Renate saß auf dem Rand des Deiches im Schatten des hinter ihr stehenden
Sonnenschirmes, ließ die Füße nach unten hängen, hielt die Hände über
Buch, Briefblock und Bleistift im Schoß gefaltet und betrachtete die
hellblaue, sonnenglitzernde Wasserfläche vor ihr mit tiefem Behagen. Als
sie sich satt gesehen zu haben glaubte, legte sie das Buch neben sich
ins Gras, klappte den Löschblattdeckel des Briefblocks um, setzte die
Feder an und schrieb:
»Lieber Josef!«
An meinem Geburtstage kam ich diesmal leider nicht --, wollte sie
fortfahren, allein das war nicht möglich. Es gab nichts zu schreiben.
Sie wollte sich besinnen, weshalb das so war, fand aber keinen Grund,
worauf sie das Blatt lostrennte, es erst zusammenfalten wollte, dann
aber wie es war aus der Hand fliegen ließ. Es stolperte mühselig, vom
Luftzug unbeholfen gestützt, die grüne Deichwand hinunter bis unten, wo
es groß und weiß haften blieb. Wenn ich nun wüßte, ob Flut oder Ebbe
ist, dachte Renate geringschätzig, könnte ich ja noch warten, bis es in
See sticht. Ein schönes weißes Blatt mit Wasserlinien und Lieber Josef!
darauf dürfte genügen. Sie wartete wirklich ein Weilchen, sah eine, zwei
Wellenzungen -- träge, als ob es die Mühe nicht lohnte, nach dem Blatt
emporlecken, dann hatte sie genug, sah auf das neue Blatt auf ihren
Knien, setzte wieder an und schrieb in einem Zuge:
»Ach, Georges ...
»Ein ganz kleiner Wind möchte gar zu gern den unteren Rand des Blattes
hochheben, auf dem ich schreibe, immer wieder versucht ers, seine
unsichtbare, kleine weiche Hand drunter zu schieben, bis ich ihm einen
Klaps gebe, dann ist er für Augenblicke still. Auf dem Papier liegt
Schatten, und links unter mir liegt ein unförmliches Ungetüm von
Schatten die Grasböschung hinunter, das bin ich mit dem hinter mir
stehenden Sonnenschirm; rundum aber ist alles Licht, schwellendes,
singendes, funkelndes, flimmerndes, tanzendes Sommerlicht, aber was mir
im Ohre, im Blute rauscht, leise rauscht, anschlagend immerfort, immer
wieder, ununterbrochen, das ist die See, die See dicht mir zu Füßen am
Deich, auf dem ich im Grase sitze, die See, die, wie mir scheint, in die
höchste Flut gestiegen ist, die beim Landwind nicht brandet, sondern nur
anschlägt, immer wieder, ein kleiner Schlag, und wieder -- ein leichter
Schlag, und so fernhin zur Linken, und fernhin zur Rechten am Ufer die
leise Bewegung des weißen Bandes, das zurückgezogen wird und wieder
angeworfen, so leicht, so leicht ... Aber wenn ich die Augen hebe, liegt
sie still und gewaltig da, nicht eben unermeßlich, der Horizont ist ganz
nah, es ist nur ein kurzes Stück Wasser, das ich sehe, aber es ist doch
unermeßlich, denn es endet nirgends, und es bewegt sich so
geheimnisvoll, es ist wie eine ungeheure Masse von Wesen, Tierwesen,
Götterwesen, gestaltlos aufgelöst und doch wesenhaft, als könnte jeden
Augenblick Gebärde und Blick und Leib deutlich herausspringen und sich
zeigen, aber schon versinkt es wieder und ist so beklemmend allgemein,
Heerscharen, nur Heerscharen heranströmender Seelen, die niemals
näherkommen. Und kühl ist es dabei, wonnig kühl und glitzernd und wäßrig
dunkelblau und unsagbar ruhig unter der großen Sonne am Himmel.
