Begegnung

Georg, an einem glanzlosen Vormittage im Junianfang, ritt Unkas im

langsamsten Schritt die breite Mittelstraße zwischen den Alleen in der

Richtung auf Herrenhausen hinunter, vornüberhängend mit halb

geschlossenen Augen, im verschwommenen Blick nahe die leise schlagende

schwarze Mähne, tiefer das wechselnde Zum-Vorschein-Kommen der breiten

Hufe, unter denen die staubtrockenen Erdklumpen vorspritzten. So saß er,

in seiner schweren Müde, seiner Angstwut, seinem unendlichen Mißbehagen,

das Hirn in Bierdünsten, das Herz in Öde; zerpreßt.

Ihm fiel ein, wie er in der Nacht zuvor halbtrunken in die Güntherstraße

gelaufen war; wie er -- auf ihm selber unbegreifliche Weise -- zur

Rückseite des Gartens gelangt war, halb bewußtlos vor Trunkenheit und

Qual am Zaun gehangen und hinüber gelechzt hatte nach dem grauen, ganz

dunklen Hause hinter den Bäumen.

Renate ... Wann würde er sie je wieder sehn! Magda -- es geschah ihm

freilich recht, daß sie ihm den Eingang verschloß, denn das tat sie ...

Dies war die Gegenwart: freudlos, dumpf, entstellt durch eigene Schuld.

Das war die Zukunft: dumpf, abgeschlossen, umflügelt von Gespenstern des

Grauens. Dennoch mußte er hinein, mußte, die Maske vor, versuchen, ob --

-- erfahren, ob es erträglich, möglich ...

Unkas stolperte träg; er riß ihn hoch und bemühte sich gewohnheitsmäßig,

ihn mit Schenkelschluß und kleinen Paraden zusammenzustellen. In seine

geöffneten Augen blendete das halb verhüllte Licht; Spatzenzank

schrillte und überlaut Finkenschlag, dicht zu seinen Häupten.

Emporblickend folgte er eine Zeitlang den fast auf ihn herunterhängenden

Zweigen, deren erste, dünne Belaubung -- Blätter und Blättchen, kaum

entrollt, noch zerknittert, weich, weißlich behaart, kaum geborenen

Tieren gleich -- Verlangen erregte, danach zu greifen, eins abzupflücken

und vorsichtig hineinzubeißen als in leise bitter Süßes. Aber er brachte

-- schon zwischen den Zähnen fühlend, wie das Trockene innen saftig sich

zusammendrückte und knisterte -- die Hand nicht hoch, und eine hülflose

Rührung, die ihn überkam, reizte fast zu Tränen. -- Nun schmerzte sein

nach oben gedrehtes Genick; er senkte den Kopf wieder gerade.

Da sah er, ein paar hundert Schritte weit vor ihm, auf dem getretenen

Fußpfad neben dem Hufschotter zwei Gestalten kommen, eine weibliche und

eine kleinere männliche, und sofort erkannte er Magda in der weiblichen,

erkannte sie mit dem Instinkt, obwohl er sich sagte, daß er, wenn sie es

wirklich war, sie gar nicht erkennen konnte, so entfremdet wie sie

aussah. Allein im Näherkommen blieb es untrüglich Magda, -- und er

dachte: Magda -- warum nicht mehr Anna? Es kam so ... Magda in einem

hängenden, nein schlottrigen, mattblauen Kleide, das sie mit den Achseln

trug anstatt mit den Hüften. Wie weit ihr Gang war! und trug sie nicht

Sandalen oder wenigstens keine Absätze unter den Schuhen? Damenschuhe

ohne Absätze waren Georg unleidlich. Er konnte die Beine sich abzeichnen

sehen unter dem schrittweis hin und her schlagenden Stoff, jedoch -- wie

reizlos! Auf dem Kopf hatte sie einen großen Panamahut mit tief

gerundeter Krempe, und er sah nun schon ihr Gesicht darunter, blaß, mit

undeutlichen Zügen, wie verwischt.

