Ich lag an einer schweren Krankheit danieder; schon war ich dem Tode
nahe. Da raffte ich meine letzten Kräfte zusammen, die mir noch blieben,
benutzte den ersten Augenblick, wo ich mich im vollen Besitz meiner
Geisteskräfte befand, und schrieb mein geistiges Testament nieder, in
dem ich unter anderm meinen Freunden die Pflicht auferlegte, nach meinem
Tode einige von meinen Briefen herauszugeben. Damit hoffte ich
wenigstens einen Teil der Schuld sühnen zu können, die ich durch die
Wertlosigkeit alles dessen, was ich bisher geschrieben hatte, auf mich
geladen hatte, denn meine Briefe enthielten nach dem Urteil derer, an
die sie gerichtet waren, weit mehr solche Gedanken, deren die Menschen
bedürfen, die ihnen not tun, als meine Werke. Gottes himmlische Güte
wandte die Hand des Todes von mir ab. Ich bin beinahe wiederhergestellt
und ich fühle mich wieder besser. Dennoch aber empfinde ich, wie schwach
meine Kräfte sind, und dies mahnt mich jeden Augenblick daran, daß mein
Leben an einem Haar hängt, und nun, wo ich mich zu einer weiten Reise
ins Heilige Land rüste, die meiner Seele ein Bedürfnis ist und während
deren mir vieles zustoßen kann, fühle ich den Wunsch, meinen Landsleuten
beim Abschied etwas von mir zu hinterlassen. So wähle ich denn selbst
alles aus meinen letzten Briefen, die ich wieder in meinen Besitz
bringen konnte, aus, was sich auf solche Fragen bezieht, die die
Gesellschaft gegenwärtig am meisten beschäftigen, lasse alles beiseite,
was erst nach meinem Tode Sinn und Inhalt erhalten kann, und scheide
alles aus, was nur für wenige von Bedeutung sein könnte. Dazu füge ich
noch zwei oder drei literarische Aufsätze hinzu, und endlich lege ich
dem Ganzen noch mein Testament bei, auf daß dieses, wenn mich der Tod
unterwegs ereilen sollte, als durch alle meine Leser bezeugt und
verbürgt, sogleich rechtmäßig in Kraft trete.
Mein Herz sagt mir, daß mein Buch einem wirklichen Bedürfnis entspricht
und daß es vielleicht von einigem Nutzen sein kann. Ich glaube dies
nicht deshalb, weil ich eine zu hohe Meinung von mir habe und weil ich
mir zutraue, Nützliches wirken zu können, sondern weil ich noch niemals
so innig von dem Wunsche beseelt war, etwas Nützliches zu vollbringen,
wie heute. Für uns Menschen genügt es schon, wenn wir die Hand
ausstrecken, um zu helfen; die eigentliche Hilfe aber kommt nicht von
uns, sondern von Gott, der seine Kraft von oben auf uns herabsendet und
sie dem ohnmächtigen Worte mitteilt. So unbedeutend und minderwertig
also mein Buch auch sein mag, ich wage dennoch, es der Öffentlichkeit zu
übergeben, und ich bitte meine Landsleute, es mehrmals durchzulesen;
zugleich aber bitte ich die unter ihnen, die sich eines gewissen
Wohlstandes erfreuen, sich mehrere Exemplare zu kaufen und sie an solche
Leute zu verteilen, die sich das Buch selbst nicht kaufen können, und
ihnen bei dieser Gelegenheit zu erklären, daß alles Geld, das nach
Deckung der Unkosten, die die bevorstehende Reise verursachen wird,
übrigbleiben sollte, teils denen, die gleich mir das innere Bedürfnis
fühlen, während der kommenden großen Fasten nach dem Heiligen Lande zu
pilgern und dies nicht aus eigenen Mitteln zu tun vermögen, teils denen
zur Unterstützung dienen soll, mit denen ich auf dem Wege dorthin
zusammentreffen werde und die am Grabe des Herrn für ihre Wohltäter, d.
h. meine Leser, beten werden.
Ich wünschte, ich könnte meine Reise vollenden wie ein guter Christ, und
daher bitte ich hiermit alle meine Landsleute um Verzeihung wegen aller
Kränkungen, die ich ihnen zugefügt haben sollte. Ich weiß, daß ich viele
Leute durch meine unüberlegten Handlungen und durch meine unreifen Werke
betrübt, viele sogar gegen mich aufgebracht und überhaupt bei vielen
Anstoß und Ärgernis erregt habe. Ich darf indessen zu meiner
Rechtfertigung sagen, daß meine Absicht stets gut war, und daß ich
niemand betrüben oder gegen mich aufbringen wollte; nur meine
Unbesonnenheit, meine Hast und Übereilung waren die Ursache, daß meine
Werke in so unvollkommener Gestalt ins Leben traten, wodurch beinahe
alle über ihren wahren Sinn getäuscht wurden. Alles andere dagegen,
wobei tatsächlich eine verletzende Absicht vorliegen sollte, bitte ich
mir mit jener Großmut zu verzeihen, deren nur die russische Seele fähig
ist, wenn sie verzeiht. Auch alle die bitte ich, mir zu vergeben, mit
denen mich mein Lebensweg für längere oder kürzere Zeit zusammengeführt
hat. Ich weiß, daß ich vielen Menschen mancherlei Unannehmlichkeiten
bereitet habe, ja manchen sogar mit Absicht. Überhaupt hatte die Art
meines Verkehrs mit den Menschen stets etwas Unangenehm-Abstoßendes an
sich. Dies rührte teils davon her, daß ich einem Zusammentreffen und
einer Bekanntschaft mit Menschen gern aus dem Wege ging, da ich das
Gefühl hatte, ich hätte den Menschen noch nichts Gescheites und wirklich
Notwendiges zu sagen (und leere und überflüssige Redensarten wollte ich
nicht machen), und da ich zugleich davon überzeugt war, daß ich mich
selbst wegen meiner zahllosen Mängel und Fehler noch in einiger
Entfernung von den Menschen erziehen müsse. Zum Teil aber war es auch
die Folge meiner kleinlichen Eitelkeit, wie sie nur denen unter uns
eigen ist, die sich aus Schmutz und Kot emporgearbeitet, sich eine
Stellung unter den Menschen erobert haben, und die sich daher für
berechtigt halten, stolz auf die anderen herabzusehen. Wie dem auch sein
mag, ich bitte, mir alle persönlichen Kränkungen zu verzeihen, die ich
einem Menschen seit den Zeiten meiner Kindheit bis zum gegenwärtigen
Augenblicke zugefügt haben sollte. Auch meine Berufsgenossen, die
Literaten, bitte ich um Verzeihung, wenn ich sie je bewußt oder unbewußt
geringschätzig oder ohne gebührende Achtung behandelt haben sollte; wem
es aber aus irgendeinem Grunde schwer werden sollte, mir zu vergeben,
den erinnere ich daran, daß er ein Christ ist. Wie der Fastende vor der
Beichte, die er sich vor dem Angesichte Gottes abzulegen anschickt, alle
seine Brüder um Verzeihung bittet, so bitte ich sie um Verzeihung, und
wie in solch einem Augenblick kein einziger den Mut findet, seinem
Bruder nicht zu vergeben, so werden auch meine Brüder nicht den Mut
haben, mir ihre Vergebung zu versagen. Und endlich bitte ich meine Leser
um Verzeihung, wenn auch in diesem Buche wieder etwas Peinliches
vorkommen sollte, das sie kränken oder beleidigen könnte. Ich bitte sie,
mir deshalb nicht innerlich zu zürnen, sondern mir statt dessen lieber
großmütig alle Mängel, die sie in diesem Buche entdecken sollten, sowohl
die des Schriftstellers wie die des Menschen, nachzuweisen: meine
Torheit, meine Unüberlegtheit, meine übermäßige Eitelkeit und
Sicherheit, mein eitles Selbstvertrauen -- mit einem Wort, alle die
Fehler, die allen Menschen eigen sind, auch wenn sie sie nicht erkennen,
und die ich wahrscheinlich in noch weit höherem Maße besitze.
Zum Schluß bitte ich alle Russen, für mich zu beten, vor allem die
Priester, deren ganzes Leben ein einziges Gebet ist. Auch die bitte ich,
mich in ihr Gebet einzuschließen, die in ihrer Demut nicht an die Kraft
ihres Gebets glauben, wie auch die, die überhaupt nicht an das Gebet
glauben und es nicht einmal für notwendig halten; aber wie kraftlos,
dürr und matt auch immer ihr Gebet sein möge, ich bitte sie, in diesem
kraftlosen, dürren und matten Gebet meiner zu gedenken. Ich aber will am
Grabe des Herrn für alle meine Landsleute beten; kein einziger soll von
meinem Gebete ausgeschlossen bleiben; und mein Gebet wird ebenso
kraftlos, dürr und matt sein, wenn nicht der heilige allgütige Wille des
Himmels es zu einem Gebet machen wird, wie es in Wahrheit sein soll.
Im Juli 1846.
I
Mein Testament
Völlig meiner Sinne mächtig und im vollen Besitz meines Verstandes lege
ich hier meinen letzten Willen nieder.
I. Erstens ordne ich an, daß mein Leib nicht eher begraben werden soll,
als bis sich an ihm deutliche Spuren der Auflösung bemerkbar machen. Ich
erinnere ausdrücklich daran, weil mich schon während meiner Krankheit
Augenblicke der Ohnmacht überkamen, wo das Leben stockte, mein Herz
aufhörte, zu schlagen, mein Puls stillstand ... Da ich während meines
Lebens schon häufig Zeuge vieler trauriger Vorfälle war, an denen unsere
unvernünftige Übereilung in allen Dingen, selbst bei einer solchen
Angelegenheit wie die Beerdigung, schuld war, so spreche ich dies hier
gleich zu Beginn meines Testamentes aus, in der Hoffnung, daß meine
Stimme vielleicht nach meinem Tode ganz allgemein zur Vorsicht mahnen
wird. Im übrigen aber soll man meinen Leib der Erde übergeben, ohne
lange zu überlegen, an welchem Ort er ruhen soll; auch sollen keine
Ehren oder Erinnerungen an meine sterblichen Reste geknüpft werden.
Jeder sollte sich schämen, der meinen faulenden Knochen irgendwelche
Achtung erweisen wollte, sind sie doch gar nicht mehr mein Eigentum, er
würde sich vor den Würmern beugen, die sie zernagen. Ich bitte daher
alle, lieber um so kräftiger für meine Seele zu beten, und statt aller
Bestattungsfeierlichkeiten und Ehren lieber einige arme Leute, denen es
am täglichen Brot fehlt, in meinem Namen mit einem einfachen Mittagessen
zu bewirten.
II. Zweitens ordne ich an, mir kein Denkmal auf meinem Grabe zu
errichten, ja gar nicht erst an diese Torheiten, die eines Christen
unwürdig sind, zu denken. Die Menschen, die mir nahestanden und die mich
wirklich lieb hatten, werden mir schon ein anderes Denkmal errichten:
und zwar werden sie es in sich selbst aufrichten, durch
unerschütterliches Festhalten an ihrem Lebenswerk und durch Aufmunterung
und Ermutigung aller Menschen ihrer Umgebung. Wer nach meinem Tode zu
höherer geistiger Reife emporwachsen wird, als sie ihm während meines
Lebens eigen war, der wird damit beweisen, daß er mich wahrhaft geliebt
hat, daß er mein Freund war, und mir damit ein wirkliches Denkmal
errichten, denn auch ich habe, bei all meiner Schwäche und Nichtigkeit,
meine Freunde stets ermutigt, und keiner von denen, die mir in der
letzten Zeit näher traten, hat in Stunden des Kummers und der
Entmutigung bei mir ein trübseliges Gesicht gefunden, obwohl ich selbst
schwere Augenblicke zu durchleben hatte und nicht weniger litt und
bekümmert war, als andere. So möge denn auch ein jeder von ihnen nach
meinem Tode dessen eingedenk sein, sich an alle meine Worte erinnern und
noch einmal all meine Briefe durchlesen, die ich vor einem Jahre an ihn
geschrieben habe.
