Requiem

Renate, an einem offenen Flurfenster im ersten Stockwerk des Nordflügels

von Helenenruh stehend, als es eben Nacht geworden war, hörte Magdas

singende Stimme, die im Klaviersaal die Gruppe aus dem Tartarus begann.

Ein Fenster war dort offen und matt erleuchtet. Renates Augen ruhten

halbgeschlossen im ungewissen Dunkel, das leise vom fallenden Regen

rauschte und sich zu bewegen schien. Ein Tropfen spritzte hier und da

herein, ihre Hand treffend, ihre Stirn; es war kühl. Am Himmel oben über

den beweglichen, finsteren Massen der Baumwipfel war ein wenig Licht

hinter gelblichem, dahinflüchtendem Gewölk. Bleich gegenüber schimmerte

die Wand des Südflügels. Ohne hinzusehn konnte sie in dem erhellten

Saalfenster zur Linken den Lichtschein der unsichtbaren Lampe gewahren,

die in der Mitte auf einem Tisch stehen mußte, und, schräg durch den

Raum hin, die hohe weiße Mitteltür samt ihrem flachen Giebeldreieck und

dem fast schwarzen Porträt im Goldrahmen darüber, dicht unter der

Zimmerdecke. Zu sehn war niemand.

Die Musik des Harmoniums kam sanft und wehend, -- schön, klar und

kräftig kamen die dunklen Töne der singenden Stimme durch den Regenfall.

Ein heftiges Aufschaudern der windgetroffenen Baumkronen überrauschte

jetzt alles, es ward still, leiser der Gesang, in einer Dachrenne

plätscherte hörbar die Regenflut, es klapperte, -- oder wars auf der

Terrasse? -- Da stürzte mit mächtigem Aufbruch, ja wie ein großes,

schwarzes Panthertier stürzte die große, tiefe Stimme mit »Ewigkeit!

Ewigkeit! Bricht die Sense des Saturns entzwei!« in das Finstre, warf

sich durch den Nachtstrom empor, triumphierte, senkte sich, stieß ein

zweites Mal siegreich vor und schwand im Allgemeinen der Musik,

untertauchend wie ein Schwan, und in den verworrenen Stimmen der

Regennacht.

Renate bebte leise, frierend von Nachtkühle und dem Gesang. Lauter toste

der Regen. Oh dies gewaltig gebliebene Herz in der singenden Brust! Aber

oh, wie waren die Toten einsam und ganz im Freien, ausgesetzt aller

windigen Geschäftigkeit der Nacht und der wimmelnden Erde! -- Da sah sie

den Katafalk der Herzogin mitten in der Nacht stehn, schwarz, die großen

Kandelaber, flatternd im Winde Flöre und Kerzen, das große,

starkriechende Gepränge der Blumen, Schleifen, Palmwedel, umher die

Schauer gedrängter Menschen, und inmitten das seltsam kleine, kaum

wahrnehmbare tote Antlitz der aufgebahrten Gestalt, in weißen Kissen,

gerader und viel steifer, als sonst ein Mensch liegt. Daneben war der

Rücken des Herzogs, gebeugt, sein Hinterkopf, der kein Auge von der

Schläferin wandte.

Aber dies verschwand, und im lichten Morgenkleide kam die Herzogin zu

einer Tür herein, zu ihr, die an einem Fenster stand, einen Morgengruß

hinnickend, und setzte sich an den Frühstückstisch. Sie sagte mit

leichter Stimme etwas, aber Renate konnte es nun nicht mehr hören,

besann sich vergeblich auf Worte, fühlte, daß sie traurig war und das

schreckliche Entgleiten eines Toten, der uns nicht sehr nahe stand, ins

Ungewisse. Da war das Gesicht des Herzogs, wie es langsam aus dem

Wagenschlag kam, die heißen Augen, die herumfuhren, zu ihr empor, und

sie wollte die Stufen hinunter; sein ganzes Gesicht war gesträubt von

Bart, dann kamen unten die Stöcke zum Vorschein, er zwängte sich heraus,

stand, und an Renate vorüber eilte Magdas schwarzgekleidete Gestalt zu

ihm, und dann schien etwas ihn zu durchbrausen, und er hing über ...

