Trassenberg, am 15. 1.
Danke, teuerster Benno, danke Dir tausendmal für Deine Karte! -- Ich,
siehst Du, ich kann nicht schreiben. Wenn Du mein Tagewerk kenntest,
würdest Du versteinern. Seit ich hier bin, also seit bald zwei Monaten,
kenne ich nur noch ein Ding: die Zentrale. Papas Zentrale, das große
rote Verwaltungsgebäude -- Du erinnerst Dich -- unten am Waldrand, das
kaum zu sehn ist und zu dem kein Weg zu führen scheint, gegen das aber
eine elektrische Zentrale mit ihren hunderttausend Anschlüssen,
Krafteinnahmen und Kraftverteilungen in einer deutschen Großstadt gar
nichts ist. Gar nichts, Benno! Dort verbringe ich nun fast den ganzen
Tag. Onkel Salm führt mich in alles ein. Verwaltung, Verwaltung,
Verwaltung! Hast Du eine Vorstellung, Benno? Nein! So kann ich Dir auch
keine erwecken. Stelle Dir nur vor, daß unser ganzes Land mit allen
Anhängseln in Übersee, und mit allem, was darin hervorgebracht wird
jeder Art -- Landwirtschaft, Viehzucht, Heilanstalten, Wissenschaft,
Kunst, Industrie und so weiter, so weiter -- hier zusammenströmt und von
hier wieder aus. Genug! Mir schwindelt der Schädel, wenn ichs denke, die
einzige Möglichkeit, die ich habe, ist, mich blind hineinzufressen, wie
in den berühmten Berg der köstlichen Hirse. Dann ists in Augenblicken
doch, als fräße ich weder, noch grübe mich in dampfende Finsternis,
sondern ich stiege, stiege einen gewaltigen Berg hinan, darf nur weder
hinaufblicken -- um mir nicht den Mut -- noch hinunter -- um mir nicht
die ganze Größe des Ausblicks von oben zu verderben. Zahlen, Zahlen,
Zahlen. Um eine elementare Grundlage zu bekommen, lerne ich doppelte
Buchführung; dazu Lombardieren, alle Arten des Wechselgeschäfts. Hast Du
in Deinem ganzen Leben je einen Kurs gelesen, Benno? Weißt Du, was das
ist? Tröste Dich, Benno, ich weiß es auch erst seit kurzem. Im übrigen
sorge Dich nicht um mein Herz, es arbeitet wieder vortrefflich. Noch was
über Tageseinteilung: weißt Du, daß ich trotz alledem beinah zehn
Stunden am Tage schlafe? Folgendermaßen: aufgestanden wird -- um fünf
Uhr morgens. Siehe da, was ist der Erfolg? Vormittags um zehn, wenn Du
träge Deinen Tag anschlürfst, habe ich beinah schon einen Arbeitstag
hinter mir, um elf sinds, mit kleinem Imbiß dazwischen, ganz gut sechs
Stunden. Dann wird geschlafen, fünf Stunden, im Bett, fest, und wenn Du
Dich dann, wie ich, um vier Uhr zum Essen erhöbest, würdest Du jauchzen
vor Kraft, Frische und Arbeitswonne, welche drei bis Mitternacht mit
Abendbrotpause freudig vorhalten. Also -- machs nach, Benno, machs nach
und lebe jetzt wohl, es ist Mittag, ich geh schlafen. Wie gesagt: keine
Sorgen, guter Engel, und im zweiten Monat nach diesem befinde ich mich
wieder im gesegneten Altenrepen. Was macht der Flügel, die Wohnung, die
Vögeleins? Grüße alles, was lebt und mir freundlich gesinnt ist, und sei
umarmt von Deinem bis in den Tod getreuen