»Man sollte nackt fechten«, hörte er Tozzi hinter sich. -- Rudi, mit
zwei Mensurspeeren in den Händen vor ihn tretend, meinte lachend: »Baden
muß man ja sowieso hinterher.«
»Hol einen Schurz, Rudi, und red nicht, eh du gefragt wirst.« Georg
führte abwechselnd mit jeder der beiden Klingen in den kürbisgroßen,
blauweißschwarzen Blechkörben ein paar Lufthiebe, und trat zurück, da
sein Gegner, fix und fertig gerüstet, den Arm auf der Schulter eines
Korpsbruders hereinkam und sich verbeugte, ein mittelgroßer, schwerer
Mensch mit gedunsenem Gesicht, aber friedlichen kleinen Augen.
Während Tozzi ihm dann den von Germersheim gebrachten großen Lederschurz
vorhängte, der, steif wie ein Panzer, eine neue Wolke beißenden Schweiß-
und Blutgeruch ausströmte, fragte er, in Georgs Rücken festschnallend:
»Hast du noch irgendeinen Wunsch? Fürs Sekundieren mein' ich?«
»Ich wüßte nicht ...« Da kam Ellerau zur Tür herein. »Also wer
sekundiert drüben?« fragte Georg halblaut.
»Altenburg soll er heißen.«
»Gott sei dank. Also dann, Tozzi,« fuhr Georg leise fort, »nur eins,
nicht wahr, was ich immer schon sagte: nie einfallen, wenns nicht
unbedingt notwendig ist, -- Abfuhr oder so. Ich -- ja um Gottes willen,
Rudi, bring mir bloß die Speere nicht durcheinander, nicht wahr! Ja,
welchen hab ich denn nun eigentlich ausgesucht? Gieb den noch mal her!
den, wo du grad -- -- nicht den! den andern! Sakrament noch mal, ihr
Füchse seid eine Gesellschaft, nicht wahr!«
Bei dem Lufthieb aber, den er mit dem empfangenen Speer ausführte, hätte
er sich ums Haar das Handgelenk verrenkt; es schmerzte, und das war ein
Omen. Georg fluchte leise und sagte, er nähme den andern, Ellerau sollte
ihn in der Hand behalten. -- Der erklärte hochherzig, er testierte Georg
ja sowieso, worüber sein großer Bruder hereinkam und sich wunderte, daß
Georg noch nicht fertig war.
»Die Brille, Tozzi«, sagte Georg beklommen. Der Augenblick, wo das
blindmachende, tränenerregende Eisengestell mit Drahtvergitterung um den
Schädel geschnallt wurde, war jedesmal der schlimmste.
»Was wolltest du mir denn noch sagen?« hörte er Tozzi fragen, der
gleichzeitig sanft den Brillenbügel -- der Gute hatte ihn zuvor mit
Watte umwickelt -- auf Georgs Nasenwurzel legte. Es ward dämmrig vor
Georgs Augen, dann fühlte er, wie unendlich behutsam die Schnalle am
Hinterkopf zugezogen wurde und -- nicht ohne leise Rührung, daß Tozzis
Linke die kurzen Haare, um sie nicht einzuklemmen, nach oben strich. Die
Riemen zogen sich zusammen, langsam, weich, dann ein kleiner Ruck; die
Brille saß. Wundervoll!
»Ja -- also du weißt ja, nicht wahr! Ich ziehe beim ersten Hiebe immer
nur an, nicht wahr, komme also erst beim dritten, nicht wahr, auf Terz
heraus und dann mit der Hakenquart. Von der Uhlenburg bolzt zwar sicher,
aber für alle Fälle, nicht wahr -- nicht einfallen! auch wenn du mal
Blut -- -- Also kanns losgehn?«
Der Raum war jetzt gedrängt voll stehender Korpsleute aller Farben;
Georg wurde durch die Mauer geschoben und geführt, fand sich plötzlich
-- was ihm ein leichtes Leeregefühl in der Magengegend versetzte -- vor
der leeren Saalmitte voll blutfleckiger Sägespäne, fünf Schritt
gegenüber seinem Gegner, der puppensteif auf einem Stuhl hockte, das
Gesicht halb verdeckt von der eisernen Brille, an der noch ein
Nasenblech saß, den rechten Ellbogen auf dem hochgestützten Knie seines
Testanten, so daß die Schlägerklinge senkrecht emporstand. Und indem
Georg merkte, daß ihm von hinten ein Stuhl untergeschoben wurde, hörte
er durch das gedämpfte Stimmengemurmel ruhig und vernehmlich sagen:
»Silentium für die Mensur.«
Mein Leder! dachte Georg und vernahm, sich nach links wendend,
gleichzeitig Tozzis tiefe Stimme: »Mein Paukant ist noch nicht fertig.
