Hora

Georg dachte: Sommer, o Sommer! Wie das alles hängt! Die heiße Luft in

den grünen Wipfeln, in diesen schwer schlagenden Massen, und herein

hängen die Wolken, weiße Ungeheuer, und das Blau hängt herein in all die

glühende Enge. Wie glüht der graue Stein am Haus! Oben, die kleinen

Barockfiguren auf dem Dach sehn aus, als wollten sie schmelzen in der

blauen Glut, und sie schmachten nach dem eiskalten Schnee der Wolken,

die über ihnen hinsegeln, -- arme, kleine Tantalusse! O Sommer, o

Sommer, o -- -- Sommer -- -- Som-- --

Georgs Verstand blieb hier stehn. Durch seinen Traum gingen leichte

Schritte, Schritte im Gras, Schritte aus Sonnenschein, aus Baumschatten,

und etwas sah ihn an, Wesenloses, dann war's weg, und in Meilenferne

brüllten langgezogen die Helenenruher Kühe. Dann sprengte ein Schimmel

über den Deich herauf, wiehernd und stampfend, Georg bestieg ihn und

flog mit ihm davon, wunderbar leicht, nicht mehr als ein paar Fuß hoch

über der Erde, und es wiegte wie ein Karussellpferd, es ging den Deich

hinunter und über das Wasser, in dem eine kleine Insel schwamm, auf der

sein Vater, Onkel Salomon und Professor Prager Skat spielten in

Hemdärmeln, und Georg sah seinem Vater über die Schulter; der aber hatte

keine Karten in der Hand, sondern lauter Photographien von Georgs

Korpsbrüdern, sagte aber ganz richtig Solo an und spielte aus. Es war

aber gar nicht Georgs Vater, sondern der Wachtmeister aus Wallensteins

Lager, und sang in einem fort: Und ist die Nase noch so groß, das macht

nichts für das Kinn! Esther aber saß derweil still zu seinen Füßen, war

zehn Jahre alt und stickte ungeheure kupferrote und lavendelblaue Blumen

auf einen eisengrauen Vorhang, vor dem sie saß, und --

Wo bin ich denn? dachte Georg, sich aufrichtend. Bin ich denn nicht in

Helenenruh? Nein, da steht ja das Montfortsche Haus in der Sonne, heiß

und grau, und hier ...

Im Grase sitzend, sah er neben seiner linken Seite das Postament der

Sonnenuhr. Auf den Stufen zur Veranda vor ihm hüpften die Spatzen.

Drinnen war es dunkel und schattig; die weiß und grün gestreiften

Leinenvorhänge bauschten sich leicht gegen die Pfeiler und

Glyzinienreben. Georg besann sich, daß er aus der Universität

fortgelaufen und hergefahren war, nachdem er Esther nicht im Schlößchen

gefunden hatte, aber hier ... Er rutschte etwas vorwärts und beugte sich

vor, um an der Sonnenuhr vorüber zu sehn, und richtig, da saß, als hätte

sie immer da gesessen, die Chinesin im Schatten des weiß und grün

gestreiften großen Leinenschirms und arbeitete an etwas Winzigem in

ihrem Schoß.

Ach, wie kühl sah sie aus! Weißgelblich war ihr Kleid und ihr Gesicht

wie Marmor in dem grünlichen Licht. Aber als er kam, hatte doch nur ihr

Stuhl dagestanden und Nähsachen auf dem Sockel der Uhr? -- Esther sah

auf, schien ihn aber nicht zu sehn, griff über sich auf die Platte der

Uhr, nahm ein dickes Buch herunter, schlug's auf und blickte längere

Zeit hinein. Dann legte sie's vor ihre Füße ins Gras, und flugs machte

sich ein kleiner Sommerwind damit zu schaffen wie ein Meerschweinchen,

drehte sich darin herum und schlug die Blätter hin und her, als ob was

darunter zu finden wäre. Georg aber fand auf einmal Esthers dunkle Augen

auf sich gerichtet, und sie lächelte paradiesisch.

»Habe ich geschlafen?« sagte Georg. »Wo waren Sie denn? Warum sind Sie

nicht in unserm Park?«

Esther sagte, sie hätte Brehms Tierleben gebraucht, und Renate hatte ihr

gesagt, daß es in der Bibliothek ihres Onkels sei. -- Georg rutschte

noch etwas weiter nach vorn.

