ihm von den Tränen spricht, die den Augen --

nicht nur der Russen -- nein auch gefühlloser Wilden, die an den

äußersten Enden seines Reiches wohnen, entströmen würden bei der bloßen

Berührung mit der Milde und Liebe, die nur die allmächtige Hand des

Herrschers ihrem Volke erweisen kann. Hier ist vieles zu so gewaltigem

Ausdruck emporgehoben, daß selbst, wenn sich einmal ein Herrscher finden

sollte, der für eine Zeitlang seine Pflicht vergäße, er sich beim Lesen

dieser Zeilen unfehlbar wieder seiner Schuldigkeit erinnern und von

tiefer Rührung über die Heiligkeit seines Amtes ergriffen werden würde.

Nur kaltherzige Menschen werden Dershawin wegen seiner übermäßigen

Verherrlichung Katharinas tadeln; der dagegen, der keinen Stein an

Stelle des Herzens hat, der wird die herrlichen Strophen nicht ohne

Rührung lesen, in denen der Dichter davon spricht, daß, wenn seine

Gestalt in Marmor gehauen auf die Nachwelt kommen sollte, dies nur

deshalb geschehen werde,

Weil ich die Kaiserin besang,

Der Reußen Zarin, welcher keine

Je gleichkommt auf der weiten Welt.

Des rühme, rühm' dich, meine Leier.

Auch die folgenden, kurz vor dem Tode geschriebenen Verse wird er kaum

ohne aufrichtige seelische Erschütterung lesen:

Schlaf sank auf Katharinens Muse nieder;

Das Alter raubte mir die Lieder.

-- -- -- -- -- -- -- -- ... Bald

Ertönt der andern Lied, wenn meins verhallt,

Und meiner Hand entsinkt die Leier;

In andern glühe nun das Feuer,

Mit dem drei Zaren einst mein Sang

Zu Ruhm und Preis erklang.

Der Greis, der mit einem Fuß im Grabe steht, wird nicht lügen. Während

seines ganzen Lebens hat er diese Liebe wie ein Heiligtum in sich gehegt

und so hat er sie mit sich ins Grab genommen und ist er ihr auch bis

übers Grab treu geblieben. Aber darum handelt es sich ja gar nicht.

Woher stammt diese Liebe? Das ist hier die Frage. Daß sie im ganzen

Volke, in einem dunkeln Instinkt seines Herzens lebt, und daher auch der

Dichter, als der reinste Spiegel seines Volkes, sie laut in sich

vernehmen mußte, das erklärt nur die eine Hälfte des Problems. Der

ganze, der vollkommene Dichter gibt sich nie an eine Sache hin, ohne

sich vorher Rechenschaft über sie abgelegt und ohne sich überzeugt zu

haben, daß sie vor der Weisheit und vor dem hellen Lichte seiner

Vernunft bestehen kann. Er, der im Besitz eines Ohres ist, das die

kommenden Dinge und Ereignisse vernimmt, und der von dem Streben beseelt

wird, die Dinge, die die andern nur stückweise, von einer einzigen, oder

etwa bloß von zwei Seiten und nicht von allen vier Seiten sehen, in

ihrer ganzen Vollkommenheit und Vollständigkeit nachzuschaffen, er

konnte nicht anders, als die Kulmination in der Entwicklung und dem

Reifen dieser Herrschergewalt voraussehen. Mit welcher Weisheit hat

Puschkin die Bedeutung des unumschränkten Monarchen gekennzeichnet! Wie

klug war überhaupt alles, was er während seiner letzten Lebensjahre

gesagt hat: »Warum,« so pflegte er zu sagen, »warum muß einer von uns

höher als alle, ja selbst noch über dem Gesetze stehen? Darum, weil das

Gesetz ein Stück Holz ist; weil der Mensch bei dem Worte Gesetz etwas

Kaltes, Hartes empfindet, etwas, dem das Herzliche, Brüderliche fehlt.

Mit der buchstäblichen Erfüllung des Gesetzes allein kommt man nicht

weit; und doch darf keiner von uns es verletzen oder umgehen; dazu

bedarf es eben der höchsten Gnade, die das Gesetz mildert, und die sich

für den Menschen lediglich in der unumschränkten Gewalt verkörpern kann.

Ein Staat ohne souveränen Monarchen ist ein Automat: es ist schon viel,

wenn er es so weit bringt, wie die Vereinigten Staaten. Und was sind die

Vereinigten Staaten? Etwas Totes, Abgestorbenes. Die Menschen dort sind

so hohl und so leer geworden, daß sie keinen Pfifferling mehr wert sind.

Ein Staat ohne souveränen Monarchen gleicht einem Orchester ohne

Kapellmeister: die einzelnen Musiker mögen noch so tüchtig sein; wenn es

an einem Manne fehlt, der das Ganze mit einer Bewegung des Taktstockes

lenkt und im rechten Augenblick das Zeichen gibt, dann wird nie ein

gutes Konzert zustande kommen. [Er scheint zwar selbst gar nichts zu

tun, er spielt auf keinem Instrument, sondern bewegt nur sein Stöckchen

kaum merklich hin und her, und hält Überschau über alle Musiker, und

doch genügt ein Blick von ihm, um hier oder dort den rauhen, häßlichen

Ton einer täppischen Trommel oder einer plumpen Pauke zu mildern.] In

seiner Gegenwart wagt es selbst des Meisters Geige nicht, sich allzu

frei gehen zu lassen und die andern zu übertönen; er wacht über der

allgemeinen Ordnung, er belebt alles, er, der Herr und Stifter höchster

Eintracht und Harmonie!« Welch tiefes Verständnis besaß er für die

großen, ewigen Wahrheiten!

Dieses innere Wesen, diese Macht des selbstherrlichen Monarchen hat er

ja auch, wenigstens zum Teil in einem seiner Gedichte zum Ausdruck

gebracht, das du übrigens selbst unter seinen nachgelassenen Werken

abgedruckt hast. Du hast sogar Korrekturen daran vorgenommen und die

Form verbessert; allein du hast den Sinn nicht verstanden. Ich will dir

hier des Rätsels Lösung geben. Ich meine die Ode an den Kaiser Nikolaus,

die unter dem bescheidenen Titel An N*** erschienen ist. Ihr Ursprung

ist folgender: Im Anitschkowpalast fand eine Abendgesellschaft statt,

eine von jenen Gesellschaften, zu denen, wie bekannt, nur wenige

Auserwählte aus unserer Gesellschaft eingeladen wurden; unter ihnen

befand sich an jenem Abend auch Puschkin. Alle Gäste waren bereits in

den Sälen versammelt; nur der Kaiser wollte lange Zeit nicht erscheinen.

Er hatte sich in den andern Flügel des Schlosses zurückgezogen, die

erste freie Minute, während der ihn kein Geschäft rief, benutzt, die

Ilias aufgeschlagen und sich ganz unmerklich tief in die Lektüre

versenkt, während im Saale schon längst die Musik schmetterte und die

Tänze hin und her wogten. Er erschien erst ziemlich spät beim Ball,

während auf seinem Gesicht noch die Spuren anderer Eindrücke

nachzitterten. Dieses Sichkreuzen zweier widerspruchsvoller Stimmungen

wurde von keinem beachtet; auf Puschkins Seele aber machte es einen

tiefen Eindruck; die Frucht dieses Eindrucks war folgende grandiose Ode,

die ich hier noch einmal anführen will. Sie hat nur eine einzige

Strophe:

Lang hieltest Zwiesprach' du mit dem Homer allein,

Lang harrten wir auf dein Erscheinen,

Und aus der Ätherhöh' stiegst du im Strahlenschein,

Durch das Gesetz uns zu vereinen.

Doch in der Wüste fandst du uns. Entgegen scholl

Dir gotteslästerliches Singen

Beim wüsten Zechgelag', du sahst uns blind und toll

Um unsern neuen Götzen springen.

Und wir erschraken, da den Gram und Grimm wir sahen

In deinem Blick voll Hoheitsschimmer;

Und da verfluchtest du den kindisch blöden Wahn,

Schlugst deine Tafeln jäh in Trümmer.

Doch nein, du fluchtest nicht! ... Aus Höhen wolkenfern

Stiegst du ins Tal, das wolkenlose.

Du liebst des Donners Hall, doch lauschest du auch gern

Dem Bienensummen um die Rose.

(Fiedler.)

Aber lassen wir die Person Nikolaus' II. beiseite und sehen wir zu, was

der Monarch im allgemeinen als Gesalbter Gottes bedeutet, er, der die

Pflicht hat, das ihm anvertraute Volk dem Lichte entgegenzuführen, in

dem Gott wohnt, und laß uns zusehen, ob Puschkin recht hatte, ihn mit

dem alten Freunde Gottes, mit Moses zu vergleichen? Der Mensch, auf

dessen Schultern das Schicksal von Millionen seiner Brüder gelegt ist,

der durch die furchtbare Verantwortlichkeit für sie, die er Gott

gegenüber auf sich genommen hat, von jeder Verantwortlichkeit vor den

Menschen befreit ist, der unter der Furchtbarkeit dieser Verantwortung

leidet und vielleicht im stillen solche Tränen vergießt und so

schmerzliche Qualen erduldet, wie sie sich ein tief unten stehender

Mensch nicht einmal vorzustellen vermag, dem inmitten aller

Sinnengenüsse und Zerstreuungen die ewige, nie verstummende Stimme

Gottes in den Ohren klingt, die unaufhörlich mahnend zu ihm spricht, der

darf wohl mit Recht dem alten Gottesfreund Moses verglichen werden, der

darf, wie er, seine Tafeln in Trümmer schlagen und das leichtsinnige,

gaukelnde Menschengeschlecht verfluchen, das, statt danach zu streben,

wonach alles, was auf dieser Erde lebt, streben sollte, unruhig und

eitel um seine von ihm selbst geschaffenen Götzen springt. Aber was

Puschkin so tief bewegte, das war neben allem andern jene höchste

Bedeutung der Herrschergewalt, die sich die Ohnmacht und Schwäche der

Menschheit vom Himmel herabgefleht hat; und dies Flehen war kein Schrei

nach der ewigen Gerechtigkeit, vor der kein Mensch dieser Erde zu

bestehen vermöchte, es war ein Schrei nach der himmlischen, göttlichen

Liebe, die alles zu vergeben vermag: unsere Pflichtvergessenheit, unser

ungeduldiges Murren und unsere Unzufriedenheit, mit einem Wort alles,

was ein Erdenmensch nicht verzeihen kann; auf daß ein einziger alle

Macht in seiner Person vereinigte, sich von uns allen entfernte und sich

über alles Irdische erhob, um sich gerade dadurch allen um so mehr zu

nähern, allen gleich zu werden, von seiner Höhe zu uns allen

herabzusteigen und allem verständnisvoll zu lauschen: vom Donner des

Himmels und der Lyra des Dichters bis herab zu unseren unscheinbarsten

Freuden und Vergnügungen.