Wollte Magda nicht wieder anfangen? Das Harmonium war sehr gedämpft

hörbar, lange Zeit. Renate setzte sich auf die Fensterbank, den Rücken

gegen den Rahmen gelehnt, vom Schlosse weg ins Dunkel der Parkwiese

blickend. Gleich darauf ward es am Ende des Flurs hell; die

Wendeltreppe, aus der Tiefe beleuchtet, ward weißgetüncht sichtbar, und

von unten heraufsteigend erschien ein Diener in Frack und Kniehosen; er

griff nach der Wand, die Lampe unter der Decke glühte hell auf, kam auf

sie zu und bat sie, in den Saal zu kommen. Sie fragte, ob auch die

Fürstin Schwester dort sei, und er bejahte.

Wenig später stand Renate vor der Saaltür und hörte von drinnen das

Harmonium im sachten Vorspiel zu >Du bist die Ruh<. Sie zauderte,

wartete dann einen Augenblick ab, wo der Gesang schwoll, öffnete

behutsam und trat ein. An der Tür blieb sie stehn.

Auf dem ovalen Tisch in der Saalmitte stand eine Petroleumlampe von

glänzendem Messing mit geradem, grünem Schirm. Aha, die selbe Lampe,

welche die alte Fürstin stets auf Reisen mit sich zu führen pflegte,

ergrimmt auf das elektrische Licht. Da saß sie, rechts am Tisch, und

strickte, sah nicht auf, denn sie zählte gerade, die Maschen mit dem

linken Daumennagel zusammenschiebend; das in Falten hängende Kinn --

Festons hatte Georg gesagt, und einen Augenblick kam Renate sein Gesicht

dazwischen, verdunkelt von der schwarzen Kleidung und verlegen, weil er

gescherzt hatte mitten in seiner Trauer -- gegen die Brust gedrückt, sah

sie von oben schräg auf ihre Hände; eine kleine eiserne Brille hing ganz

vorn auf der Nasenspitze wie ein windiges Geländer. Diese sparsame Alte

trug eine gestrickte schwarze Mantille um die Schultern, aber die Hände,

die aus schwarzen Pulswärmern kamen, waren über und über beladen mit

funkelnden Ringen. Jetzt sah sie gegen Renate auf, dunkeläugig, rückte

an ihrer Brille, musterte sie scharf, fuhr mit flacher Nadel über die

aufgesträubten Blätter eines vor ihr liegenden Buches -- sie dehnten

sich gleich wieder empor --, blickte hinein, blickte wieder auf und

verneigte sich mit dem Oberkörper, freundlich lächelnd und nickend,

während Renate zu Boden sank. Dann hielt sie ihr Strickzeug weit von

sich ab, fuhr mit gewaltigem Stoß der linken Nadel hinein und rasselte

darauflos, nicht ohne schräg von oben gegen die emporstehende Buchseite

zu blicken. -- Renate lächelte in sich hinein, denn da die Fürstin außer

ihren beiden Beschäftigungen auch wohl noch auf den Gesang hörte, so

schien ihr dies eine gewinnsüchtige, aber geschickte Alte.

Links am Tisch sah Renate nun den breiten roten Rücken eines Sessels mit

vergoldeter Umrahmung auf ganz kurzen Beinen. Darüber war der Hinterkopf

des Herzogs, wie ein Strudel: eine tonsurhafte kahle Stelle mitten im

Wirbel des großen, runden Haarschädels im Schatten der Lampe. Renates

Eintreten hatte er scheinbar nicht gehört.

Und da rechts in der Ecke, halb im weißen Vorhang des offenen Fensters,

war noch etwas Lebendiges, nämlich ein kleiner Greis mit glattem,

rosigem Gesicht, aus dem zwei freundliche kleine Augen Renate unbeirrt

anstarrten, während ihm ein rosenroter Papagei über die Hände im Schoß

an der Weste hinaufkletterte, sehr mühselig, mit Schnabel und Krallen

sich abwechselnd einhakend und festkrallend.