»Ich hab die burgunderrote Seidenjacke an, Georges, es wäre mir aber
nicht unlieb, wenn Du Dir den hinter mir stehenden gelblichen
Leinenschirm weg dächtest und an seiner statt -- Septentrio, sanftesten
Seewind, einen kiefernbraunen Götterjüngling, der mit ebenhölzernem
Kamme -- -- soweit. --
»Lieber guter Georges, als ich zuerst eben Deinen Namen schreiben
wollte, hätte ich fast mit einem S angefangen und Schorsch geschrieben
oder auch Schorschl. Siehst Du, so wohl ist mir! Nicht ganz christlich
wohl, denn wir haben ja vor kaum acht Tagen die arme Helene zur Ruhe
gelegt auf der kleinen Insel im Süßwasserteich. Am Rande einer kleinen
Lichtung liegt sie, wie sie es gewünscht hatte, unter einer Blutbuche.
Kein Grashügel ist zu sehn, nur flacher, grüner Rasen, und am Baumstamm
ist eine eherne Tafel, von weitem kaum sichtbar, auf der steht nur
_Helene_
Herzogin
»Der Herzog war fast drei Wochen fort; ich sehe ihn nun zuweilen von
weitem im Park sitzen. Georg ist wieder fort ins Semester.
»Lieber Freund, es ist ein Wintertag gewesen, und an diesem Wintertage
verlor sich diese Renate Montfort und sagte zu Georges, weil er etwas
gesagt hatte, das ihr nicht gefiel: Geh hinaus. Da ist er aufgestanden
und hinausgegangen, und sie saß böse da und zerriß ihr Taschentüchlein
wie so eine Hysterische, bis er wieder hereinkam und sagte, es hätte
aufgehört mit Regnen. Da ist sie aufgestanden und vor ihn hingetreten,
hat aber nur ihr rechtes Handgelenk auf seine linke Schulter gelegt und
ist so einen Augenblick dagestanden und hat den Kopf gesenkt gehalten
und ist hinausgegangen. Ich habe eben versucht herauszubekommen, was ich
gedacht haben mag in jenen Augenblicken, aber es muß feststehn, daß ich
wirklich nichts gedacht habe, nur etwas empfunden. Ich glaube, bei
Männern ist das unmöglich, und ich sage gleich, daß sie es deshalb
besser haben, denn sie wissen sich immer zu helfen mit einem obstinaten
Gedanken, wir aber sind uns selber preisgegeben, müssen aus solchen
Pausen des Nichtseins nachher handeln, und alles wird verkehrt. Sonst
habe ich ja diesen ganzen, traurigen Winter lang nichts getan als
herumgegrübelt, es war entsetzlich, ich weiß nun erst, wie meiner armen
Magda ums Herz gewesen sein muß in dem Winter vor zwei Jahren.
»Sage, Georges, ist es wahr, daß in der Güntherstraße die Sonne nicht
mehr scheint? Oft, so oft, wenn ich mittags am Fenster stand und den
alten Mann in seinem schwarzen Mantel, gebückt und schneeweiß auf dem
Weg um die Sonnenuhr wandern sah, so dachte ich, daß er den Schatten von
der Uhr fortgenommen habe und selber der Schatten sei, der in
furchtbarer Schnelle herumkreise und die ganzen Sonnenstunden des Tages
abwirble, und wenn er plötzlich fort war, war auch keine Zeit mehr im
Garten und im Hause, und alles stand still.
»Es war immer Schlackerschnee und Regen, solange ich diesen Winter
zurückdenken kann, nur einmal erinnere ich mich eines Vorfrühlingstages,
da fuhr ich zu Irene, und die Sonne schien, aber siehst Du: in der
Güntherstraße war das nicht. Und ich kränkelte immerfort -- wann wäre
ich früher krank gewesen! -- und oh wie mir am ganzen Leibe zumute war,
das kannst Du ja gar nicht ahnen, und ich kanns nicht beschreiben.«
Aufblickend dachte Renate, daß aus den zwei Tagen, die sie allmonatlich
zu ruhen pflegte, mit der Zeit fünf geworden waren, wo sie sich kaum zu
regen vermochte, wo sie kaum ein Stück Kleidung am Körper ertragen
konnte und immer nur auf dem blauen Sofa lag, halb oder ganz entkleidet,
stundenlang manchmal vor sich hin weinend vor Gram und Hülflosigkeit
über sich selbst, aber das konnte sie ihm nicht gut schreiben, und sie
fuhr fort:
»Tagelang, wochenlang drückte mich jedes Band, jede Falte auf der Haut,
ich kam mir neidlos vor wie die berüchtigte Prinzessin auf der Erbse,
und wieder tagelang und wochenlang war ich so schlampig, daß ich vor
reiner, oder vielmehr unreiner Trägheit manchmal des Morgens nicht
gebadet habe, sondern bloß abends. Ich weiß nicht, woher ich so war,
denn das kann ich doch nicht auf mein Herzeleid wegen Onkel Augustins
schieben. -- Was es auch gewesen sein mag, so bitte ich Dich jedenfalls
heute herzlich um Verzeihung wegen jeder Laune und Unwirschheit, wobei
mir albernerweise einfällt, daß ich noch nie einen Menschen habe sagen
hören, er sei wirsch, aber nun bin ich wirsch.