III. Drittens ordne ich an, daß mich niemand beweinen soll; ja, der
würde eine Sünde auf seine Seele laden, der meinen Tod für einen großen
und allgemeinen Verlust halten wollte. Selbst wenn es mir gelungen sein
sollte, etwas Nützliches zu vollbringen, wenn ich wirklich schon
begonnen haben sollte, so wie es sich gehört, meine Pflicht zu erfüllen,
und wenn der Tod mich in dem Augenblick, wo ich mein Werk -- das ja
nicht dem Vergnügen einzelner dienen sollte, sondern dem, was allen not
tut -- begonnen, hinweggenommen haben sollte, so wäre es dennoch
unrichtig, sich einer fruchtlosen Verzweiflung zu überlassen. Selbst
wenn heute in Rußland ein Mann stürbe, dessen das Land bei der gegebenen
Lage der Dinge wirklich bedürfte, so wäre auch dies noch kein Grund für
einen der Lebenden, zu trauern und mutlos zu werden, obwohl es schon
richtig ist, daß, wenn uns von den Menschen, die wir alle brauchen,
einer nach dem andern entrissen wird, dies ein Zeichen des göttlichen
Zornes ist, und daß wir hierdurch aller Mittel und Werkzeuge beraubt
werden, mit deren Hilfe sich mancher dem Ziele nähern könnte, das uns
alle zu sich ruft. Wir dürfen nicht gleich traurig und mutlos werden bei
jedem plötzlichen Verlust, sondern müssen in unser Inneres blicken und
nicht an die Schlechtigkeit der andern und an die Schlechtigkeit der
ganzen Welt, sondern an unsere eigene Schlechtigkeit denken. Die Bosheit
und Verderbnis der Seele ist fürchterlich, warum aber erkennen wir das
erst dann, wenn wir den unerbittlichen Tod vor Augen sehen?
IV. Viertens vermache ich allen meinen Landsleuten (wobei ich lediglich
davon ausgehe, daß ein jeder Schriftsteller seinen Lesern irgendeinen
guten Gedanken als Vermächtnis hinterlassen sollte), viertens vermache
ich ihnen das Beste, was meine Feder hervorgebracht hat -- ich
hinterlasse ihnen ein Werk von mir, das den Titel _Abschiedserzählung_
trägt. Diese Erzählung handelt, wie sie erkennen werden, von ihnen
selbst. Ich habe sie lange in meinem Herzen getragen, wie meinen größten
Schatz, wie ein Zeichen der göttlichen Gnade, die sich an mir vollzogen
hat. Sie war mir ein Quell verborgener Tränen, seit den Tagen meiner
Kindheit. Sie also hinterlasse ich ihnen als Vermächtnis. Allein ich
flehe all meine Landsleute an, es nicht als Kränkung und Beleidigung
anzusehen, wenn sie etwas wie eine Belehrung aus ihr heraushören
sollten. Ich bin ein Schriftsteller, und die Aufgabe des Schriftstellers
besteht nicht allein darin, Geist und Geschmack angenehm zu unterhalten;
er muß strenge Rechenschaft ablegen, wenn seine Werke der Seele keinen
Nutzen gebracht haben und keine Wohltat gewesen sind und wenn keine
Belehrung für die Menschen in ihnen enthalten ist. Meine Landsleute
mögen doch bedenken, daß ja auch jeder unserer Brüder, der diese Welt
verläßt, selbst wenn er kein Schriftsteller ist, ein Recht hat, uns
etwas wie eine Lehre, eine brüderliche Mahnung zu hinterlassen, und
dabei kommt es weder darauf an, ob er nur eine geringe Stellung
bekleidet, noch ob er ein ohnmächtiger, oder gar ein unvernünftiger
Mensch ist; wir sollten lediglich daran denken, daß ein Mensch, der auf
dem Totenbett liegt, viele Dinge besser durchschauen kann, als ein
solcher, der sich in der Welt bewegt. Trotzdem ich mich aber auf dieses
mein wohlbegründetes Recht berufen könnte, hätte ich es doch nicht
gewagt, zu erwähnen, was man aus meiner Abschiedserzählung heraushören
wird; denn nicht mir, dessen Seele häßlicher und sündhafter ist, als die
aller andern, und der so schwer an seiner eigenen Unvollkommenheit
krankt, kommt es zu, solche Reden zu führen. Allein was mich dazu
treibt, ist ein anderer gewichtiger Grund. Landsleute! Es ist furchtbar.
Die Seele möchte vor Schrecken vergehen bei der bloßen Ahnung der
überirdischen Majestät und Erhabenheit des Jenseits und jener höchsten
geistigen Schöpfungen Gottes, vor denen die ganze Größe alles
Erschaffenen, das wir hier unten erblicken und das uns hier in Erstaunen
setzt, in Staub versinkt. Mein sterblicher Leib ächzt beim Gedanken an
all die monströsen gigantischen Gebilde und Früchte, deren Samen wir
während unseres Lebens säeten, ohne zu ahnen und ohne zu fühlen, was für
Schrecknisse aus ihnen erwachsen werden ... Vielleicht wird meine
_Abschiedserzählung_ einen gewissen Eindruck auf _die_ machen, die das
Leben noch immer für ein Spiel halten, vielleicht wird ihr Herz etwas
von seinem strengen Geheimnis und von der innigen himmlischen Musik
dieses Geheimnisses vernehmen. Landsleute! -- ich weiß nicht, ich finde
kein Wort dafür, wie ich euch in diesem Augenblick anreden soll. -- Fort
mit dem leeren Anstand! Landsleute! -- ich habe euch geliebt, ich habe
euch geliebt mit jener Liebe, von der man nicht spricht, die mir Gott
geschenkt hat, für die ich Ihm danke, wie für Seine höchste Wohltat,
weil diese Liebe mir Trost und Freude war während meiner schwersten
Leiden. Im Namen dieser Liebe bitte ich euch, meiner Abschiedserzählung
euer Ohr und Herz zu leihen. Ich schwöre es euch, ich habe sie nicht
erfunden, ich habe sie nicht erdacht, sie ist meiner Seele selbst
entströmt, die Gott selbst durch Kummer und Versuchungen gebildet hat,
und ihre Klänge entsprangen aus den innersten Kräften und Elementen
unseres russischen Wesens, das uns allen gemeinsam ist und durch das ich
euch allen aufs engste verschwistert bin[1].
V. Fünftens bitte ich, meiner Werke nach meinem Tode in der Presse und
in den Zeitschriften weder mit übereiltem Lob noch Tadel zu gedenken;
alle diese Urteile werden ebenso parteiisch sein, wie bei meinen
Lebzeiten. In meinen Werken gibt es weit mehr Verurteilungswürdiges als
solches, was Lob verdient. Alle Ausfälle, die sich gegen sie richteten,
waren ihrem eigentlichen Kerne nach mehr oder weniger berechtigt. Mir
gegenüber hat sich niemand schuldig gemacht; es wäre unedel und
ungerecht, wenn ein Mensch jemand um meinetwillen in irgendeiner
Hinsicht tadeln, oder ihm einen Vorwurf machen wollte. Ferner erkläre
ich laut, damit alle es hören können: daß es außer den schon gedruckten
Schriften keine Werke mehr von mir gibt: alles was an Manuskripten
vorhanden war, habe ich verbrannt, wie etwas Kraftloses, wie etwas
Totes, das ich in einer krankhaften Gemütsverfassung und in einem
Zwangszustande niedergeschrieben habe. Wenn daher jemand etwas unter
meinem Namen herausgeben sollte, so bitte ich dies für eine
nichtswürdige Fälschung zu halten. Dafür aber mache ich es meinen
Freunden zur Pflicht, alle meine Briefe zu sammeln, die ich seit dem
Ende des Jahres 1844 an einen von ihnen gerichtet habe, und diese nach
strenger Auswahl alles dessen, was irgendwie von Nutzen für unsere Seele
sein kann, und nach Verwerfung alles übrigen, das nur der eitlen
Unterhaltung dient, in Buchform herauszugeben. Diese Briefe enthalten
einiges, das _denen_ von Nutzen gewesen ist, an die sie gerichtet waren.
Gott ist barmherzig; vielleicht werden sie auch andern von Nutzen sein;
und vielleicht wird so wenigstens ein Teil der harten Verantwortlichkeit
für die Wertlosigkeit dessen, was ich früher geschrieben habe, von
meiner Seele genommen.
[Fußnote 1: Die Abschiedserzählung kann nicht erscheinen: was nach dem
Tode von Bedeutung sein könnte, das hat bei Lebzeiten keinen Sinn.]
VI. Nach meinem Tode soll keiner der Meinen mehr berechtigt sein, sich
selbst anzugehören -- sondern nur noch den Bekümmerten, den Leidenden
und denen gehören, die in diesem Leben schon irgendein Leid zu erdulden
hatten. Ihr Haus und Gut sollen mehr einem Gasthaus oder einer Herberge
für fremde Pilger, als der Wohnstätte eines Gutsbesitzers gleichen; wer
auch immer zu den Meinen kommt, den sollen sie aufnehmen, wie einen
nahen Verwandten und einen ihrem Herzen nahestehenden Menschen; sie
sollen ihn herzlich und freundschaftlich nach all seinen
Lebensverhältnissen ausfragen, um zu erfahren, ob er nicht
hilfsbedürftig ist, oder doch wenigstens um ihn zu erheitern und zu
ermuntern, auf daß keiner das Gut ungetröstet verlasse. Wenn der
Reisende aber einfachen Standes, wenn er an ein ärmliches Leben gewöhnt
ist und es ihm aus irgendeinem Grunde peinlich ist, im Hause des
Gutsbesitzers Wohnung zu nehmen, so sollen sie ihn zu einem wohlhabenden
Bauern, zu dem besten und tüchtigsten im ganzen Dorfe, führen, der sich
eines musterhaften Lebenswandels befleißigt und seinem Bruder mit einem
guten Rate zur Seite stehen kann; dieser soll seinen Gast ebenso
herzlich und freundlich nach seinen Verhältnissen ausfragen, ihm Mut
zusprechen, ihn ermuntern, ihm einen guten Rat und Zuspruch mit auf den
Weg geben, und dann dem Gutsherren über alles Bericht erstatten, damit
auch diese ihrerseits ein gutes Wort und einen guten Ratschlag
hinzufügen oder ihm Hilfe und Unterstützung schenken können, was und wie
sie es für angemessen halten, auf daß niemand ungetröstet davonfahre
oder das Gut ohne Zuspruch verlasse.
VII. Siebentens ordne ich an ... doch da fällt mir ein, daß ich hierüber
schon nicht mehr zu verfügen habe. Durch eine Unvorsichtigkeit bin ich
meines Eigentumsrechtes beraubt worden: mein Porträt ist gegen meinen
Willen und ohne Erlaubnis öffentlich verbreitet worden. Aus vielen
Gründen, die ich hier nicht näher anzugeben brauche, habe ich dies nicht
gewünscht; ich habe daher auch niemand durch Verkauf das Recht
abgetreten, eine öffentliche Ausgabe dieses Porträts zu veranstalten,
und sämtlichen Buchhändlern, die mit einem solchen Antrag an mich
herantraten, eine Absage erteilt; ich gedachte mir dies erst dann zu
gestatten, wenn es mir mit Gottes Hilfe gelingen sollte, jenes Werk zu
vollenden, das meine Gedanken während meines ganzen Lebens beschäftigt
hat, und zwar so zu vollenden, daß all meine Landsleute einstimmig
erklärten, ich hätte meine Aufgabe redlich gelöst, und den Wunsch
äußerten, die Züge des Menschen kennen zu lernen, der bis zu diesem
Augenblick in aller Stille gearbeitet und nie den Wunsch ausgesprochen
hätte, einen unverdienten Ruhm zu genießen. Dazu kam noch ein anderer
Umstand: mein Bild konnte in solch einem Falle sofort in einer großen
Anzahl von Exemplaren verbreitet werden und dem Künstler, der mein Bild
stechen würde, einen bedeutenden Gewinn eintragen. Dieser Künstler ist
bereits seit mehreren Jahren in Rom damit beschäftigt, einen Stich nach
dem unsterblichen Bilde Raffaels: _Die Verklärung Christi_ herzustellen.
Er hat dieser Arbeit alles geopfert -- einer aufreibenden Arbeit, zu der
er viele Jahre gebraucht und die seine Gesundheit aufgezehrt hat, und er
hat dies Werk, das nun seiner Vollendung entgegengeht, mit einer solchen
Vollkommenheit ausgeführt, wie dies bisher noch keinem Radierer gelungen
ist. Wegen der hohen Kosten und da es nur eine kleine Zahl von
Kunstkennern und Liebhabern gibt, kann sein Stich nicht in dem Maße
verbreitet werden, um ihn für alles zu entschädigen. Hätte er mein Bild
stechen können, so wäre ihm geholfen gewesen. Nun aber ist mein Plan
zerstört: ist das Bild einer Persönlichkeit einmal in der Öffentlichkeit
verbreitet, so wird es dadurch zum Eigentum eines jeden, der sich mit
der Herausgabe von Stichen und Steindrucken beschäftigt. Sollte es sich
jedoch so fügen, daß nach meinem Tode unveröffentlichte Briefe von mir
herausgegeben werden sollten, die der Gesellschaft von Nutzen sein
könnten (wenn auch nur durch das reine und aufrichtige Streben, Nutzen
zu stiften), und sollten meine Landsleute den Wunsch haben, mein Porträt
kennen zu lernen, so bitte ich alle Herausgeber solcher Bilder,
hochherzig auf ihre Rechte zu verzichten; dagegen bitte ich die Leser,
die sich aus einem übertriebenen Wohlwollen für alles, was Ruhm und
Ansehen genießt, ein Porträt von mit angeschafft haben, es sofort,
nachdem sie diese Zeilen gelesen haben, zu vernichten, um so mehr, da
diese Porträts schlecht und gar nicht ähnlich sind, und sich nur ein
solches Porträt zu kaufen, das die Unterschrift: _Gestochen von
Jordanow_ trägt. Dies wäre wenigstens eine gute Tat. Noch besser aber
wäre es, wenn die, die sich eines gewissen Wohlstandes erfreuen, sich
statt meines Bildes den Stich: _Die Verklärung Christi_ kaufen wollten,
einen Stich, der selbst nach dem Urteil von Ausländern die Krone der
Radiererkunst darstellt und Rußland zum höchsten Ruhme gereicht.