Daneben war die dunkle Türöffnung zu den Zimmern der Toten. Stand sie

vielleicht darin, auch zuhörend, die Augen im sanften Licht,

erleichtert? -- Aber Magda blickte vom Harmonium herüber, nickte und

lächelte während des Zwischenspiels. Renate lehnte sich gegen die Tür,

folgte den langsamen und kunstlosen Griffen und Veränderungen der

schmalen Hände auf der Klaviatur, selber fern in unbewußten Gedanken,

kaum hörend, daß jemand sang. Dann war es still im Raum.

Der kleine Greis, augenscheinlich der Mann der Fürstin, klopfte seinem

Papagei auf den Kopf und erhob sich. Die Fürstin sah auf, räusperte sich

stark zum Herzog hinüber, zog, da er sich nicht bewegte, eine Nadel aus

dem Strumpf, zeigte damit auf Renate und sagte: »Nun sie!«

Magda erhob sich. Jetzt bewegte sich der Kopf des Herzogs, einen

Augenblick wurden seine Stirn und Augen über der Sesselwand sichtbar,

dann stand er schwer auf und sagte heiser: »Guten Abend.« Und zu den

Andern: »Bitte, dies ist Fräulein von Montfort.«

Der kleine Fürst kam zierlich und ein wenig schlotternd im Gehrock

herbei, den Papagei an die Brust gedrückt, und verneigte sich sehr tief.

»Setz dich nur!« schrie die Fürstin. Er machte mit der rechten Hand eine

Muschel am Ohr und hielt es ihr hin, aber sie sah es nicht, und während

er sich, Renate zulächelnd und kopfschüttelnd, zurückzog, sagte sie zum

Herzog, kaltblütig auf französisch, dies wäre ein sublimer Mensch,

worauf sie in derselben Sprache zu Renate fortfuhr, sie habe das auf

französisch gesagt, um die Schmeichelei nicht so geradezu

herauszuschmettern. Freundlich und auf deutsch bat sie dann etwas zu

spielen. »Aber nichts Modernes!« sagte sie.

Renate setzte sich, aber nun fiel ihr nicht das geringste ein. Endlich

fand sie die kleine Ballettmusik zu den Gluckschen Gefilden der Seligen

und fing damit an, gleich darauf sich erschreckt fragend, ob wohl außer

Magda jemand den unpassenden Titel der Musik kannte; die war freilich

sanft und lieblich genug. Als sie geendet hatte, sagte die Fürstin, das

wäre Kleinkindermusik. So begann sie denn das Orgelkonzert von

Friedemann Bach, indem sie dachte: ich will dirs heimzahlen. Bald aber

erschrak sie heftiger, denn sie fühlte plötzlich eine Hand auf ihrer

Schulter. Die Fürstin neben sich gewahrend, wollte sie schon die Hände

von den Tasten nehmen, weil aber weiter nichts erfolgte, spielte sie

fort, die Fürstin blieb so neben ihr, und nun jagte sie die achttaktige

Fuge in ihr großes Rasen hinein, daß es in den Fugen des Instrumentes

krachte. Am Ende des ersten Satzes sagte die Fürstin nur: »Weiter!

Zweiten Satz!« Sie schien mächtig aufgeregt, und so ging auch dies

endlos scheinende Gigantengehämmer des nächsten Satzes ohrbetäubend

vorüber, ohne daß die alte Dame ihre Stellung verändert hätte. Am Ende

atmete sie gewaltig auf, packte Renates Gesicht, küßte sie unter

plötzlich strömenden Tränen und rief: »Heldenhaft! Heldenhaft!« Dann

erklärte sie, daß sie gern so neben einem Spielenden stünde; das ginge

ihr dann gewaltig durch Mark und Bein. -- Als Renate sich im Sessel

umdrehte, blickte sie gerade gegen die geröteten Augen des Herzogs, die

sie starr anschauten. Seine Schwester trocknete sich die Augen und das

Kinn, über das ihr vor Eifer ein wenig Mundfeuchte heruntergelaufen war.