Es hat den Anschein, als sei Puschkin in diesem Gedicht, nachdem er sich

selbst die Frage gestellt hatte, was denn diese Macht eigentlich sei,

vor der Größe und Erhabenheit der sich seinem Geiste aufdrängenden

Antwort in den Staub gesunken. Es ist gut, hierbei im Auge zu behalten,

daß das derselbe Dichter ist, der so ungeheuer stolz auf die

Unabhängigkeit seines Geistes und auf seine persönliche Würde war.

Niemand hat so gesungen wie er:

Ein Denkmal hab' ich mir errichtet ohnegleichen;

Zu diesem Geisterbau bewächst nie Gras den Pfad,

Trutzhäuptig überragt es selbst die Ruhmeszeichen,

Die sich Napoleon errichtet hat[2].

(Nach Fiedler.)

[Fußnote 2: Im Original heißt es: »Die Kaiser Alexander hat.« Schukowski

hat wohl aus Zensurrücksichten Alexander in Napoleon umgeändert. Anm.

des Herausg.]

An den »Ruhmeszeichen Napoleons« bist freilich du schuld, aber selbst

wenn diese Zeile in ihrer ursprünglichen Fassung erhalten geblieben

wäre, sie wäre dennoch ein Beweis, ja ein zwingender Beweis dafür, daß

Puschkin, trotzdem er sich persönlich, als Mensch, vielen gekrönten

Häuptern überlegen fühlte, doch tief im Innern empfand, wie klein und

gering sein Beruf im Vergleich mit dem eines gekrönten Königs war, und

daß er es verstand, sich ehrfürchtig vor denen unter ihnen zu beugen,

die der Welt die ganze Größe und Erhabenheit ihres Amtes vor Augen

geführt haben.

Unsere Dichter haben die hohe Bestimmung des Monarchen durchschaut,

indem sie erkannten, daß sie unweigerlich zuletzt ganz in der reinsten

_Liebe_ aufgehen, und daß es so allen offenbar werden müsse, warum der

Kaiser das Ebenbild Gottes ist, wie dies unser ganzes Land vorerst nur

instinktiv fühlt. Diese Bedeutung des Herrschers wird allmählich auch in

Europa in derselben Weise zum Ausdruck kommen. Alles zielt darauf hin,

in den Fürsten diese höchste göttliche Liebe zu ihrem Volk zu erwecken.

Schon vernimmt man den Schrei der Seelennot, an der die ganze Menschheit

und beinahe jedes moderne europäische Volk leidet; die Bedauernswerten

winden sich alle in ihrem Schmerz und wissen sich selbst nicht zu

helfen: jede äußere Berührung ist ihren schmerzenden Wunden eine Pein;

jedes Mittel, jede Hilfe, die der Verstand ersinnt, erscheint ihnen rauh

und qualvoll und bringt keine Heilung. Dieser Schrei wird schließlich so

laut werden, daß selbst das gefühlloseste Herz vor Mitgefühl zerspringen

wird, und ein tiefes Mitleid von einer bisher noch nicht gekannten

Stärke wird die ganze Kraft einer andern, neuen Liebe wachrufen, wie sie

bisher nicht ihresgleichen hatte. Dann wird der Mensch von Liebe zu

allem, was menschlich ist, entbrennen -- von einer gewaltigen Liebe, wie

er noch nie von einer gleichen ergriffen war. Von uns gewöhnlichen

Menschen aber wird keiner die ganze Kraft dieser Liebe in sich

verwirklichen können, sie wird eine Idee, ein Gedanke bleiben und nie

ganz zur Tat werden; nur die können völlig von ihr durchdrungen werden,

denen das ewige unwandelbare Gesetz auferlegt ward, alle Menschen zu

lieben, wie wenn sie ein einziger Mensch wären. Wenn so der Fürst von

Liebe für jeden Menschen seines Reichs, für jeden Beruf und Stand

ergriffen werden, und alles, was da lebt, gleichsam zu seinem eigenen

Fleisch und Blut machen wird, wenn er in seinem Herzen mit allen leiden,

Tag und Nacht um sein leidendes Volk trauern und klagen und für es beten

wird, dann wird im Fürsten jene allmächtige Stimme der Liebe lebendig

werden, die der leidenden Menschheit allein verständlich ist, die ihre

Wunden nicht schmerzlich berühren wird und die allein allen Ständen

Frieden und Versöhnung bringen und den Staat in einen wohlgeordneten

Chor harmonisch zusammenklingender Stimmen verwandeln kann. Nur da wird

ein Volk ganz gesunden, wo der Monarch seine hohe Bestimmung erkennen

wird -- ein Abbild Dessen auf Erden zu sein, Der selbst die Liebe ist.

In Europa ist es niemand in den Sinn gekommen, die höchste Bedeutung,

die höchste Aufgabe des Monarchen zu ergründen. Die Staatsmänner, die

Gesetzeskundigen und Rechtsgelehrten haben immer nur die eine Seite der

Sache in Betracht gezogen, nämlich die, daß der Monarch der höchste

Beamte des Staates ist, [der von Menschen eingesetzt ward], und daher

wissen sie auch nicht, wie sie sich zu dieser Institution verhalten

sollen, [wie sie ihre wahren Grenzen bestimmen sollen], wenn die sich

täglich ändernden Umstände es notwendig machen, ihre Kompetenzen zu

erweitern oder zu beschränken; dadurch aber wird dort der Fürst seinem

Volk und umgekehrt das Volk seinem Fürsten gegenüber in eine sonderbare

Lage versetzt; beide betrachten sich gegenseitig beinahe wie zwei

Gegner, von denen jeder die Macht auf Kosten des andern an sich reißen

will. Bei uns aber haben die Dichter und nicht die Rechtsgelehrten die

höchste Bestimmung des Monarchen erkannt; -- die Dichter haben Gottes

Willen mit ehrfürchtigem Zittern vernommen, sie, d. h. die monarchische

Gewalt in Rußland in ihrer wahren Gestalt zu begründen, daher nehmen

ihre Töne einen biblischen Charakter an, sobald ihr Mund das Wort »Zar«

ausspricht. Das erkennen bei uns auch die, die keine Dichter sind, weil

jede Seite unserer Geschichte zu deutlich von dem Willen der Vorsehung

spricht: diese monarchische Gewalt in Rußland in ihrer höchsten und

vollkommensten Gestalt zu begründen. Alle Ereignisse, die sich von der

Invasion der Tataren ab in unserem Vaterlande abgespielt haben, zielen

deutlich darauf hin, alle Macht in der Hand eines einzigen zu

vereinigen, um diesen einen zu jener berühmten Umwälzung des ganzen

Staats zu befähigen, ihm die Kraft zu verleihen, alle aufs tiefste zu

erschüttern, alle aufzurütteln, jeden von uns mit jener höheren

Selbsterkenntnis auszurüsten, ohne die der Mensch sich selbst nicht

verstehen, sich nicht selbst das Urteil sprechen, und nicht den Kampf

gegen Unwissenheit und Finsternis in sich selbst aufnehmen kann, wie ihn

der Herrscher in seinem Reiche aufgenommen hat; auf daß nachher, wenn

jeder von dieser heiligen Kampfbegeisterung erfaßt und alles sich seiner

Kraft bewußt ist, der Einzige wiederum allen voran und die Leuchte in

der Hand voraustragend, sein ganzes von _einem_ Geiste beseeltes Volk

mit sich reißen und jenem höchsten Lichte entgegenführen könne, nach dem

sich Rußland so innerlich sehnt. Und sieh nur, durch welche wunderbare

Fügung bereits die Saat der Liebe in die Herzen gesenkt ward, noch ehe

sich dem Herrscher selbst und seinen Untertanen die volle Bedeutung

dieser monarchischen Gewalt enthüllen konnte. Kein königliches

Geschlecht darf sich eines ähnlichen Ursprungs rühmen, wie das der

Romanows. Schon dieser ihr Ursprung ist ein hohes Werk der Liebe. Der

letzte und geringste der Untertanen des Reichs hat sein Leben hingegeben

und hingeopfert, um uns einen Zaren zu schenken, und mit diesem reinen

Opfer ein unzerreißbares Band zwischen dem Herrscher und seinem Volk

gestiftet. Die Liebe ist uns in Fleisch und Blut übergegangen und hat

eine tiefe Blutsverwandtschaft zwischen uns allen und dem Zaren erzeugt.

[Und so haben sich Herrscher und Untertanen miteinander verschmolzen und

sind so sehr eins geworden, daß es uns allen heute als ein großes

Unglück erscheinen würde, wenn der Fürst seinen Untertan vergessen und

sich von ihm abwenden oder der Untertan seinen Herrscher vergessen und

sich von ihm lossagen wollte.] Wie deutlich kommt der Wille Gottes

gerade in dieser Wahl der Romanows und keines andern Fürstengeschlechts

zum Ausdruck! Wie unbegreiflich ist diese Erhebung eines ganz

unbekannten Jünglings auf den Thron, wo doch Männer aus den ältesten

Adelsgeschlechtern und noch dazu verdienstvolle Männer, die ihr

Vaterland gerettet hatten: ein Poscharski, ein Trubetzkoi oder endlich

eine Reihe von Fürsten, die in direkter Linie von Rjurik abstammten,

daneben standen. Und doch wurden sie bei der Wahl übergangen, und es

erhob sich keine Stimme des Protestes: auch nicht _einer_ wagte es,

seine Rechte geltend zu machen! Und solches geschah in jener finsteren

Zeit der Wirren, wo jeder Streit und Unruhe stiften und Scharen von

Anhängern um sich sammeln konnte. Und wer wurde erwählt? Einer, der in

weiblicher Linie ein Verwandter jenes Zaren war, der noch vor kurzem die

Erde in Schrecken gesetzt hatte, [so daß nicht nur unter den Bojaren,

denen er nachgestellt und die er verfolgt hatte, sondern auch im Volk,

das kaum etwas von ihm zu leiden gehabt hatte, noch lange das Sprichwort

im Schwange blieb: »Der Kopf war gut, gottlob, daß er in der Erde

ruht.«] Und trotz alledem beschlossen alle, von den Bojaren bis zum

letzten Habenichts herab einstimmig, daß der Thron ihm gehören solle.

