am 16.
Der Brief blieb versehentlich liegen.
Ein letztes Wort, Benno, über mich selbst.
Nämlich, läge die Sache einfach; wäre er, den ich Vater nenne -- heut
wahrer als jemals! -- wäre er ein Privatmann, und handelte es sich
sonach für mich um nichts weiter als Namen, gesellschaftliche Stellung
usw.: dann wäre die Sache einfach. Ja, dann wäre sie derartig einfach,
daß ich fast denke: in solchem Fall würde ich bleiben, der ich --
scheine, sein Sohn. Es wäre nicht der Rede wert, Änderungen zu schaffen,
die rein moralisch sein und bleiben würden, die keine praktischen Folgen
hätten.
Die Sache liegt aber nicht einfach, sondern verdoppelt durch die
Möglichkeit, das ich in Deutschland regierender Landesherr werde; daß
ich -- die Worte klingen großartiger als die Sache -- vor einen Teil der
Menschheit mit Ansprüchen hintreten kann, die sie nach den in ihr
bestehenden Gesetzen mir nicht zubilligen würde, wenn sie mein Geheimnis
kennte.
Dies die negative Seite der Sache; und die positive?
Nicht eitel genug, mir vorzuspiegeln, daß dieses Land, das ich innig
liebe, Trassenberg, meiner bedürftig ist und keines Andern; und zu klug,
um nicht einzusehn, daß ich nur selbstsüchtig, nur aus -- Ehrgeiz
handle, weiter nichts: kann und darf ich mich doch der Einsicht in das
nicht verschließen, was werden würde, wenn ich -- abtrete. Trassenberg
ist, dank der Einflüsse meines Vaters, ein blühendes Land. Beuglenburg
ist ein Sumpf mit einigen Kaligruben, und aus dem Beuglenburger
Geschlecht kann nichts Gutes mehr kommen. (Der Alte ist krank und
stumpf, der Sohn ein kränklicher Knabe, eine Tochter zählt nicht, weil
nicht erbberechtigt.) Muß mir nicht Vieles schicksalsvoll vorkommen?
Warum liegen die Dinge eben so? Warum gehörte dies Land einmal den
Trassenbergern? Warum war und ist mein Vater, warum grade ich? Hier ich
-- und da die todkranke Beuglenburger Sippe?
Darum nunmehr zum Kern.
>Von des Lebens Gütern allen ist der Ruhm das höchste doch< ... Wie,
Benno, ich sollte verzichten mit dieser Aussicht? Solche Mittel in
Händen -- zu meiner gottseidank noch unerschütterten Gesundheit, meiner
geistigen Freiheit und Beweglichkeit, meiner Lernkraft, meiner Kultur
und meiner Tatenlust die äußeren Machtmittel meines Vaters, deren Ausmaß
Dir bekannt ist: sollte ich ein hundertfaches Gutes ungetan lassen, das
ich auf mich warten sehe? Ich kann Ruhm gewinnen, wahrhaftigen Ruhm,
nicht einer vereinzelten Tat oder Eigenschaft, nicht den Ruhm des
Entdeckers, Eroberers, Erfinders, des Feldherrn, des Dichters,
Volksmanns; Ruhm, der vom Dämonium abhängt, von Begabung und vom Glück,
-- sondern einen Ruhm, den ich herzustellen, den ich anzufertigen habe
mit meiner Hände lebenslanger, unverdrossener Arbeit; den nur mein
ganzes Wesen, mein ganzes Sein mir verschaffen kann, weil nur Arbeit
eines ganzen Lebens, und das heißt jedes Tages, jeder Stunde seine
Grundlage sein wird. Verstehst Du den Unterschied, den ich meine? Nicht
Taten, Werke, Gedanken -- obwohl diese im einzelnen Verkörperungen sein
können, sondern: _sein_ muß ich, leben, von A bis Z meinen Platz
ausfüllen, nicht sternhaft erstrahlend, wie Dichtung und Kunstgebild
plötzlich blitzend hervortreten aus langem Gewölk, sondern still im
Schatten meiner vier Wände, da doch die Wenigsten und niemals die Masse
bemerken werden, was hinter dieser und jener offenbaren Erscheinung an
unvermerkter Anstrengung und Mühsal liegt. Zu schweigen davon, daß, wenn
mir überhaupt etwas zu leisten gelingt, das Dauer hat und Würde vor
späteren Geschlechtern, es bei den Zeitgenossen kaum Anerkennung, ja
eher Verkennung, Verachtung, wo nicht Feindschaft erregen wird. Wer ein
Dauerndes zu schaffen gewillt ist, der muß im Morgen leben, nicht im
Heut, darf also nicht verlangen, daß das Heute ihm Kränze flicht. Ich
bins gewillt.
Wie ich denkt mein Vater, und was wäre ich freilich ohne diese Stütze?
Der wundervolle Mensch! Mit keinem Blick, mit keiner Miene hat er sich
mir als Beistand gezeigt. Ohne Blick, ohne Miene hat er mich
verständigt, daß ich seines Beistandes gewiß sein werde, wenn die
Entscheidung erst gefallen ist. Sie ist schon gefallen, in meinem Herzen
ist sie's. Ach, mein Benno, wie ist der glückselig, der im Wünschen und
Schwanken, im Zweifeln und Vertrauen sicher ist eines Unwandelbaren, und
wenn er Vater nennen kann, was mit Leib und Seele, mit Haut und Haar,
mit allen Kräften der Liebe ihm väterlich ist!
Und dies giebt mir Kraft, dies wird mir Heil geben. Ja, ich weiß,
Freund, ich weiß: wäre er mir nur um ein Gran minder väterlich, so würde
ichs spüren, würde meine Kraft sinken, mein Recht bleichen, -- ich wäre
entblättert, ehe ein Monat um wäre. Aber ich stehe auf ihm, und so sei's
drum.
Ich bin entschlossen. Und somit -- Gott befohlen!