»Da ist der Bleistift abgeschrieben, und ich habe kein Messer, um ihn
anzuspitzen, und Georges ist nicht da, der ein Messer haben würde, und
ich denke, wenn mans wagen könnte, so würde ich mich jetzt
splinterfaselnackt ausziehn und von oben ins Wasser springen, da wo es
am tiefsten ist. Leider konnten wir noch nicht in der See baden, es ist
noch zu kalt. Ich hole das letzte Bißchen Graphit aus dem Bleistift
heraus, sende Dir viele schöne Grüße und anbefehle, daß Du spätestens am
fünfzehnten Juli in Helenenruh zu erscheinen hast. Helenenruh gehört
nämlich jetzt Magda, und da sogar der Herzog sich als ihr Gast
betrachtet, so wirst Du kaum herzoglicher als der Herzog sein wollen.
Grüß Gott, Georges, und mach, daß Du kommst! Stets Deine alte Renate.«
Renate legte die Blätter zusammen und in das Buch, auf dem sie
geschrieben hatte, legte es ins Gras und streckte sich lang aus. So lag
sie eine halbe Stunde, oder eine ganze, sie wußte es nicht, die Hände
unterm Kopf, friedlich aufgelöst in Sonnenschein, Himmel und Geräusch
der See. Dann stand sie auf, klappte den leinenen Sonnenschirm zu,
klemmte ihr Buch unter den Arm und schlenderte langsam über die Wiesen
hin, im Gehen einen lockern Strauß von gelben Sternblumen und Gräsern
sammelnd. So geriet sie in den Schatten des Parks, wanderte hindurch und
geriet an den Teich, ging zur Bank, die dort stand, und setzte sich,
machte ihr Buch auf und las ein Stück im Großen Kriege der Ricarda Huch,
merkte aber, daß es sich nicht gut las im Freien und in der Sonne. Ja,
dachte sie aufsehend, wie kann man im Sonnenschein lesen: Graues Gewölke
bedeckte den Novemberhimmel, oder dergleichen? Aber sonderbar, daß nur
das künstliche Licht abprallt -- denn dabei gehts doch! -- aber die
Sonne läßt ihrer nicht spotten ...
Das Stück des Weihers vor ihr war glatt und schwarz, Himmelsblau und
Wolken erfüllten die Tiefe, vielmals tiefer als der Weiher selber war,
zur Rechten war alles grün, eine rasenhafte Fläche von Entenflott, ja
dort war wohl Magda hineingeritten und hatte Jason herausgeholt. Wie war
das zu verstehn? Jason, der herumging wie eine sonderbare Abart des
lieben Gottes, der sollte hier -- --? Magda freilich, -- ihre Tat war
eher zu verstehn heute. Nur dunkel tauchte in Renate eine sonderbare
Prophezeiung auf, -- ach längst erledigt und abgetan! -- Renate sah nach
links hinüber zu den Baumkronen der Insel in einiger Entfernung.
Sonderbar, die kleine Brücke, die dort hinüberführte, stand ja schräg
empor? Richtig, sie erinnerte sich, daß ein Gewinde daran war, um sie
durch einen Knopfdruck, wenn man auf der Insel war, steigen zu lassen,
so daß niemand herüber konnte, denn es war ja einmal ein Liebespavillon
auf der Insel gewesen, die Trümmer waren erst jetzt fortgeräumt, denn
nun war es ein Friedhof; und nun hatte der Herzog wohl auch das
durchgerostete Hebewerk erneuern lassen. Renate dachte an Stöckelschuh
unter breiten Seidenröcken, an zierliche Krummstäbe, Bänder und
schäferliche Hüte, die einmal über diese Brücke geglitten waren.