Und daneben, in schwarzem Anzug, den Strohhut aus der Stirn gerückt, die

Hände auf dem Rücken, in unbedenklicher Haltung etwas vornüber -- das

war ja al Manach! Richtig wieder unter den Lebenden ...

Georg sah ihr Gesicht nun von innen sich erhitzen und ganz rosig werden;

sah den Blick der alten braunen Augen und lenkte Unkas hinüber.

Augenblicke später hielt er mit Herzklopfen vor ihr, sie lachte heiter,

nickte ihm zu, rief: »Tag, Georg!« und begann Unkas den Hals zu klopfen.

»Grüß Gott, Herr al Manach,« sagte Georg, »na wie gehts denn?«

Besten Dank, äußerte Jason, es ginge ja. -- Den Strohhut, den er höflich

abgenommen hatte, behielt er in der Hand.

»Aber Georg, was ist das mit Unkas?« fragte sie, bevor er etwas vom

Zusammentreffen und Langenichtgesehenhaben vorbringen konnte. »Er klemmt

ja die Zunge zwischen die Zähne.«

»Tut er das? So. -- Ja, er wird ja auch alt ...«

»Na Georg, schon so alt? Wieviel Jahre hat er denn?«

»Ich soll wissen! -- Neun oder zehn.«

»Ach, Georg, du weißt gar nichts!« lachte sie. -- Wehmütig an ihrem

Gesicht vorüber auf die absatzlosen, staubgrauen Schuhe hinunterblickend

-- waren es nicht einmal kleine Lackschuhe gewesen, mit eingedrückter

Spitze? -- hörte er sie weitersprechen: ob er vergessen hätte, daß er

ihn gekriegt habe, als er elf Jahre alt wurde ... »Ich bekam Terpsichore

-- erinnerst du dich noch? -- den Schimmel, der gleich das linke

Vorderbein brach -- ich kriegte doch immer was mit an deinen

Geburtstagen -- und du Unkas, und damals war er noch nicht drei Jahre

alt. Also ist er nun --?«

Georg brauchte eine Weile, bis er hinter den Zähnen hervorbrachte:

»Zehneinhalb!« mit alles vergessender Traurigkeit nun an ihren

brauenlosen Augen haftend und sehr zu fragen versucht: Hast du denn so

gelitten, daß du gar nicht mehr weißt, was Leid ist, und nichts

empfindest bei solchen Erinnerungen? --

Dann ermannte er sich, lachte, wiederholend: »Zehneinhalb! das muß Onkel

Salomons Handschuhnummer sein! Wie gehts denn dem Alten?« und sprang ab.

Er hängte die Trense hinter den Bügelriemen ein, gab Unkas einen Klaps

auf die fletschende Zunge, daß er unwillig zurückfuhr, und setzte sich

neben Magda in Bewegung, dem Wallach es, wie ers gewohnt war,

überlassend, ob er mitkommen oder stehen bleiben wollte. Er kam ja doch

immer ...

Sie gingen still. Zehn Schritte weiter hörten sie Unkas, der nachgetrabt

kam, bis er mit dem Maul an Georgs Schulter stieß, zum Zeichen

getreulichen Vorhandenseins. Jason sagte: »Das gute Pferd.«

Erst Augenblicke später fühlte Georg ein zartes Lächeln in sich

aufquellen, wie seltsam bestimmt, sanft und bedeutungsvoll es geklungen

hatte: Das gute Pferd ... Er spähte verstohlen an Magda vorüber auf

Jason, der vor sich hin ging. Alles war ein wenig krumm an ihm, Genick,

Rücken und Knie; die schwarzen Augen aber bewegten sich glanzvoll,

lebendig und mit Gelassenheit umher.

