Irene fragte aus der Ferne: »Bist du noch dort?«

Sie würgte einen Laut hervor, brachte dann heraus, was das bedeute?

Lange Zeit antwortete Irene nicht, endlich sagte sie langsam: »Er war

gestern wieder da -- als ich aus der Stadt kam. -- Und -- auch Ägidi. --

Sie waren Alle in der Diele. Albert sah ganz -- verwirrt aus, aber --

nachher kam Dora und sagte, er habe ziemlich ruhig gesprochen und gesagt

-- er -- er könnte es nicht ändern, die Kinder wären sein, und deshalb

müßte auch die Mutter bei ihnen bleiben, oder -- so ähnlich, und -- er

ist dann gegangen, aber wiedergekommen nach einer Weile und hat gesagt,

er hätte sich besonnen -- ja, ich kann das alles nicht so sagen -- -- --

jedenfalls, er wollte gehn, und sie sollte die Kinder behalten. Dann ist

er fortgegangen, er hat sich nicht halten lassen.« Irene schwieg wieder.

»Laß es genug sein, Renate«, bat sie dann. »Er muß nachts ins Haus

gekommen sein, ohne daß wer von uns es hörte. Dann hat er im

Kinderzimmer erst den beiden --« Irenes Stimme brach schluchzend ab.

Renate legte den Hörer hin und sah, noch die Hand daran haltend, das

schwarze und metallene Ding, seltsam fremd und erschreckend, als wäre es

ein gefährliches Instrument. Durch es hatte Irene gesprochen, sie hatte

Irene nicht gesehn, Irene war vielleicht gar nicht auf der Welt, es war

nur ihre Stimme gewesen, Renate glaubte plötzlich zu sehn, wie eine

finstre Gewalt Irene vom Telephon in die Nacht hineinriß, schwarze

Flocken regneten vor ihren Augen, aber dann sah sie in einem hellen

Sonnenschein einen kleinen Jungen im Kreise herumgehn, derweil er eine

Blumentopfscherbe und einen alten Kochtopfdeckel zusammenschlug und, die

großen Augen immerfort auf sie gerichtet, sang: Wenn ein Vorrat geht zu

Ende, zieh den Schieber mit die Hände! -- Immer dieselben zwei

verdrehten Zeilen, von denen später Dora sagte -- was? -- Ja, Renate sah

in der Montfortschen Küche so eine blauweiße Tafel hängen, um die

fehlenden Vorräte anzuzeigen, und darunter stand: Zieh den Schieber vor

behende ...

Warum bin ich denn so wahnsinnig erschrocken? dachte sie und war

sekundenlang ganz ruhig. Langsam stand sie auf, konnte aber zuerst kaum

die Füße aufsetzen. Danach ging es besser, sie schlich die Treppen

hinauf und in ihr Zimmer, wo sie langsam ein paar Schlucke Wasser trank.

Sie fröstelte davon, legte sich wieder ins Bett, war auf einmal ganz

schwach und deckte sich zu. Die Gedanken verschwammen, sie wollte sich

besinnen, was denn eigentlich gewesen sei, und dämmerte ein. Da befand

sie sich plötzlich in einem großen Saal mit hohen grauen Wänden aus

Quadern und ohne Fenster. Nach oben blickend, gewahrte sie an Stelle des

Dachs einen rein blauen Sommerhimmel, den eine einzige Wolke von

schimmernder Weiße sehnsüchtig verschönte. Wieder die Augen senkend,

entdeckte sie, daß der Boden ein Wasser war, das sich in kleinen

Windungen und Strudeln emsig bewegte wie eine Menge Getier, und

zugleich, daß sie in der Spitze eines Nachens stand. Und jetzt sah sie

die Schmalwand des Raumes vor sich geöffnet; ein Tor wars, und durch den

Spalt schoß strudelnd ein dunkles Gewässer herein. Der Nachen bewegte

sich unter ihr, schwankte, stieg mit den lautlos steigenden Fluten, und

nun wußte sie, daß sie in einer Schleuse war.

Darüber mußte sie tief aufatmen, ja seufzen aus einem von Erleichterung

und Beklommenheit angsthaft gemischten Gefühl. -- Nun wird die Fahrt

frei werden! murmelte sie, sich beruhigend, und erkannte, wieder nach

oben schauend, in der Wolke einen weit fernen Engel, der von ihr

abgewandt und in einer seltsamen Verkürzung hinter sich tretend,

stürmisch in die Bläue hineinjagte. Bleibe! schrie sie in plötzlicher

Fassungslosigkeit, o bleibe! -- Aber er war schon verschwunden, und sie

erwachte mit heftig klopfendem Herzen.

Jählings und mit furchtbarem Erschrecken fuhr sie dann hoch, da sie eine

unhörbare Stimme traurig sagen hörte: Schöpfe, schöpfe, müde Danaide ...

Aber nicht das hatte sie hören wollen, sondern ein Wort von Klemens --

wie hieß es? ja, wie hieß es denn? -- Schöne edle Karyatide ...

Kaum gedacht, brach ein Strom von Tränen aus Renates Augen, ihr Herz

flatterte entsetzt auf mit tausend gestaltlosen Ahnungen, Befürchtungen,

Ängsten eigenen Schicksals, sie wühlte das Antlitz in die Kissen und

weinte, wie sie noch nie im Leben geweint hatte.

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 115 / 124 题