Schwerer trug sich ein Sarg von Ebenholz mit silbernen Beschlägen an dem
traurigen Tag der Fackeln und Flöre, seltsam flatternd in kräftigem
Seewind und hellem Sonnenschein.
Indem bewegte sich etwas auf der Insel, ein Mensch, schwarzgekleidet,
kam auf die Brücke zu, von einem andern, kleineren begleitet, der Herzog
auf seinen Stöcken. An der Brücke blieb er stehn und schien
herüberzublicken. Dann ging er über den Steg, blieb stehn, und nun
entfernte sich der Andre, Dr. Birnbaum wars, nach dem Schloß hin. Der
Herzog kam auf dem Uferwege auf ihre Bank zu, langsam, Stock um Stock
und Fuß um Fuß vorwärtssetzend, vornübergebeugt, -- Renate blickte fort,
um es nicht mit anzusehn. Als sie seine Schritte nahe hörte, stand sie
auf, er versuchte eiliger zu gehn und bat sie schon, sitzen zu bleiben.
Bald darauf saß er neben ihr, erhitzt von der Anstrengung, sein Keuchen
unterdrückend, die Stöcke zwischen den Schenkeln, barhaupt. Renate fand
ihn stiller, die Augen freilich hatten sich noch nicht gänzlich wieder
in der Gewalt, und ein Blick von sonderbarer Ängstlichkeit kam dann und
wann zum Vorschein. Verquer dazwischen fuhr dann ein gewaltsamer
Ausdruck von Verächtlichkeit, am Munde im Bart verzuckend. So saß er
eine Weile still, über den See hinblickend, sah dann zur Seite, sah
Renates Buch auf der Bank, rührte mit der Hand daran und sagte, er habe
sie hoffentlich nicht gestört. Renate, schon zufrieden, daß er sich
wieder an einen Menschen gemacht hatte, dachte, daß er nun einen Anfang
gefunden habe, und lächelte nur verneinend; da er aber wieder schwieg,
sagte sie ihm, was sie eben gedacht hatte vom Lesen im Sonnenschein. Er
hörte zu und schwieg weiter, sagte dann, einen Schweißtropfen mit der
Hand von der Stirn wischend: »Ein hübscher Gedanke, ja, sehr hübscher
Gedanke. Meine Frau las viel, auch die letzten Jahre wieder konnte sie
sich doch vorlesen lassen, ja, sehen Sie, das muß man doch sagen, ja,
das muß man doch sagen, daß es, solange ein Mensch lebt, solange er
leben muß, nichts Unerträgliches gibt. Ihr Kopfschmerz war so, immer
durch Tage, ja durch Wochen hin so, daß sie in den ersten Jahren mit
Gewalt am Leben gehalten werden mußte. Ja, und dann hat es sich doch
gegeben, oder vielmehr sie ist es gewohnt geworden. Mitunter waren ja
auch Tage, zwei Tage, drei Tage, wo der Schmerz nur ganz leicht war. An
den schweren Tagen soll es so gewesen sein, als ob -- also wie diese
mittelalterlichen Mundbirnen -- als ob ihr die Knochen des Kopfes von
einer ungeheuer langsamen Gewalt auseinandergetrieben würden, aber das
waren nur die Nerven, ja nur die Nerven. Sehen Sie, und das dauerte nun
bald zwanzig Jahr.«
Er hatte langsam, aber doch leicht und ruhig, beinah trocken vor sich
hingesprochen. Jetzt drehte er sich zu Renate herum, legte die Hand auf
das Buch und sagte:
»Die Weisheit des Herrn ist unvergänglich, und seine Güte währet
ewiglich. Dies Wort ging so in mir herum, und sehen Sie, ich finde es
doch erstaunlich, wie die Menschen solche Worte aufgestellt haben. Man
kann fast nicht daran rütteln, es steht so da wie ein Turm, und wenn es
sich auch nicht denken läßt, so läßt es sich doch sehn, nicht einsehn,
aber sehn, jawohl ...«
