Renate hatte mit Saint-Georges in der Kapelle musiziert; während sie die
Noten zusammenlegte, Saint-Georges seine Geige verpackte, meldete das
Mädchen Doktor Klemens; Renate dachte, ihm Bogners Engel zu zeigen, und
bat, ihn herzuführen. -- Saint-Georges putzte bedächtig die Kerzen vor
der Orgel und an seinem Notenpult eine nach der andern, damit es hell
genug sei. Dann erschien Klemens, blickte sich um, noch dicht an der
Tür, verneigte sich, so tief er konnte, und sprach sie an: »Holder
Geist! Welch unschätzbare Gnade für mich, Sie in Ihrem eigensten Reich
begrüßen zu dürfen!«
»Bitte, reden Sie weiter,« lud Renate ihn munter ein, »Sie sind ja ein
Redner!«
Klemens fuhr heiter fort: »Was ich sehe, erstaunt mich ungemein, und ich
wähne mich im Traum oder verzaubert. Streitbare Engel sehen mich an oder
schreiten auf mich zu, Musikinstrumente wie himmlische Waffen in den
Händen. Kerzen! Rötliche Dämmrung! Und vor einer auserwählten Schar
Gepanzerter in goldnen Harnischen erscheint mir die himmlische Peri
selber, in dunkelrote Seide gekleidet wie in eine runde Glocke aus
Abendhimmel. Alles ist äußerst erstaunlich!«
»Bloß von mir«, bemerkte Saint-Georges, »weiß er gar nichts zu sagen und
unterschlägt mich schlechtweg. Guten Abend, Meister, was macht die
Internationale, schläft sie oder wacht sie?«
Klemens kam nun herbei, reichte Renate und Saint-Georges die Hand, sagte
drohend: »_Noli turbare ...!_« stellte sich vor den nächsten Engel und
versank in Schweigen.
»Nun hab ich so oft von der berühmten Internationale gehört und gelesen
und sehe zum erstenmal ein lebendiges Stück von ihr«, sagte Renate, aber
er schien es nicht zu hören. Nach einer Weile sagte er, tief Atem
holend:
»Sechs sind es, wie ich sehe, und schon einer überwältigt. Ja, wer hätte
das gedacht, als es eines Tages im Lyzeum hieß: Bob Bogner kommt nicht
wieder, der ist weggelaufen. Internationale, sagten Sie? Ach,« meinte er
abwehrend, »es giebt so viele, in diesem Augenblick weiß ich wirklich
nicht, welche Sie meinen.«
Renate verlangte eine Erklärung, allein, in langen Pausen von einem der
Engel zum andern gehend, schwieg er sich nach Kräften aus; beim vierten
sagte er, die letzten zwei müsse er sich auf das nächste Mal versparen,
setzte sich auf einen der Klaviersessel und fing halblaut an zu
sprechen:
»Die Internationalen ... Eine Vielzahl konzentrischer Kreise, und hier
sehen Sie den äußersten. Die Internationale der großen, rasenden Kunst,
ungeheuren Einmuts auf der Spur des alleinigen Gottes in aller Herren
Länder, wetteifernd seit ewig im geheiligten Kriege, Engelscharen,
Geniescharen, Heroenscharen, friedlich sich bekämpfend zum Ruhme Gottes,
den zu mehren, den jährlich tiefer zu entflammen die einzig fruchtbare
Schlacht seit tausend und tausend Jahren ohne Ende über die Erde
dröhnt.«
Er stand auf. »Die Internationale der menschlichen Hoheit, deren Namen
ich nicht wage auszusprechen vor ihrem erlauchten Antlitz, das ich
sehe.« Sein Blick stand in so gerader Flamme gegen Renate, daß es sie
mit seltsamem Schauder durchbohrte, und sie errötete noch tiefer, als
schon seine Worte sie erröten machten. Dann nahm er ihr Lächeln auf,
wandte sich zu Saint-Georges und fuhr fort:
»Damit er sich nicht wieder beklagt, begrüße ich in diesem schlichten
Manne die herrliche Internationale des Geistes, der Wissenschaft, die