Mein Testament soll sofort nach meinem Tode in allen Zeitungen und
Journalen veröffentlicht werden, damit sich niemand aus Unkenntnis und
ohne es zu wollen, gegen mich vergehe und damit eine Schuld auf seine
Seele lade.
II
Die Frau in der vornehmen Welt
An Frau ***
Sie glauben, Sie können keinen Einfluß auf die Gesellschaft ausüben. Ich
bin der entgegengesetzten Ansicht. Der Einfluß der Frau kann sehr groß
sein, besonders heute, bei der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung oder
-unordnung, die einerseits durch eine matte erschlaffte
gesellschaftliche Bildung charakterisiert wird und in der sich
andererseits eine seelische Erkaltung und eine moralische Müdigkeit
bemerkbar macht, die dringend einer Erweckung und Belebung bedarf. Um
jedoch eine solche Neubelebung hervorzubringen, dazu bedürfen wir der
Hilfe der Frau. Dies ist eine Wahrheit, die die ganze Welt ganz
plötzlich wie eine dunkle Ahnung ergriffen hat. Jedermann scheint etwas
von der Frau zu erwarten. Lassen wir einmal alles andere beiseite, sehen
wir uns einmal in unserem russischen Vaterlande um und achten wir dabei
auf das, was wir so häufig bemerken können: auf die zahlreichen
Mißbräuche aller Art. Es stellt sich heraus, daß die Mehrzahl aller
Fälle von Bestechungen (Mißbräuchen im Dienst), sowie alle übrigen
Vergehen, deren man unsere Beamten und die Bürger aller Klassen
beschuldigt, entweder auf die Verschwendungssucht der Frauen, die danach
lechzen, in der großen und kleinen Welt zu glänzen und zu diesem Zweck
Geld von ihren Männern verlangen, oder aber auf die Hohlheit und die
Leere in ihrem häuslichen Leben zurückgeführt werden können, das
lediglich allerhand idealen Träumereien und nicht den wahren
eigentlichen Aufgaben und Pflichten gewidmet ist, die doch weit schöner
und erhabener sind als alle Träumereien. Die Männer würden sich auch
nicht den zehnten Teil der Mißbräuche zuschulden kommen lassen, die sie
jetzt verüben, wenn ihre Frauen auch nur im mindesten ihre Pflicht und
Schuldigkeit täten. Die Seele der Frau -- ist für den Mann ein
schützender Talisman, der ihn vor vielen moralischen Krankheiten und
Ansteckungen behütet; sie ist eine Kraft, die ihn auf dem geraden Wege
festhält, und eine Führerin, die ihn vom krummen Pfade auf den rechten
zurückleitet; umgekehrt aber kann die Seele der Frau auch der böse Geist
des Mannes sein und ihn für alle Ewigkeit zugrunde richten. Sie haben
das selbst gefühlt und einen so schönen Ausdruck dafür gefunden, wie ihn
bisher noch keine von weiblicher Hand geschriebene Zeile enthält. Jedoch
Sie sagen: alle andern Frauen könnten ein Feld für ihre Betätigung
finden, nur Sie allein nicht. Sie finden überall Arbeit für sich, sie
können Verkehrtes und Verfehltes verbessern und wieder einrenken oder
mit etwas Neuem und Notwendigem beginnen -- mit einem Wort, sie können
überall fördernd eingreifen, nur Sie selbst finden keine Tätigkeit für
sich und wiederholen immer wieder betrübt: »Warum bin ich nicht an ihrer
Stelle?« Wissen Sie, daß dies eine allgemeine Verblendung ist? Heute
will es jedem so erscheinen, als ob er viel Gutes stiften könnte, wenn
er an der Stelle eines anderen stünde oder _sein_ Amt bekleidete, und
als ob er es nur in _seiner_ eigenen Stellung nicht könnte. Das ist der
Grund allen Übels. Wir alle sollten jetzt darüber nachdenken, wie wir in
unsrer eigenen Lage und an der Stelle, wo wir stehen, Gutes wirken
können. Glauben Sie mir, Gott hat nicht vergebens einen jeden gerade an
die Stelle gestellt, an der er steht. Man muß sich nur ordentlich
umsehen. Sie sagen: warum bin ich nicht Mutter einer Familie; dann
könnten Sie Ihren Mutterpflichten nachkommen, von denen Sie sich jetzt
eine so klare und deutliche Vorstellung machen; oder Sie sagen: warum
liegt mein Gut nicht danieder; das würde Sie veranlassen, aufs Land zu
gehen, Gutsbesitzerin zu werden und sich mit der Landwirtschaft zu
beschäftigen; Sie klagen: warum ist mein Mann nicht in einem
gemeinnützigen Beruf tätig, der ihm schwere Pflichten auferlegt, dann
könnten Sie ihm behilflich sein, Sie könnten die treibende Kraft sein,
die ihn erfrischt und aufmuntert; warum gibt es keine anderen Aufgaben
und Pflichten für Sie, als die langweiligen sinnlosen Besuche in der
großen Welt und der hohlen seelenlosen vornehmen Gesellschaft, die Ihnen
jetzt einsamer und öder erscheint als eine menschenleere Wüste! Und
dennoch und trotz alledem ist diese Welt doch bevölkert, es gibt
Menschen in ihr und zwar ganz ebensolche wie überall sonst. Sie dulden
und quälen sich ebenso und leiden dieselbe Not, schreien stumm um Hilfe
und wissen, ach! nicht einmal, wie sie um Hilfe bitten sollen. Welchem
Bettler aber soll man zuerst helfen: dem, der noch auf die Straße
hinausgehen und betteln kann, oder dem, der nicht einmal die Kraft hat,
seine Hand auszustrecken? Sie sagen, Sie wissen nicht und können es sich
nicht einmal denken, womit Sie jemand in der vornehmen Welt von Nutzen
sein könnten; dazu müsse man über so viele verschiedene Mittel verfügen,
dazu müsse man eine so kluge und allseitig unterrichtete Frau sein, daß
Ihnen schon bei dem bloßen Gedanken an dies alles der Kopf ganz wirr
werde. Wie aber, wenn man dazu nur das zu sein brauchte, was Sie bereits
sind? Wie, wenn Sie die Mittel bereits besäßen, deren man gegenwärtig
gerade bedarf? Alles das, was Sie über sich selbst sagen, ist vollkommen
wahr: Sie sind wirklich noch zu jung, Sie besitzen weder
Menschenkenntnis noch Lebenserfahrung, mit einem Wort nichts von
alledem, dessen man bedarf, um anderen Menschen geistigen Beistand
leisten zu können, vielleicht werden Sie sich diese Dinge sogar niemals
aneignen, aber Sie besitzen andere Mittel, durch die Ihnen nichts
unmöglich ist. Erstens sind Sie schön, zweitens sind Sie im Besitz eines
unbefleckten, von keiner Schmähung und Verleumdung berührten Namens, und
drittens verfügen Sie über eine Kraft, über eine Macht, die Sie selbst
nicht in sich vermuten, -- über die Macht der Herzensreinheit. Die
Schönheit der Frau ist noch immer etwas Geheimnisvolles. Gott hat nicht
vergebens gewollt, daß gewisse Frauen schön sein sollen; es ist nicht
umsonst so eingerichtet, daß die Schönheit auf alle Menschen den
gleichen mächtigen Eindruck macht, sogar auf die, die gegen alles
gleichgültig und gefühllos und die zu nichts fähig sind. Wenn schon die
sinnlose Laune einer schönen Frau die Ursache welthistorischer
Revolutionen werden und die gescheitesten Menschen zu allerhand
Torheiten veranlassen konnte, wie stände es wohl dann, wenn diese Launen
vernünftig und auf das Gute gerichtet wären? Wieviel Gutes könnte wohl
dann eine schöne Frau im Vergleich mit anderen Frauen stiften! Dies ist
somit eine mächtige Waffe. Sie aber besitzen noch eine höhere Schönheit
-- den reinen Zauber einer besonderen, nur Ihnen allein eigenen
Unschuld, die ich nicht mit Worten beschreiben kann, aus der jedoch
jedem Menschen Ihr sanftes Taubengemüt entgegenleuchtet. Wissen Sie, daß
die verdorbensten unter unseren jungen Leuten mir gestanden haben, daß
ihnen in Ihrer Gegenwart nie ein häßlicher Gedanke eingefallen sei, daß
sie, wenn Sie zugegen sind, nie den Mut hätten, -- ein Wort zu sagen, --
nicht nur kein zweideutiges Wort, mit dem sie wohl andere Auserwählte
erfreuen, nein überhaupt kein Wort, da sie das Gefühl hätten, daß in
Ihrer Anwesenheit alles grob und plump erscheinen und unanständig und
burschikos klingen würde? Dies ist schon eine Wirkung, die ohne Ihr
Wissen von Ihrer bloßen Anwesenheit ausgeht! Wer sich in Ihrer Gegenwart
nicht einmal einen häßlichen Gedanken erlaubt, der schämt sich bereits
dieser Gedanken, und eine solche Selbsterkenntnis ist, auch wenn sie nur
einer momentanen Regung entspringt, bereits der erste Schritt des
Menschen zur Besserung. So ist denn auch dies eine mächtige Waffe. Zu
alledem aber haben Sie noch ein von Gott selbst in Ihre Seele gelegtes
Streben oder wie Sie es nennen: _einen Durst_ nach dem Guten. Glauben
Sie wirklich, daß Ihnen dieser Durst vergebens verliehen ward, dieser
Durst, der Ihnen keinen Augenblick Ruhe läßt? Kaum haben Sie einen
edlen, klugen Mann geheiratet, der alle Eigenschaften besitzt, um eine
Frau glücklich zu machen, da werden Sie, statt tief in Ihrem häuslichen
Glück aufzugehen, in ihm unterzutauchen, schon wieder von dem Gedanken
gequält, daß Sie dieses Glückes nicht würdig sind, daß Sie nicht das
Recht haben, sich ihm hinzugeben, es zu genießen, während Sie ringsum
von soviel Leiden umgeben sind und während jeden Augenblick die
Nachricht von allerhand Nöten und Unglücksfällen zu Ihnen dringt: von
Hungersnot, Feuersbrünsten, schwerem seelischem Leid und furchtbaren
geistigen Krankheiten, die unser heute lebendes Geschlecht ergriffen
haben. Glauben Sie mir, das geschieht nicht ohne Grund. Wer inmitten all
der lauten Zerstreuungen und Vergnügungen in seiner Seele eine solche
himmlische Unruhe und Sorge um die Menschen, ein solches engelhaftes
Mitgefühl und Mitleid mit ihnen verschließt, der kann viel, sehr viel
für sie tun; der hat stets ein Betätigungsfeld, denn es gibt überall
Menschen. Fliehen Sie daher die Welt nicht, in die Sie durch Ihre
Bestimmung hineingestellt worden sind; hadern Sie nicht mit der
Vorsehung. In Ihnen lebt etwas von jener unbekannten Kraft, deren die
Welt jetzt bedarf; schon aus Ihrer Stimme tönen einem jeden, infolge des
ständigen Dranges Ihrer Seele, den Menschen zu Hilfe zu eilen, Töne
entgegen, die einen verwandt berühren; wenn Sie zu sprechen beginnen,
und Ihr reiner Blick und dieses Lächeln, das niemals von Ihren Lippen
schwindet und nur Ihnen allein eigen ist, Ihre Rede begleitet, so will
es jedem so scheinen, wie wenn eine liebe Schwester aus dem Himmel zu
ihm spräche. Ihre Stimme hat etwas Mächtiges, Unüberwindliches
angenommen, Sie können befehlen und ein solcher Despot sein, wie keiner
von uns. So gebieten Sie denn, wortlos und stumm, durch Ihre bloße
Gegenwart; gebieten Sie gerade durch Ihre Schwäche und Kraftlosigkeit,
über die Sie so empört sind; gebieten Sie gerade durch jene weibliche
Schönheit, die die Frau unserer Zeit leider bereits verloren hat. Mit
Ihrer ängstlichen Unerfahrenheit werden Sie heute unendlich mehr
ausrichten, als eine kluge Frau, die in ihrem stolzen Selbstvertrauen
bereits alles kennen gelernt und ausgekostet hat. Ihre gescheitesten
Gedanken, mit denen sie die heutige Welt auf den rechten Weg
zurückführen wollte, würden in Form von boshaften Epigrammen auf ihr
Haupt zurückschnellen, dagegen wird sich bei keinem von uns ein Epigramm
auf die Lippen zu drängen wagen, wenn Sie jemand von uns stumm und mit
flehendem Blick auffordern würden, sich zu bessern. Warum haben Sie sich
durch die Erzählungen über die Laster und die Verdorbenheit der
vornehmen Welt so erschrecken lassen. Diese Laster sind tatsächlich
vorhanden, ja noch in weit höherem Maße, als Sie es glauben; aber Sie
sollten gar nichts davon wissen. Brauchen Sie sich denn vor den
traurigen Lockungen und Sünden der Welt zu fürchten? Stürzen Sie sich
nur ruhig mit demselben strahlenden Lächeln in sie hinein; treten Sie
ein, wie in ein Krankenhaus, das mit Kranken und Leidenden angefüllt
ist, aber nicht als Arzt, der strenge Vorschriften macht und bittre
Arzneien verordnet! Sie sollen sich gar nicht darum kümmern, von welchen
Krankheiten jeder einzelne befallen ist. Sie haben nicht die Fähigkeit,
Krankheiten zu diagnostizieren und zu heilen, und daher werde ich Ihnen
nicht dazu raten, wozu ich jeder andern Frau raten müßte, die dazu fähig
ist. Ihre Aufgabe besteht lediglich darin, den Leidenden durch Ihr
Lächeln und durch Ihre Stimme zu erfreuen, aus der die Seele einer
Schwester zu uns Menschen zu sprechen scheint, einer Schwester, die vom
Himmel zu uns herabgestiegen ist -- nichts mehr. Verweilen Sie nicht zu
lange bei jedem Einzelnen und eilen Sie schnell zu dem Nächsten weiter,
denn man bedarf Ihrer überall. Ach! An allen Enden der Welt harrt und
wartet man ungeduldig auf dieses Eine, auf diese lieben verwandten
Laute, diese einzige Stimme, die Sie schon besitzen. Sprechen Sie nie
mit Weltleuten über Dinge, über die sich diese Leute zu unterhalten
pflegen; zwingen Sie sie, darüber zu sprechen, worüber Sie sprechen.