Nun schwieg er wieder und sah vor sich hin. Renate dachte, daß dieser
Mensch wahrscheinlich niemals geschwiegen habe. Er konnte alles sagen;
was er wollte und wie ers wollte. Immer waren Menschen da, die es
anhören mußten und darauf eingehn. Und vielleicht gerade, weil er gegen
seine Frau zum Schweigen verurteilt war, hatte dies ihn um so
leichtherziger gemacht im Aussprechen seiner Gedanken gegen die Andern,
gegen seinen Sekretär vor allem, der ihm durch den Tag hin anhing wie
ein Schatten. Denn das Eigentliche war es doch nie, was er sagen konnte,
oder wenn es schon das Eigentliche war, so konnte ers doch nicht auf die
rechte und innerst gewünschte Weise hervorbringen, und es war -- aber in
diesem Augenblick hörte Renate ihn wieder sprechen und merkte betroffen,
daß er eben das, was sie zu denken im Begriff war, aussprach, indem er
anfing:
»Ich will Ihnen sagen -- es ist nun schon so, daß ich den Mund nicht
halten kann,« unterbrach er sich lächelnd -- »ich will Ihnen sagen, daß
ich eigentlich jahrelang, zwanzig Jahre lang in einer fremden Sprache
geredet habe. Ich habe nicht wenig geredet, es war ja immer wer zum
Zuhören da, aber immer habe ich meine Gedanken erst so übersetzen
müssen; in die Fremdsprache. In der eigentlichen schwieg ich mich aus,
in der hätte ich mit Helene reden können, aber nun war das ja
zugeschüttet. Haben Sie«, fragte er, sich unterbrechend, »meine
Schwester kennen gelernt? Richtig, Sie spielten uns ja vor neulich
abend! Ja, mit der Fürstin habe ich wohl auch hier und da ein Wort in
unsrer Muttersprache gesprochen, aber es war doch nicht die richtige,
nein, es war nicht die richtige.«
Er faßte sich mit der Hand nach den Augen, als gebe es etwas
wegzustreifen, und sagte:
»Es ist mir doch fortwährend, als wäre sie selber wie ein Schleier vor
mir weggenommen, und ich kann sie nun erst sehn, wie sie wirklich war,
und was ich -- nie besaß, und was ich nun endgültig verloren habe.«
Er hielt inne, und Renate merkte wohl, daß dies auch nicht die rechte
Sprache war, und wie er herumtastete, hülflos genug, und nach um so
gemeineren, allgemeineren Worten griff, je heftiger ihn nach
eigentümlichen verlangte. Hastig sprach er schon weiter, auf einmal von
seinem Malheur, an das er nun immer denken müsse, dies merkwürdige
Zusammentreffen mit dem Krankheitsbeginn seiner Frau, und er erzählte,
wie das gewesen sei: zwei Stockwerke hoch sei die Planke des Baugerüstes
gebrochen, und er habe schwankend und um sich greifend sich noch gesagt:
springen und -- vornüberfallen, sonst ist das Rückgrat zum -- da lag er
unten, die beiden Füße waren einfach ab. Anfänglich habe er, als es mit
dem Gehen nichts wurde, geheult wie ein Dorfköter an der Kette, -- er
lachte gutmütig und zeigte Renate eine Narbe am Handgelenk, die sei vom
Einschlagen der Glasscheibe am Gewehrschrank, den sie zugeschlossen
hatten, ja, damals sei er ganz außer Rand und Band gewesen. Wie sich
denn aber das Leiden seiner Frau so hartnäckig erwiesen habe wie seine
Gehunfähigkeit, da habe er nachgegeben und um so leichter verzichtet.
Vielleicht, meinte er, hätte ich sogar gehen gelernt, der Arzt sagte
sowas von ein paar Jahren, dann würde alles wieder zurechtgewachsen sein
...