Internationale der wundervoll friedlichen Eroberer in allen Räumen
dieser Welt, zu Lande, zu Wasser, im Feuer und im Sturm, im Vogel und im
Fisch und im ruhlos schweifenden Atom, Anfüller der unerschöpflichen
Arsenale, Herolde, Propheten und Poeten, einmütig heiligen Zornes im
unablässigen Grübeln über den Rätseln der unbekannten und der bekannten
Welt, Ärzte, Heilmacher des wunden Geistes, der kranken Seele vom
Weltgift. -- Ich grüße«, sagte er mit einer kreisenden Handbewegung nach
oben, »im unbekannten Erbauer dieses Raumes die nächste Internationale,
vom Präsidenten Plutus regiert, auf deutsch: das Kapital, eine
Internationale von ganz besonderer Einmütigkeit, also daß zum Beispiel,
gesetzt es gäbe Krieg, sämtliche Angehörigen dieser Internationale in
allen beteiligten Ländern wie ein Mann, Agrarier, Schwerindustrie und
Banken, Dampf in allen Kesseln, sich abmühen würden zur Überwältigung
des -- Friedens.«
Er lachte lautlos. Renate dachte an ihren Onkel, kniff leicht die Augen
zu und hörte ihn weiter reden, nachdem er zu der weißen Säule des Ofens
in der Ecke gegangen war, dem er die Hand auflegte, während er sprach:
»Und ich begrüße Mittelkreis und Kern aller Internationalen in diesem
Ofen und seiner Glut. Ich grüße die Kohle. Ich grüße den Mann im nassen
Stollen, den Mann im sausenden Förderstuhl, den Mann in der
explodierenden Nacht. Alle Mann grüß ich am bezwungenen Feuer, den Mann
am Amboß, den Mann am Schalter, den Mann am offenen Feuerrachen mitten
im ruhig fahrenden Schiff, mitten im Ozean, den Mann an der
Setzmaschine, den Mann am Gebläse, den Mann am Webstuhl, am Strickstuhl,
am Spinnstuhl, den Mann an der Nähmaschine, den ein und tausend Mann,
der, schmorend als Kohle im feurigen Ofen, das Lied von der einen,
meinen singt: Die Internationale! --«
Er schwieg. »Das war schön«, sagte Renate langsam. »Vielleicht denken
Sie, ich sollte nun etwas andres sagen, aber« -- sie wandte sich
unschlüssig zu Saint-Georges um und schloß: »-- ich weiß nichts andres
als das. -- Ich weiß,« fuhr sie, da Klemens den Mund öffnete, fort, »daß
viele Tausend Mangel leiden, damit ich --« sie strich mit den Händen
über die Falten ihres Kleidrockes.
»Nein, um Gottes willen, welche Verwechselung«, sagte Saint-Georges. Er
ließ die Vorderbeine des Stuhles, auf dessen Lehne er im Stehen die Arme
gekreuzt hatte, sich zu Boden senken, drehte ihn um seine Achse und
setzte sich reitend darauf.
»Niemand, Renate,« sagte er, das Kinn auf die Lehne legend, »niemand
will, daß du nicht bist, weil Andre in Not sind, sondern im Gegenteil
bist du und dein Haus die Erfüllung all ihrer zartesten und tiefsten
Träume und Wünsche, und sie wollen nichts weiter, als daß sie, wenn ein
Haus voller Engel an ihrem Wege steht, hineingehn können, wann der
Wunsch sie dazu treibt, und daß, wenn es Gott gefiel, eine Schale voll
Musik über die Erde auszuleeren, der irdene Topf so geeignet sei, um sie
aufzufangen wie der goldene Becher.«
»Ich glaube,« sagte Renate unbedenklich widersprechend, »Doktor Klemens
sprach doch von denen, die Not leiden und --«
»Nein,« sagte Klemens, »ihr Freund hat recht. Ich fragte einmal einen
Bierfahrer in Camberwell, ob er schon die Sterne gesehn habe, und dieser
Bierfahrer sagte, er wollte verdammt sein, wenn ers getan hätte seit
Sarah Pedgewoods Tode, denn er hätte keinen Tropfen Ale gesehn seitdem.