Dann riß sie ihren großen Pompadur auf, fuhr tief hinein und brachte

einen Kake zum Vorschein; den schenkte sie Renate; er war nicht mehr

ganz heil. Es war eine kriegrische alte Frau.

Am Tische sitzend nahm sie ihren Strumpf wieder auf, setzte die Brille

auf, kratzte sich dann nachdenklich mit einer Nadel den Kopf und sagte:

»Weißt du, Woldemar, an wen dies Spiel mich erinnert? An meinen

Kardinal. Kardinal Massi. Er war nur ein dürrer Mensch,« erklärte sie

Renate, »aber er hatte allmächtige Pranken und eine höllische Seele. Er

war ein gottloser alter Heide, aber vor jeder Musik, die er machte,

sagte er die Worte: >Im Namen des allbarmherzigen Gottes ...<«

Der Herzog lächelte und meinte, so fingen die Koransuren an.

»Die was?« fragte seine Schwester.

»Die Gebete im Türkenkoran.«

»Er wird sich den Teufel um Suren kümmern, wenn ihm einer auf goldenen

Wolken zufliegt, der Herrgott«, versetzte sie stramm, nahm ihr Buch vor

und fing trotzig zu lesen an.

Es war nun still. Renate sah zu Magda empor, die hinter ihr an der Wand

lehnte; sie blickte mit weit offenen Augen ins Leere. Renate sah die

Gestalt der Toten in diesem Blick und wandte ihr Gesicht vorsichtig dem

Herzog zu. Der saß tief vornübergebeugt im Stuhl. Jetzt löste sich fern

drüben zwischen den Klavieren eine Gestalt aus dem Dunkel, Dr. Birnbaum,

der auf den Zehen herkam, eine dicke Zigarre vorsichtig in der

ausgestreckten Hand, von der er ein großes weißes Aschenstück in eine

Bronzeschale auf dem Tisch legte. Er entfernte sich ebenso leise und

ohne die Augen zu erheben. Ganz hinten auf einem Stuhl an der Wand

zwischen zwei Klavieren setzte er sich nieder. Aber dem Herzog mußte der

Vorgang doch bewußt geworden sein, denn nun richtete er sich auf, zog

ein Zigarrenetui aus der Brusttasche, nahm eine heraus, die Augen mit

ungewissem Blick gegen die Lampe gerichtet, biß die Spitze ab, nahm sie

von den Lippen, legte sie auf die Aschenschale, ergriff die

Streichhölzer und schien dann all dies zu vergessen. Er bewegte sich

nicht mehr. Endlich kam Magda zum Tisch vor, nahm die Schachtel aus

seiner Hand, strich ein Hölzchen an und hielt es ihm hin. Aufblickend

nahm er es aus ihren Fingern, nickte sehr eifrig dankend, rauchte an und

sagte: »Ihr macht eine schöne Musik ...« Dann blies er das Streichholz

aus und legte es hin.

Indem sagte eine ganz ferne, lippenlose, vernöckerte Stimme, leise

warnend: »Heinrich, der Wagen bricht!« --

Magda, der Herzog, Renate, alle Drei sahen nach dem Papagei in der Ecke,

der sorglos vom Fußboden am Vorhang hinaufstieg. Der Herzog blies eine

starke Qualmwolke, lehnte sich grade zurück und sagte mit Gleichmut vor

sich hin: »Nein, Herr, der Wagen nicht!« Und schwieg. Die Fürstin hatte

nicht aufgesehn.