»Aber sehen Sie,« hörte Renate ihn wieder deutlicher reden, da sie sich
aus den Vorstellungen und Bildern, die seine Worte erzeugten, losmachte,
»da wollte ichs denn auch nicht mehr, wenn Sie vielleicht eine Ahnung
haben, was Warten ist, Warten, wie sie und ich auf ihre Heilung, auf
Linderung gewartet haben, erst Wochen, sechs Wochen, neun Wochen, zwölf
Wochen, und auf einmal warens Monate, drei Monate, fünf Monate, acht
Monate, und nun -- Jahre, ein Jahr, drei Jahre, vier Jahre, fünf Jahre,
sechs Jahre und am Ende -- alles umsonst.«
Er schlug die Handballen gegen die Stirn, krümmte und wand sich
innerlich. Gleich aber ermannte er sich wieder, setzte sich gerade,
faßte seine Stöcke und sagte:
»Ja, sehen Sie, dabei bin ich nun das hier geworden. Sie glauben
vielleicht, ich wäre als Junge so was gewesen wie Georg. Ha, der Junge
denkt in einer halben Stunde soviel wie sein Vater nicht im halben
Jahr!« Er lachte. »Ich sage nicht, daß ich mit ihm zufrieden wäre, man
muß ihn schon lassen, da läßt sich nichts ändern, übrigens ist er die
Monate jetzt in Trassenberg stramm hinter der Arbeit gewesen, mein
Sekretär bezeugts, also ist es wahr. Ein komischer Bursch. Ja, hören Sie
mal, wir machten eine kleine Reise zusammen, gehen in einen Laden, und
ich kaufe was für Helene, da habe ich kein Geld bei mir und sage ihm, er
solls auslegen. Ja, er hätte kein Geld bei sich, sagt er. Nun, das kann
vorkommen, aber ein paar Tage später passiert dieselbe Geschichte, und
da erzählt er mir denn, er hätte überhaupt niemals Geld und zeigt mir so
zwei, drei Goldstücke, das sei alles, die brauche er hin und wieder zum
Verschenken, und zeigt mir ein Scheckbuch und sagt: >Ich schreibe
immerzu meinen Namen.< Unbegrenzten Kredit _haben_, ist groß, sagt er,
ihn benützen kann nur kleiner sein, -- oder so ähnlich. Nein, da war ich
ein Windhund gegen ihn. >Höchstes Glück der Erde,< wie der Dichter
singt, >heißt der Adelsspruch, liegt auf dem Rücken der Pferde< und so
weiter. Ja, das waren auch Zeiten!« Er sah an Renate vorüber weit weg in
die Erinnerung.
»Eines Tages,« begann er wieder mit leiserer Stimme, »eines Tages sagte
eine junge Dame zu mir, weil ich irgendwas nicht gewußt hatte: >Wie kann
man so dumm sein!< Das hatte ich noch nie gehört, und nun von solch
einem Wesen mit großen Augen und braunen Haaren! Die Sache war schon
abgekartet, sie war Hofdame und würde nicht viel haben, aber doch gerade
so ein Stück Land, das meinem Vater zur Abrundung fehlte, sie war
reichsunmittelbar, und so paßte alles, bloß ich habe ihr ganz und gar
nicht gepaßt. Wir verlobten uns allerdings, und ich war heftig verliebt,
sie aber schickte mich auf Reisen. Mein Vater hatte nichts dagegen, und
so reiste ich, ja, ich reiste nicht allein, ich hatte eine Geliebte, die
nahm ich mit, ich war trotzig auf meine Braut, so fuhr ich um die halbe
Welt, aber ich kam wohl nicht viel anders wieder, als ich ausgefahren
war. Ja, nun hören Sie, wie es mir erging. Ich hatte doch gedacht, meine
Braut würde das nicht merken mit meiner Reisebegleiterin, aber weit
gefehlt, denn sie hatte mich auf der ganzen Reise von einem Freund
beobachten lassen -- dies gestand sie mir erst Jahre später --; und
also, wie ich wieder vor sie hin trete, sagt sie: Wo bist du gewesen? --
Es ging mir durch und durch, wie sie mich ansah, dermaßen kaltblütige
Augen machte sie, und ich fing an zu stottern. Bisher, sagte sie da, ich
höre es noch heute, bisher habe ich dir wenig genützt; nun kannst du
noch mal andersherum um die Welt fahren, dann werden wir weiter sehn. --
Diesmal aber gab sie mir einen Freund mit, einen kleinen Juden, den ihr
Vater als Bocherknaben aufgegriffen und erzogen hatte. Er hatte alles
gelernt, was es in der Welt zu lernen giebt, sprach viele Sprachen, war
so unauffällig wie eine Katze, so bescheiden wie ein wohlerzogener Hund
und so klug wie Rabbi Löw, nun, Sie kennen ihn, er hat sich seitdem
verändert, es ist mein Doktor Birnbaum, der ging also mit, und da gingen
mir die Augen auf. Als ich dann wieder kam, -- nun, was mich selber
angeht, ich hatte einen Eckstein zu mir gelegt, und sie fiel mir damals
um den Hals und sagte, sie wäre gestorben, wenn sie mich nicht gekriegt
hätte. Sie hätte mich ja nicht gewollt, grollte ich da. Dummes Zeug,
sagte sie, ich --«
Überdem gingen ihm die Worte aus, seine Augen verdunkelten sich, es
rauschte im See, er drehte sich heftig um, der schwarze Artaxerxes
kletterte von der Insel ins Wasser, schlug mit dem lebendigen Flügel und
glitt schaukelnd davon.