Aber sehn Sie, doch geht dieser Bierfahrer auf nur zwei Gliedmaßen
aufrecht, und daß er es tut, das ist der Beweis, daß er die Sterne sehn
möchte, wenn er nur einen Sinn damit zu verbinden wüßte. Die
Notleidenden? Nein, verehrtes Fräulein, die gehen mich nichts an. Not
wird gelitten zu Lande und zu Wasser, zu Leibe und zu Seele, und wegen
Essens, Trinkens und der Liebe brauchten wir keine Internationale zu
gründen, sondern das bringt die Welt ganz von selber in Ordnung. Sie
leiden nicht Not, sie, die ich meine«, sagte er hart und schlug leicht
mit der Faust gegen den Ofen.
»Was dann, Georges?« fragte Renate.
»Ungerechtigkeit leiden sie«, sagte Klemens. »Knechtschaft, das ists,
was sie leiden. Sie leiden, daß sie verbraucht werden in den guten
Jahren, so daß sie darben müssen im Alter. Sie leiden, weil zehn
Menschen in der Welt je tausend Äcker haben, und ihrer zehntausend haben
zusammen einen. Sie leiden nicht, weil jener sich Gemälde kauft und
dieser jeden Tag eine Frau, weil jener die Zigarre mit drei Mark bezahlt
und dieser im Sommer nach Japan reist, sondern sie leiden, sie leiden
unauslöschlichen Gram, weil sie keine Zeit haben, um Gemälde zu sehn und
um an einem Sommertag im Grase zu liegen, denn weiter wollen sie nichts.
Sie wollen und sollen nicht zehn Stunden am Tage arbeiten, auch nicht
neun oder sieben, sondern allerhöchstens sechs, und ich sage, daß es
dazu kommen wird, wenn nicht heute, dann morgen.«
Renate hatte, da er schwieg, Zeit über seine Worte nachzudenken und
sagte nach einer Weile: »Mein Vetter, Erasmus, den Sie kennen, und Ihr
Freund Herzbruch und Bogner, Ihr Schulkamerad, wie lange glauben Sie
arbeiten die am Tage?«
Klemens lachte, kam bis dicht zu ihr, schüttelte den Kopf und sagte:
»Der Geist, Verehrungswürdige, hörten Sie nie vom Geist? Nie, daß er es
eben ist, der frei ist allein, und daß ich eben sagte: sie leiden
Knechtschaft, sie wollen freien Geistes sein? Und übrigens: wenn ein
Fabrikant sich durch seine geistige Arbeit zugrunde richtet, so ist das
seine Schuld und geht niemanden etwas an. Sonst hat geistige Arbeit mit
der schwersten körperlichen das Erhaltende gemein. Der Arm des Pflügers,
des Holzfällers, das Auge des Bergsteigers, der Fuß des Matrosen sind
mit siebenzig Jahren noch so scharf und sicher und kräftig wie mit
zwanzig, und das Hirn des Forschers, des Erfinders ist es nicht minder.
Was zermürbt, ist nicht die Anstrengung; was zermürbt, ist allein die
Maschine. Das ist mein Gesetz: Wer eine Maschine bedient, soll dies
sechs Stunden im Tag tun und nicht länger, soll es vierzig Jahre seines
Lebens tun und nicht länger! Nur der Geist ist frei, und sobald ein
Dichter nicht mehr das Recht haben soll, freiwillig zu verhungern oder
wahnsinnig zu werden, und sie Gewerkschaften gründen zum Schutz ihres
Geistes, sobald kann denn das Ganze zum Teufel gehn. Sie sagen
vielleicht, ein Dichter, ein Weiser muß deshalb hungern, weil er zu früh
geboren wurde, weil die Welt noch nicht reif sei für seine Werke, seine
Erfindungen, seine Lehren. Ach, wie sähe es denn aus in der Welt, wenn
jeder käme zur rechten Zeit, wenn alles grade sich einpaßte, wo ein Loch
wäre, auch der Pfropfen, wo ein Geber, auch der Nehmer, das wäre so
langweilig erstens wie Schwarzer Peter spielen, und zweitens möchte man
dann ja wohl anfangen zu verlangen, daß auch Sonnenschein und Regen