Und währenddes hörte er sich Magda nach ihrem Vater fragen, hörte sie

irgend etwas Unbestimmtes antworten, dann weitersprechen, von Krankheit,

ihrem Gesangslehrer und einer Musikvorlesung, die sie in der Universität

hörte, und daß sie Georg einmal von weitem dort gesehen hatte. Wie es

ihm denn ginge ... Er sehe gar nicht gut aus ...

»Ach mit mir ist nichts mehr los, Anna«, sagte er gedankenlos.

»Ach Georg!«

»Ich bin wieder aktiv geworden.« Er sah starr geradeaus. Sie blieb

stumm.

Das dauerte eine Weile, bis Georg aus den Anlagen zur Rechten die Front

des Schlößchens schimmern sah, worauf er sich zusammennahm und fragte,

ob die Beiden nicht seine Wohnung anschauen möchten; sie sei eben fertig

geworden. Und dann könnten sie ja auch Benno besuchen und sehn, wie er

Glück strahlte. -- Magda nickte, sie bogen ab, durchschritten die Allee

und wanderten um das Rasenrund.

Dann sagte Georg aus halber Besinnungslosigkeit, ohne die Worte

unterdrücken zu können:

»Nun bist du ja wie eine Taube, Anna ...«

Sie blieb stehen, so daß auch er halten mußte und sich zu ihr wenden,

sah ihn sanft an und sagte:

»Anna nennst du mich? Ja, behalte nur den Namen.«

Dann ging sie weiter, dem vorausgewanderten Jason nach, indem sie

anfing, von Renate zu erzählen, und daß sie nun zweimal allwöchentlich

einen Quartettabend hätten; Saint-Georges spiele die Bratsche oder

zweite Geige, Irene die erste, Sigurd Birnbaum Cello, »-- kennst du ihn

nicht von der Schule her?« -- und Georg nickte. -- Benno Prager, Ulrika

und Renate wechselten am Klavier. -- Auch Trios spielten sie, Mittwochs

würde geübt, Sonntags müßte gekonnt werden.

»Und wenn du magst, Georg, kannst du gern zuhören kommen. Ich habe mit

Renate darüber gesprochen.«

Georg zuckte stark. Aber das -- -- nein das -- -- Sie wußte ja nicht,

was sie tat. Aber er konnte es nicht hindern, daß ein Freudegefühl

mächtig und mächtiger seine Brust aufdehnte, die Angst daraus -- nein,

das Bittere der Angst vertrieb und Süßes hineinflößte. Er richtete sich

innerlich auf, straffte seine Haltung, und die Welt sah plötzlich

sonniger aus.

Schon hatte er, den Türschlüssel in der Hand, das geheime Gefühl, eine

andere als die kleine grau gestrichene Tür hier aufzuschließen;

leichtfüßig, die vier Stufen überspringend, strich er voraus durch den

Flur und schlug die Tür zu seinem schönen Zimmer auf, -- zum blassen

Egon, der hübsch in der Gartentür lehnte, hinunterrufend, daß Unkas

draußen stehe.

Ja, es war schön. Magda schlug die Hände zusammen und machte nur große

Augen. Zwischen den klarweißen Vorhängen der hohen Fenster, im Schatten

des dunkelgrünen Wandstücks hinter ihm, saß der ernste, dunkle

Pensieroso und sann nach über die Welt. Es war ganz feierlich. Von

überall her schimmerten oder funkelten die erlesenen Farben der Kleinode

auf den Bücherregalen, leuchteten die Farben der Frühjahrsblumen, rote

und hellgelbe Tulpen, ein tiefvioletter Busch Veilchen, Narzissen, gelbe

und weiße, hängende stark blaue und rote Petunien und ein riesiges

Gebüsch lichtgelber Mimosenblüten. Jason stand schon unten und

untersuchte aufmerksam die hölzernen braunen Apostel unter dem

Treppendach.

»Nein, die Lilien!« sagte Magda mit Andacht. Steil aufrecht, edel und

großmütig erhoben sie sich über den dunklen Pensieroso.