Das Leder fehlt. -- Ist es groß genug?« fragte er, Georg die
handtellergroße, lederbezogene Platte von Eisenblech an ihren schwarzen
Bändern vorhaltend. »Ich denke«, erwiderte er, aber nun gabs erst
Aufenthalt. Der Unparteiische trat herzu. Andere von beiden Seiten
steckten die Köpfe vor, alle wollten das »überlebensgroße Leder« sehen,
das »Geburtstagsleder«, wie eine Stimme sagte, bis der Arzt kam, Georg
den Kopf senken ließ, kaltfingrig auf der nackten Stelle tastete und das
Leder für ordentlich erklärte. Bis es über den noch unvernarbten Wunden
festgebunden war, verging noch eine Minute, und Georgs Arm mit der Waffe
auf der Schulter des Fuchsen war unterweil lahm geworden.
Endlich trat gegenüber der Sekundant vor seinen Fechter und erklärte,
die Drahtmaske vom Gesicht lüftend, sein Paukant trete mit Nasenblech an
wegen Nasenoperation; worauf Tastozzi -- plötzlich überaus schlank und
kraftvoll erscheinend, die Drahtmaske ritterlich im Arm, die Klinge
schräg nach unten -- das Leder verkündete.
Georg schöpfte tief Atem; gleichwohl haftete die Bedrängnis in seiner
Brust.
»Silentium für die Mensur.«
Georg trat zugleich mit seinem Gegner vor, so daß sie wenig mehr über
einen Meter voneinander entfernt standen. Dann erstarrte in ihm die
letzte Beängstigung, während die Sekundanten mit ihren Schlägern den
Abstand von Brust zu Brust maßen, und Georg, noch auf seine Münchener
Art die Faust im Korbe dicht überm Hinterkopf haltend, so daß die Klinge
hinten herunterhing wie ein Zopf, biß die Zähne zusammen. Das letzte,
was er deutlich hörte, war drüben das gellende: »Auf die Mensur!« Zwei
Sekunden später sah er die schräg vorragende Speerspitze des Gegners
sich bewegen und hieb selber zu. Dann kam eine längere Zeit blinden
verbissenen Dreinhauens, kurzes Pausieren, wieder Dreinhauen; er fühlte
-- gar nicht wie etwas Dazugehöriges -- keulenschwere Schläge auf seinen
Schlägerkorb und den Arm fallen und sah endlich aus der, vom
Brillenriemen eingeschnürten Stirn dadrüben einen Blutstropfen quellen,
dann einen kleinen roten Riß. Alsbald gab es eine Pause. Ein Mensch in
weißem Kittel, Arzt, erschien und verdeckte für Augenblicke den Gegner.
Georg, keuchend und schwitzend, atmete erleichtert auf, augenblicks --
wie immer -- ruhiger geworden beim ersten Blut, und konnte sogar
lächeln, da er mit einem Blick nach links unten Tozzi sich nach seiner
Gewohnheit auf beide Absätze hocken sah, statt nur sich über das
durchgedrückte linke Knie nach hinten zu beugen, -- um aus dieser
Stellung schneller hochfliegen zu können, wenns not war.
»Silentium für den Fortgang der Mensur.« Durch die Drahtmaske Tozzis
glaubte Georg ein ganz kleines Augenlächeln aufblinken zu sehen. Als
zeige er eine kleine Blume dahinter, dachte Georg dankbar.