Solche Dinge geschehen bei uns! Wie kannst du da glauben, daß die Lyrik

unserer Dichter, die doch die wahre ganze Bedeutung des Königs aus den

Büchern des Alten Testaments kennen und die den Willen Gottes in allen

Ereignissen, die unser Vaterland betrafen, sich so deutlich äußern sehen

konnten -- wie kannst du glauben, daß die Lyrik unserer Dichter nicht

voller biblischer Anklänge sei? Ich wiederhole, die einfache Liebe hätte

nicht genügt, ihren Tönen eine so nüchterne Strenge zu verleihen: dazu

bedarf es einer vollen und festen, aus der Vernunft stammenden

Überzeugung, und nicht allein eines dunklen, unbewußten Liebesgefühls;

sonst müßten ihre Töne Weichheit und Zartheit atmen, wie bei dir in

deinen frühen Jugendwerken, als du dich noch ganz dem Gefühl deiner

liebenden Seele hingabst. Nein, es ist etwas Starkes, Hartes, ja fast zu

Starkes in unseren Dichtern, was die Dichter anderer Nationen nicht

besitzen. Wenn du das nicht fühlst, so beweist dies noch nicht, daß es

überhaupt nicht vorhanden ist. Du mußt doch berücksichtigen, daß du ja

nicht alle Züge des russischen Wesens in dir vereinst, vielmehr haben

sich viele Züge in dir bis zu einer solchen Höhe und so stark in die

Breite entwickelt, daß sie den andern keinen Raum zum Wachstum ließen,

und so stellst du eigentlich eine Ausnahme von jenem allgemeinen

russischen Charakter dar. In dir haben sich alle jene weichen und zarten

Seiten unseres slawischen Wesens vereinigt, jene starken und satten Züge

dagegen, bei denen den ganzen Menschen etwas wie ein Schauder und

Schrecken überläuft, sind dir unbekannt. Sie aber sind gerade der Quell

und Ursprung jener Lyrik, von der hier die Rede ist. Diese Lyrik vermag

sich für nichts mehr zu begeistern, als für ihren höchsten Quell, d. h.

für Gott allein. Sie hat etwas Strenges und Furchtsames und liebt die

vielen Worte nicht: sie widert alles auf dieser Erde an, wenn es nicht

den Abdruck des Göttlichen an sich trägt. Wer nur ein Fünkchen von

dieser lyrischen Stimmung besitzt, der besitzt trotz aller

Unvollkommenheiten und Fehler etwas von jenem strengen hohen Seelenadel,

vor dem er selbst ehrfürchtig erbebt und der ihn alles fliehen läßt, was

einem Dank oder einer Anerkennung von seiten der Menschen ähnlich sieht.

Seine eigene edelste Tat erregt ihm Abscheu und Ekel, wenn sie ihm einen

Lohn einträgt, denn er fühlt zu gut, daß das Höchste über jeden Lohn

erhaben sein sollte. [Erst nach Puschkins Tode hat man Näheres über

seine wahren Beziehungen zum Zaren erfahren und ist das Geheimnis, das

zwei seiner schönsten Gedichte umgibt, gelüftet worden. Er hat bei

Lebzeiten nie mit jemand von den Gefühlen gesprochen, die ihn erfüllten,

und er hat klug daran getan. Da man bei uns in Rußland nach dem vielen

kalten und lauten Zeitungsgerede im Stil jener Reklameartikel, in denen

man Pomaden usw. anpreist, und nach all den heftigen ungezogenen und

zornigen Ausfällen aller möglicher Hurra- und anderer Patrioten ganz

aufgehört hatte, an die Aufrichtigkeit gedruckter Äußerungen zu glauben

-- war es für Puschkin gefährlich, offen hervorzutreten: man hätte ihm

am allerehesten den Vorwurf der Bestechlichkeit gemacht und ihn

verdächtigt, daß er sich von Habgier und von einem selbstsüchtigen

Interesse leiten lasse. Nun aber, wo diese Dichtungen erst nach seinem

Tode erscheinen, wird sich wohl kaum ein Mensch in ganz Rußland finden,

der es wagt, Puschkin einen Schmeichler zu nennen, der nach der Gunst

irgendeines Menschen gestrebt habe. Hierdurch ward das Heiligtum eines

hohen reinen Gefühls gerettet. Jetzt wird jeder, auch der nicht fähig

ist, mit seinem eigenen Verstande in das Wesen der Sache einzudringen,

doch an sie glauben und Vertrauen zu ihr haben, denn er wird sich sagen:

»wenn selbst Puschkin so gedacht hat, so ist das sicherlich die

lauterste Wahrheit.«] Die königlichen Hymnen unserer Dichter haben

selbst Ausländer durch ihre erhabene Form und ihren hohen Stil in

Staunen gesetzt. Erst vor kurzem hat Mickiewicz in seinen Vorlesungen

darüber zu den Parisern gesprochen und er hat dies in einem Augenblick

ausgesprochen, als er selbst gereizt und erbittert gegen uns und ganz

Paris über uns empört war. Trotzdem aber hat er feierlich erklärt, daß

in den Oden und Hymnen unserer Dichter nichts Sklavisches und Gemeines,

sondern eher etwas Freies und Erhabenes liege, und unmittelbar danach

hat er, obwohl dies keinem seiner Landsleute gefallen wollte, seine

Ehrfurcht vor dem vornehmen edlen Charakter unserer Schriftsteller

ausgesprochen. Mickiewicz hat recht. Unsere Schriftsteller tragen

wirklich die Züge einer höheren Natur. In Augenblicken klarsten

Bewußtseins, höchster Selbsterkenntnis haben sie uns oft ihre

geistigen Porträts hinterlassen, die freilich den Eindruck einer

Selbstverherrlichung machen würden, wenn nicht das ganze Leben des

Dichters eine Bestätigung ihrer Treue wäre. Indem Puschkin an seine

Zukunft denkt, sagt er

Und meinem Volke bleib' ich lange lieb und teuer,

Weil ich in ihm den Trieb zum Guten stets entflammt,

In grauser Zeit durchglüht sein Herz mit Freiheitsfeuer

Und den Gefallnen nie verdammt.

(Fiedler.)

Man braucht nur an Puschkin zu denken, um sofort zu erkennen, wie treu

dies Porträt ist. [Wie lebhaft konnte er werden, wie konnte er sich

begeistern, wenn es sich darum handelte, das Los eines armen Verbannten

zu mildern oder einem Gefallenen die Hand zu reichen. Wie ungeduldig

wartete er auf den Augenblick, wo der Zar ihm gnädig gestimmt war --

nicht etwa, um sich selbst in Erinnerung und Empfehlung zu bringen --

nein, um ein Wort für einen Unglücklichen oder Gefallenen einzulegen.

Ein echt russischer Zug.] Denke nur an jenes rührende Schauspiel, wenn

das ganze Volk zu den Verbannten kommt, die die Reise nach Sibirien

antreten, und wenn jeder etwas von seiner Habe mitbringt! der eine

Speise und Trank, der andere etwas Geld, ein dritter ein christlich

mildes Trostwort. Da gibt es nichts von Haß gegen den Verbrecher, auch

nichts von jener Donquichotterie, die aus ihm einen Helden machen will,

sich seine Unterschrift oder ein Bild von ihm zu verschaffen sucht, oder

ihn neugierig anstarrt, wie dies wohl im aufgeklärten Europa vorkommt.

Dies ist etwas Größeres: es ist auch nicht der Wunsch, ihn zu

entschuldigen oder der Hand der Gerechtigkeit zu entreißen; es ist der

Wunsch, seinen sinkenden Mut zu heben, ihn zu trösten, wie ein Bruder

den Bruder tröstet, wie Christus uns gelehrt hat, einander zu trösten.

Puschkin hatte eine sehr hohe Meinung von dieser Neigung, den Gefallenen

wieder zu erheben. Daher pochte auch sein Herz so stolz und stürmisch,

als er davon hörte, daß der Monarch nach Moskau kommen wolle, während

dort die Cholera wütete. -- Eine Regung wie diese hatte wohl noch kein

Monarch gezeigt; und so konnte sie der Anlaß zu jenen wundervollen

Versen werden:

Beim Himmel, wer so kalt und fest

Dem schwarzen Tode kann begegnen

Um andrer willen, ist ein Held.

Ihn wird der Himmel ewig segnen,

Wie auch der Spruch der blinden Welt

Mag lauten ....

(Fiedler.)

Und in der gleichen Weise hat er einen andern Zug aus dem Leben eines

anderen Monarchen: Peters des Großen, verherrlicht. Denke an das

Gedicht: »_Das Fest an der Newa_«, wo er erstaunt fragt, was wohl der

Anlaß zu jenem ungewöhnlichen lauten Jubel, jener Feier im Hause des

Zaren sein mag, von der ganz Petersburg und die ganze Newa widerhallt,

die vom Kanonendonner erschüttert wird. Er zählt alle Ereignisse auf,

die das Herz des Zaren erfreut haben mögen und der Anlaß zu diesem

großen Jubelfeste sein könnten; er fragt sich: ist dem Zaren ein

Thronerbe geboren, feiert die Zarin, seine Gemahlin, ihren Geburtstag,

triumphiert der Zar über einen unbesiegbaren Feind, oder ist die Flotte,

für die der Zar eine besondere Leidenschaft hatte, im Hafen eingelaufen?

Und er antwortet auf alle diese Fragen:

Weil zum Feind er stieg hernieder

Und begrub uralten Groll,

Schäumen Becher, tönen Lieder,

Ist der Zar so freudenvoll,

Herrschet Jubel in den Hallen,

Rauscht das Fest am Newastrand.

Und Kanonenschüsse schallen

Donnernd durch das weite Land.

Puschkin allein konnte die ganze Schönheit einer solchen Handlung

empfinden. Seinem Untertan nicht nur vergeben können, sondern diese Tat,

diesen Akt der Vergebung auch noch feiern, wie den Sieg über einen Feind

-- das ist ein wahrhaft göttlicher Zug. Nur im Himmel ist man solcher

Handlungen fähig. Nur dort ist mehr Freude über die Reue eines Sünders

als über einen Gerechten und alle unsichtbaren himmlischen Heerscharen

nehmen an dem himmlischen Festmahle Gottes teil. Puschkin war ein Kenner

alles Großen im Menschen, für das er ein tiefes Verständnis hatte, und

wie hätte es auch anders sein können, wenn die innere Vornehmheit ein

charakteristischer Zug fast aller unserer Schriftsteller ist? Es ist

höchst merkwürdig, daß die Schriftsteller in allen anderen Ländern wegen

ihres persönlichen Charakters nicht die volle Achtung der Gesellschaft

genießen. Bei uns ist es gerade umgekehrt. Bei uns wird selbst ein

Mensch, der kein Schriftsteller, sondern ein bloßer Pfuscher ist, der

nicht allein keine schöne Seele hat, sondern sich bisweilen sogar recht

gemeine und niedrige Handlungen zuschulden kommen läßt, im Innern

Rußlands durchaus nicht für einen gemeinen Menschen gehalten. Im

Gegenteil, in allen Russen, selbst in denen, die kaum etwas von den

Schriftstellern hören, lebt etwas wie eine innere Überzeugung, daß der

Schriftsteller ein höheres Wesen ist, daß er unbedingt ein edler Mensch

sein muß, daß sich vieles für ihn nicht schickt und daß er sich manches

nicht gestatten darf, was man andern verzeiht. In einer unserer

Provinzen gab ein Adliger, der zugleich Literat war, während der Wahlen

zur Adelsversammlung seine Stimme einem Menschen, der kein ganz reines

Gewissen hatte -- da wandten sich alle Adligen sofort gegen ihn,

tadelten ihn und sagten vorwurfsvoll: »Und das will ein Schriftsteller

sein!«

1846.