gleichzeitig auf den Acker fallen, und doch würde das dem Acker gar
nichts nützen, sondern es ist wohlweise eingerichtet, daß der Nil nur
einmal im Jahre steigt -- wenn auch auf Kosten von einem Jahr unter
zehnen, wo er gar nicht steigt, und einem, wo er zu hoch geht. Glauben
Sie, daß ich die Welt verändern will? Glauben Sie es, Saint-Georges?«
Sie lachten Beide, und Klemens lachte mit. Er war aber sehr erregt und
fing gleich wieder an, hin und her gehend im Raum:
»Übrigens -- Ihnen kann ichs sagen -- bin ich nicht in dem Ausmaß
international, wie Sie denken, bin ein Deutscher am Ende und sehe, daß
die Not hierzulande nicht im entferntesten die Ausmessungen hat wie in
andern, in England, in Frankreich. Und was heißt denn Not? Es giebt doch
nur Ausbeutung und Arbeitslosigkeit. Arbeitsscheu ist eine Krankheit,
oder Anormalität, was Sie wollen, wie Trunksucht. Ausbeutung und
Arbeitsmangel bleiben bestehn. Arbeitsscheu und Trunksucht gehören mit
Mördern und dergleichen in die Heilhäuser und Arbeitsanstalten; niemand
gehört ins Zuchthaus noch aufs Schafott. All das wird nicht heute
geändert, aber es wird geändert werden, dafür bürge ich. Tun Sie mir die
Liebe und denken einen Augenblick nach. Wann fing das Unheil an? Im
Mittelalter gab es keine Armen; es gab Sieche, alte Weiber, Krüppel und
Soldaten, in denen sich die gesetzmäßig geregelte Arbeitsscheu
verkörperte. Wer arbeiten wollte, hatte immer zu essen. Das Unheil
begann mit der Übervölkerung und mit der Maschine. Wie alt ist die
Maschine? Knapp hundert Jahr. Nun sehen Sie bloß mal an, seit einem
halben Hundert Jahren fing man an, diese Not zu erkennen und zu
studieren, seitdem sich alles mit reißender Zeit doch nur verbösert hat,
und dabei können wir fröhlich und getrost sein, wenn in tausend Jahren
das Blatt sich gewendet hat, dann, wenn man auch im Rächer seiner Ehre,
im Totschläger, im Wüstling so wenig mehr einen Verbrecher sieht wie
heute im Geschlechtskranken, der Frau und Generationen vergiftet, und im
Säufer, der dasselbe tut. Ein Glied faßt ins andre, und keines von den
kranken läßt sich für sich allein heilen, sie müssen alle schon im einen
ihre Gesundung beginnen.«
Er hörte auf und stand wieder bei seinem Ofen still. Renate,
hocherfreut, ihn reden zu hören, fragte, ihn weiter zu stoßen, was er
aber damit habe sagen wollen, daß er ein Deutscher sei.
»Ganz einfach,« sagte Klemens, »ganz einfach!«
»In Frankreich, sehen Sie, wenn ich da eine Rede halten will, muß ich
anfangen: _La gloire!_ -- In Deutschland, wie muß ich da anfangen? Ich
muß mit der Faust aufs Pult haun.« Er lachte: »Ha, ha, ha!« und freute
sich königlich. »Was ich dann sage, ist schon gleich, ich muß erst mit
der Faust aufs Pult haun. Deshalb nun,« sagte er verschmitzt, »deshalb
wäre es nun doch ein Fehler, anzunehmen, daß in Frankreich der Geist
herrsche und in Deutschland nicht. Sondern das Gegenteil ist der Fall.
In keinem Lande der Welt ist noch der schäbigste Bierfahrer so
durchdrungen vom Geist wie in diesem sonderbaren Land. Er hat die
fremdartigsten Formen. Er geht in Potsdamer Grenadierstiefeln sehr
häufig, übertrieben häufig. Aber er waltet, unsichtbar, jedoch er
waltet. Vielleicht nicht die Kultur, aber der Geist ist tiefer
hierzuland als anderswo. Deshalb, sehen Sie, beschränke ich mich auf
dies Land. Wer schaffen will, kann seine Kreise nicht eng genug ziehen.