Gott bewahre Sie vor jeglicher Pedanterie und vor allen jenen Reden, die
den Lippen einer üppigen Weltdame entströmen. Führen Sie jenen
schlichten treuherzigen Plauderton in die Gesellschaft ein, jenen Ton,
in dem Sie so beredt zu erzählen wissen, wenn Sie sich im Kreise von
nahestehenden Menschen und Hausgenossen befinden, wenn jedes schlichte
Wort, das Sie sagen, gleichsam aufstrahlt und Licht um sich her
verbreitet und es der Seele eines jeden, der Ihnen zuhört, so erscheint,
als rede er mit den Engeln süße Worte über einen himmlischen
Kindheitsstand der Menschheit. Solche Gespräche und Reden sollten Sie in
die Gesellschaft einführen.
1846.
III
Die Bestimmung der Krankheiten
Aus einem Brief an den Grafen A. P. T.
Meine Kräfte lassen von Augenblick zu Augenblick nach, aber nicht mein
Geist. Noch nie fühlte ich mich durch die körperlichen Gebrechen so
entkräftet. Oft leide ich so sehr, so furchtbar, fühle ich eine so
schreckliche Müdigkeit im ganzen Körper, daß ich mich Gott weiß wie sehr
freue, wenn der Tag endlich zu Ende geht und wenn man endlich zu Bett
gehen kann. Oft rufe ich von geistiger Ohnmacht übermannt aus: Mein
Gott, wo ist denn endlich das Ufer, wann kommt das Ende von alledem!
Wenn man dann aber Einkehr in sich selbst hält und tiefer in sein
Inneres hineinschaut, dann entströmen der Seele nur noch Tränen und
Worte des Dankes. O wie sehr bedürfen wir der Leiden! Von dem vielen
Guten und Nützlichen, das ich aus ihnen gezogen habe, will ich nur auf
eines hinweisen! Ich mag heute sein, wie ich will, ich bin doch besser
geworden, als ich früher war; wenn diese Krankheiten und Leiden nicht
gewesen wären, so hätte ich gewiß geglaubt, daß ich schon ganz so sei,
wie ich sein sollte. Dabei will ich gar nicht einmal davon reden, daß
die Gesundheit, die uns Russen immer dazu reizt, über den Strang zu
schlagen, und den Wunsch in uns rege hält, unsere Vorzüge vor anderen
Leuten zur Schau zu stellen, mich dazu veranlaßt hätte, tausend
Torheiten zu begehen. Dazu besuchen mich jetzt in Augenblicken geistiger
Frische, die mir die Güte des Himmels schenkt, und während der
schlimmsten Qualen zuweilen unendlich viel schönere und bessere
Gedanken, als ich sie früher je gehabt habe, und ich sehe es selbst, daß
jedes Werk meiner Feder heute weit wertvoller und bedeutsamer sein wird,
als alles Frühere. Hätten mich diese schweren und qualvollen Leiden
nicht heimgesucht, wie hochmütig wäre ich da wohl geworden, für einen
wie bedeutenden Menschen hätte ich mich gehalten! Wenn ich jedoch jeden
Augenblick fühle, daß mein Leben an einem Haar hängt, daß meine
Krankheit plötzlich meinem Werk, auf dem meine ganze Bedeutung beruht,
ein Ende bereiten könne, daß der ganze Nutzen, den meine Seele so innig
zu bringen wünscht, nur ein ohnmächtiger Wunsch bleiben und nie
Erfüllung werden wird, daß ich nie mit den Talenten, die mir Gott
verliehen hat, wuchern, und daß ich verdammt werden würde, wie der
schlimmste Verbrecher -- wenn ich dies alles fühle und erkenne, so füge
ich mich stets in Demut und finde keine Worte, wie ich der göttlichen
Vorsehung für meine Krankheit danken soll. Daher sollten auch Sie jedes
Leiden mit Ergebung hinnehmen, in dem Glauben, daß es notwendig ist.
Bitten Sie Gott nur um eins: daß Ihnen die wunderbare Bestimmung dieses
Leidens und die ganze Tiefe seiner großen Bedeutung aufgehe.
1846.
IV
Etwas über die Bedeutung des Wortes
Als Puschkin einmal folgende Verse aus der Ode Derschawins an
Chrapowizky las:
»Mag der Satiriker die Worte schmähn,
Wenn er nur meinen Taten Achtung zollt«,
sagte er: »Derschawin hat nicht ganz recht, die Worte des Dichters sind
bereits seine Taten.« Puschkin hat recht. Der Poet soll im Reiche des
Worts ebenso einwandfrei und makellos dastehen, wie jeder andere Mensch
in seinem Kreise. Wenn sich ein Schriftsteller entschuldigen und
bestimmte Umstände für die Unaufrichtigkeit, Unüberlegtheit oder
Übereiltheit seiner Worte verantwortlich machen wollte, dann kann auch
jeder ungerechte Richter eine Entschuldigung dafür finden, daß er sich
bestechen läßt und mit Recht und Gerechtigkeit Handel getrieben hat,
indem er die Schuld auf seine beschränkten Verhältnisse, auf seine Frau,
oder auf Krankheiten in seiner Familie abwälzt. Finden sich doch immer
genug Gründe, die man anführen kann! Ein Mensch gerät plötzlich in
schwierige Verhältnisse. Es geht die Nachkommen doch nichts an, wer
schuld daran war, daß der Schriftsteller eine Dummheit, etwas Törichtes
und Albernes gesagt hat und daß er seinen Gedanken in unüberlegter und
unreifer Weise Ausdruck gegeben hat. Sie werden nicht danach fragen, wer
seine Hand geführt hat: ein kurzsichtiger Freund, der ihn zu verfrühtem
Handeln aufforderte, oder ein Journalist, der nur um den Erfolg seiner
Zeitschrift besorgt war. Die Nachwelt wird weder auf Koterien noch auf
Journalisten, ja nicht einmal auf seine Armut und seine schwierige Lage
Rücksicht nehmen. Ihr Tadel wird sich gegen ihn und nicht gegen sie
richten. Warum konntest du dem allem nicht widerstehen? Du hattest doch
ein Gefühl für die Ehre deines Standes, du selbst hast ihn doch allen
andern, ja den aussichtsreichsten und vorteilhaftesten Ämtern und
Berufen vorgezogen und hast dies nicht etwa aus einer Laune, sondern nur
darum getan, weil du dich von Gott dazu berufen fühltest. Zu alledem
ward dir noch ein Verstand geschenkt, der weiter und tiefer blickte,
einen größeren Umkreis von Dingen umspannte, als die, die dich
anspornten und vorwärts stießen! Warum also bliebst du ein Kind und
wardst nicht ein Mann, wo dir doch alles zuteil geworden war, was dazu
gehört, ein Mann zu sein? Kurz, ein gewöhnlicher Schriftsteller könnte
sich vielleicht noch mit den Umständen entschuldigen, nicht aber ein
Derschawin. Er hat sich selbst viel dadurch geschadet, daß er nicht
wenigstens die größere Hälfte seiner Oden verbrannt hat. Diese Hälfte
seiner Oden ist höchst merkwürdig und wunderbar: noch nie hat ein Mensch
so über sich selbst und über das Heiligtum seiner Überzeugungen und
Gefühle gespottet, wie dies Derschawin in dieser unseligen Hälfte seiner
Oden getan hat. Wie wenn er sich bemüht hätte, eine Karikatur seiner
eigenen Person zu zeichnen: alles, was bei ihm an vielen andern Stellen
schön und frei klingt, so durchwärmt ist von der inneren Kraft eines
geistigen Feuers, erscheint hier kalt, seelenlos und gezwungen; und was
das schlimmste ist, -- all jene Wendungen, jene Ausdrücke, ja ganze
Sätze (jene königliche Adlergeste seiner begeisterten beseelten Oden)
finden sich hier wieder, aber sie wirken hier bloß komisch und erzeugen
einen Eindruck, wie wenn ein Zwerg den Panzer eines Riesen angelegt und
ihn überdies noch verkehrt angezogen hätte. Wieviel Menschen urteilen
heute über Derschawin lediglich nach seinen banalen Oden! Wie viele
zweifeln an der Aufrichtigkeit seiner Gefühle, bloß weil sie den
Eindruck haben, daß diese Gefühle an vielen Stellen schwächlich und
seelenlos ausgedrückt sind! Was für zweideutige Gerüchte sind über
seinen Charakter, die Vornehmheit seines Wesens und über die
Unbestechlichkeit der richterlichen Gewalt entstanden, für die er
eintrat! Und dies bloß darum, weil er das nicht verbrannt hat, was er
dem Feuer hätte übergeben sollen. Unser Freund P*** hat folgende
Gewohnheit: sobald er ein paar Zeilen von einem bekannten Schriftsteller
entdeckt, veröffentlicht er sie sofort in einer Zeitschrift, ohne es
sich gründlich zu überlegen, ob sie dem Autor zur Ehre oder zur Unehre
gereichen. Und er besiegelt sein ganzes Werk mit der bekannten Ausrede
der Journalisten: »Wir hoffen, die Leser und die Nachwelt werden uns
dankbar sein für die Mitteilung dieser wertvollen Zeilen; alles, was von
einem großen Mann herrührt, hat Anspruch auf unser Interesse« und
dergleichen mehr. Das alles sind Torheiten. Irgendein unbedeutender
Leser wird es ihm vielleicht danken, aber die Nachwelt wird diese
kostbaren Zeilen gar nicht beachten, wenn sie nur eine seelenlose
Wiederholung dessen sind, was bereits bekannt ist, und wenn sie uns
nicht einen Hauch von der Heiligkeit dessen fühlen lassen, was wirklich
heilig sein soll. Je erhabener eine Wahrheit ist, um so vorsichtiger muß
man mit ihr umgehen; sonst verwandelt sie sich in einen Gemeinplatz und
Phrasen schenkt man keinen Glauben. Die Atheisten haben bei weitem nicht
soviel Unheil angerichtet, wie die Heuchler oder _die_ Propheten Gottes,
die noch nicht genügend für ihr Amt vorbereitet waren und sich
erdreisteten, Seinen Namen mit ungeweihten Lippen zu verkünden. Man muß
redlich mit dem Worte umgehen: es ist die höchste Gabe, die Gott den
Menschen verliehen hat. Wehe dem Schriftsteller, der in einem Augenblick
ein Wort spricht, wo er unter dem Einfluß leidenschaftlicher
Verirrungen, des Ärgers, des Zornes oder einer persönlichen Abneigung
steht, kurz, zu einer Zeit, wo seine Seele noch nicht zu voller Harmonie
gelangt ist: dann werden ihm Worte entfliehen, die allen Widerwillen und
Ekel einflößen, und in solchen Fällen kann man selbst beim reinsten
Streben nach dem Guten Unheil anrichten. Unser obenerwähnter Freund P***
kann als Beweis dafür dienen: er war sein ganzes Leben lang eifrig darum
bemüht, _seinen Lesern sofort alles mitzuteilen_, sie von allem in
Kenntnis zu setzen, was er soeben gelernt hatte, ohne zu überlegen, ob
ein Gedanke in seinem eigenen Kopfe auch genügend ausgereift war, um
auch allen andern vertraut und verständlich zu sein, mit einem Wort --
er stellte sich vor den Lesern in seiner ganzen Unklarheit und
Verworrenheit zur Schau. Und wie? Haben die Leser etwa das edle und
schöne Streben bemerkt, das bei ihm so oft durchleuchtete? Haben sie von
ihm angenommen, was er ihnen mitteilen wollte? Nein, sie haben nichts an
ihm entdeckt als seine innere Zuchtlosigkeit und Unreinlichkeit, die der
Mensch zuallererst bemerkt, und haben nichts von ihm angenommen. Dreißig
Jahre lang hat dieser Mensch gearbeitet und gestrebt wie eine Ameise,
sein ganzes Leben hindurch war er bemüht, alles eiligst an den Mann zu
bringen, was sich ihm an Gegenständen darbot, die zur Bildung und
Aufklärung Rußlands beitragen konnten, und kein Mensch hat ihm dafür
gedankt; ich bin noch nie einem dankbaren Jüngling begegnet, der erklärt
hätte, er schulde ihm Anerkennung für ein neues Licht, das er ihm
aufgesteckt, oder für das edle Streben nach dem Guten, das sein Wort ihm
eingepflanzt habe. Im Gegenteil, ich mußte ihn oft verteidigen und für
die Reinheit seiner Absichten und für die Aufrichtigkeit seiner Worte
gegenüber solchen Leuten eintreten, die ihn doch wohl hätten verstehen
können. Ja, es wurde mir sogar schwer, jemand zu überzeugen, weil er es
verstanden hat, sich so vor allen zu vermummen, daß es völlig unmöglich
ist, ihn den Leuten in seiner wahren Gestalt vorzuführen. [Wenn er vom
Patriotismus spricht, dann spricht er so über ihn, daß es den Anschein
hat, als ob sein Patriotismus ein bezahlter Patriotismus sei; spricht er
von der Liebe zum Zaren, einem Gefühl, das er warm und aufrichtig und
wie ein Heiligtum in seiner Seele hegt, so äußert er sich so, daß man
nichts wie Kriecherei und habsüchtige Liebedienerei herauszuhören meint.