»Ein Jahr«, sagte der Herzog vor sich hin, »neun Monate lang war sie
jung und schön und zierlich; ihre Hände griffen kräftig zu, und so
packte sie mein Herz, sie ließ ihrer nicht spotten, ja, und nun ist sie
ja tot ...«
Der Schwan hatte einen Bogen geschlagen, kam nun in schnurgerader Bahn
auf die beiden Sitzenden zugeschwommen, hin und wieder den Kopf drehend,
ein wenig emporfahrend bei jedem Stoß des ruhig treibenden Fußes.
Gleichzeitig wurden Schritte hörbar, Doktor Birnbaum erschien, langsam
am Ufer hergehend. Der Herzog wandte sich nach ihm um, nickte und sagte,
wieder zu Renate gedreht, trübherzig spottend: »Der Arzt mit der
mahnenden Arzneiflasche Arbeit.«
Der Doktor nahm ein Stück Brot aus der Tasche, brach Brocken ab und
streckte die Hand aus; der Schwan schwamm ans Ufer, stieg herauf, der
lahme Flügel hing kahl und ergraut zu Boden, er streckte den Hals, nahm
den Brocken und verschluckte ihn; dabei sah er mit dem roten,
stirnartigen Wulst über dem Schnabel und den rotgeränderten Augen nicht
klüger und nicht stolzer aus als ein häuslicher Hühnervogel. Der Herzog
seufzte leicht und stand auf.
»Doktor Birnbaum, sehen Sie, hat auch den Schwan repariert,« sagte er,
»schon benimmt er sich wieder zahm und manierlich.«
Er nahm die Stöcke in die linke Hand, streckte Renate die rechte hin und
bat, ihm nicht zu zürnen ... Sie konnte ihn nur herzlich ansehen und ihm
die Hand drücken. Er drehte sich weg, reichte dem Doktor einen Stock und
faßte seinen Arm. Renate wandte sich ab.
Auf dem grünen Uferstreif hockte der Schwan und putzte mit dem Schnabel
an dem vertrockneten Flügel. Lange blickte sie gedankenvoll auf ihn
herunter, dann kam Magda, um sie zum Frühstück zu holen, aber sie schien
dem Schwan nicht zu gefallen, er fauchte, machte sich auf, stieg ins
Wasser und zog mit unwilligen Kopfbewegungen davon. Magda lächelte und
meinte, er habe es ihr nicht vergessen, daß sie ihn überflog, -- fragte
dann, ob Renate mit dem Herzog gesprochen habe. Renate versuchte,
während sie auf das Haus zugingen, einiges von dem, was er gesprochen
hatte, wiederzugeben, gewahrte aber jetzt, als habe Gewölk sie bisher
verdunkelt, die Sonne wieder, den juligrünen Garten, atmete auf, brach
einen Satz inmitten ab, legte einen Arm um die Freundin und sagte:
»Ich möchte dich an der Hand fassen, wie meinen Vater als Kind, wenn ich
>blind< mit ihm spielte, und so mit geschlossenen Augen durch den Wind
und den Sommer hingehn.«
Sie blieb stehn, schloß die Augen, streckte die Arme ein wenig rechts
und links und rief leidenschaftlich: »Ach, ein Unsichtbarer hat uns ja
doch immer an der Hand und führt uns durch Winter und Sommer, wohin er
will.«