Da erst fühlte Renate die Beängstigung des Raumes und der Stille. Die

Tote war überall zugegen; jede Bewegung bog um sie aus, jedes Wort hielt

sich vor ihr zurück, jeder Blick glitt erst von ihr ab, ehe er zu

jemandem hinging. Oh, gegenwärtiger war sie nun als jemals, da sie ja

kaum sichtbar gewesen war am langen Tag; oder war es gerade dies, daß

Alle, die sie gekannt hatten, immer nur eine Abwesende in ihr besaßen?

Und wenn sie jetzt erschiene, -- würden sie erschrecken? Sie war doch

immer so selten gekommen! -- Dumpf polternd fiel der Papagei zu Boden,

der Vorhang bauschte sich, hörbar war der Regen, und Renate zerbrach

sich den Kopf um etwas, das sie sagen könnte, aber die unsichtbare tote

Seele hatte auf alle Dinge umher die Hand gelegt und Schweigen geboten.

Dazu quälte es Renate, daß sie sich inständig mit dem Herzog

beschäftigen mußte, ohne im geringsten wissen zu können, welcherlei Art

das war, das in ihm vorging, und so folgte sie stumm und wie gebannt den

Bewegungen seiner Schwester, die jetzt ihr Buch zuklappte, die Brille

abnahm, ins Futteral steckte, dann Brille und Buch in ihren Pompadur,

und aufstand. Gleichzeitig erhob sich ihr Mann in der Ecke. Sie ging um

den Tisch, blieb vor ihrem Bruder stehn, der in die Lampe sah, und

fragte ihn in versöhnlichem Ton und schonend: »Glaubst du vielleicht ans

Jenseits, Woldemar?«

Er blickte sie kurz an, sah wieder fort, schien lange zu zaudern mit der

Antwort und sagte endlich: »Ich weiß nicht ...«

»Nein, Woldemar,« sagte sie entschieden, »nein, das verstehe ich nicht.

Denn erstens wirst du sehn, daß es unrecht ist, später, denn dann hast

du sie fortgeschickt, nach da oben hin --« Sie trat eilig an den Tisch,

strich mit beiden Händen die Falten der Decke glatt und fuhr fort: »--

und dann wirst du sehn, wie schrecklich es ist, wenn ihre Seele in allem

abstirbt, was sie hier unten hatte, und auch in dir. Zweitens aber --«

Sie, klein und zierlich, kreuzte die Arme unter ihrer Mantille und

sprach über die Lampe hinweg zu Renate hinüber -- »-- zweitens sind wir

allerdings von Natur ungenügsam, und sollens auch sein; das mit dem

Jenseits aber, das sollten wir doch wohl den Armen lassen. Es sind schon

so viel, daß das ganze Jenseits davon voll wird. Sollen sie gar nichts

für sich allein haben?«

Der Herzog sah zu ihr auf, aber Renate konnte sein Gesicht nicht sehn.

Nach einer Weile fuhr die Fürstin fort, das Gesicht wieder auf die Lampe

senkend, und als rede sie mit sich selber: »Mehr als dreitausend Mark im

Jahr für sich haben und dann noch an ein Jenseits glauben, -- das ist

ruchlos.«

»Sie leben«, unterbrach der Herzog mit rauher Stimme, »auch mit

dreitausend Mark wie in einem irdenen Topf.«

»Die meine ich nicht,« versetzte sie fest, »du weißt wohl, wie ich es

meine. Ihr habt,« sprach sie nun leiser fort, »ihr habt eine Seele, mit

der ihr die ganze Erde bedecken könnt; ihr habt eine Phantasie, mit der

ihr die ganze Welt mit Göttern, Christussen, Heiligen und Helden

bevölkern könnt; ihr habt eine Liebe, die euch das Fernste so nah machen

kann wie Kleid und Haar, -- was habt ihr nicht? Und ihr wollt doch noch

ein Jenseits, damit es gar niemals aufhört? Seid froh, wenn ihr endlich

schlafen könnt.«

»Du warst immer eine harte Frau«, sagte der Herzog.