»Eben träumte mir,« sagte er, »ich wäre in Helenenruh und ritte auf dem

alten Trompeterschimmel von Magdas Vater, immer einen halben Meter über

der Erde, o, es war wunderbar, und Sie saßen -- wo saßen Sie doch? Ich

weiß nicht mehr, aber sie stickten feurige Lilien ins Montfortsche Haus.

-- _Vulnerant omnia_ --« las er vom Sockel der Uhr ab.

»Was murmeln Sie da?« fragte Esther.

Georg legte sich lang auf den Rücken und gähnte: »_Vulnerant omnia,

ultima necat_ sagte ich. Was auf der Sonnenuhr steht.«

Esther antwortete nicht. Es zwitscherte überall, es rauschte leise. Oben

schoben sich die Wolken, lautlos, riesig, unaufhörlich.

»Helenenruh,« sagte Georg, »da müssen wir einmal hinreisen.«

»Ist es so schön?«

»Helenenruh ist der ewige Sommer. Immer ist Sommer in Helenenruh und

Ferien. Weiß der liebe Himmel, wann die Menschen da arbeiten. Es wird

nur auf Schimmeln geritten. Gott, was rede ich für'n Unsinn.« Ihm fiel

Unkas ein, der See und Jason al Manach, -- welch ein Tag, welch ein

sonderbarer Tag! -- Ach, heute war ihm wohl, endlich, endlich einmal

wohl ...

»Helenenruh -- -- wissen Sie, wie das ist?« sagte Georg. »Das ist bloß

Wiese. Wiese nach allen Himmelsrichtungen, und da liegt man und brennt

in der Sonne. Mit vier Jahren habe ich da gebrannt, mit fünfen, mit

sieben, und immer so weiter. Die Grillen zirpen, weit weg brüllt eine

Kuh, und manchmal kann man das Meer hören. Blau ist die Luft, man kann

sie aus Tassen trinken. Oh, Helenenruh ist schön, Helenenruh ist ein

Inbegriff.«

Esther sagte nichts. Georg richtete sich wieder auf, rote Flecken

schwammen vor seinen Augen, die tränten. »_Vulnerant omnia_ --« las er

wieder. »Wissen Sie was von Jason?«

»Ja, was ist das eigentlich für ein Mensch?« fragte Esther, ohne von

ihrer Arbeit aufzusehn. Sie hatte einen kleinen Pappdeckel im Schoß und

stocherte mit einer Nadel drin herum.

»Was machen Sie denn da eigentlich?« fragte er. »Sind das Perlen?«

»Richtig,« sagte sie, »und er geht eigentlich immer nur herum und sagt

gar nichts. Und -- wissen Sie -- einmal, nein, schon mehrmals, wenn ich

so seine stillen Augen ansah, kam mir's vor, als ob er wirklich alles

wüßte, auch von mir, wenn er mich ansieht, und sogar, was einmal aus mir

werden wird, aus mir und uns Allen.«

»Das ist ja unheimlich,« sagte Georg, »nun, wenn ich einmal nicht weiter

weiß, werde ich ihn fragen.« Er stützte sich auf die Hände und sprang

auf. »Jetzt will ich aber sehn, was Sie machen. Schmetterlinge?« fragte

er, eine Abbildung in dem offnen Buch erblickend.

Sie hielt ihm hin, was sie in der Hand hatte, einen fingerbreiten Streif

aus lichtgrünen Perlen, aus dessen einer Breitseite ein halber

Falterflügel herauswuchs, dunkelrot von Perlen mit hellgelbem Auge. --

Esther erklärte:

»Dies wird ein schmaler Streifen, lichtgrüner Grund und lauter ganz

bunte Schmetterlinge, so schräg hin und her nebeneinander, als ob sie

flögen. Die Farben kann ich wohl selbst erfinden, aber die Formen nehm

ich aus dem Buche.«

»Und wenn's fertig ist?«

»Kommt's um eine Lampe mit einer flachen grünen Kuppel.«

»Wie die auf meinem Schreibtisch?«

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 33 / 124 题