Neujahr

Renate, beide Handflächen gegen die plötzlich entflammenden Wangen

pressend, im Sessel vorgeneigt, rief: »Das möchte ich nun einmal wissen,

warum du und ich am Neujahrssonntag hier sitzen!«

Saint-Georges, tief im Sessel ihr gegenüber, die Ellbogen in den weichen

Lehnen, die Hände flach unterm Kinn gefaltet, blinzelte in die losen

Flammen im Kamin; dann sah sie langsam ein immer freudigeres Lächeln um

seine Lippen und in den Augen aufquellen, bis es den Mund öffnete und er

sagte:

»Nun, das ließe sich am Ende noch beantworten. Was meinst du: stünden

wir Beide in einer Geschichte, so würde die Antwort vermutlich lauten:

weil es der Autor so will. Übersetze das lateinische Wort, und was kommt

heraus? der Willen des göttlichen Urhebers.«

Renate, unwirsch über und über, warf sich zurück, strich mit der Rechten

die dunkelblauen Falten aus ihrem Schoß, blickte unter gesenkten Lidern

böse zu ihm hin und mußte noch einmal ausbrechen:

»Georges! Ich frage! ich will deutlicher fragen: Warum mußte -- ich muß

es wissen! -- warum mußte das Weltgeschehen diesen Verlauf nehmen, zu

dieser Stelle, an der wir nun als diese Menschen in dieser Weise sitzen

und miteinander reden und schweigen!«

»Eine Frau«, erwiderte Saint-Georges freundlich, »fragt mehr, als zehn

Männer beantworten können.«

Renate lachte verdrossen. »Ist dir denn nie dieser Gedanke gekommen? und

wie ungeheuerlich er ist? Daß man hervorging, hervorgehen mußte aus

dieser riesenhaften Weltgewalt?«

»Du denkst viel«, sagte er leise.

Renate erhob sich, machte sich einen Augenblick an Teekessel, Tassen und

Dosen auf dem Rolltisch neben ihr zu schaffen, ging dann ins Zimmer

hinein und, erst langsam, dann rascher auf und ab. Ihre Erregung, ihr

selber unfaßbar, begreiflich nur so weit, daß sie entstanden sein mußte

vor Jahren schon und gewachsen war seither und wachsen würde -- machte

sie schwindlig im Sitzen. Plötzlich sah sie Josef. Seit sie ihn in der

Stadt wußte, fühlte sie sich umkreist von ihm, wo sie ging und stand,

und wohin ihr Gesicht gerichtet stand, da stand er.

»Mir wäre besser,« sagte sie bewußtlos vor sich hin, »ich säße in einer

Dachkammer an der Nähmaschine. Armut, find ich, paßt soviel besser zum

Leben.«

»Gut, Renate. Gehe hin und tue desgleichen.«

Sie blieb stehn. »Was heißt das, Georges, warum kann ich nicht fort,

warum kann man nicht heraus?«

»Richtig,« versetzte er, »daß du >man< sagst, nicht: ich. Im übrigen

könnte man ja den Vetter Josef kommen lassen, um zu erfahren, ob er

herausgekommen ist.«

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 97 / 124 题