XI

Diskussionen

Aus einem Brief an L***

Der Streit um den Grundcharakter unserer europäischen und slawischen

Natur, der, wie du sagst, bereits in unsere Salons einzudringen beginnt,

beweist nur, daß wir bereits zu erwachen anfangen, aber noch nicht ganz

erwacht sind; daher ist es gar nicht verwunderlich, daß auf beiden

Seiten viel törichtes Zeug zusammengeredet wird. All diese Slawisten und

Europäisten -- Altgläubige und Neugläubige -- Östlinge und Westlinge --

(was sie aber in Wahrheit sind, weiß ich dir nicht zu sagen, weil sie

mir bis jetzt nur eine Karikatur auf das zu sein scheinen, was sie

wirklich sein wollen) -- sie alle sprechen von zwei ganz verschiedenen

Seiten derselben Sache, ohne auch nur zu ahnen, daß sie sich ja gar

nicht widersprechen, und daß eigentlich gar kein Anlaß zum Streit für

sie vorliegt. Die einen stehen zu nahe vor einem Gebäude und sehen nur

einen Teil von ihm, die andern stehen zu weit und sehen die ganze

Fassade, können aber dafür die einzelnen Teile nicht genau sehen.

Natürlich ist die Wahrheit mehr auf seiten der Slawophilen und Östlinge,

weil sie ja doch die ganze Fassade sehen, und folglich vom Ganzen und

nicht von den Teilen reden. Aber auch die Europäer und Westlinge haben

bis zu einem gewissen Grade recht, weil sie mit einer gewissen

Ausführlichkeit und Bestimmtheit von der Mauer reden, die sie

unmittelbar vor Augen haben; ihr Fehler besteht nur darin, daß sie über

dem Giebel, der diese Mauer krönt, die Spitze, in die der ganze Bau

ausläuft, d. h. das Kapitäl, die Kuppel und alle oberen Teile, nicht

sehen. Man könnte den einen den Rat geben, doch, wenn auch nur für einen

Augenblick, etwas näher heranzukommen, und den andern, ein wenig

zurückzutreten. Aber sie werden nicht darauf eingehen, weil der Geist

des Hochmuts beide gefangen hält. Jeder von beiden ist überzeugt, daß

das Recht ganz und ausschließlich auf seiner Seite, und das Unrecht ganz

und ausschließlich auf seiten des andern ist. Freilich ist mehr Hochmut

auf seiten der Slawophilen; sie prahlen gern, jeder von ihnen bildet

sich ein, er habe Amerika entdeckt, und macht aus jeder Mücke, die er

findet, einen Elefanten. Natürlich bringen sie mit solch trotzigen

Großsprechereien die Westlinge nur noch mehr gegen sich auf, die vieles

schon längst aufgegeben hätten, weil sie heute bereits mancherlei kennen

lernen, wovon sie früher nie etwas gehört haben, und sich nur noch

dagegen sträuben, weil sie dem allzu trotzig tuenden Gegner nicht gern

nachgeben wollen. [Diese Streitigkeiten wären alle miteinander nicht

gefährlich, wenn sie sich nur auf die Salons und die Zeitschriften

beschränkten. Das Schlimme ist, daß zwei entgegengesetzte Anschauungen,

die noch so wenig ausgereift und geklärt sind, bereits die Köpfe vieler

Männer von Ämtern und Würden zu beeinflussen beginnen. Man hat mir

erzählt, es käme vor -- und dies sei besonders dort der Fall, wo ein Amt

oder wo die Macht in den Händen zweier Personen liegt -- daß ein

Vorgesetzter vollkommen in europäischem Geiste zu wirken und zu regieren

sucht, während der andere ganz im altrussischen Geist zu wirken und alle

alten Einrichtungen zu befestigen strebt, die in einem absoluten

Gegensatz zu denen stehen, die sein Kollege einzuführen plant. Und

daraus erwächst, sowohl für die Sache selbst wie für die Beamten, nur

Unheil: sie wissen nicht mehr, wem sie gehorchen sollen. Und da beide

Ansichten, trotzdem sie so extrem sind, noch keinem völlig klar sind,

machen sich, wie man sagt, allerhand Schelme diesen Umstand zunutze.

Auch der Gauner hat jetzt die Möglichkeit, sich, sei es unter der Maske

eines Slawophilen oder Europaschwärmers -- wie sich's trifft -- d. h. je

nachdem was dem Vorgesetzten gerade mehr gefällt, ein hübsches Pöstchen

zu ergattern und dort entweder als Verteidiger der alten Sitten oder als

Vorkämpfer einer neuen Ordnung allerhand Durchstechereien zu verüben.]

Diese Streithändel sind überhaupt eine Angelegenheit, an der sich

klügere und ältere Leute nicht beteiligen sollten. Mag sich doch die

Jugend zuerst gründlich austoben: das ist ihre Sache. Glaube mir, es ist

nun einmal so und muß auch so sein, daß sich die größten Schreier

gründlich sattschreien müssen, damit die klugen Leute unterdessen einmal

gründlich nachdenken können. Höre aufmerksam zu, wenn sich die Menschen

um dich herum streiten, aber mische dich nicht selbst in ihren Streit.

Die Idee des Werks, das du schreiben willst, ist sehr vernünftig, und

ich bin sogar überzeugt, daß du dies besser machen wirst, als ein großer

Schriftsteller. Nur um eins bitte ich dich, arbeite nach Möglichkeit nur

in Stunden größter Kaltblütigkeit und Ruhe daran. Gott bewahre dich vor

jeglicher Heftigkeit und Hitze, auch bei dem unbedeutendsten Ausdruck.

Zorn ist nie am Platze, am wenigsten bei einer guten Sache, weil er ihr

gutes Recht nur trübt und verdunkelt. Sei immer eingedenk, daß du kein

Jüngling mehr, sondern bereits ein Mann in vorgeschrittenem Alter bist.

Einem jungen Mann stünde es vielleicht noch an, heftig zu sein und zu

zürnen: wenigstens verleiht ihm der Zorn in den Augen mancher Leute

etwas Schönes. Wenn dagegen ein alter Mann heftig wird, wird er ganz

einfach häßlich und wird von den jungen Leuten verspottet und lächerlich

gemacht. Siehe zu, daß man nicht einmal von dir sagt: »Dieser häßliche,

alte Mann! Sein ganzes Leben lang hat er auf der Bärenhaut gelegen und

nichts getan und nun tritt er plötzlich auf und macht andern Leuten

Vorwürfe wegen ihres schlechten Lebenswandels.« Aus dem Munde eines

alten Mannes sollen nur gütige, nicht aber laute und polternde Worte

kommen. Ein Geist reinster Milde und Sanftmut muß die hohen Reden des

Greises durchwehen, so daß die jungen Leute kein Wort der Entgegnung

finden und das Gefühl haben, daß jede Rede hier unziemlich wäre und daß

ein ergrautes Haupt etwas Ehrwürdiges habe.

1844.

XII

Der Christ schreitet vorwärts

An Schtsch--w

Mein Freund! Halte dich nicht für mehr, als für einen Lehrling und für

einen Schüler. Glaube nicht, daß du schon zu alt bist, um noch zu

lernen, daß deine Kräfte und Fähigkeiten schon die rechte Reife und den

höchsten Grad der Entwicklung erreicht und daß dein Charakter und deine

Seele schon ihre rechte Gestalt angenommen haben und nicht mehr besser

werden können. Für einen Christen gibt es keine vollendete Lehrzeit, er

bleibt ein ewiger Lehrling, ein Schüler bis zum Grabe. Nach dem

gewöhnlichen Lauf der Dinge erreicht der Mensch seine höchste

Verstandesreife mit dreißig Jahren. Zwischen dem dreißigsten und

vierzigsten Jahre geht es mit seinen Kräften noch ein wenig aufwärts;

jenseits dieser Altersgrenze aber gibt es kein Fortschreiten mehr und

wird alles, was der Mensch produziert, nicht nur keineswegs besser,

sondern sogar schwächer und kälter als das, was er früher hervorgebracht

hat. Dies gilt jedoch nicht für einen Christen, und wo für die andern

die Grenze der Vollkommenheit liegt, da beginnt der Weg erst für den

Christen. Die begabtesten und fähigsten Menschen werden, wenn sie das

vierzigste Jahr überschritten haben, stumpf, müde und schwach. Nimm alle

Philosophen und die größten weltumspannenden Genies: ihre Blütezeit

fällt in die Epoche ihrer besten Mannesjahre; von da ab beginnt ihr

Geist bereits nachzulassen, und im Alter fallen sie sogar häufig in

Kindheit zurück. Denke zum Beispiel an Kant, der während seiner letzten

Jahre fast gänzlich das Gedächtnis verlor, ein Kind wurde und starb.

Vergleiche damit das Leben aller Heiligen, und du wirst sehen, daß sie

an Verstand und Geisteskräften erstarkten, je gebrechlicher sie wurden

und je mehr sie sich dem Tode näherten. Selbst die unter ihnen, die von

Natur keineswegs mit glänzenden Gaben ausgestattet waren und ihr ganzes

Leben lang für einfältig und dumm galten, setzten die Menschen später

durch die Weisheit ihrer Reden in Erstaunen. Woher kommt das wohl? Weil

sie sich jene vorwärtstreibende Kraft erhielten, die jeder andere Mensch

nur während seiner Jugendjahre besitzt, wenn er von Heldentaten träumt,

denen der Lohn des allgemeinen Beifalls winkt, wenn er noch in rosige

Fernen blickt, die für den Jüngling soviel Verlockendes haben. Versinken

aber diese Fernen erst einmal und mit ihnen die Heldentaten -- so

erlischt auch die Kraft, die ihn vorwärts treibt. Vor dem Christen aber

strahlt ewig eine lockende Ferne und ihm stehen stets unvergängliche

Heldentaten bevor. Wie ein Jüngling sehnt er sich nach den Kämpfen des

Lebens; ihm fehlt es nie an einem Feind, gegen den er zu streiten und

anzukämpfen hätte, weil sein in sich zurückgewandter Blick, der immer an

Schärfe und Klarheit zunimmt, ihm in seinem Innern stets neue Gebrechen

und Fehler aufdeckt, die ihn zu neuen Kämpfen aufrufen. Daher können

auch seine Kräfte nie ganz einschlummern oder schwächer werden, sie

werden vielmehr unaufhörlich geweckt, und der Wunsch, besser zu sein und

sich den himmlischen Beifall zu verdienen, ist ihm ein solcher Ansporn,

wie ihn nicht einmal der ehrgeizigste Mensch in seiner unersättlichen

Ehrsucht besitzt. Das ist der Grund, weswegen der Christ noch weiter

fortschreitet, wenn die andern Menschen bereits Rückschritte machen, und

warum er immer klüger wird, je weiter er fortschreitet.