»Nein, meine Bucharas!« sagte Georg und sah zu seiner Freude zum

erstenmal wieder rasches Leben durch Magda fluten, die nun die Stufen

hinunterlief, sich auf die Teppiche bückte, ja sogar sich niederwarf, um

sie zu streicheln.

»Himmlisch, Georg!« sagte sie, »ganz himmlisch!«

Worauf er eifrig zu den Fenstern lief, ein neues Blendwerk versprach,

den gewaltigen samtgrauen Vorhang niederrauschen ließ und zugleich eine

Lichtkurbel drehte. Hoch oben im Raum, zwei Meter unter der Decke

entfaltete sich und schwebte eine milchweiße Sphäre, wie ein großer

Kürbis groß, die ein fremdes, fast beklemmendes Mondlicht durch den

dämmerig bleibenden Raum ergoß.

»Nein, hier muß ich Renate herbringen!« gestand Magda noch langer

Atemlosigkeit. »Jason, was sagst du?«

Allein kein Jason war vorhanden. Nachsehend fand Georg ihn im

Nebenzimmer, wo er, die Hände auf dem Rücken, den Kopf im Genick,

geduldig zu dem weißen Perserteppich aufstaunte, der das Wandstück neben

der gläsernen Apsis bedeckte. Auch dies Zimmer mit seiner großen

Helligkeit, den Vitrinen, schwarzem Stutzflügel und Peddigrohrsesseln in

der musselinverhangenen Fensternische fand Magda himmlisch; aber sie war

nun wieder stiller geworden und in sich zurückgekehrt.

Wenige Minuten später geleitete Georg die Beiden den langen Flur

hinunter und durch den Saal vor Bennos Tür. Drinnen sahen sie ihn in der

Mitte stehen, so lang er war und aussehend, als sei er stundenlang,

glücksmatt und strahlend in seinen drei Zimmern vor seinen vielen Möbeln

auf und nieder geschritten, die er nun selig zeigte: vom Messingbett (es

mußte eines sein!) und dem fließenden Waschtisch, an den Bücherschränken

und Schreibtisch von Palisander vorüber bis zum Bösendorfer im schön

getäfelten Musiksaal, glücksmatt und strahlend, als ob er sie alle

geboren hätte. Auf vieles Zureden Georgs wagte er endlich, eine Taste

anzuschlagen, lauschte verzückt, saß augenblicks vor der Klaviatur und

ließ eine Fuge darüber hinrollen, daß die Wände bebten. Und er fing an,

Kunststücke zu machen, fegte den _Des-Dur_-Akkord über die ganze

Klaviatur und lustfunkelte beim Staunen der Andern, da sie den Akkord

drinnen nachbrausen hörten, als wärs eine Orgel. Und er sang einzelne,

besondere Noten in das offene Instrument und freute sich innig mit

Georg, wenn nach Augenblicken aus der Tiefe das Echo sang wie ein

gehorsamer Gott. -- Magda kannte diese Kunststücke schon. Und so

verließen sie den Beglückten.

»Du bist auch ein guter Mensch«, sagte Magda, als sie den Korridor

zurückgingen, verstummte aber bei Georgs heftigem Auffahren. -- Und ich

betrüge sie ja doch schon wieder! dachte er wild, Renate vor brennenden

Augen.

Als sie dann unter der Haustür standen, nahm Magda seine Hand und sagte,

indem sie Jason nicht mehr zu beachten schien als den lieben Gott im

Himmel oder vielleicht das Sims über der Tür:

»Ich wußte wohl, Georg, daß ich dir heute begegnen würde.« Sie lächelte

kindlich: »Ja, was du da nun wieder mit dir angestellt hast, das mußt du

wohl ausessen. Ich, weißt du, kann mich um so etwas nicht mehr viel

kümmern.« -- Schon wieder ernst geworden bei den letzten Worten, fuhr

sie fort: »Ich bin sehr bös krank gewesen, Georg, aber ich habs

überstanden, alles, weißt du, und ich möchte dich nicht gerne ganz

verlieren. In unser Haus kannst du nicht kommen, deshalb sprach ich mit

Renate. Du mußt aber still sein wie ich, willst du?«

Ganz nahe, während sie dies sagte, hatte Georg ihre Züge unter den

Augen, und während er diese fest in Magdas geheftet hatte, mußten seine

Blicke doch gleichzeitig in ihrem Antlitz umherwandern, mit immer

beklommenerem Staunen die, nur aus dieser Nähe erkennbare Veränderung

der Züge begreifend; denn diese nun blasse Haut, unter der jetzt ein

anderer Stoff als Fleisch zu sein schien, war einmal rosig gewesen, und

es lebten damals lebendige Gefühle lieblicher Art um die verwischten

Linien des farblosen Mundes, der freilich damals schon herabgezogen war

an den Winkeln, aber doch nicht so! Unter dieser glatteren Stirn lebten

jetzt andere Dinge, und es war eine ganz andere Stirn; Fältchen waren im

Begriff, sich an den Außenwinkeln der Augen zu bilden, und noch -- nein,

noch war da nichts Welkes unter den Lidern, nur etwas sehr

Durchsichtiges, und das Haar -- -- Indem glaubte er sich eines andern

Gesichts zu erinnern, das er auch in einem irgendwie bedeutenden

Augenblick so wie dieses gesehn hatte, allein nun hatte er ihr dankend

in die Augen zu sehn, ihre Hand zu drücken, Jason ebenfalls, und zu

gehn. Ohne es gewollt zu haben, wandte er bald den Kopf nach ihr um. Da

gingen sie nebeneinander die weiße, chaussierte Straße hinab, vorüber an

den kleinen Kugelakazien, aus denen die Sternwarte sich erhob, dunkelrot

und schwarzgrün im Efeubehang, Georgs Blicke für Sekunden emporlenkend,

daß er ihren Ernst, ihr Alter, ihre bedrohliche Würde empfand --: Jason,

die leeren Hände auf dem Rücken, schwarz und etwas vorgebeugt, den

Strohhut wieder im Genick. An Magda war nichts zu sehn; sie ging ihres

Wegs.

Kein Reiz mehr hauchte aus ihr, das wars.

Hatte sie allen Glanz der Welt von sich getan? Hatte er selber sie

gelöscht wie ein Licht? Aber ihre Augen glänzten anders innerlich, es

gab vielleicht Nonnen, deren Augen wie die ihren in einer sehr gewissen

Flamme brannten, in der sie alle äußeren Lichter reiner und edler

hatten. Dieser Jason hatte ja Augen wie ein Märchenerzähler, man müßte

-- aber schon, indem Jason ihm erschien, mit einem riesigen schwarzroten

Turban bekleidet, ein blaues, langärmeliges indisches Hemde am Leibe,

mit untergekreuzten Beinen auf einem Teppich, schob sich das Gesicht

seines Vaters in dieses Bild hinein, so als wäre es dicht über Georgs

Augen. Wann war --? Ach, an seinem Geburtstage wars, nicht am

Geburtstage, am Tage vorher, mittags, -- und schon flogen von allen

Seiten Bildstücke auf Georg zu, die hellen Fenster, und draußen die

Wipfel im Regen, Visionen des Trassenbergischen Landes, und schon der

Saal im kleinen Palais, Benno auf einem Stuhl an der Wand, der

Achattisch, Napoleons Weste, Stirn und Haar, und jählings wieder Magda

an der Erde, am Abend im dunklen Wiesengrün, ihr rötliches Kleid, ihr

ohnmächtiges Gesicht mit geschlossenen Augen und -- -- Georg merkte, daß

er vor seiner Haustür stand, die in ihr Schloß gefallen war, fing an, in

der rechten Hosentasche die Schlüssel zu suchen, vergaß dabei, was er

aus der Tasche holen wollte, wälzte Feuerzeug, Taschentuch,

Schlüsselbund durcheinander, brachte dies endlich hervor und schloß auf.