Er hatte aber noch kaum zum ersten Hieb wieder ausgeholt, als er einen
schmetternden und so wütend schmerzhaften Keulenschlag langhin über den
Kopf erhielt, daß er zusammenzuckte und taumelte. Zum Hiebe kam er
nicht, seine Klinge wurde aufgefangen, er hörte Halt schrein, hörte
Tozzis Stimme, dann wieder den Gegensekundanten: »Auf Gegenseite wurde
zurückgegangen?«
»Infolge der Wucht der Hiebe?« Tozzi.
»Ich habe nichts bemerkt«, erklärte der kleine Unparteiische, auf seine
Notizkarte blickend.
Georg, noch halbblind vor Schmerz, wollte »bitte Pause!« sagen,
verhinderte sich jedoch noch rechtzeitig, da das wie ein Zugeständnis
ausgesehen hätte, auch war da plötzlich, von der Maske verdunkelt,
Tozzis Gesicht mit blitzenden Augen vor ihm, aus dem es zischte: »Nimm
dich zusammen, Georg, du zuckst ja!«
Georg schwieg. Einen Augenblick danach war er im heißen Kampf. Zweimal,
dreimal riß es wie Feuer über seinen Kopf hin, er schäumte vor Wut,
mußte warten, da es wieder Anfragen gab wegen seines Taumelns und
Zurücktretens, -- ich zucke nicht, dachte er weinend und hieb mit
blinden Augen auf eine kaum sichtbare rote Kugel los, dann hörte er ein
Geschrei: »Leder weg!« und wieder die Frage: »Wurde zurückgegangen?« Er
lauerte auf die Antwort nach Tozzis augenblicklichem: »Infolge der Wucht
der Hiebe?« und hörte erst nach Sekunden ein trockenes: »Nein.«
Georg saß und fühlte Hände an seinem Kopf beschäftigt. Besorgt und mit
einem tiefen Ausdruck von Güte beugte Tozzis Gesicht ohne Maske zwischen
Andern sich über ihn; er fragte ängstlich: »Habe ich noch gezuckt,
Tozzi?« Der bewegte verneinend den Kopf und lächelte. Indem hörte Georg
die Stimme des Arztes über sich, der ruhig bemerkte, die alten Schmisse
seien aufgeplatzt, er verbürge sich nicht für weiteres ... Eine große
Hand umspannte Georgs Schädel, Elleraus gutherzige Augen erschienen über
ihm, bevor er den Kopf senkte. Als er wieder aufsah, stand Tozzi zwei
Schritte vor dem Unparteiischen, verbeugte sich genau wie zu Anfang und
sagte: »Herr Unparteiischer, wir führen ab«, worauf er sich schlank
umdrehte, seinen Speer wütend auf die Erde schleuderte, den Handschuh
von der Hand zerrte und hinterdrein schmiß und ganz bleich flammenden
Gesichts Ellerau mit halber Stimme anfuhr: »Ich habs euch vorher gesagt,
ich! Das war eine Roheit!« dann sich wegdrehte und hinausging.
Wieder rittlings auf einem Stuhl, jetzt die Stirn auf den Armen, von der
heißen Bandagenrüstung erleichtert, den schrecklich schmerzenden Kopf
von kühlenden Wattebäuschen betupft, fragte Georg den Arzt, ob wieder
genäht werden müßte. -- Das sei leider unmöglich; man müßte es so zu
heilen versuchen. Eine böse Geschichte. -- Wie lange es denn dauern
könne? -- Nicht unter sechs Wochen.
Georg sank das Herz. Daß die Mensur zu alledem schlecht gefochten war,
stand fest; er mußte Reinigung fechten, dazu kam es vielleicht nicht
einmal mehr in diesem Semester, so war er gezwungen, auch im nächsten
noch aktiv zu bleiben. Sein ganzer Kopf schwamm in Schweiß und Feuer; er
glaubte ohnmächtig zu werden, hob den Kopf schwankend und sah noch
Tastozzis Gesicht und Gestalt, der mit einem Glase Wasser zur Tür
hereinkam. Trinkend kam er rasch zu sich, fröstelte, nahm sich zusammen
und sagte, mühsam scherzend: »Bei der nächsten wetzen wirs aus, Tozzi,
was?«