Der Verstand ist nicht das höchste Vermögen in uns. Er hat lediglich

polizeiliche Funktionen; er kann nur die Dinge ordnen und jedem Ding

seinen Platz anweisen, das bereits in uns liegt. Er selbst aber

schreitet nicht vorwärts, wenn ihm die beiden andern Vermögen in uns,

aus denen er seine Weisheit schöpft, nicht vorangehen. Abstrakte

Lektüre, Grübeleien und ein fortgesetztes Studium aller Wissenschaften

tragen nur sehr wenig zu seiner Entwicklung bei: zuweilen ersticken sie

ihn sogar und hemmen sie ihn in seiner selbständigen Entwicklung. Er ist

weit abhängiger von den Zuständen des Gemüts: sowie die Leidenschaften

in uns zu toben beginnen, wird er blind und töricht; ist unsere Seele

dagegen ruhig und von keiner Leidenschaft bewegt, so erhellt und klärt

auch er sich und läßt uns klug und weise handeln. Die Vernunft ist ein

weit höheres Vermögen; aber sie wird nur durch den Sieg über die

Leidenschaften erworben. Nur solche Menschen haben sie besessen, die

ihre eigene Selbsterziehung nie vernachlässigten. Aber auch die Vernunft

setzt den Menschen noch nicht in den Stand, fortzuschreiten und vorwärts

zu streben. Es gibt ein noch höheres Vermögen; es heißt Weisheit, und

diese kann uns nur Christus allein verleihen. Sie wird keinem von uns

bei seiner Geburt in die Wiege gelegt, sie ist keinem von uns angeboren,

sondern ist ein Geschenk der höchsten, himmlischen Gnade. Der, der schon

Verstand und Vernunft besitzt, kann sich die Weisheit nur dadurch

erwerben, daß er Gott Tag und Nacht immer wieder in heißem Gebet bittet,

sie ihm herabzusenden, daß er seine Seele bis zur reinsten

unschuldigsten Güte und Milde erhebt und alles in sich nach bestem

Vermögen reinigt und in Ordnung bringt, um diesen himmlischen Gast in

sich aufzunehmen, der solche Wohnungen meidet, in denen noch keine

Ordnung im seelischen Hausgerät herrscht und wo noch nicht alles ganz

einträchtig und harmonisch zusammenklingt. Wenn jedoch die Weisheit das

Haus betritt, dann beginnt ein himmlisches Leben für den Menschen, und

er lernt die ganze wundersame Süßigkeit kennen, die darin liegt, ein

Schüler zu sein; die ganze Welt wird seine Lehrerin, der geringste unter

den Menschen kann ihm zum Lehrer werden. Aus dem einfachsten Rat weiß er

die weise Belehrung, die in ihm steckt, herauszulesen; das törichteste

Ding wendet ihm seine tiefste, klügste Seite zu, und das ganze Weltall

liegt vor ihm, wie ein offenes Buch der Weisheit; mehr Schätze als alle

andern wird er aus diesem Buch schöpfen, denn weit lauter als den andern

wird es ihm aus ihm entgegentönen, daß er ein Schüler ist. Sollte ihn

jedoch auch nur für einen Augenblick der Wahn anwandeln, daß seine

Lehrjahre beendet seien, daß er kein Schüler mehr sei, und sollte er

sich durch eine ihm erteilte Lehre oder Belehrung gekränkt fühlen, so

wird die Weisheit plötzlich von ihm genommen werden, und er wird im

Dunkeln zurückbleiben, wie König Salomon in seinen letzten Tagen.

1846.

XIII

Karamsin

Aus einem Brief an N. M. Jasykow

Ich habe den Aufsatz, den Pogodin zu Ehren Karamsins geschrieben hat,

mit großem Vergnügen gelesen. Das ist Pogodins beste Arbeit, sowohl der

Sauberkeit und Vornehmheit des Inhalts, als auch der äußeren Form nach:

seine gewöhnlichen groben und plumpen Ausfälle fehlen hier ganz, und

auch der Stil hat nichts von jener rohen Flüchtigkeit, die ihm so sehr

schadet. Vielmehr ist hier alles schön aufgebaut, wohl überlegt,

geordnet und vorzüglich disponiert. Alle Stellen aus Karamsin sind so

klug ausgewählt, daß Karamsin gewissermaßen ganz durch sich selbst

beleuchtet wird, er charakterisiert sich gleichsam selbst, bestimmt sich

mit seinen eigenen Worten den Wert und tritt damit dem Leser lebendig

vor Augen. Denn Karamsin ist in der Tat eine außergewöhnliche

Erscheinung. Unter unseren Schriftstellern ist er sicherlich der, von

dem man mit dem meisten Recht behaupten kann, er habe seine Aufgabe ganz

erfüllt, sein Pfund nicht in der Erde vergraben und für die fünf

Talente, die ihm verliehen waren, noch fünf neue hinzuerworben! Karamsin

war der erste, der den Beweis erbracht hat, daß ein Schriftsteller bei

uns unabhängig sei und von allen gleichmäßig als angesehenster Bürger

unseres Staates geachtet werden kann. Er hat zuerst feierlich verkündet,

daß die Zensur einem Schriftsteller nicht im Wege stehen könne, und daß

sie, wenn er nur in so hohem Maße von dem reinen Streben nach dem Guten

beseelt sei, daß dieses Streben seine ganze Seele erfüllt, ihm in

Fleisch und Blut übergegangen und sein tägliches Brot geworden ist, nie

zu streng gegen ihn verfahren werde, und daß er überall Freiheit

genießen könne. Er hat das ausgesprochen und bewiesen. Kein Mensch hat

eine so kühne und edle Sprache geführt wie Karamsin, ohne daß er darum

seine eigenen Gedanken und Meinungen zu unterdrücken brauchte, trotzdem

sie durchaus nicht in allen Punkten mit den Anschauungen der damaligen

Regierung übereinstimmten, und man hat unwillkürlich das Gefühl, daß er

allein ein Recht dazu hatte. Welch eine Lehre für einen Schriftsteller!

Und wie komisch erscheinen danach die unter uns, die da behaupten, man

könne in Rußland nie die ganze Wahrheit sagen, denn sie sei uns ein Dorn

im Auge! Und dabei drücken sie sich selbst so töricht und roh aus, daß

sie weit mehr, als durch die Wahrheit selbst, durch die hochmütigen

Worte verletzen, mit denen sie ihre Wahrheit zum Ausdruck bringen, und

deren maßlose Heftigkeit nur die Zuchtlosigkeit eines undisziplinierten

verworrenen Geistes bezeugt; und dann wundern sie sich noch und sind sie

empört, daß niemand ihre Wahrheit anerkennen und anhören will! Nein, man

muß ein so reines, harmonisches Gemüt besitzen wie Karamsin, dann erst

hat man ein Recht, jene Wahrheit zu verkünden: dann werden uns alle

anhören, vom Zaren bis herab zum letzten Bettler im Staate; ja man wird

uns mit solch einer Liebe und Hingebung zuhören, wie man in keinem Lande

der Welt einem parlamentarischen Redner und Verteidiger der Bürgerrechte

und keinem der hervorragenden Prediger zuzuhören pflegt, die die Elite

der modernen Gesellschaft um sich versammeln. Mit solch einer Liebe und

Hingebung vermag eben nur unser herrliches Rußland zuzuhören [von dem

man sich erzählt, daß es die Wahrheit überhaupt nicht liebt].

1846

XIV

Vom Theater, von einer einseitigen Ansicht über das Theater und

von der Einseitigkeit überhaupt

An den Grafen A. P. T...

Sie sind sehr einseitig und zwar sind Sie erst seit kurzer Zeit so

einseitig geworden; und Sie sind es nur deshalb geworden, weil ein

Mensch, der sich in der Gemütsverfassung befindet, in der Sie sich jetzt

eben befinden, nicht anders als einseitig werden kann. Sie denken nur

noch an das Heil und die Rettung Ihrer Seele, und da Sie noch immer den

Weg nicht entdecken können, auf dem es Ihnen bestimmt ist, Ihr

Seelenheil zu finden, so halten Sie alles auf der Welt für sündhaft und

für ein Hindernis auf dem Wege zu Ihrer Rettung. Ein Mönch kann nicht

strenger sein, als Sie. So sind auch Ihre Ausfälle gegen das Theater

ganz einseitig und ungerecht. Sie suchen darin eine Stütze für Ihre

Ansicht, daß auch einige Geistliche, die Sie kennen, gegen das Theater

eifern: und sie haben ganz recht, während Sie unrecht haben. Denken Sie

einmal etwas tiefer darüber nach: _sind Sie wirklich_ gegen das Theater

oder nur gegen jene Form, jene Gestalt, in der es heute auftritt. Die

Kirche wandte sich in den ersten Jahrhunderten, als das Christentum

überall zur Annahme gelangt war, gegen das Theater, das war zu einer

Zeit, als das Theater noch der einzige Zufluchtsort des von überall

vertriebenen Heidentums und eine Freistätte seiner wilden Bacchanale

war. Das war der Grund, weswegen Johannes Chrysostomus so mächtig gegen

das Theater eiferte. Aber die Zeiten haben sich geändert. Die ganze Welt

hat sich erneut durch das Heraufkommen junger und frischer europäischer

Völker, deren Bildung und Erziehung bereits auf christlicher Grundlage

begann, und nun waren es die heiligen Männer selbst, die das Theater

wieder begründeten und einführten: an den geistlichen Akademien wurden

Theater gegründet. Unser Dimitrij Rostowski, der mit Recht zu den

heiligen Kirchenvätern gezählt wird, dichtete selbst Stücke, die zur

Aufführung bestimmt waren. Folglich liegt die Schuld nicht beim Theater.

Man kann alles in sein Gegenteil verkehren und allem einen schlechten

Sinn unterlegen; der Mensch ist hierzu fähig. Man muß einem Ding jedoch

stets auf den Grund gehen und in Betracht ziehen, was es sein soll, und

es nicht nach den Karikaturen beurteilen, die nach ihm hergestellt

wurden. Das Theater ist durchaus keine geringe Sache und keine

unwichtige Angelegenheit, wenn man berücksichtigt, daß es eine große

Menge von fünf- bis sechstausend Menschen mit einem Male in seinen

Räumen aufnehmen und beherbergen kann und daß diese ganze Menge, in der

die einzelnen, für sich genommen, nichts miteinander gemein haben,

plötzlich von einer großen Erschütterung ergriffen werden, in einem

einzigen Augenblick in _einen_ Strom von Tränen oder in ein einziges

allgemeines Gelächter ausbrechen kann. Das ist ein Katheder, von dem aus

man der Welt sehr viel Gutes sagen kann. Sie müssen freilich einen

Unterschied machen zwischen dem eigentlichen, sogenannten höheren

Theater und jenen Ballettaufführungen, Tänzen, Possen, Melodramen und

all jenem Flitter und falschen Prunk der Ausstattungsstücke, die nur für

das Auge berechnet sind und die nur einem korrupten Geschmack oder einem

korrupten Gefühl schmeicheln, und Sie müssen daneben das eigentliche

Theater ins Auge fassen. Ein Theater, in dem hohe Tragödien und Komödien

aufgeführt werden, muß in völliger Unabhängigkeit von allen anderen

Künsten dastehen. Es wäre ja auch merkwürdig, Shakespeare mit Tänzern

und Tänzerinnen in weißledernen Hosen unter einen Hut bringen zu wollen.

