»Jawohl kenne ich ihn!« tobte Georg, »und wenn ich ihn jetzt darauf
festnagelte, so würde er entweder schlank leugnen, oder er würde lächeln
wie ein Waisenknabe und sagen: Ja, da habe ich wohl gelogen ...«
Esther nickte strahlend. »Ich liebe ihn,« sagte sie, »er ist
entzückend.«
»Merkwürdig ist er jedenfalls. In allen geistigen Dingen zuverlässig wie
-- Ajax, aber im Persönlichen wie eine berauschte Wetterfahne.«
»Er ist doch so reich, Georg!« verteidigte Esther, »können Sie das nicht
verstehn? Sehen Sie doch: er war immer Zionist; jetzt kam einer und
zeigte ihm, wie kostbar, wie einzig gerade die nicht nationale, die
kosmopolitische Seite des Judentums wäre, und --«
»Wetterwendisch und vaterländisch, wie er ist --«
»Und feurig, wie er ist, sah er nur das Große, Seltene, Tiefe drin und
entbrannte dafür.«
Es ist ja schrecklich, dachte Georg, wie sie ihn liebt! -- Er schwieg
gekränkt.
»Und weiter, Georg. Kommen Sie ihm heute mit Psychoanalyse, so glaubt er
sich dafür geboren, und morgen mit Chirurgie, so will er Chirurg werden.
Haben Sie gesehn, wie er zeichnen kann? Bogner war sogar erstaunt, und
--«
»Nun will er Maler werden?«
»Glauben Sie nicht, daß er's sein könnte? Und wie spielt er Cello! --
Ach, Georg,« sagte sie plötzlich mit einer Wehmut, »glauben Sie, es ist
schwer, so zu sein. Da hat er Stunden, daß man meint, die Sonne säße ihm
in der Brust, und er könnte, und er möchte die ganze Welt hell machen.
Ja, und dann liest er vielleicht über -- über _dementia_, und denkt an
seine Mutter und sagt, er wird wahnsinnig. Georg, man kann nicht lachen
dabei, denn Sie kennen seine Bestimmtheit, und man sieht, wie er's in
sich frißt.«
»Aber Esther, Estherchen!« Georg benutzte die Möglichkeit, ihr die Hand
auf den Kopf zu legen, »es hält doch nichts vor bei ihm, es ist ja --
alles nur Jugend, nicht wahr?«
»Aber kann so einer je alt werden? Stellen Sie sich vor!«
Georg tröstete mit Bestimmtheit, Sigurd würde sich ändern und ein Greis
werden. Sie seufzte und wandte sich wieder zu ihren Perlen. Georg
lagerte sich geschmackvoll zu ihren Füßen, tröstete sich selber mit dem
Anblick seiner schön abgestimmten Kleidung, nämlich zur Flanellhose
pfirsichgrüne Socken, gleichfarbiges Hemde und etwas dunkler getönter
Schlips, ließ dessen kühle Seide durch die Finger gleiten und dachte
nach, worüber er ablenkend reden könne.
»Wissen Sie, Esther,« fing er träge zu sprechen an, »es ist ärgerlich
mit den Träumen. Vor ein paar Monaten, da hat Renates Vetter Josef --
Sie kennen ihn nicht? -- mir so erstaunliche Dinge vom Träumen erzählt,
daß ich alle Bücher darüber gewälzt habe. Sie haben sie wohl gelesen?«
Esther nickte und sagte: »Freud.« -- »Natürlich! Und nun -- sehen Sie,
was kommt heraus, nicht wahr? Gar nichts am Ende -- abgesehen von dem
Wert fürs Heilverfahren, der ja unschätzbar sein mag --, gar nichts, als
daß der Zustand des Träumens ein fortgesetztes Wachen ist, bloß daß
unsere logischen Verknüpfungen fehlen. Manchmal, so nach Tische, wenn
ich nicht geschlafen, sondern nur so gedämmert habe, nicht wahr, --
konnte ich genau beobachten, wie meine Vorstellungen allmählich in
Bilder übergingen, traumhaft leibhaftig wurden, nicht wahr, wie die
Zeitrechnung verschwand und -- auf einmal alles ein Wirrwarr war und
solche Albernheit, wie ich da eben geträumt habe, -- nun weiß ichs nicht
mehr ...«
»Ein Schimmel«, half Esther.