Sein Zimmer in geisterhafter Mondesdämmerung erschreckte ihn, er riß den

Vorhang hoch, öffnete die Glastür. Sonnenlos war draußen der Garten, er

lehnte sich gegen den Türrahmen, warf den Hut irgendwohin und hing nun

ganz und gar tief über dem Erinnerungsfeld jenes Tages, wo Jasons

schwarzer Körper aus dem Grün der Teichoberfläche erschien, an einem Arm

emporgezogen, und er sah die klebenden grünen Blattlinsen auf dem

bleichen Gesicht. Unkas stand da, verzerrt, der Maler ging neben ihm,

der Maler saß im Zimmer in der Fensterbank, am Tisch, schob seinen

Bleistift in der Blechhülse, und da war das weiße Zeug des Vorhangs an

Magdas Fenster in der Nacht, die kleinen Kronen der Obstbäume in der

Dämmerung, das Spalier an der Hauswand, und nun war er im Zimmer, legte

die weiße, fremde Gestalt auf das offene Bett, -- diese fremde Gestalt,

fremde, fremde, fremde -- wiederholte er immerfort, und die Kälte des

Augenblicks fühlte er, und fragte sich, ob das immer so sei, wenn man

eine Frau --, dies -- Sichentkleiden, dieser schaurige Stillstand in den

erst glühenden Empfindungen, und dies -- Sichzurechtlegen und Rücken und

-- Gepeinigt von diesen Empfindungen mußte er sie um so hartnäckiger

verfolgen, erinnerte sich des wilden kleinen Wesens in München,

Fliddridd -- ja, das war freilich ganz anders, viel natürlicher, denn

die war selber äußerst bei der Sache gewesen -- -- aber wenn eine Frau

selber nichts -- -- du mein Gott, ja -- das Blut schoß ihm siedendheiß

in den Kopf -- was ging denn während dieser Zeit in ihr vor, die da vor

ihm lag und still hielt, was dachte sie denn, was fühlte sie denn? und

war sie nicht weiter von ihm weg als der Sirius von der Sonne? Und was

war denn das, was er tat an ihr? Hatte er sie nicht einfach

vergewaltigt?

Georg schüttelte aufgeregt diese Vorstellungen ab, seufzte, fühlte das

Metall seiner Zigarettendose glühend heiß und feucht in der linken Hand

in der Hosentasche, zog es hervor, zündete mit flackernden Händen eine

Zigarette an und zog mit heftigem Genießen den Rauch in die schwellende

Lunge hinunter. Das abgeglühte Streichholz in die Aschenschale auf dem

Schreibtisch legend, dachte er: Ich wußte es ja, man liebt eine Frau

niemals weniger als in dem Augenblick, wo man sie -- liebt, denn im

glühendsten Momente dann -- ist sie ja auch nicht mehr vorhanden,

sondern bloß -- das Feuer, in dem man selber schon vergeht, und ein

minuten-, ein sekundenlanger Blick Auge in Auge enthält ein

tausendfaches Mehr an Glut und Unauslöschlichkeit. Liebend besitzen kann

ich jede, liebend anschauen -- wie wenige! Aber Magda? -- Magda? --

Er merkte, daß er unbewußt nach seiner Brust getastet hatte, denn dort

hatte sich wieder der Druck gezeigt, das Angstgefühl, das lange

bekannte, das im Augenblick schon da war, wenn er allein war, und das

ihn lähmte, das Morgen verschleierte, das Gestern verhüllte, das Heute

entfärbte. Doch fand er, es sei leichter geworden, loser ...

Es zuckte in ihm, aufzuspringen und in das geheime Zimmer

hinüberzulaufen, das Zimmer der Königin ... Allein in dem Sessel, in den

er gesunken war, saß er unbeweglich fest, bald nichts mehr spürend als

unerkennbare Gedanken und Vorstellungen, die an ihm zehrten.

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 16 / 124 题