Georg, am Leibe weiter nichts als das einärmelige Mensurhemd und die
oftgewaschene alte Leinenhose, setzte sich rittlings auf den alten
Bandagierstuhl, kreuzte die Arme auf der Lehne und ließ sich von
Tastozzi eine nach der andern die viele Meter langen, fast handbreiten
schwarzen Halsbinden umwickeln, die, glitschig vom Blut und Schweiß
vieler Wunden des Mensurtages, stanken wie der Teufel. Aber wundervoll
war wieder die unendliche Sorgsamkeit, mit der Tastozzi wickelte, sanft
legend die klebrigen Riemen wie Wundbinden von weicher Gaze, nachtastend
mit der Linken und immer wieder fragend: »Ists so recht, Georg? Drückts
auch nicht?« Nichts drückte, im Handumdrehn steckte der Hals in einer
weichumschließenden Wand, um die noch die handhohe wattierte Manchette
leicht umgeschnallt wurde. »Sitzts?« »Danke, glänzend!« O Tastozzi war
dunkel, aber eine Seele! Das wußte, wenn kein Andrer, Georg. Er sah
dankbar auf, allein Tastozzi hatte sich schon zur Fensterbank hinter ihm
abgewandt, wo die Armbinden aufgehäuft lagen.
Von diesen sanfteren Empfindungen abgesehn, befand Georg sich nicht in
der bänglich freudigen Laune seiner früheren Waffengänge. Früh erwacht,
nach wenig Schlaf, endlos wachen Stunden übler Peinigungen des
Geschlechts, Halbtraumvisionen in endlos hartnäckiger Jagd, hatte gleich
der Gedanke an seine noch immer nicht restlos vernarbten Kopfwunden sich
festgesetzt: beim Betrachten der kaum behaarten Stelle im Spiegel zeigte
sichs, daß sie wieder geschwitzt hatten. -- Ekelhaft, so mit offenem
Kopf zu fechten!
Georg blickte finster gegen die blaugetünchte Wand des kahlen kleinen
Raums, der leer war -- Tastozzi setzte seine Eigenart durch, beim
Anbandagieren keinen Zuschauer zu dulden -- leer, bis auf die Tische,
die drüben gehäuft voller Bandagen, Schurze, Drahtmasken und
Sekundantenspeere mit farbigen Körben, an den Wänden links und rechts
dagegen bedeckt waren mit dem ganzen Rüstzeug der Ärzte, auf Wattelagern
ausgebreiteten Scheren, Zangen und Nadeln, flachen Schalen voll rosiger
Sublimatlösung und Bergen von Watte. Georgs Blick schweifte abweisend
drüber hin und heftete sich auf den eigenen nackten Unterarm, den er
hochhielt, die Faust schon im gepolsterten Handschuh, während Tastozzi
die Handgelenkbinde von dünnem gelbgrünem Flanell zart und fest umlegte:
der Arm gefiel ihm, wie er war: glänzend weiß, kräftig und harmonisch
gebaut, und »Schöner Arm, nicht?« brummte er halbfragend. Der Andere
schwieg, die grauen Augen im gelblichen, dunklen und eckigen Gesicht mit
voller Aufmerksamkeit auf die Schleife gerichtet, die seine Finger
knüpften, worauf er, ohne hinzusehn, die erste Armbinde von der
Fensterbank griff und die zu Boden hängende geschickt aufrollte, dann
den Ballen um Georgs Arm abzuwickeln begann. Georg folgte gedankenlos
mit den Augen, immer wieder das leise: »Sitzts, Georg? Drückts auch
nicht?« hörend und die linke Hand Tastozzis sehend, deren Finger er auf
jede neue Lage prüfend aufsetzte; und er wickelte bereitwillig wieder
und wieder zurück, schon auf Georgs leisestes Antwortzaudern hin. Es war
eine Lust, von Tozzi bandagiert zu werden!
Die beiden krassen Füchse, der jüngere Ellerau und von Germersheim,
kamen hereingeschlendert und fragten Georg zum siebenten Male, wie er
sich fühle.
»Ich habs euch schon sechs Mal gesagt: glänzend! Macht bloß, daß ihr weg
kommt; nicht wahr!« schnob Georg und bewegte das Handgelenk noch einmal
prüfend, ehe er Tozzi den dünn wattierten schwarzen Seidenärmel über das
Ganze ziehen ließ.
»Gib mal Speere her, Rudi!« befahl er dann. »Ellerau, geh mal fragen,
wer auf Gegenseite sekundiert. Hoffentlich nicht Everdingen, der fällt
immer -- was ist, Tozzi?«
»Nichts. Du kannst aufstehn.«