Welch eine Kombination! Die Beine sind etwas für sich, und ebenso ist

der Kopf etwas für sich. In einzelnen Gegenden Europas hat man das

begriffen: dort gibt es eigene Theater für die Werke der höheren

dramatischen Kunst, und nur diese Theater werden von der Regierung

subventioniert. Man sollte ganz ernsthaft darüber nachdenken, ob es

nicht möglich wäre, die besten Werke der dramatischen Kunst so zur

Aufführung zu bringen, daß das Publikum auf sie aufmerksam würde und daß

die wohltätige moralische Wirkung, die von allen großen Dichtern

ausgeht, ganz zur Geltung käme. Shakespeare, Sheridan, Molière, Goethe,

Schiller, Beaumarchais, sogar Lessing, Regnard und viele andere unter

den Dichtern zweiten Ranges aus dem verflossenen Jahrhundert haben

nichts geschrieben, was dazu beitragen konnte, unsere Achtung vor den

großen Gegenständen zu verringern; in ihren Dichtungen sind nicht die

leisesten Nachwirkungen davon zu spüren, was in den Werken der

fanatischen Autoren jener Zeit gärt und brodelt, die sich mit

politischen Fragen beschäftigten und die Saat der Mißachtung gegen das

Heilige ausstreuten. Wenn auch bei jenen einmal Hohn und Spott

aufblitzen, so richten sie sich gegen die Heuchelei, Gotteslästerung,

Verdrehung der Wahrheit und niemals gegen das, was die Wurzel aller

menschlichen Tugend bildet; im Gegenteil, ihre Liebe für das Gute ist

selbst dort noch streng und deutlich vernehmbar, wo sie ganze Garben

funkelnder Epigramme aufblitzen lassen. Häufige Wiederholungen

dramatischer Werke hohen Stils, d. h. jener wahrhaft klassischen Stücke,

die sich mit dem Wesen und mit der Seele der Menschen beschäftigen,

müssen dazu führen, daß die Menschen sich festen Grundsätzen zuneigen

und in ihnen bestärkt werden und daß sich ihre Charaktere unmerklich

innerlich kräftigen und befestigen, während diese Flut von leichten und

nichtssagenden Stücken, von all diesen Possen und schlecht durchdachten

Dramen bis hinauf zum Ballett und selbst zur Oper nur ablenkt und

zerstreut und die Gesellschaft oberflächlich und leichtsinnig macht.