»Ich dachte, du wolltest sagen, eine harte alte Frau,« erwiderte sie

nicht ungütig, »aber das würde nicht gestimmt haben, wenn ich auch

zwanzig Jahre älter bin als du.«

»Zwanzig Jahre«, sagte der Herzog ruhig, »ist sie da im Dunkeln auf

ihrem Teppichstreifen hin und her gegangen, und du sagst: >daß es nur

niemals aufhört<.«

Renate, die das selbe gedacht hatte, sah auf einmal Magdas Augen, die

noch am Tische stand, die Hände auf der Platte, sehr dunkel im

erbleichten Gesicht auf sich gerichtet. Sie schien etwas sagen zu

wollen, die Fürstin ebenfalls, aber dann sahen Beide sich an und

schwiegen. Dann kam etwas Weinerliches in die verwelkten Züge der alten

Frau, sie machte ein paar heftige Kaubewegungen, nickte irgendwohin und

sagte: »Also, gute Nacht!« -- Ihr Mann folgte ihr nach tiefer Verbeugung

vor Renate mit leicht verwirrtem Gesicht hinaus.

Jetzt fegten die Sommerstürme durch den Park hin, warfen sich gegen das

Haus und schütteten Regen, daß es rauschte. Die Läden krachten und

klapperten, am offenen Fenster wehte der Vorhang, Magda ging hin und

schloß die Flügel. Der Herzog warf sich plötzlich im Stuhl herum und

fragte hastig: »Sie bleiben doch noch?«

Renate nickte erregt und hülflos, fragte sich, ob sie noch spielen

sollte, wandte sich dann zu Magda hinüber, aber die war nicht mehr am

Fenster. Noch zauderte Renate, erhob sich dann aber leise, schritt bis

zur Türöffnung und ging dann, da sie fern einen leisen Lichtschein

bemerkte, durch die dunklen Zimmer Magda nach.

In dem großen, düstern Gemach saß Magda am kleinen Rokokoschreibtisch

der Herzogin bei einem Licht vor den matt glänzenden

Goldbronzebeschlägen der vielen kleinen Schubkästen des Aufsatzes, unter

dem Bilde des Herzogs, die Unterarme auf der Tischplatte. Renate legte,

zu ihr tretend, die Hand auf ihre Schulter, und sie sagte:

»Ich kann nicht mehr; ich möchte zu Bett gehn. Laß ihn noch nicht

allein. Starke Männer wie er sind so hülflos. Es wäre gut, wenn er

weinen könnte. Was schenkst du mir vorm Schlafengehn?« fragte sie, zu

ihr aufblickend.

Sie schwiegen Beide, Beide an die Genfer Zeit denkend, wo Renate Magda

allabendlich einen Spruch schenken mußte, und Renate schauderte vorm

Schwinden der Zeit. Lange fiel ihr nichts ein, doch dann kamen die Worte

Hölderlins zum Vorschein, die sie leise über Magdas Scheitel vor sich

nieder sagte:

»Gleich dem Gewölke dort geh ich dahin, und du

Ruhst und glänzest in deiner

Schöne wieder, du süßes Licht.«

Als sie zusammen in den Saal zurückkehrten, stand der Doktor Birnbaum

neben dem Herzog, an seiner Zigarre wickelnd, den Kopf gesenkt; der

Herzog hielt den seinen in der linken Hand, die er auf das Knie gestützt

hatte. Plötzlich machte der Doktor einen kleinen Ruck von Verbeugung und

schlich leise hinaus. Magda hatte sich von Renate losgelöst, stand einen

Augenblick frei im Raum, schien zu schwanken, aber dann ließ sie die

Hände fallen und ging eilig zur Tür und verschwand. Renate blieb stehn,

schaudernd vor Ratlosigkeit. Der Sturm wühlte heftiger um das Gebäude;

am ganzen Haus schienen klappernde Dinge locker zu sein, die sich

losreißen wollten. Auf einmal schlug irgendwo in der Tiefe eine ferne

Tür laut hallend zu. Der Herzog ließ die Hand sinken, richtete sich auf

und sah Renate in seiner Nähe. Augenblicks mußte er lächeln, und sie sah

deutlich den Ausdruck eines Menschen, der leidet und dem ein Andrer eine

schöne Sache hingeschoben hat, über die er sich freuen muß, -- aber dies

erlosch, er senkte langsam den Kopf und sagte, scheinbar aus früheren

Gedanken und sehr verzweifelt: »Wissen Sie denn vielleicht einen

Spruch?« -- Sie erschrak.