»Ja, gleichviel, und mein Vater war Wachtmeister und spielte Karten. Und
das, sehen Sie, ist, was mich ärgert. Diese -- Unfruchtbarkeit. Anstatt
daß gerade unsere Verworrenheit, die im wachen Leben doch groß genug
ist, -- anstatt daß die sich auflöste, Klarheit, Ordnung, Erfahrung --
nicht wahr -- entstünde, -- anstatt dessen die völlige Sinnlosigkeit,
hinterdrein Vergessen, und das Ganze ist abgelaufen wie Wasser vom
Stein. Es kann mich ganz unwirsch machen, wenn ich denke, was da
vergeudet wird!«
»Aber nun giebts doch die Traumdeutung, Georg.«
»Ach, das ist ja viel zu umständlich! Und was kommt auch mehr dabei
heraus, als was ich aus meinem wachen Zustand ebenso gut, vielleicht
besser erfahren könnte, wenn ich mich nur gehörig beobachten würde. Eben
das ist's! Alles denken und Alles fühlen, unaufhörlich, nicht wahr, an
diesen zehntausend Fäden unsers verworrenen Daseins hängen, -- und dann
noch beobachten, raten und knacken -- das ist zuviel. Und wie wäre es da
nicht einfach und schön und heilsam, wenn der Schlaf, der die Glieder
und Sinne so liebevoll löst --« Georg war träumerisch stolz, so gut
sprechen zu können -- »wenn er auch die Seele und das Schicksal nur ein
wenig befreite, und wir kämen klarer hervor, als wir hineingingen.«
»Jason,« sagte er nach einer Weile, da Esther schwieg, gedankenvoll,
»Jason kann es vielleicht. Irgendeine Medizin muß er haben. Jason«,
schloß er bescheiden, »ist ein guter Mensch. So sollten wir Alle sein.«
»Haben Sie,« fragte Esther nach einer Weile, »haben Sie eigentlich auch
dies merkwürdige Gefühl, wenn er fortgegangen ist, -- als ob er
überhaupt verschwunden wäre?«
»Gar nicht mehr vorhanden?« fragte Georg. »Freilich, wenn ich mir ihn
jetzt vorstellen soll, bringe ich es nur fertig, indem ich ihn mir
irgendwo bei andern Leuten denke. Können Sie sich denken, daß er
irgendwo allein ist, zu Hause bei sich, allein in einem Zimmer, lesend?
oder schreibend? Oder wie er sich wäscht? Oder wie er im Bett liegt und
schläft? Ich glaube, Esther,« sagte er, sich überbeugend, ganz leise
neben ihrem Ohr, »er ist ein Geist. Er braucht nicht zu essen und zu
schlafen und sich zu waschen, er ist immer so, wie er uns erscheint, und
nur in unsrer Gegenwart ist er wirklich. Sonst unsichtbar, ein Geist,
nimmt er Gestalt an, wenn er zu uns tritt, es ist schauerlich, finden
Sie nicht?«
Esther hatte zuhörend ihr Gesicht langsam zu ihm nach oben gedreht. Sie
sahen sich in die Augen, und Georg dachte angstvoll: Erwartet sie jetzt,
daß ich sie küsse? Oder macht das unsre Haltung bloß zufällig? Nein, sie
erwartete es scheinbar nicht, denn sie sagte ganz nachdenklich:
»Es giebt soviel Seltsames. Da Sie von Träumen sprachen ... Hören Sie
einmal zu.«
Georg setzte sich wieder vor ihre Füße, nahm eine Zigarette hervor und
rauchte. Esther begann, ein wenig stockend und unbehülflich:
»Es hat aber eine Vorgeschichte. Ich kannte längere Zeit einen jungen
Menschen, der war lungenkrank. Er liebte mich sehr. Um Weihnachten zogen
seine Eltern von hier fort. Er schrieb mir öfters, ich hab ihm aber nie
geantwortet, er verlangte das auch nicht. Lange Zeit kam kein Brief, und
ich dachte niemals an ihn. Nun, -- in der Nacht von Oster--
Gründonnerstag nennen Sie's, nicht wahr? -- auf Karfreitag -- übrigens
war er Christ -- träumte ich, -- ja, wie soll ich das beschreiben? -- Es
war ein Kreuz, und daran ein Gesicht mit sterbenden Augen. Ich wußte, es
war ein Sterbender, er schien mir auch bekannt, als ich aufwachte, aber
ich konnte mich nicht besinnen. Ich war aber ganz verstört von dem
Traum, Sigurd merkte es mir noch an, als ich zum Frühstück kam, und ich
erzählte ihm, was mir geträumt hatte. Dann erfuhr ich eine Woche später
durch Bekannte, der junge Mensch, der lungenkranke, sei gestorben, und
da wußt ich im Augenblick, daß ich ihn im Traum gesehen hatte. Nun
schrieb ich an seine Schwester, die ich kannte, sie möchte mir sagen,
wann er gestorben sei, und sie schrieb --, aber ich muß erst sagen, daß
sie etwas sonderlich war, altjüngferlich und pathetisch -- und so war
auch ihr Brief, nur drei Zeilen, ohne Anrede: Er starb in der Nacht von
Gründonnerstag auf Karfreitag um ein Uhr morgens mit Ihrem Namen auf den
Lippen.«
Esther schwieg. »Wie sonderbar!« sagte Georg nach einer Weile halblaut.