Eine Welt, deren Aufmerksamkeit durch Millionen glänzender Gegenstände

in Anspruch genommen wird, die unsere Gedanken nach allen Richtungen

ablenken und zerstreuen, wird Christus nicht so bald auf ihrem Wege

begegnen. Sie ist noch zu weit von den himmlischen Wahrheiten des

Christentums entfernt. Sie wird erschrocken zurückweichen, wie vor

finsteren Klostermauern, wenn man ihr keine unsichtbare Leiter reicht,

die zum Christentum emporführt, und wenn man sie nicht auf einen höheren

Platz geleitet, von dem aus sie den unendlichen Horizont des

Christentums besser überschauen und alles besser erkennen kann, was ihr

früher gänzlich unverständlich war. In der Welt gibt es vielerlei, was

allen, die sich vom Christentum entfernt haben, als Leiter dienen kann,

die sie unsichtbar zum Christentum emporleitet, darunter auch das

Theater, wenn es seiner höchsten Bestimmung zugeführt werden könnte. Man

müßte die vollkommensten Werke aller Zeiten und Völker in ihrer ganzen

strahlenden Schönheit zur Aufführung bringen. Man müßte sie häufiger, ja

so häufig als möglich, aufführen, man müßte ein und dasselbe Werk

fortwährend wiederholen. Und das ist sehr wohl möglich. Man kann allen

Stücken ihre Frische und Neuheit wiedergeben, so daß sie alle

interessieren, die Kleinsten wie den Größten, wenn man es nur versteht,

sie richtig aufzuführen. Das sind Torheiten, daß sie veraltet sind und

daß das Publikum den Geschmack an ihnen verloren hat. Das Publikum ist

gar nicht so launenhaft, es wird einem immer dorthin folgen, wohin man

es führt. Wenn ihm die Autoren nicht stets ihre üblen Melodramen

vorsetzen würden, würde das Publikum auch keinen Geschmack an ihnen

finden und nicht nach ihnen verlangen. Man nehme das abgespielteste

Stück und führe es auf, wie es sich gehört, dann wird das Publikum in

Scharen herbeiströmen. Molière wird ihm ganz neu erscheinen. Shakespeare

wird es mehr locken als die modernste Posse. Aber freilich muß eine

solche Aufführung tatsächlich und absolut künstlerisch sein, und diese

Aufgabe muß stets einem wahrhaften Künstler und dem allerersten und

tüchtigsten Schauspieler, der sich in der ganzen Truppe findet,

anvertraut werden. Auch soll man ihm nicht etwa noch einen Gehilfen,

irgendeinen Beamten und Sekretär, als Anhängsel zugesellen, sondern er

soll alles allein machen und allein über alles verfügen. Es muß sogar

besonders dafür gesorgt werden, daß die ganze Verantwortlichkeit ihm

allein zufalle; man muß ihn öffentlich vor versammeltem Publikum

sämtliche Nebenrollen -- und zwar eine nach der anderen -- spielen

lassen, um den weniger bedeutenden Schauspielern lebendige Vorbilder vor

Augen zu stellen; denn diese studieren ihre Rollen nach toten

Vorbildern, die durch eine dunkle Überlieferung bis auf sie gekommen

sind, sie schöpfen ihre Belehrung aus Büchern und nehmen kein wirkliches

lebendiges Interesse an ihren Rollen. Schon diese Darstellung

untergeordneter Rollen durch einen erstklassigen Schauspieler kann das

Publikum anlocken und es reizen, sich ein und dasselbe Stück zwanzigmal

nacheinander anzusehen. Wen könnte es nicht interessieren, Schtschepkin

oder Karatygin Rollen spielen zu sehen, die sie bisher noch niemals

gespielt haben! Wenn dann ein solcher erstklassiger Schauspieler auf

seine alte Rolle zurückkommt, nachdem er sämtliche anderen Rollen

gespielt hat, wird er sich einen ganz andern, umfassenderen Begriff von

seiner Rolle, sowie von dem ganzen Stück gebildet haben; das Stück aber

wird durch diese Vollkommenheit der Darstellung -- etwas bisher völlig

Unerhörtes -- für den Zuschauer noch mehr an Interesse gewinnen. Es gibt

nichts, was den Menschen stärker ergreift und erschüttert, als jene

vollkommene Ausgeglichenheit und Übereinstimmung aller Teile, wie sie

ihm bisher nur in der Ausführung eines Musikstückes durch ein Orchester

entgegentreten konnte, und durch die man es dahin zu bringen vermag, daß

ein Werk der dramatischen Kunst häufiger hintereinander gegeben werden

kann, als die beliebteste Oper. Man mag sagen, was man will, aber die in

Worte gefaßten Töne des Herzens und der Seele sind weit mannigfaltiger,

als die Töne der Musik. Ich muß jedoch wiederholen, dies alles ist nur

dann möglich, wenn diese Aufgabe auch tatsächlich so ausgeführt, wie es

sich gehört, und wenn die volle Verantwortlichkeit für das Repertoire

einem erstklassigen Schauspieler zufällt, d. h. wenn die Tragödien von

dem ersten tragischen und die Komödien vom ersten komischen Schauspieler

inszeniert werden und wenn beide ganz allein die Leitung des Ganzen

innehaben. [Ich sage: sie allein, weil ich weiß, wieviel Leute es bei

uns gibt, die bei jeder Sache dabei sein wollen und sich überall

herandrängen. Sowie irgendein Posten geschaffen wird, der mit

irgendwelchen Geldeinnahmen verknüpft ist, so ist auch schon irgendein

Sekretär bei der Hand, der sich hinzudrängt. Woher er plötzlich kommt,

das weiß Gott allein: es ist, wie wenn er plötzlich aus dem Wasser

emporgetaucht wäre; er beweist euch sofort, so klar wie daß zwei mal

zwei vier ist, seine Unentbehrlichkeit, beginnt damit, daß er Papiere

und Akten über ökonomische Fragen vollschreibt und dann fängt er

allmählich an, sich in alles hineinzumengen, bis schließlich alles in

Unordnung gerät. Diese Sekretäre sind wie ein unsichtbarer

Mottenschwarm; sie haben alle Berufe und Ämter unterwühlt, und das

Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen einerseits und den

Untergebenen und Vorgesetzten andererseits gänzlich verwirrt und

verschoben. Wir haben uns erst neulich über alle Berufe und Ämter

unterhalten, die es in unserem Vaterlande gibt. Indem wir ein jedes Amt

innerhalb der ihm gezogenen Grenzen betrachteten, fanden wir, daß sie

gerade das sind, was sie sein sollen, daß sie gewissermaßen wie durch

die Hand des Höchsten dafür geschaffen sind, um allen Bedürfnissen

unseres Staatslebens zu genügen, und daß sie alle insgesamt von ihrem

wahren Ziel abgewichen sind, weil jedermann mit allen andern darum zu

wetteifern schien, die Grenze der ihm gezogenen Berufspflichten zu

zerstören oder sich völlig über sie hinwegzusetzen. Alle, selbst ganz

kluge und ehrliche Leute, wollten durchaus, wenn auch nur um ein

Zollbreit, mehr Macht haben und den Kreis ihrer Tätigkeit überschreiten,

weil sie glaubten, daß sie selbst und ihr Beruf hierdurch vornehmer und

edler werden müßten. Wir sind damals sämtliche Beamtenkategorien, von

den höchsten bis zu den niedrigsten, durchgegangen, die Sekretäre aber

haben wir vergessen, und gerade sie neigen am meisten dazu, die Grenzen

ihres Berufs zu überschreiten. Wo ein Sekretär lediglich Schreiberarbeit

zu leisten hat, sucht er die Rolle eines Vermittlers zwischen

Vorgesetzten und Untergebenen zu spielen. Wo man eines solchen

Vermittlers zwischen Vorgesetzten und Untergebenen bedarf und wo ihm

diese Vermittlung übertragen wird, da beginnt er, wichtig zu tun; er tut

dem Untergebenen gegenüber so, als ob er selbst sein Vorgesetzter wäre,

er richtet sich ein Vorzimmer ein, läßt die Leute stundenlang auf sich

warten, kurz: statt den Untergebenen den Zutritt zu ihrem Vorgesetzten

zu erleichtern, trägt er nur dazu bei, ihn noch mehr zu erschweren. Und

dies alles geschieht häufig nur deshalb, um der Stellung eines Sekretärs

einen Schein von Vornehmheit zu geben. Ich habe sogar einige treffliche

und gescheite Leute gekannt, die die Untergebenen ihres Vorgesetzten in

meiner Gegenwart so behandelten, daß ich für diese Menschen erröten

mußte. Mein Chlestakow war in solchen Augenblicken ein Stümper gegen

sie. Dies alles wäre übrigens noch nicht so schlimm, wenn es nicht so

viele traurige Folgen hätte. Viele wahrhaft nützliche und unentbehrliche

Menschen sind schon aus dem Staatsdienst ausgetreten lediglich wegen der

Niedertracht eines Sekretärs, der die gleiche Achtung für sich in

Anspruch nahm, die sie allein dem Vorgesetzten schuldeten, und der sich,

wenn ihm jemand diese Achtung verweigerte, dadurch rächte, daß er ihn zu

verleumden suchte, dem Vorgesetzten eine schlechte Meinung von ihm

beibrachte, kurz sich der niederträchtigsten Mittel bediente, deren nur

ein ehrloser Mensch fähig ist. In den Departements für die schönen

Künste usw. liegt die Oberleitung in den Händen eines Komitees oder

eines unmittelbaren Vorgesetzten, der an der Spitze steht, und da gibt

es meist keinen Sekretär, der die Rolle eines Vermittlers spielt: da hat

er lediglich die Verfügungen anderer schriftlich zu fixieren oder er hat

die Geschäftsführung und die Verwaltung der Finanzen inne; zuweilen aber

kommt es doch auch dort vor, daß er sich dort infolge der Trägheit der

Mitglieder oder aus irgendeinem andern Grunde immer tiefer einnistet und

die Rolle eines Vermittlers oder sogar eines künstlerischen Leiters an

sich reißt. Und dann ist einfach der Teufel los: der Zuckerbäcker fängt

an Stiefel zu machen und der Schuster muß Kuchen backen. Ein Künstler

erhält Instruktionen, die nicht von einem Künstler herrühren; es

erscheint eine Verordnung, von der man überhaupt nicht verstehen kann,

wozu sie erlassen worden ist. Oft wundert man sich, wie ein Mensch, der

doch bis dahin ganz gescheit war, plötzlich ein so törichtes

Schriftstück abfassen konnte; dabei aber ist er nicht im mindesten daran

beteiligt; das Schriftstück stammt aus einer Quelle, an die kein Mensch

auch nur denken konnte, wie das Sprichwort sagt: Ein Schreiber hat's

hingeschmiert, dem der Name Hündchen gebührt.]

Bei jeglicher Kunst sollte die letzte und höchste Durchführung und

Ausführung in den Händen eines höchsten Meisters dieser Kunst liegen

[und nicht in den Händen irgendeines Sekretärs, der lediglich bei der

Verwaltung des Geschäfts und der Finanzen verwendet werden sollte]. Nur

der Meister selbst kann Unterricht in seiner Kunst erteilen, da er

allein alles kennt, was dazu erforderlich ist, und kein anderer. Nur ein

erstklassiger Schauspieler, der ein wirklicher Künstler ist, kann eine

gute Auswahl von Stücken treffen und sie nach strengen Grundsätzen

sichten; er allein kennt das Geheimnis, wie die Proben geleitet werden

müssen, er weiß, wie wichtig es ist, häufige Leseproben und

Probeaufführungen des ganzen Stückes zu veranstalten. Er wird es dem

Schauspieler nicht einmal erlauben, seine Rolle zu Hause auswendig zu

lernen, sondern es so einrichten, daß die Schauspieler das Ganze

zusammen einstudieren und daß jeder seine Rolle ganz von selbst während

der Proben lernt und im Kopfe behält, so daß er durch die Umstände

selbst, durch das ihn umgebende Milieu und durch die bloße Berührung mit

ihm unwillkürlich den richtigen und seiner Rolle angemessenen Ton

trifft. Dann kann auch ein schlechter Schauspieler manches Gute lernen:

solange die Schauspieler ihre Rolle noch nicht auswendig können, können

sie sich vieles von einem guten Schauspieler aneignen. Hier erfüllt sich

jeder, ohne selbst zu wissen, wie es geschieht, mit Wahrheit und

Natürlichkeit, sowohl in der Rede als auch in den Bewegungen. Der Ton

der Frage verleiht dem Ton der Antwort seine Farbe. Ist die Frage in

einem geschwollenen hochtrabenden Ton gehalten, so wird auch die Antwort

hochtrabend sein; stelle eine einfache Frage, so wird auch die Antwort

einfach ausfallen. Selbst der einfachste, schlichteste Mensch ist

imstande, eine passende Antwort zu geben. Aber wenn der Schauspieler

seine Rolle zu Hause auswendig gelernt hat, dann wird seine Antwort

geschwollen und einstudiert klingen, und diesen Ton der Antwort wird er

nie wieder loswerden können. Du wirst nie einen andern aus ihm machen,

kein Wort, keinen Tonfall wird er von dem besseren Schauspieler lernen;

die ganze Umgebung, alle Dinge und Charaktere, unter denen sich der von

ihm dargestellte Charakter bewegt, werden stumm für ihn bleiben, und

auch das Stück wird ihm fremd bleiben und ihm nichts sagen, und er wird

sich wie ein Toter zwischen Toten bewegen. Nur ein Schauspieler, der ein

wahrhafter Künstler ist, hat ein Gefühl für das Leben, das in einem

Stück pulsiert, und kann es dahin bringen, daß dieses Leben auch allen

Schauspielern sichtbar, und lebendig von ihnen empfunden wird, nur er

allein hat den richtigen Maßstab für die Veranstaltung der Proben, wie

sie geleitet werden müssen, wann man mit ihnen aufhören kann, und

wieviel Proben genügen, um das Stück dem Publikum in wirklicher

Vollendung vorzuführen. Man muß es nur verstehen, diesen Schauspieler

und Künstler dazu zu bewegen, daß er sich dieser Sache wie seiner

eigensten intimsten Aufgabe annimmt, man muß ihm beweisen, daß das seine

Pflicht ist und daß die Ehre seiner eigenen Kunst dies von ihm fordert

-- so wird er es tun, so wird er es durchführen, weil er seine Kunst

lieb hat. Ja, er wird sogar noch mehr tun, er wird dafür sorgen, daß

auch der unbedeutendste Schauspieler seine Rolle gut spielt, und wird

seine eigene Aufgabe in der strengen Vollendung des Ganzen sehen. Er

wird nie dulden, daß ein banales oder nichtssagendes Stück auf die Bühne

gelangt, [das vielleicht ein Beamter, dem es nur darum zu tun ist, daß

möglichst viel Geld in die Kasse kommt, aufführen lassen würde], er wird

es nicht dulden, weil schon sein inneres, ästhetisches Gefühl das Stück

ablehnen wird. Er ist auch nicht imstande, einen Druck auf die ihm

anvertrauten Schauspieler auszuüben, sie zu tyrannisieren und zu

schikanieren, [wie das Leute aus dem Beamtenstande tun], die Rücksicht

auf den Ruhm und das Ansehen seines Namens wird ihm dies nicht erlauben.

[Irgendein Beamter, z. B. ein Sekretär dagegen wird dreist und ruhig

eine Gemeinheit begehen, da er fest davon überzeugt ist, daß niemand was

davon erfahren wird, selbst wenn er sich noch so viel Gemeinheiten

zuschulden kommen läßt, weil er ja eine Null ist, die niemand beachtet.