Seiner aufrichtigen ungekünstelten Empörung über jede Bestrebung, die
Rußland schaden kann, leiht er einen Ausdruck, wie wenn er bestimmte
Leute, die er allein kennt, denunzieren wollte. Mit einem Wort, auf
Schritt und Tritt verleumdet er sich selbst.] Es ist eine große Gefahr
für einen Schriftsteller, mit dem Wort Spott zu treiben: »Ein faules
Wort gehe nie aus eurem Munde.« Wenn sich dies ohne Ausnahme auf jeden
von uns bezieht, um wieviel mehr muß es für die gelten, deren Reich --
das Wort ist und deren Bestimmung es ist, von allem Schönen und Hohen zu
reden. Wehe, wenn mit faulen Worten von heiligen und erhabenen Dingen
geredet wird; dann ist es schon besser, man redet mit faulen Worten von
faulen Dingen. Alle großen Erzieher der Menschheit haben _denen_, die
die Gabe des Wortes besaßen, in erster Linie ein langes Schweigen
auferlegt und zwar gerade dann und in solchen Augenblicken, wo sich in
ihnen der Wunsch am stärksten regte, mit Worten zu prunken, und wenn
ihre Seele den Drang fühlte, den Menschen viel Gutes und Nützliches zu
sagen; sie fühlten, wie leicht man schänden kann, was man erhöhen will,
und wie unsere Zunge auf Schritt und Tritt zur Verräterin wird. »Leg'
Tür und Riegel deinem Munde auf«, sagt Jesus Sirach: »Du verzäunest
deine Güter mit Dornen; warum machst du nicht vielmehr deinem Munde Tür
und Riegel? Du wägest dein Gold und Silber ein; warum wägest du nicht
auch deine Worte auf der Goldwage?«
1844.
V
Über den öffentlichen Vortrag russischer Dichtungen
An L**
Ich freue mich, daß man bei uns endlich mit dem öffentlichen Vortrag der
Dichtungen unserer russischen Schriftsteller begonnen hat. Man hat nur
schon aus Moskau einiges hierüber geschrieben, dort soll man
verschiedene Werke der modernen Literatur, darunter auch einige Stücke
aus meinen Erzählungen, vorgetragen haben. Ich war immer der Ansicht,
daß solche öffentlichen Vorlesungen eine Notwendigkeit für uns sind. Wie
es scheint, neigen wir mehr zu gemeinsamem Tun, selbst beim Lesen; wenn
wir allein sind, sind wir alle träge, und solange wir sehen, daß sich
die andern nicht regen, regen auch wir uns nicht. Ich glaube, wir werden
tüchtige Rezitatoren hervorbringen: bei uns gibt es nur wenig Schwätzer,
die über die Macht der Rede verfügen und die sich in den Gerichtssälen
und Parlamenten hervortun könnten, aber wir besitzen viele Leute, die
die Fähigkeit haben, mit jedem andern zu _fühlen_. Eine Empfindung
mitzuteilen, sie mit andern zu teilen, das wird bei manchen geradezu
eine Leidenschaft, die um so stärker wird, je mehr sie merken, daß sie
sich nicht in Worten auszudrücken vermögen (ein Zeichen ist eine
ästhetische Natur). Auch unsere Sprache begünstigt die Ausbildung von
Rezitatoren; sie ist wie geschaffen für den kunstvollen Vortrag, da sie
über alle Klangnuancen verfügt und die kühnsten Übergänge vom Erhabenen
zum Einfachen in ein und derselben Rede ermöglicht. Ich glaube sogar,
daß die öffentlichen Vorlesungen bei uns mit der Zeit das Schauspiel
ersetzen werden. Ich wünschte freilich, daß für diese Vorlesungen, wie
sie heute veranstaltet werden, Werke ausgewählt würden, die es wirklich
verdienen, öffentlich vorgetragen zu werden, so daß es auch den
Rezitator nicht zu gereuen brauchte, Mühe und Arbeit auf die
Vorbereitung zu verwenden. In unserer modernen Literatur aber gibt es
nichts Derartiges, und es ist ja auch gar nicht nötig, daß durchaus
etwas Modernes vorgetragen wird; das Publikum liest es ja doch ohnedies
wegen seiner großen Vorliebe für alles Neue. Alle diese neuen
Erzählungen (darunter auch meine eigenen) sind gar nicht bedeutend
genug, als daß man sie öffentlich vortragen sollte. Wir sollten uns an
unsere Poeten halten, an jene hohen Dichtwerke, die in ihrem Kopfe in
langem Nachdenken und langer Arbeit ausreiften und an denen auch der
Rezitator lange arbeiten sollte. Unsere Dichter sind heute im Publikum
so gut wie unbekannt. Man hat in den Zeitschriften viel über sie
geredet, sie ausführlich und unter Aufwand vieler Worte analysiert, aber
diese Analysen waren eigentlich mehr eine Selbstcharakteristik der
Verfasser als eine solche der Dichter. Die Zeitschriften haben damit nur
das erreicht, daß sie die Begriffe, die unser Publikum von seinen
Dichtern hatte, noch mehr verwirrt und durcheinandergebracht haben, so
daß die Persönlichkeit jedes Dichters für unser Publikum zweideutig und
widerspruchsvoll geworden ist und daß sich niemand mehr ein klares Bild
davon macht, was eigentlich das wahre Wesen eines jeden Dichters ist.
Nur ein kunstvoller Vortrag kann einen klaren Begriff von einem Dichter
vermitteln. Aber natürlich sollte der Vortrag nur von einem Redner
übernommen werden, der jede kleinste, verschwindende Nuance des Werks,
das er vorliest, wiederzugeben vermag. Dazu braucht man kein feuriger
Jüngling zu sein, der in der Siedehitze der Begeisterung und in einem
Zug an einem und demselben Abend eine Tragödie, eine Komödie, eine Ode
und wer weiß was sonst noch herunterzulesen imstande ist. Ein lyrisches
Gedicht wie es sich gehört vorzutragen -- das ist durchaus keine
Kleinigkeit: dazu muß man es erst lange durcharbeiten. Man muß das hohe
Gefühl, das die Seele des Dichters erfüllte, aufrichtig mit ihm teilen;
man muß jedes seiner Worte mit Herz und Seele nachempfinden und erst
dann zum öffentlichen Vortrag schreiten. Solch ein Vortrag wird
keineswegs laut und lärmend und nicht aus der Fieberglut geboren sein.
Im Gegenteil, er kann sehr ruhig sein, aber die Stimme des Vortragenden
wird eine unbegreifliche, nie geahnte Kraft ausströmen, die ein Zeugnis
für seine echte innere Rührung ist. Diese Kraft wird sich allen
mitteilen und Wunder wirken: auch die, die nie von den Lauten der Poesie
ergriffen wurden, werden erschüttert werden. Der Vortrag unserer
Dichtwerke kann der Öffentlichkeit sehr zum Nutzen gereichen. In unseren
Dichtern gibt es viel Schönes, das nicht bloß gänzlich vergessen,
sondern auch verunehrt, schlecht gemacht und dem Publikum in einem
gemeinen niedrigen Sinne ausgelegt worden ist, an den unsere
hochherzigen Dichter nicht im entferntesten gedacht haben. Ich weiß
nicht, von wem der Gedanke stammt, den Ertrag der öffentlichen
Vorlesungen den Armen zuzuwenden: dieser Gedanke ist jedenfalls sehr
schön. Er kommt besonders heute gerade zur rechten Zeit, wo es in
Rußland so viele Menschen gibt, die unter Hungersnot, Feuersbrünsten,
Krankheiten und allerhand Mißgeschick zu leiden haben. Wie würden sich
die Geister der Dichter, die nicht mehr unter uns weilen, freuen, wenn
ein solcher Gebrauch von ihren Werken gemacht würde!
1843.
VI
Wie man den Armen helfen soll
Aus einem Briefe an A. O. Sm--rn--wa.
Ich komme nun zu Ihren Ausfällen gegen die Torheit der (Petersburger)
Jugend, die auf die Idee verfallen ist, ausländischen Sängern und
Schauspielerinnen goldene Kränze und Becher zu verehren, während in
Rußland ganze Provinzen von der Hungersnot heimgesucht werden. Das ist
weder Dummheit noch eine Verhärtung des Herzens, das ist nicht einmal
Leichtsinn -- es ist eine Folge der menschlichen Gleichgültigkeit, die
ein gemeinsamer Charakterzug von uns allen ist. Die Leiden und
Schrecknisse, die eine Hungersnot mit sich bringt, spielen sich ja in
einer großen Entfernung von uns ab, das geschieht tief im Innern der
Provinz, und nicht vor unseren Augen -- da liegt des Rätsels Lösung, und
das erklärt alles! Ein Mensch, der bereit ist, hundert Rubel für einen
Parkettplatz im Theater zu bezahlen, um sich am Gesang eines Rubini zu
erfreuen, würde sicherlich sein ganzes Hab und Gut verkaufen, wenn er
zufällig Augenzeuge eines einzigen von jenen furchtbaren Bildern der
Hungersnot sein müßte, vor denen alle Greuel und Schrecken, wie sie in
Melodramen dargestellt werden, verblassen. Mit der Veranstaltung von
Sammlungen hat es bei uns keine Schwierigkeit, wir sind alle bereit, zu
geben. Aber gerade für die Armen ist man heute bei uns nicht allzugern
bereit, etwas zu geben, teils, weil nicht jeder davon überzeugt ist, daß
seine Gabe auch an ihr Ziel und in die Hände dessen gelangen wird, der
sie erhalten soll. Meist gleicht die Hilfe einer Flüssigkeit, die man in
der hohlen Hand trägt, und die unterwegs zerrinnt, ehe sie an ihren
Bestimmungsort gelangt -- und der Notleidende bekommt nichts zu sehen,
als die trockene Hand, in der nichts enthalten ist. Das ist's, was
zuerst überlegt sein will, ehe man mit der Sammlung von Gaben beginnt.