Mißtrauen Sie meiner Behauptung? Soll ich Ihnen den Geist der
Gewerkschaften nennen, noch einmal nennen? Die Internationale, das ist
ihr Geist. Der Geist der Geistlosen. Der Geist der Geistigarmen. Und
dies ist ihr ganzer, strahlender Reichtum; die Internationale ist ihr
Reichtum. Ausgeschlossen vom Nabob, von den Betten der Reichen, träumt
jeder sich weich im Arme einer Heerschar von Brüdern, sich reich im
Bewußtsein seiner ungeheuren Kraft, im Gefühle, im Glauben, in der
Erwartung der Stunde, wo der Riesenarm aus hunderttausend Armen zum
Schlage ausholt. Die Internationale ist die große Romantische, die
Cherubsarmee, der selbsteigene Trost, die dauernde Zuflucht, das große
Asyl aller Obdachlosen, strahlend und gewaltig wie das Junifirmament
über eine nackte Erde gewölbt.«
Eine Weile blieb es still im Raum; Klemens stand, die Hand gegen den
Ofen gestützt, den Kopf gesenkt. »Ja,« sagte er aufschreckend, »ich muß
nun aber fort, es wird höchste Zeit, ich muß noch zu meiner Schwester,
heut abend geht mein Zug.«
Renate wollte eben verwundert fragen, ob er sie denn wirklich nur, um
sich zu verabschieden, besucht habe, als Irene in Pelzjacke und Barett
in der Tür erschien, während Klemens durch die Kapelle zum Podium kam,
wo sie sich vom Stuhl erhoben hatte.
Irene verwurzelte sich im Eingang mit einem solchen Blick auf Klemens,
daß Renate den Ausruf ihres Namens unterschlug. Klemens schüttelte ihr
kräftig die Hand, indem er umherdeutend sagte: »Sonderbare Reden, die
wir hier gehalten haben.«
Indem drehte er sich zu Saint-Georges um, sah Irene und fuhr mit den
Schultern zurück. Dann biß er sich auf die Lippen, sagte: »Guten Abend,
Frau Herzbruch!« und gab Saint-Georges die Hand.
Er ging zur Tür, Irene wich nun zur Seite und neigte den Kopf grüßend.
Er blieb stehn. »Sie wußten vielleicht nicht, daß ich Otto bat, mich bei
meiner Schwester zu treffen?« fragte er.
»Doch, ich wußte es«, sagte sie.
»Entschuldigen Sie nur,« rief er leicht, »ich dachte, Sie wären aus
Zartgefühl hergekommen.« Und ging hinaus.
Irene nahm eine Hand aus dem Muff und schob den Schleier hoch, ohne
etwas zu sagen.
»Guten Abend, Irene!« rief Renate, während Saint-Georges zu ihr ging. Da
stampfte sie plötzlich mit dem Fuß auf und schrie: »Gott sei Dank! Gott
sei Dank, daß er weg ist! Lange genug hats ja gedauert!«
Unter der dreieckigen, fest um den Kopf gezogenen Mütze sahen ihre Augen
diamantschwarz unter den Schleierfalten hervor. Sie ging mit harten
Schritten zum nächsten der beiden Flügel, warf ihren Muff darauf, zerrte
den Knoten ihres Schleiers am Hinterkopf auseinander, warf den Schleier
auf den Flügel, riß die Pelzkappe ab und warf sie dazu und fuhr sich mit
den Händen in die festgedrückten Locken, um sie aufzurichten; danach
ließ sie die Arme fallen, machte einen Schritt, stützte die Hände auf
die Hüften und blieb so stehn, mit hängendem Kopf, an der Unterlippe
nagend. Renate sah alles mit an. Irene warf den Kopf zurück, trat
rückwärts an den Flügel, legte eine Hand auf die Platte, trommelte mit
den Fingern, sagte endlich:
»Ja, Renate, jetzt ists also aus. Nun hats eine Ende mit Schrecken
genommen, das soll nicht schaden. Gott sei Dank, ich habe durchgekämpft
und brauche mir keine Vorwürfe zu machen.«
Was aus sei, fragte Renate unzufrieden.
»Na was! das mit Klemens!« Oh, Renate sollte schon wissen, wie sie
gekämpft und sich erniedrigt habe! »Erst sollte es eine Probezeit auf
acht Tage sein, damals --«
»Was sollte?« fragte Renate kurz, gestört von dem unverständlichen Hin
und Her.