Aber sie dachte nicht weiter, suchte umher, aber nun war sie durch die

Verse vorhin an Hölderlin gefesselt, ihr fiel ein: >Wie so selig doch

auch mitten im Leide mir ist<, und das sinnlose Wort ließ sich lange

nicht abschütteln, bis sie endlich wieder jenes erste erhaschen konnte,

und im dunklen Gefühl, daß es irgendeinen Sinn habe, sagte sie leise das

Ganze auf:

»Heilig Wesen! gestört hab ich die goldene

Götterruhe dir oft, und der geheimeren

Tieferen Schmerzen des Lebens

Hast du manche gelernt von mir.

O vergiß es, vergieb! gleich dem Gewölke dort

Vor dem friedlichen Mond, geh ich dahin, und du

Ruhst und glänzest in deiner

Schöne wieder, du süßes Licht!«

Sie hatte nach der Lampe gesehen, solange sie sprach, und nun, ohne erst

mit Augen zu fragen, wußte sie, daß sie zu ihm hinzugehn hatte, aber

jetzt war es der Erasmus, dem sie die Hand auf die Schulter legte.

Während vor ihren verdunkelten Augen die Wände der Kapelle sichtbar

wurden, die Pfeifen der Orgel, die Fensters, hörte sie das aufsteigende

Schluchzen in der Brust des Mannes, das er noch bezwingen wollte, dann

fühlte sie ihre linke, herabhängende Hand heftig ergriffen, und diese an

seine Schläfe pressend, daß es sie schmerzte, weinte er, und sie hielt

still, bis er genug hatte. Einmal, wie ein Knabe, der glaubt, sich

entschuldigen zu müssen, brachte er hervor, ungeschickt und kläglich:

»Sie war doch nie da, und nun ist sie ganz fort.« Renate biß die Zähne

zusammen; langsam hörte er auf. Um ihn ja nicht zu beschämen, ging sie

eilfertig hinaus.

In ihrem Zimmer saß Renate lange auf einem Stuhl, biß ins Taschentuch

und dachte, es sei nicht anders, und sie müsse dem Erasmus nun

schreiben, daß er sie haben könne. Sie fühlte mit furchtbarem Reiz den

Zwang, irgend etwas zu tun, als sei da ein Strom des Leidens, über den

ein einzig Mal und in diesem Augenblick der Damm einer Tat geworfen

werden müsse, und wenns eine Untat war. Der Erasmus hatte niemand, und

ihm stand sie doch nah, und der reiche Mann hier, der Herzog, der hatte

gleich jemanden bei der Hand. Ihr quoll das Herz von Elend, die Zunge

ward ihr bitter im Mund, sie sprang auf, lief zur Tür, auf den dunklen

Flur und an ein Fenster. Aber es war kein Licht mehr im Saal. Im Dunkel

gesträubte Gestalten von Bäumen schüttelten sich, wankten, schlugen mit

Ästen; schwer goß der Regen, und die Dachpfannen lärmten. Einmal, dachte

Renate sinnlos, sind wir ja alle tot. -- Als aber jetzt ein

Geisterscheinen durch die Nacht ging, hielt sie es für die abgeschiedene

Seele, die in Sturm und Nächtelärm auch noch nicht wußte wohin,

herumwehend, nach Seufzern der Lebenden haschend und langsam, langsam

sich verlierend in das Allgemeine der dämmrigen Welt.

Sie trat zurück vom Fenster, ging in ihr Zimmer, entkleidete sich müde,

legte sich und verlor in Bälde Sinne und Herz in dem öden Dämmerland der

zerfließenden Träume.

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 79 / 124 题