Hierüber wollen wir später miteinander reden, weil das durchaus keine
unwichtige Sache ist, die es wohl wert ist, daß man sie in verständiger
Weise bespricht. Nun aber wollen wir einmal gemeinsam überlegen, wo
zuerst und vor allem geholfen werden muß. Man sollte in erster Linie
solchen Leuten helfen, die von einem plötzlichen unerwarteten
Unglücksfall betroffen wurden, durch den sie mit einem Schlage und in
einem Augenblick um alles gekommen sind: es kann sich dabei um eine
Feuersbrunst handeln, bei der das ganze Hab und Gut bis auf den Grund
abgebrannt ist, oder um eine Seuche, der das ganze Vieh zum Opfer
gefallen ist, oder um einen Todesfall, der einen Unglücklichen seiner
einzigen Stütze beraubt hat -- mit einem Wort um jeden plötzlichen
Verlust, in dessen Gefolge die Armut mit einem Male über einen Menschen
hereinbricht, der gar nicht an sie gewöhnt ist. Da ist Ihre Hilfe am
Platze. Dabei aber ist es nötig, daß diese Hilfe auch in wahrhaft
christlicher Weise dargebracht werde: wenn sie bloß in einer
Geldunterstützung besteht, dann hat sie gar keinen Wert und kann nichts
Gutes wirken. Wenn Sie nicht zuvor selbst gründlich über die ganze Lage
des Menschen nachgedacht haben, dem Sie helfen wollen, und keinen Rat
und keine Unterweisung für ihn mitbringen, wie er von nun an sein Leben
einrichten soll, so wird ihm nicht viel Vorteil aus Ihrer Hilfe
erwachsen. Der Wert der Unterstützung, die einem Menschen erwiesen wird,
kommt selten dem Wert des verlorenen Gutes gleich; im allgemeinen
beträgt sie selten soviel wie die Hälfte dessen, was der Mensch verloren
hat, oft dagegen nur ein Viertel und zuweilen sogar noch weniger. Der
Russe ist überall zum äußersten fähig: wenn er erkennt, daß er mit dem
wenigen Gelde, das er erhalten hat, nicht mehr das gleiche Leben führen
kann, wie früher, ist er imstande, in seiner Verzweiflung alles auf
einmal durchzubringen, was ihm gegeben wird, um ihm für längere Zeit
einen Lebensunterhalt zu gewähren. Daher müssen Sie ihn belehren, wie er
sich mit dem, was ihm durch Ihre Unterstützung zuteil wurde, aus seiner
Lage heraushelfen kann; klären Sie ihn über die wahre Bedeutung des
Unglücks auf, damit er einsieht, daß es ihm gesandt ward, auf daß er
sein früheres Leben aufgebe und ein anderer werde, wie früher, gleichsam
ein neuer Mensch in physischer wie in moralischer Beziehung. Sie werden
ihm dies schon in kluger Weise darzulegen wissen, wenn Sie nur seinen
Charakter und seine Lebensverhältnisse näher kennen lernen werden. Und
er wird Sie verstehen: das Unglück macht den Menschen weicher; sein
Wesen wird feiner, zartfühlender, er bekommt mehr Verständnis für Dinge,
die die Begriffe eines Menschen übersteigen, der in alltäglichen
gewöhnlichen Verhältnissen lebt; er verwandelt sich dann gleichsam in
ein Stück warmen Wachses, das man kneten kann, wie man will. Am besten
wäre es jedoch, wenn die Hilfe in allen Fällen durch die Vermittlung
eines erfahrenen und klugen Priesters dargebracht würde. Nur ein
Priester ist imstande, den Menschen über den tiefen heiligen Sinn eines
Unglücks aufzuklären, das, in welcher Gestalt und Form es auch immer auf
dieser Erdenwelt über einen Menschen hereinbricht, ob er nun in einer
ärmlichen Hütte oder in prunkvollen Gemächern wohnt, stets eine Stimme
aus dem Himmel ist, die den Menschen auffordert, sein früheres Leben
aufzugeben und von Grund aus zu ändern.
1844.
VII
Über Schukowskis Übersetzung der Odyssee
An W. M. Jasykow.
Das Erscheinen der Odyssee wird eine Epoche heraufführen. Die Odyssee
ist sicherlich die vollkommenste Dichtung aller Zeiten. Sie ist ein Werk
von gewaltigem Umfang. Die Ilias ist ihr gegenüber nur eine Episode. Die
Odyssee umfaßt die gesamte antike Welt, das öffentliche und das
häusliche Leben, alle Sphären der Menschen jener Zeit mit ihren
Beschäftigungen, ihrem Wissen und Glauben ... kurz, es ist beinahe
schwer zu sagen, was die Odyssee nicht enthält oder was von ihr
übergangen wäre. Während mehrerer Jahrhunderte ist sie den Dichtern der
Antike und hierauf allen Dichtern überhaupt eine nie versiegende Quelle
gewesen. Ihr entnahmen sie den Stoff für eine unzählige Menge von
Tragödien und Komödien; und dies alles machte die Runde durch die Welt
und wurde zum Gemeingut aller, während die Odyssee selbst vergessen
wurde. Das Schicksal der Odyssee hat etwas Seltsames an sich: sie wurde
in Europa nicht in ihrem wahren Werte erkannt. Daran ist teils der
Umstand schuld, daß es an einer Übersetzung fehlte, die eine
künstlerische Nachbildung des herrlichsten Werkes der Antike darstellte,
teils der Mangel einer Sprache, die reich und vollkommen genug war, um
all die unendlichen kaum faßbaren Schönheiten der hellenischen Zunge im
allgemeinen und Homers im besonderen widerzuspiegeln; und endlich fehlte
es auch an einem Volk, das mit einem so reinen jungfräulich unberührten
Geschmack begabt gewesen wäre, wie er erforderlich ist, um einen Homer
innerlich zu verstehen und nachzuempfinden.
Gegenwärtig wird diese größte Dichtung in die reichste und vollkommenste
aller europäischen Sprachen übersetzt.
Schukowskis gesamte literarische Tätigkeit war gleichsam nur die
Vorbereitung zu diesem Werk. Er mußte seine Verskunst an Übersetzungen
von Dichtwerken aller Nationen und Sprachen schulen und ausbilden, um
fähig zu werden, Homers unvergängliche Verse nachzubilden -- sein Ohr
mußte der Leier aller Völker lauschen, um so feinhörig zu werden, daß
ihm der Eigenton der hellenischen Laute nicht entgehen konnte; er mußte
auch von dem glühenden Wunsche durchdrungen werden, alle seine
Landsleute zu ästhetischem Nutz und Frommen ihrer Seele, zu solcher
Liebe zu Homer zu zwingen, es mußte sich im Innern des Übersetzers
selbst vieles ereignen, was seine Seele zu höherer Harmonie stimmte und
ihr jene hohe Ruhe mitteilte, die dazu erforderlich ist, um ein Werk
nachzudichten, das einer solchen ebenmäßigen Harmonie und Ruhe
entsprungen ist, er mußte endlich auch noch in tieferem Sinn zum
Christen werden, um sich jene weitblickende vertiefte Lebensanschauung
anzueignen, wie sie nur ein Christ haben kann, der bereits begriffen
hat, was der Sinn des Lebens ist. So viele Voraussetzungen mußten
erfüllt werden, damit die Übersetzung der Odyssee nicht zu einer
sklavischen Nachbildung werden, sondern damit uns aus ihr das _lebendige
Wort_ entgegenklingen und ganz Rußland Homer als etwas Verwandtes und
Vertrautes aufnehmen konnte.
Dafür ist auch etwas wahrhaft Wunderbares zustande gekommen. Das ist
keine Übersetzung, sondern eher eine Neuschöpfung, eine Restauration,
eine Auferstehung Homers. Die Übersetzung scheint uns noch tiefer in das
Leben der Alten einzuführen, als selbst das Original. Der Übersetzer ist
gleichsam ganz unmerklich zum Kommentator Homers geworden, er hat sich
gewissermaßen wie ein die Dinge verdeutlichendes Sehrohr vor den Leser
gestellt, das alle unendlichen Schätze Homers noch klarer und bestimmter
hervortreten läßt.
Meiner Überzeugung nach haben sich heute die Verhältnisse wie mit
Absicht so gestaltet, daß das Erscheinen der Odyssee in unserer Zeit
geradezu zur Notwendigkeit werden mußte: in der Literatur wie überall
sonst -- macht sich eine gewisse Kühle, ein Nachlassen des Interesses
bemerkbar. Eine Müdigkeit hat die Menschen ergriffen, man begeistert
sich nicht mehr und man ist nicht mehr enttäuscht. Selbst die
krampfhaften und krankhaften Produkte unseres Zeitalters, mit ihrem
Einschlag aller möglichen unverdauten Ideen, wie sie uns als Folge
politischer und anderer Gärungen angeflogen sind, sind sehr im
Niedergang begriffen, nur die ewig nachhinkenden Leser, die daran
gewöhnt sind, sich an die Schleppe der führenden Journalisten zu hängen,
lesen noch hin und wieder etwas Derartiges, ohne in ihrer Einfalt zu
bemerken, daß die vorangehenden Leithämmel schon längst sinnend und
nachdenklich stehen geblieben sind, da sie selbst nicht wissen, wohin
sie ihre umherirrenden Herden führen sollen. Mit einem Wort, jetzt ist
eine Zeit gekommen, wo das Erscheinen eines edlen, in all seinen Teilen
formvollendeten Werks, das das Leben mit einer wunderbaren Deutlichkeit
und Klarheit widerspiegelt und von dem eine hohe Ruhe und der Hauch
einer geradezu kindlichen Einfalt ausgeht, von unendlicher Bedeutung
sein kann.
Von der Odyssee wird eine große Wirkung _auf uns alle_ und _auf jeden
einzelnen von uns_ ausgehen.
Sehen wir einmal zu, was für eine Wirkung sie auf _uns alle_ ausüben
kann. Die Odyssee ist das Werk, das alle notwendigen Voraussetzungen
dafür enthält, ein Buch zu werden, das allgemein und vom ganzen Volke
gelesen wird. Sie vereint in sich die Spannung, die von einem Märchen
ausgeht, und die schlichte Wahrheit menschlicher Erlebnisse, die auf
jeden Menschen, er mag sein, wer er will, den gleichen Reiz ausüben.
Edelleute und Bürger, Kaufleute, Gebildete wie Ungebildete, einfache
Soldaten, Bediente, Kinder beiderlei Geschlechts, von jener Altersstufe
an, wo die Kinder Freude an Märchen zu bekommen pflegen -- sie alle
werden sie lesen und ihr lauschen, ohne sich zu langweilen -- ein
Umstand von ungeheurer Wichtigkeit, besonders wenn man bedenkt, daß die
Odyssee zugleich ein wahrhaft moralisches Werk ist und daß der alte
Dichter sie nur deshalb gedichtet hat, weil er die Handlungen der
damaligen Menschen und ihre Gesetze in lebendigen Bildern darstellen
wollte.