Wenn sich dagegen ein Schtschepkin oder Karatygin etwas Unrechtes

zuschulden kommen lassen würden, so würde dies sofort allgemeines

Stadtgespräch werden. Darum ist es so ungeheuer wichtig, daß bei jeder

Sache die Hauptlast der Verantwortung auf einen Mann fällt, den bereits

jeder in der Gesellschaft kennt.] Und endlich wird ein Schauspieler, der

zugleich ein Künstler ist, der völlig in seiner Kunst lebt und aufgeht,

dessen höchstes Lebenselement die Kunst ist, über deren Reinerhaltung er

wacht und die er hütet wie ein Heiligtum, es nie dulden, daß das Theater

eine Pflanzstätte des Lasters werde. -- Also: die Schuld liegt nicht

beim Theater. Man reinige das Theater erst einmal von all dem Schutt und

Plunder, der darauf ruht, und dann mag man zusehen und darüber urteilen,

was das Theater ist. Ich habe hier nicht deshalb die Sprache aufs

Theater gebracht, weil ich durchaus vom Theater sprechen wollte, sondern

deshalb, weil man das, was hier übers Theater gesagt wurde, auf alle

Dinge anwenden kann. Es gibt viele Gegenstände, die darunter zu leiden

haben, daß man ihre eigentliche Bedeutung verfälscht und verdreht, und

da es ja überhaupt viele Leute in der Welt gibt, die die Neigung haben,

gleich in der ersten Hitze und Erregung zu handeln oder, wie es im

Sprichwort heißt, »das Kind mit dem Bade auszuschütten«[3] lieben, so

wird vieles, was uns allen zu Nutz und Frommen dienen könnte,

vernichtet. Einseitige Menschen, die überdies noch Fanatiker sind, sind

ein Krebsschaden für die Gesellschaft; wehe dem Lande oder dem Staat, in

dem solche Leute einen Teil der Macht in die Hände bekommen. Sie wissen

nichts von christlicher Demut und von Zweifeln an sich selbst; sie sind

fest davon überzeugt, daß die ganze Welt lügt und nur sie allein die

Wahrheit reden. Lieber Freund! Geben Sie doch ein wenig mehr acht auf

sich! Sie befinden sich gerade in diesem gefährlichen Zustande. Es ist

ein Glück, daß Sie noch keine Stellung haben und daß Sie nicht mit der

Verwaltung eines Amtes betraut sind: Sie, den ich als Menschen kenne,

der dazu befähigt ist, die schwierigsten und verantwortlichsten

Stellungen auszufüllen, Sie könnten weit mehr Unheil und Unordnung

anrichten, als der unbegabteste von allen unbegabten Menschen. Nehmen

Sie sich auch mit Ihrem Urteil über alle Dinge in acht! Seien Sie nicht

wie jene frommen Eiferer, die mit einem Male alles, was es auf der Welt

gibt, vernichten möchten, da sie alles für eitel Teufelswerk halten. Es

ist ihr Los, in die gröbsten Irrtümer zu verfallen. Etwas Ähnliches hat

sich neulich auf literarischem Gebiet ereignet. Da sind plötzlich Leute

erschienen und haben öffentlich in der Presse erklärt, Puschkin sei ein

Deist und kein Christ gewesen; wie wenn sie in Puschkins Seele

hineingeblickt hätten, und wie wenn Puschkin durchaus verpflichtet

gewesen wäre, in seinen Gedichten von den höchsten Dogmen des

Christentums zu sprechen, wozu sich selbst ein Priester der Kirche nur

mit großer Angst und tiefster Ehrfurcht entschließt, nachdem er sich

durch einen wahrhaft heiligen Lebenswandel dazu vorbereitet hat! Nach

der Ansicht dieser Leute sollte man die höchsten und erhabensten Ideen

des Christentums in Reimform bringen und sie wohl gar zu einer Art

Versspiel machen. Puschkin hat sehr klug daran getan, daß er es nicht

wagte, das, wovon seine Seele noch nicht bis ins Innerste durchdrungen

war, in Verse zu kleiden, und daß er es vorzog, allen denen, die sich

bereits sehr weit von Christus entfernt hatten, eine unsichtbare Sprosse

zum Höchsten zu sein, statt sie durch seelenlose Verse, wie sie von

Leuten geschrieben werden, die sich Christen nennen, dem Christentum

völlig zu entfremden. Ich kann gar nicht verstehen, wie es einem

Kritiker auch nur einfallen konnte, in der Presse ganz offen und vor

allen Leuten eine solche Beschuldigung gegen Puschkin zu erheben, seine

Werke wirkten demoralisierend auf die Menschen, wo doch selbst die

Zensur laut Vorschrift verpflichtet ist, wenn der Sinn eines Werks nicht

ganz klar aus dem Werk hervorgeht, ihm eine möglichst ungesuchte und

einfache Deutung zu geben, die möglichst günstig für den Autor ist, und

nicht eine falsche und gekünstelte, die dem Autor schaden muß. Wenn das

sogar der Zensur zur Vorschrift gemacht wird, die immer stumm sein und

schweigen muß und nicht einmal die Möglichkeit hat, sich vor dem

Publikum zu rechtfertigen, um wieviel mehr muß sich die Kritik das zum

Gebot machen, die selbst über die unbedeutendsten Motive und Handlungen

Aufklärung geben und sich ihretwegen rechtfertigen kann! Öffentlich

erklären, ein Mensch sei kein Christ, ja er sei sogar ein Feind Christi,

indem man sich auf einige Fehler seines Charakters und darauf beruft,

daß er der Welt und ihren Versuchungen erlegen sei, wie doch jeder von

uns ihnen erliegt -- ist das etwa christlich gehandelt? Ja, wer von uns

ist denn dann ein Christ? Auf diese Weise kann ich schließlich auch dem

Kritiker selbst vorwerfen, daß er kein Christ sei. Ich kann sagen, ein

Christ könne nicht mit solcher Sicherheit auf seinen Verstand bauen, um

ein Urteil in einer so dunklen Sache zu fällen, die Gott allein kennt

und begreift, denn ein Christ weiß, daß unser Verstand nur bei einem

ganz reinen heiligen Leben der vollen Klarheit teilhaftig und dazu

befähigt wird, einen Gegenstand von allen Seiten zu sehen; der

Lebenswandel eines solchen Menschen aber ist vielleicht doch noch nicht

so ganz rein und heilig. Ein Christ wird sich erst besinnen, ehe er sich

entschließt, jemand eines solchen schweren Verbrechens anzuklagen, wie

des, er wolle Gott nicht in der Gestalt anerkennen, in der ihn uns

Gottes Sohn selbst, der zu uns auf die Erde herabgestiegen ist,

anzubeten geboten hat, -- denn das ist eine furchtbare Beschuldigung. Er

wird ferner erklären: in der Poesie ist noch vieles ein Geheimnis; es

ist schon nicht leicht, über einen gewöhnlichen Menschen ein Urteil zu

fällen, und erst ein abschließendes und endgültiges Urteil über einen

Dichter fällen zu wollen, das kann nur ein Mensch, der selbst etwas vom

Geist der Poesie in sich trägt und beinahe ein dem Dichter selbst

ebenbürtiger Dichter ist -- wie dies ja auch für jedes einfache Handwerk

oder jede Kunstfertigkeit zutrifft, wo ja auch jeder in gewissem Maße

mitsprechen kann, wo aber nur der Meister selbst ein umfassendes und

endgültiges Urteil fällen darf. Kurz, der Christ wird in erster Linie

Demut üben, die sein vornehmstes Banner ist, an dem man erkennen kann,

daß er ein Christ ist. Statt von den Stellen in Puschkin zu reden, deren

Sinn noch dunkel ist und auf zwei verschiedene Weisen ausgelegt werden

kann, wird ein Christ nur von den Werken sprechen, die ganz klar sind,

die aus seinem reifen Mannesalter und nicht aus seiner schwärmerischen

Jugendzeit stammen. Er wird sein gewaltiges Gedicht »An einen

Kirchenfürsten« anführen, in dem Puschkin von sich selbst redet und

sagt: auch in den Jahren, als er noch für die Schönheit und das Treiben

dieser Erdenwelt begeistert gewesen sei, habe der bloße Anblick des

Dieners Christi einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht.

[Fußnote 3: »Aus Ärger über die Läuse in den Ofen mit dem Pelz!«]

Da traf dein Wort mich wundereigen

Mit überirdischer Gewalt,

Und meine Finger ließen schweigen

Die Saiten, die wie Hohn geschallt.

Mein Herz in seinem tiefsten Horte

Schlug reuekrank, gewissenswund;

Beim Chrysam deiner duft'gen Worte

Ward es zu neuem Sein gesund.

Aus deiner Geisteshöhe reichst du

Mir deine Hand zur Stütze nun;

Mit sanfter Liebeshand verscheuchst du

Den Sturm -- und meine Sinne ruhn.

Das ewig Wahre, ewig Schöne

Durchflammt das Herz mir im Gebet;

Stumm hört des Seraphs Harfentöne

Im heiligen Schauder der Poet.

(Fiedler.)

Das ist ein Gedicht, auf das ein Kritiker hinweisen wird, der ein

wahrhafter Christ ist! Dann wird seine Kritik einen Sinn erhalten und

Gutes stiften: damit wird sie die gute Sache stärken und kräftigen, denn

sie wird zeigen, wie selbst ein Mensch, dessen Geist all die

verschiedenartigen Glaubenssätze und alle Fragen seiner Zeit umfaßte,

Fragen, die noch so unklar und verworren sind, die uns so weit von

Christus entfernen, wie selbst solch ein Mensch in seinen besten

Momenten, in Augenblicken höchster Klarheit, dichterischer Erleuchtung

und Hellsichtigkeit die Hoheit des Christentums über alles stellte. Was

aber hat die Kritik jetzt für einen Sinn? frage ich. Wozu kann es gut

sein, daß man die Menschen irreführt, indem man Zweifel und Argwohn

gegen Puschkin in ihre Seelen sät? Es ist doch keine Kleinigkeit, den

klügsten Menschen seiner Zeit als einen Mann hinzustellen, der das

Christentum negiert -- einen Menschen, zu dem das geistige Rußland wie

zu seinem Führer emporschaut, der alle andern Menschen weit hinter sich

gelassen und überholt hat! Es ist noch gut, daß es ein so unbegabter und

unfähiger Kritiker war und daß es ihm daher nicht gelingen konnte, einer

solchen Lüge Eingang zu verschaffen, und daß Puschkin selbst Gedichte

hinterlassen, die diese Lüge widerlegen; [wäre es nicht so gewesen, was

hätte er anderes tun können, als Unglauben statt Glauben zu verbreiten?]

So Schlimmes kann man anrichten, wenn man einseitig ist! Lieber Freund,

Gott bewahre Sie vor Einseitigkeit; mit ihr stiftet der Mensch überall

nichts wie Unheil: in der Literatur, in seiner amtlichen Tätigkeit, in

der Gesellschaft -- kurz überall! Ein einseitiger Mensch ist von sich

selbst überzeugt, ein einseitiger Mensch ist dreist, ein einseitiger

Mensch macht sich alle zu Feinden. Ein einseitiger Mensch kann nie das

rechte Maß finden. Ein einseitiger Mensch kann kein wahrer Christ sein;

er kann bloß ein Fanatiker sein. Einseitigkeit im Denken ist nur ein

Zeichen dafür, daß der Mensch erst auf dem Wege zum Christentum ist, daß

er es noch nicht ganz erfaßt hat, weil das Christentum unserm Geist

Vielseitigkeit verleiht. Mit einem Wort: Gott bewahre Sie vor der

Einseitigkeit! Bewahren Sie sich einen besonnenen Blick für jedes Ding

und denken Sie immer daran, daß es zwei gänzlich entgegengesetzte Seiten

haben kann, von denen Ihnen eine noch nicht bekannt ist. Theater und

Theater -- das sind zwei verschiedene Sachen, wie es ja auch beim

Publikum zwei Arten der Begeisterung gibt: es ist doch was anders, ob

man in Entzücken gerät, wenn eine Ballettänzerin ihr Füßchen möglichst

hoch in die Höhe schleudert, oder ob man von Begeisterung ergriffen

wird, wenn ein großer Schauspieler durch seine erschütternde Rede die

höchsten Gefühle im Menschen zu noch reinerer Höhe steigert. Ein andres

sind die Tränen, die ein fremder Sänger einem Menschen entlockt, indem

er sein Gehör in angenehmer Weise kitzelt, Tränen, die, wie ich höre,

heute auch solche Leute in Petersburg vergießen, die nicht Musiker sind,

und ein andres sind die Tränen, die dem Auge des Zuschauers entströmen,

wenn er durch die lebendige Darstellung einer hohen Tat bis ins Innerste

erschüttert wird und dann nach Verlassen des Theaters mit neuer Kraft,

noch ganz unter dem Eindruck dieser Darstellung einer heroischen

Handlung stehend, an seine pflichtmäßige Tätigkeit geht. Mein Freund.

Wir sind in diese Welt berufen, nicht um zu zerstören und zu vernichten,

sondern um [nach dem eigenen Vorbilde Gottes] alles zum Guten zu lenken

-- selbst das, was die Menschen bereits verdorben und zum Bösen gewandt

haben. Es gibt kein Werkzeug in der Welt, das nicht dem Dienste Gottes

geweiht wäre. Alle diese Hörner, Pauken, Leiern und Zimbeln, mit denen

die Heiden ihre Götzen verherrlichten, dienten, nach dem Siege des

Königs David, dem wahren Gott zu Preis und Ruhme, und in Israel

herrschte noch größere Freude, als es vernahm, daß dieselben

Instrumente, die noch nie Ihm zu Ehren erklungen waren, nun zu Seinem

Preis und Ruhme tönten.

1845.

XV

Über die Aufgaben der lyrischen Dichtung unserer Zeit

Zwei Briefe an N. M. Jasykow

Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I · 第 5 / 15 题