»Daß er im Hause blieb! Dann ist ein Monat draus geworden, aber hassen
habe ich ihn gelernt, ach gehaßt habe ich ihn vom ersten Augenblick an,
diesen Zerstörer, diesen Schönredner, diesen -- Tanzenden! Herrgott, wie
er mich verwundet hat, wie ich hab frieren müssen! Ich möchte wohl
wissen, wie er gegen dich gewesen ist, eben! Auch so höhnisch und so
metallen? Hat er das wohl gewagt?«
»Georges hat Hunger,« sagte Renate, »komm, wir wollen zum Essen gehn.«
Irene nahm wortlos ihre Pelzsachen auf, während Renate die Kerzen
löschte, brauchte eine halbe Minute, um ihren Schleier zusammen zu
raffen, folgte dann Renate, während Saint-Georges schon an der Kurbel
der kleinen Glühlampe stand, die den Raum jetzt erhellte.
* * * * *
Während des Abendessens verhielt Renate sich schweigsam, innerlich
unfriedlich, da der gestörte Nachhall von Klemens sich in ihr kreuzte
mit Irenens drohender Entladung. Irene verhielt sich schweigsam,
innerlich vermutlich bemüht, der vollen Schale ihrer Verdrießlichkeit,
oder was es nun sein mochte, jeden Tropfen zu erhalten. Saint-Georges
und sein Bruder schwiegen aus Zartgefühl; Erasmus schwieg wie immer.
Jasons Kommen unterbrach die Stille nicht weiter, als daß die
Begrüßungsworte laut wurden; er kannte ja kein eigentlich selbständiges
Verhalten, stets entsprach nur das seine dem der Andern, und auch wenn
er etwas Mitgebrachtes allsogleich hervorzog und dartat, schien es wie
etwas Erwartetes so natürlich. Nur als Renate eben den Mund auftun
wollte, um die Tafel aufzuheben, öffnete er den seinen, schüttelte
unmerklich den Kopf und sagte, die stillen, glänzenden Augen auf Renate
gerichtet:
»Weißt du, Irene, was Cervantes sagt?« Und nach einem flüchtig und
leidend fragenden Blick Irenens, fuhr er fort: »Cervantes in seinem
berühmten Buche Don Quichote de la Mancha, gemeinhin der Donkischott
genannt, sagt: Ein Mensch ist nicht mehr wie ein andrer, wenn er nicht
mehr tut wie ein andrer. -- Es fiel mir grade so ein, als ich euch Alle
so schön um den Tisch sitzen sah.«
Erasmus sah ihn an, wie Renate bemerkte, mit dem sonderbar heftig
nachdenklichen Blick, den Jason ihm öfters entlockte. Sie hatten, soviel
Renate sich erinnerte, noch nie miteinander gesprochen, doch schien
Erasmus eine gewisse Ehrfurcht vor ihm zu haben. Jetzt blieb er an der
Tür stehn, die Stirn wie immer leicht gesenkt und fragte zurück: »Wie
sagten Sie? Ein Mensch ist nicht mehr --«
»-- wie ein andrer,« fuhr Jason fort, »wenn er nicht mehr tut wie ein
andrer. Sie sagen aber besser >als< statt >wie<, ich habe die
Übersetzung zitiert, und dann sagte ich es eigentlich nicht zu Ihnen.«
Erasmus nickte und ging hinaus. Die Andern standen still hinter ihren
Stühlen, lösten sich nun, Saint-Georges sagte, er brächte seinen Bruder
auf sein Zimmer und ginge dann nach Hause. Sie verabschiedeten sich, und
Irene, Renate und Jason gingen in die Halle hinunter.
Der Kamin brannte hell, niemand machte Licht. Renate setzte sich ans
Feuer und wartete ab; auch Jason setzte sich, nahm den Blasebalg, hielt
ihn gegen die Flammen und ließ ab und an einen kleinen Seufzer in die
Glut stöhnen. Irene, die hinter seinem Stuhl stehn geblieben war, schien
nach einigen Minuten von der Wiederholung dieses Verfahrens nervös zu
werden und sagte: »Aber Jason, was machst du denn?«