Im griechischen Polytheismus liegt nichts Verführerisches für unser
Volk. Unser Volk ist klug, es weiß sich selbst solche Dinge, die die
gescheitesten Leute in Verlegenheit bringen, ohne viel Kopfzerbrechen zu
deuten und zu erklären. Es wird aus alledem nur dies eine entnehmen: wie
schwer es für den Menschen ist, allein und ohne Hilfe von Propheten und
höherer Offenbarungen zu einer wahrhaften Erkenntnis Gottes zu gelangen,
welch unsinnige Vorstellungen und Bilder er sich von Seinem wahren Wesen
macht, wenn er die Einheit und die eine Allkraft in eine Vielheit von
Kräften und Formen zerspaltet. Es wird nicht einmal über die alten
Heiden lachen, weil es sie für gänzlich unschuldig halten wird: zu ihnen
sprachen keine Propheten, Christus war noch nicht geboren, Apostel gab
es damals noch nicht. Nein, das Volk wird sich eher den Kopf kratzen
beim Gedanken, daß es mit geringerem Eifer zu Gott betet und seine
Pflicht und Schuldigkeit schlechter erfüllt, als die alten Heiden,
obwohl es den wahren Gott in Seiner wirklichen Gestalt kennt, obwohl es
Sein geschriebenes Gesetz stets in Händen hat und in seinen Beichtvätern
Lehrer und Berater hat, die ihm das Gesetz auslegen. Das Volk wird
verstehen, warum der Höchste auch dem Heiden um seines guten
Lebenswandels und seines inbrünstigen Gebets willen Seinen Beistand
lieh, trotzdem er Ihn aus Unwissenheit in der Gestalt eines Poseidon,
Kronion, Hephaistos, Helios, Kypris und der ganzen Schar von Göttern,
die die lebhafte Phantasie der Griechen ersonnen hat, anbetete und zu
ihnen flehte. Mit einem Wort, das Volk wird den Polytheismus beiseite
lassen und sich nur das aus der Odyssee aneignen, was es sich daraus
aneignen soll, d. h. das, was allen deutlich sichtbar ist, was den Geist
ihres Inhalts bildet und den eigentlichen Zweck ausmacht, um
dessentwillen die Odyssee geschrieben ist; er wird daraus die Lehre
ziehen, daß dem Menschen überall und auf jedem Gebiet viel Unglück
bevorsteht, daß er dagegen ankämpfen muß -- denn nur dazu ward dem
Menschen das Leben gegeben -- daß er niemals verzagen darf, wie Odysseus
nie verzweifelte, der sich in schweren Stunden der Not stets an sein
Herz wandte, ohne zu ahnen, daß er schon durch diese Wendung an sein
eigenes inneres Ich jenes innere an Gott gerichtete Gebet erschuf, das
sich jedem Menschen, auch dem, der nicht einmal einen Begriff von Gott
hat, auf die Lippen drängt. Das ist das _Allgemeine_, der lebendige
Geist ihres Inhalts, durch den die Odyssee einen Eindruck auf alle
machen muß, noch ehe sie entzückt und ergriffen sein werden von ihren
dichterischen Vorzügen: der Wahrheit der Bilder und der Lebendigkeit der
Schilderungen; noch ehe andre bewundernd staunen werden über die antiken
Schätze, die sich hier vor ihnen auftun und die in all diesen
Einzelheiten weder von der Skulptur, noch von der Malerei, noch von den
antiken Denkmälern im allgemeinen festgehalten wurden; noch ehe wieder
andre verwundert dastehen werden über die unglaubliche Kenntnis aller
Windungen und Falten der menschlichen Herzen, die alle offen dalagen vor
dem blinden Sänger, der alles sah; noch ehe wiederum andre staunen
werden über den tiefen staatsmännischen Blick, die große Beherrschung
der schweren Kunst der Menschenleitung und -regierung, die der göttliche
Alte gleichfalls besaß, er, der ein Gesetzgeber seines eigenen und der
kommenden Geschlechter war -- mit einem Wort, noch ehe sich jemand je
nach seinem Beruf, Handwerk, seiner Beschäftigung, seinen Neigungen,
Liebhabereien und seiner persönlichen Eigenart für irgendeine Einzelheit
in der Odyssee begeistern wird. Und dies alles nur daher, weil sich
dieser Geist ihres Inhalts, dieses ihr inneres Wesen einem jeden mit so
greifbarer Deutlichkeit aufdrängt, wie es in keinem andern Werk mit
ähnlicher Kraft zum Ausdruck kommt, alles durchdringend und alles
beherrschend, besonders wenn wir noch darauf achten, wie lebendig, wie
farbig alle Episoden sind, deren jede beinahe die Grundidee zu
überstrahlen, in den Hintergrund zu drängen imstande ist.
Warum aber müssen das alle so deutlich empfinden? Darum, weil es dem
alten Dichter so tief aus der Seele dringt. Man sieht förmlich auf
Schritt und Tritt, wie er das, was er für alle Zeiten im Menschen
befestigen und sichern wollte, mit der ganzen bestrickenden Schönheit
der Poesie zu umkleiden suchte; wie er danach strebte, was an den
Volkssitten gut und lobenswert war, zu erhalten und zu kräftigen, wie er
bemüht war, den Menschen an das Beste und Heiligste zu mahnen, was in
ihm liegt, und was er jeden Augenblick vergessen kann -- in jedem seiner
Helden den Menschen ein Muster und Beispiel für jeden Beruf und Stand zu
hinterlassen und allen zusammen in seinem unermüdlichen Odysseus ein
ewiges Musterbild allgemeinmenschlicher Tätigkeit aufzustellen.
Diese strenge Achtung der Sitten, diese tiefe Ehrfurcht vor der
Obrigkeit und den Regierenden, trotz der begrenzten und noch wenig
entwickelten Regierungsgewalt, diese jungfräuliche Schamhaftigkeit der
Jünglinge, diese Güte und diese Milde der Greise, diese herzliche
Gastfreundschaft, dieser Respekt, man möchte fast sagen, diese Ehrfurcht
vor dem Menschen, als dem Ebenbilde Gottes, dieser Glaube, daß kein
guter Gedanke im Hirne der Menschen entspringt, ohne den souveränen
Willen eines höheren Wesens, daß der Mensch aus eigener Kraft nichts zu
erreichen vermag -- kurz alles, jeder kleinste Zug in der Odyssee kündet
von dem inneren Wunsche dieses Dichters aller Dichter, dem Menschen der
alten Welt ein lebendiges und vollständiges Gesetzbuch zu hinterlassen,
zu einer Zeit, als es noch weder Gesetzgeber noch Stifter von
Rechtsordnungen gab, als noch die Beziehungen unter den Menschen durch
keine geschriebenen Bestimmungen oder bürgerlichen Rechte geregelt
waren, als die Menschen noch sehr vieles nicht wußten, ja nicht einmal
ahnten und als allein der göttliche Greis alles sah, hörte, erkannte und
ahnte -- ein blinder Mann, der der Sehkraft beraubt, die allen Menschen
eigen ist, und nur bewaffnet war mit jenem inneren Auge, das die
Menschen nicht besitzen.
Wie kunstvoll ist doch die Arbeit langjähriger Überlegungen unter der
Schlichtheit eines treuherzigen Berichtes versteckt! Es ist fast, als
hätte er alle Menschen zu einer Familie versammelt und säße nun mitten
unter ihnen, wie der Großvater unter seinen Enkeln, der gelegentlich
selbst dazu bereit ist, mit ihnen zu spielen und Mutwillen zu treiben,
und als trage er nun treuherzig seine Erzählung vor, nur darum besorgt,
niemand zu ermüden oder durch unangebrachte und allzu lange Belehrungen
zu erschrecken, sondern ihn unsichtbar auf Windesflügeln durch die ganze
Welt zu tragen, auf daß sich alle spielend aneignen, was dem Menschen
durchaus nicht zu Spiel und Scherz gegeben ward, und auf daß sie
unmerklich davon kosteten und sich davon erfüllten, was er während
seines Jahrhunderts und zu seiner Zeit an Schönstem und Bestem gesehen
und erfahren hat. Man könnte das Ganze beinahe für eine ohne jede
Vorbereitung dahinfließende Erzählung halten, wenn sich einem nicht
nachträglich, nach einer aufmerksamen Analyse die wunderbare Kunst des
Baus -- des Ganzen sowohl wie die jedes Gesanges im einzelnen enthüllte.
Wie dumm sind doch die superklugen deutschen Gelehrten, die den Gedanken
aufgebracht haben, Homer sei ein Mythos und all seine Werke seien
Volksgesänge und Rhapsodien.
Doch sehen wir nun einmal zu, was für eine Wirkung die Odyssee auf
_jeden einzelnen von uns_ ausüben kann. Zunächst wird sie auf unsere
Schriftstellerzunft, auf unsere Autoren wirken. Sie wird viele dem
Lichte zurückgeben, nachdem sie sie wie ein gewandter Lotse durch den
Nebel und die Verwirrung hindurchgesteuert hat, die durch unsere
zerfahrene und unausgegorene Schriftstellergeneration heraufbeschworen
wurde. Sie wird uns alle wieder daran erinnern, mit welch naiver
ungekünstelter Schlichtheit die Natur reproduziert, wie jeder Gedanke
bei uns zu einer geradezu greifbaren Klarheit gebracht werden, in welch
ruhigem Gleichmaß unsere Rede dahinfließen muß. Sie wird allen unseren
Schriftstellern wieder jene alte Wahrheit näher bringen, die wir unser
ganzes Leben lang im Auge behalten sollten und die wir doch immer wieder
vergessen: daß wir nämlich nicht eher zur Feder greifen sollten, als bis
sich in unserem Kopfe alles zu der Klarheit und Ordnung gestaltet hat,
daß selbst ein Kind imstande wäre, alles zu verstehen und in seinem
Gedächtnis aufzubewahren. Aber eine noch stärkere Wirkung als auf die
Schriftsteller wird die Odyssee auf die ausüben, die sich erst auf die
Schriftstellerlaufbahn vorbereiten, und die, ob sie nun auf dem
Gymnasium sind oder auf der Universität studieren, ihr künftiges
Arbeitsfeld noch unklar und wie im Nebel vor sich sehen: diese kann die
Odyssee von Anfang an auf den rechten Weg weisen und sie vor einem
unnötigen Herumirren in krummen winkligen Gassen bewahren, in denen sich
ihre Vorgänger zur Genüge umhergetrieben haben.
Ferner wird die Odyssee auch einen Einfluß auf den Geschmack und die
Entwicklung des ästhetischen Gefühls ausüben. Sie wird einen frischen
Zug in die Kritik hineintragen. Unserer Kritik hat sich eine gewisse
Müdigkeit bemächtigt, sie hat in der Analyse der problematischen Werke
unserer neuesten Literatur Ziel und Richtung verloren, sie hat sich in
ihrer Verzweiflung auf Seitenwege verirrt, läßt die literarischen
Probleme ganz beiseite und produziert nur noch ganz törichtes Zeug. Das
Erscheinen der Odyssee aber kann vielleicht viele wirklich gute und
tüchtige Kritiken hervorrufen, um so mehr, als es wohl auf der Welt kaum
ein zweites Werk gibt, das sich von so vielen Seiten aus betrachten
läßt, wie die Odyssee. Ich bin überzeugt, daß die Diskussionen, die
Untersuchungen, die Betrachtungen und Erörterungen, die Bemerkungen und
Gedanken, zu denen sie Veranlassung geben wird, unsere Zeitschriften
mehrere Jahre lang beschäftigen werden. Diese Leser werden nur Vorteil
davon haben: die Kritiken werden nicht mehr so hohl und nichtssagend
sein. Um eine solche Kritik zu schreiben, muß man viel lesen, sich über
vieles neu orientieren, viel erlebt und über vieles nachgedacht haben;
ein hohler und oberflächlicher Kopf wird über die Odyssee kaum etwas zu
sagen wissen.
Drittens kann die Odyssee in dem russischen Gewande, das ihr Schukowski
gegeben hat, viel zur Reinigung unserer Sprache beitragen. Bei keinem
unserer Schriftsteller, in keinem der früheren Werke Schukowskis, ja
nicht einmal bei Puschkin und Krylow, die häufig im Ausdruck, in ihren
Wendungen noch schärfer und genauer sind, als jener, hat die russische
Sprache einen solchen Reichtum, eine solche Vollkommenheit erreicht.
Hier finden sich alle ihre Wendungen und Nuancen in sämtlichen
Variationen und Abstufungen. Diese ungeheuren unendlichen Perioden, die
bei jedem andern matt und dunkel wirken würden, und andererseits
wiederum die knappen kurzen Perioden, die bei andern hart und abgerissen
klingen und der Rede etwas Herbes, Gefühlloses verleihen würden, stehen
bei Schukowski so brüderlich zusammen, alle Übergänge und der
Zusammenstoß der Gegensätze vollziehen sich mit einem solchen Wohllaut,
alles fließt so in eins zusammen und läßt die schwerfällige Masse des
Ganzen sich so zerteilen und verschwinden, daß man den Eindruck hat, als
hätten der Bau und das Gefüge der Sprache sich überhaupt verflüchtigt;
sie scheinen nicht mehr vorhanden zu sein, so wie auch der Übersetzer
völlig verschwindet. Statt seiner aber steht der greise Homer in seiner
ganzen majestätischen Größe vor unseren Augen, und wir hören die hehren,
gewaltigen, ewigen Worte, die nicht dem Munde eines Menschen entstammen,
sondern deren Bestimmung es ist, -- ewig durch die Welt zu tönen. Jetzt
werden unsere Schriftsteller erkennen, mit welch kluger Vorsicht jedes
Wort und jeder Ausdruck verwendet sein will, wie man jedem schlichten
Wort seine hohe Würde wiedergeben kann durch die Kunst, ihm seinen
richtigen Platz anzuweisen, und was für ein solches Werk, dessen
Bestimmung es ist, in den Händen aller zu sein und von allen genossen zu
werden -- das ein geniales Werk ist, diese äußere Wohlgestalt und dieser
äußere Anstand, diese Durchbildung und Abrundung des Ganzen bedeuten:
hier fällt jedes kleinste Staubkörnchen ins Auge und wird von jedem
bemerkt. Schukowski vergleicht diese Staubkörnchen sehr richtig mit
Papierschnitzeln, die in einem herrlich ausgeschmückten Prunkgemach
herumliegen, wo von der Decke herab bis zum Parkett alles glänzt und
strahlt wie ein Spiegel: jeder Eintretende wird zuallererst diese
Papierschnitzel bemerken, und zwar aus demselben Grunde, aus dem er sie
in einem unsauberen unaufgeräumten Zimmer überhaupt nicht entdecken
würde.