Er dachte noch nach, als er auf einmal Bogner bei der Sonnenuhr stehn
sah, in seinem Malkittel, mit wüstem Haar, rotem Gesicht und
verschwimmenden Augen. So starrte er auf das Zifferblatt der Uhr.
»Grüß Gott, Maler!« rief Georg, »wollen Sie wissen, was die Uhr ist?«
Bogner sah ihn zerstreut und unwirsch an. »Ich wollte was,« -- sagte er,
»aber nun hab ichs -- vergessen. Ich wollte ins Haus und -- -- ah
Streichhölzer!« sagte er erleichtert. -- »Ich hatte mir eine Pfeife --«
Er sah verwundert seine leeren Hände an, suchte in allen Taschen. »Nun
habe ich die Pfeife liegen lassen!« schrie er grimmig, machte kehrt und
lief davon. Georg rief ihm nach, er sollte doch warten und sein
Feuerzeug mitnehmen, aber er hörte nicht.
Georg wartete noch eine Weile, ehe er zu sprechen anfing, aber der Maler
kam nicht wieder. »Nun hat er das Rauchen vergessen,« sagte Georg, »der
arme Kerl! Warten Sie einen Augenblick!« stand auf und ging in die
Kapelle. Ja, da saß er und hatte eine kalte Pfeife im Mund, malte aber
tüchtig an etwas Schwefelgelbem. Georg entzündete ein Streichholz und
hielt es auf den Tabak. Der Maler merkte, daß es brannte, sog kräftig,
sah verworren auf und murmelte: »Danke! danke!« Georg gab ihm den Rat,
zu heiraten, aber er hörte nicht darauf, und Georg ging zu Esther
zurück.
Die Arme auf der Sonnenuhr, den Zeiger in Händen, sagte er:
»Wissen Sie auch, Esther, was an Ihrem Traum das Seltsamste ist? Viel
seltsamer als der Traum selbst?« Sie hielt inne mit Arbeiten und sah ins
Gras zu ihren Füßen. Er sagte: »Da war doch ein Sterbender, Esther,
nicht wahr, einer, der Sie liebte, ein immer Kranker, der seine ganze,
trostlose Liebe zu Ihnen in einen ungeheuren Augenblick zusammenpreßte
und angesichts des Todes die Geliebte _dachte_! dachte, und es gelang,
nicht wahr, und einen Augenblick _zwischen_ Tod und Leben schwebte seine
glühende Seele, einen Augenblick lang vollbrachte sie dies Riesenhafte,
daß sie sich über die Natur erhob und eindrang in ein fremdes Dasein.
Freilich war es wehrlos in dem Augenblick, es schlief, und vielleicht
gelang es ihr nur deshalb, daß sie eindrang und Traum ward in Ihnen. Sie
aber, Esther, Sie, der diese gewaltige Anstrengung galt, diese
furchtbare Liebe zuströmte, -- Sie hatten davon nichts als den leisesten
Schauder. Furchtbar, wissen Sie, furchtbar finde ich diese Einrichtung.
Liebe gilt nichts, so gewaltig sie sich ereifert; gilt nichts, gilt
nichts, denn Sie schliefen, und ein dünnes Traumbild wurde aus der
Verzweiflung. Ja, so können wir uns bemühn mit heißester Glut, wir
können Blut und Tränen vergießen, alle Ängste um etwas leiden, unser
ganzes Dasein zum Opfer bringen: all das, alle Anspannung, alles Säen
nützt nichts, wenn keine Erwiderung da ist, keine Willigkeit im Boden.
Liebe allein gilt nicht, nur Doppelliebe. Und -- ja, was gilt nun hier
der Traum, den Sie davon hatten!«
Georg nahm sein Taschentuch heraus und trocknete sich die Stirn. Es
regnete Glut über ihn, und er sah betroffen, als wär es das erstemal,
daß der schräge Weiser vor ihm einen Schattenstreifen über das
abgeschliffne Erz zog. Esther saß still da, bewegte einmal die Lippen,
zog die untre ein wenig in den Mund, sagte aber nichts.
Es war Mittag, der Vogellärm schwieg. Vor Georgs Augen lag der
geheimnisvolle Schatten des Sonnenzeigers, der in unendlicher Wandrung
um seine Wurzel unzählbare Stunden anzeigte, spurlos auf der metallenen
Fläche von Ewigkeit. Aber es bewegte sich etwas über Georg, irgend etwas
wurde in seinem Augenfelde sichtbar, und über den Verandastufen stand
Renate, schön wie Elysium, winkte mit ihrem Lächeln, und Georgs doppelt
ergriffenes Herz riß in zwei Stücke mit lautem Stöhnen.