Viertens wird die Odyssee sowohl die Wißbegierde derer, die sich mit der
Wissenschaft beschäftigen, wie auch derer, die keine Wissenschaft
studiert haben, befruchten, indem sie uns eine lebendige Kenntnis der
antiken Welt vermitteln wird. In keinem Geschichtswerk kann man das
finden, was man aus ihr schöpfen kann; von ihr geht ein lebendiger Hauch
der Vergangenheit aus; der antike Mensch steht lebendig vor unseren
Augen, als hätten wir ihn erst gestern gesehen und mit ihm gesprochen.
Man sieht ihn förmlich vor sich in seinem ganzen Tun und Treiben und zu
allen Tageszeiten: wie er sich andächtig zum Opfer vorbereitet, wie er
beim Becher ehrsam mit dem Gastfreund spricht, wie er sich ankleidet,
wie er auf den Platz hinaustritt, wie er den Reden der Greise lauscht
und die Jünglinge belehrt; sein Haus, sein Wagen, sein Schlafgemach, das
kleinste Möbelstück im Hause, von den Tischen, die hereingetragen
werden, bis zum Riemenriegel an der Tür -- alles steht noch frischer und
lebendiger vor unseren Augen, als in dem ausgegrabenen Pompeji.
Und endlich bin ich sogar der Ansicht, daß von dem Erscheinen der
Odyssee eine Wirkung auf den heutigen Geist unserer Gesellschaft im
allgemeinen ausgehen wird. Gerade in unserer Zeit, wo durch den
geheimnisvollen Willen der Vorsehung überall ein schmerzlicher Schrei
der Unbefriedigung durch die Welt geht, ein Schrei der Unzufriedenheit
mit allem, was es auf der Welt gibt, mit den Zuständen, mit der Zeit,
wie mit uns selbst, wo allen endlich die Vollkommenheit, bis zu der uns
unser moderner bürgerlicher Geist und die Aufklärung emporgehoben haben,
verdächtig zu werden beginnt, wo sich bei jedem ein unbewußtes Sehnen
fühlbar macht, etwas anderes zu sein, als das, was man ist, ein Sehnen,
das vielleicht aus der edlen Quelle, dem Wunsche, besser zu sein,
entspringt; wo durch die törichten Losungen und durch die übereilte
Verkündigung neuer ganz unklar erfaßter Ideen hindurch sich ein
allgemeines Streben Bahn bricht, sich mehr einer dunkel ersehnten Mitte
zu nähern, das wahre Gesetz unseres Handelns, sowohl das der Massen, wie
das jedes einzelnen zu finden, in einer solchen Zeit muß die Odyssee
durch die patriarchalische Größe des antiken Lebens, durch die
unkomplizierte Einfachheit der das öffentliche Leben bewegenden
Triebfedern, durch die Frische des Lebens, durch die noch durch nichts
abgestumpfte kindliche Heiterkeit des Menschen, ergreifen. Aus der
Odyssee wird unserem neunzehnten Jahrhundert ein starker Vorwurf
entgegentönen, und dieser Vorwurf wird nicht verstummen, je tiefer es in
sie eindringen und je mehr es sich mit ihr vertraut machen wird.
Was kann zum Beispiel einen stärkeren Eindruck machen, als der Vorwurf,
den wir in unserer Seele vernehmen, wenn wir sehen, wie der antike
Mensch, mit seinen geringen Werkzeugen, bei der großen Unvollkommenheit
seiner Religion, die ihm sogar erlaubte, zu stehlen, Rache zu üben,
seine Zuflucht zu List und Tücke zu nehmen, um den Feind zu vernichten,
mit seiner rebellischen, harten, nicht zum Gehorsam neigenden Natur und
seinen schwachen Gesetzen es verstanden hat, durch die bloße Erfüllung
der von den Vorfahren ererbten Sitten und Gebräuche -- die nicht umsonst
von den alten Weisen eingeführt und festgesetzt worden waren, und die
nun auf ihr Gebot wie ein Heiligtum vom Vater auf den Sohn vererbt
wurden, -- wenn wir sehen, wie der Mensch der alten Zeit es verstanden
hat, durch bloße Erfüllung dieser Sitten seinen Handlungen eine gewisse
strenge Form, ein gewisses Ebenmaß, ja sogar eine gewisse Schönheit zu
verleihen, so daß alles an ihm vom Kopf bis zu der Zehe, jedes seiner
Worte, die einfachste Bewegung, ja selbst der Faltenwurf seines Gewandes
Größe und Würde atmete, und daß man in ihm wirklich den göttlichen
Ursprung des Menschen zu ahnen glaubt? Wir dagegen, mit all unseren
gewaltigen Mitteln und Werkzeugen der Vervollkommnung, mit der Erfahrung
aller Jahrhunderte, mit unserer schmiegsamen, gelehrigen Natur, mit
unserer Religion, die uns doch nur zu dem Zweck gegeben ward, damit wir
heilige und göttliche Menschen werden -- wir haben es mit all diesen
Mitteln zu nichts gebracht, als zu einer gewissen inneren, wie äußeren
Unordnung, Disharmonie und Zerfahrenheit, wir wußten nichts aus uns zu
machen, als traurige, halbe, zerstückelte und kleinliche Menschen, vom
Kopf bis zu den Füßen, ja bis zu unserer Kleidung, und zu alledem sind
wir uns gegenseitig so zuwider geworden, daß keiner den andern mehr
achtet; nicht einmal die tun es, die immer von der allgemeinen
Menschenachtung reden.
Mit einem Wort, die Odyssee wird auf die an ihrer europäischen
Vollkommenheit Leidenden und Krankenden eine starke Wirkung ausüben. Sie
wird sie an vieles Kindlich-Schöne erinnern, das uns leider verloren
gegangen ist, das die Menschheit sich jedoch wiedererobern muß, als ihr
rechtmäßiges Erbe. Viele werden zum Nachdenken über manche Dinge
angeregt werden. Zugleich aber wird vieles aus den alten
patriarchalischen Zeiten, die dem russischen Wesen so nah verwandt sind,
sich unsichtbar über das russische Land verbreiten. Der Wohlgeruch
atmende Mund der Poesie vermag unserer Seele manches einzuhauchen, was
ihr weder mit Gewalt, noch durch die Kraft des Gesetzes eingepflanzt
werden kann.
VIII
Einige Worte über unsere Kirche und unsere Geistlichkeit.
Aus einem Brief an den Grafen A. P. T.
Sie beunruhigen sich unnötigerweise wegen der Angriffe, die heute in
Europa gegen unsere Kirche gerichtet werden. Auch unsere Geistlichkeit
der Gleichgültigkeit anzuklagen, wäre eine Ungerechtigkeit. Warum wollen
Sie, daß unsere Geistlichkeit, die sich bisher durch eine würdige
überlegene Ruhe ausgezeichnet hat, die ihr so wohl anstand, sich unter
die europäischen Schreier mischen und gleich ihnen oberflächliche,
ungenügend durchdachte Broschüren erscheinen lassen soll? Unsere Kirche
hat sehr weise und klug gehandelt. Um sie zu verteidigen, muß man sie
erst selbst kennen gelernt und begriffen haben. Wir aber kennen unsere
Kirche sehr schlecht. Unsere Geistlichkeit sitzt nicht müßig da. Ich
weiß genau, daß im Innern unserer Klöster und in der Stille unserer
Klosterzellen an unwiderleglichen Werken zum Schutz und zur Verteidigung
unserer Kirche gearbeitet wird. Und diese Männer, gerade diese Männer
tun ihre Pflicht und Schuldigkeit weit besser, als wir; sie beeilen sich
nicht, und arbeiten in der Erkenntnis dessen, was ein solcher Gegenstand
erfordert, in tiefer Ruhe an ihrem Werk. Sie schaffen in ständigem Gebet
und in der Arbeit der Selbsterziehung; indem sie alle Leidenschaften und
alles, was einer unstatthaften, sinnlosen Fieberhitze gleichsieht, aus
ihrer Seele austreiben und sie bis zu der Höhe himmlischer
Leidenschaftslosigkeit zu erheben suchen, auf der sie sich erhalten muß,
wenn sie stark genug sein will, um einen solchen Gegenstand zu
behandeln. Aber auch diese Verteidigungsschriften werden noch nicht
genügen, um einen römischen Katholiken vollständig zu überzeugen. Unsere
Kirche muß in uns selbst geheiligt werden und nicht durch unsere Worte.
Wir selbst müssen unsere Kirche werden und durch uns muß ihre Wahrheit
verkündigt werden. Man sagt, daß es unserer Kirche an Lebenskraft fehlt,
aber man spricht die Unwahrheit, denn unsere Kirche ist das Leben.
Freilich ist man ganz logisch und durch einen richtigen Schluß zu diesem
falschen Satz gelangt: -- Wir selbst nämlich sind tot, sind Leichen, und
nicht die Kirche, und nach _uns_ nennt man unsere Kirche einen Leichnam.
Wie sollen wir unsere Kirche verteidigen und was für eine Antwort sollen
wir geben, wenn man uns vor folgende Fragen stellt: »Hat die Kirche euch
denn zu besseren Menschen gemacht? Tut denn jeder bei euch, wie es sich
gehört, seine Pflicht und Schuldigkeit?« Was sollen wir hierauf
antworten, wenn wir es plötzlich tief im Innern fühlen, wenn das
Gewissen es uns sagt, daß wir die ganze Zeit über neben unserer Kirche
hergewandelt, an ihr vorübergegangen sind und sie nicht einmal jetzt
ordentlich kennen? Wir sind im Besitze eines Schatzes von unendlichem
Wert und bemühen uns nicht, uns ein Gefühl dafür zu verschaffen, sondern
wissen nicht einmal, wo wir ihn verwahrt halten. Man bittet den Herrn
des Hauses, er möge doch den kostbarsten Gegenstand vorzeigen, den sein
Haus birgt, und der Herr weiß selbst nicht, wo dieser Gegenstand sich
befindet. Diese Kirche, die sich seit den Zeiten der Apostel allein in
ihrer unberührten ursprünglichen Reinheit erhalten hat, wie eine keusche
Jungfrau, diese Kirche, die mit all ihren tiefen Lehren und ihren
kleinsten äußeren Zeremonien gleichsam unmittelbar um des russischen
Volkes willen vom Himmel herabgestiegen ist, sie, die allein fähig ist,
alle Zweifelsknoten und alle unsere Fragen zu lösen, sie, die angesichts
des ganzen Europa das größte und unerhörteste Wunder zu vollbringen
vermag, indem sie jeden unserer Stände, alle Ämter und Berufe
veranlassen kann, sich in den ihnen gesetzten Grenzen zu halten, ohne
den Staat in irgendeiner Weise umzuwälzen oder zu erschüttern, Rußland
groß und stark zu machen und die ganze Welt durch die wohlgefügte
harmonische Ordnung eines Organismus in Staunen zu setzen, durch den es
bisher nur Schrecken verbreitete, -- diese Kirche ist uns bisher ganz
unbekannt! Diese für das Leben geschaffene Kirche haben wir noch immer
nicht in unserem Leben zur Wahrheit gemacht.
Nein, Gott bewahre uns davor, unsere Kirche jetzt verteidigen zu wollen.
Das hieße sie herabsetzen. Für uns gibt es nur eine Art der Propaganda
-- unser Leben selbst. Durch unser Leben müssen wir unsere Kirche
verteidigen, die durchaus nichts anderes ist, als _Leben_, durch den
reinen Atem unserer Seelen müssen wir ihre Wahrheit verkünden. Mögen die
Missionäre des römischen Katholizismus sich an die Brust schlagen, mit
den Händen fuchteln und die Beredsamkeit ihrer Seufzer und Worte mit
schnell trocknenden Tränen begleiten. Der Verkünder des griechischen
Katholizismus aber soll so vor das Volk treten, daß schon beim bloßen
Anblick seiner demutsvollen Gestalt, der erloschenen Augen und der
ruhigen ergreifenden Stimme, die tief aus der Seele dringt und in der
alle weltlichen Wünsche erstorben sind, alles erschüttert wird, noch ehe
er erklärt hat, worum es sich handelt, und alles wie aus einem Munde zu
ihm spricht: »Du brauchst nichts zu sagen: wir vernehmen, auch ohne daß
du ein Wort redest, die heilige Wahrheit deiner Kirche.«
IX
Über denselben Gegenstand
Aus einem Briefe an den Grafen A. P. T.